Suche

30.04.2015

Kirgisische Wirtschaft wächst 2015 nur schwach

Krise in Russland lastet auf Konjunktur / Rückgang der Geldtransfers der Arbeitsmigranten erwartet / Von Fabian Nemitz

Almaty (gtai) - Nach einem realen Zuwachs von 3,6% im Jahr 2014 wird das Bruttoinlandsprodukt Kirgisistans 2015 voraussichtlich nur um 1,7% steigen. Die Wirtschaft des zentralasiatischen Staates leidet unter der Krise in Russland. Die Geldtransfers der Arbeitsmigranten, die wichtigste Devisenquelle des Landes, dürften 2015 sinken. Weitere Herausforderungen bringt der für Mai 2015 geplante Beitritt zur Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU). Allerdings stellt Russland umfangreiche Anpassungshilfen bereit.

Die kirgisische Wirtschaft wird 2015 voraussichtlich nur leicht wachsen. Zwar ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der zentralasiatischen GUS-Republik im 1. Quartal 2015 nach vorläufigen Angaben des Statistikamtes real um 7,0% gestiegen. Das kräftige Wachstum geht allerdings vor allem auf eine höhere Förderung an der Goldmine Kumtor zurück. Der gestiegene Ausstoß ließ die Industrieproduktion des Landes in den ersten drei Monaten 2015 um 20,9% zulegen. In dem genannten Zeitraum stand die Mine für 52% des Industrieausstoßes.

Ohne Berücksichtigung der Lagerstätte wäre die Industrieproduktion dagegen um 2,7% gesunken und das BIP nur um 3,4% gestiegen. Wachstumsimpulse kamen im Zeitraum Januar bis März 2015 auch von der Bauwirtschaft (+11,2%) sowie dem Groß- und Einzelhandel (+5,9%). Die Bruttoanlageinvestitionen stiegen um 5,9%. Schwach zeigte sich dagegen die Landwirtschaft (+1,6%).

Im Laufe des Jahres 2015 wird ein deutliches Abflauen des Wirtschaftswachstums erwartet. Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) prognostizieren für 2015 ein BIP-Wachstum von 1,7%. Etwas optimistischer sind die Analysten der Economist Intelligence Unit (EIU; +2,5%).

Negativ auf die Konjunktur in Kirgisistan wirken sich die Wirtschaftskrise in Russland und der Konjunkturabschwung in Kasachstan aus, in deren Zuge die Geldüberweisungen der kirgisischen Arbeitsmigranten 2015 voraussichtlich sinken werden. Hinzu kommt die erwartete niedrigere Förderung an der Goldmine Kumtor (2014: 568.000 Unzen; Schätzung für 2015: 470.000 bis 520.000 Unzen).

Für 2016 erwarten der IWF und die EIU wieder ein leicht höheres BIP-Wachstum von 3,4 beziehungsweise 3,3%. Die ADB ist skeptischer (+2,0%). Nach Einschätzung des IWF könnten ab 2017 wieder Wachstumsraten von rund 5,2% erreicht werden.

Wirtschaftliche Entwicklung 2013 bis 2016 (reale Veränderung gegenüber dem Vorjahr in %) 1)
2013 2014 2015 2016
BIP 10,5 3,6 1,7 3,4
Einfuhr (cif) 2) 7,4 -4,3 -16,9 3) 10,5
Bruttoanlageinvestitionen 7,6 21,6 5,9 4) k.A.
Groß- und Einzelhandel 8,8 7,2 k.A. k.A.

1) 2015 und 2016 - Prognosen; 2) nominale Veränderung; 3) Januar bis Februar 2015; 4) Januar bis März 2015

Quellen: Nationales Statistikkomitee, IWF, EIU

Wirtschaftliche Eckdaten 1)
Indikator 2013 2014 2015
BIP (nominal, Mio. US$) 7.333 7.402 7.368
BIP pro Kopf (US$) 1.299 1.299 1.280
Bevölkerung (Mio.) 2) 5,66 5,78 5,90
Wechselkurs (1 US$ = ... Kirgisistan-Som (K.S.)) 48,438 53,766 63,874 3)

1) 2015 - Prognosen; 2) jeweils zum 1.1.; 3) Stand: 31.3.15

Quellen: Nationales Statistikkomitee, IWF, Deutsche Bundesbank

Wirtschaftskrise in Russland lastet auf Konjunktur und privatem Konsum

Kirgisistan leidet unter der Wirtschaftskrise in Russland, wo bis zu 800.000 kirgisische Arbeitsmigranten leben. Deren Geldüberweisungen in die Heimat sind die wichtigste Devisenquelle des Landes und haben eine hohe Bedeutung für das Auskommen eines großen Teils der Bevölkerung. Im Jahr 2014 erreichten allein die durch die Nationalbank erfassten Zahlungen mit 2,3 Mrd. US$ einen Umfang, der rund 30% des BIP Kirgisistans entsprach. Davon wiederum entfielen rund 97% auf Transfers aus Russland.

Trotz der drastischen Rubelabwertung hielten sich die Überweisungen aus Russland im Gesamtjahr 2014 mit einem Minus von 2,3% vergleichsweise stabil. Allerdings gab es zum Jahresende 2014 hohe Rückgänge (November 2014: -14,5%; Dezember 2014: -32,6%; jeweils im Vergleich zum Vorjahresmonat). Nach Einschätzung der ADB könnten die Auslandsüberweisungen 2015 um 15% zurückgehen.

Zudem besteht die Gefahr, dass ein Teil der Migranten ihre Arbeit in Russland verliert und nach Kirgisistan zurückkehren muss. Dort jedoch stehen kaum Jobs zur Verfügung. Andererseits bieten sich mit dem im Mai 2015 erwarteten Beitritt zur Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) für Arbeitnehmer aus Kirgisistan Erleichterungen bei dem Aufenthalt und der Aufnahme einer Arbeit in Russland.

Neben den voraussichtlich sinkenden Geldüberweisungen lastet der Wertverlust der kirgisischen Währung auf dem privaten Konsum. Im Laufe des Jahres 2014 hat der Kirgisistan-Som (K.S.) um 19,6% gegenüber dem US-Dollar abgewertet - trotz zahlreicher Interventionen der Nationalbank im Umfang von rund 500 Mio. $ und der Heraufsetzung des Leitzinses von 4,16 auf 10,50%.

Gleichzeitig hat die Währungsabwertung 2014 zu einem Anstieg der Inflation auf 10,5% geführt (2013: 4,0%). Auch 2015 dürfte die Teuerungsrate hoch bleiben, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Anhebung der Außenzölle auf das Niveau der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU). Der IWF prognostiziert für 2015 einen Anstieg der Verbraucherpreise um 10,1%.

Inflation und Währungsabwertung lasten auf den Einkommen der Bevölkerung. Nach Angaben des Statistikamtes lag der durchschnittliche Bruttomonatslohn in den ersten zwei Monaten 2015 umgerechnet bei knapp 195 $, das waren real 2,2% weniger als im entsprechenden Vorjahreszeitraum (Januar bis Februar 2014: 212 $).

Russland stellt Mittel für Investitionen bereit

Während die Aussichten für den Konsum getrübt bleiben, könnten die Investitionen in den kommenden Jahren für Impulse sorgen. Um die möglichen negativen Folgen des Beitritts zur EAWU abzufedern, stellt Russland Kirgisistan Mittel in Höhe von 1 Mrd. $ im Rahmen des kirgisisch-russischen Entwicklungsfonds zur Verfügung. Die Gelder sollen für Projekte unter anderem in der Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie, dem Bergbau und der Textilindustrie genutzt werden. Zudem wird eine Umstrukturierung der Wirtschaft weg vom Reexport von Waren, hauptsächlich aus der VR China, zu mehr eigener Produktion und Wertschöpfung angestrebt. Weitere Mittel fließen in die Modernisierung der Außengrenzen und den Aufbau von Labors und Zertifizierungsstellen, um die Qualitäts- und Sicherheitsstandards der Wirtschaftsunion zu gewährleisten. Hierfür stellen Russland 200 Mio. und Kasachstan 100 Mio. $ bereit.

Unterstützung aus Russland erhält Kirgisistan auch bei dem Bau von Wasserkraftwerken (Kaskade am Oberen Naryn, Kambar-Ata-1). Gazprom will nach der Übernahme des Versorgers Kyrgyzgas 750 Mio. $ in den Ausbau und die Erneuerung der Gasnetze investieren. Weitere Vorhaben umfassen den von China finanzierten Bau einer neuen Gaspipeline von Turkmenistan nach China, die teilweise über kirgisisches Territorium verläuft, sowie Projekte zum Ausbau der Transport- und Energieinfrastruktur. Insgesamt 77 Vorhaben sind in der Anfang 2013 verabschiedeten Entwicklungsstrategie verankert, von denen sich laut Angaben des kirgisischen Wirtschaftsministeriums derzeit 35 Projekte für 7,2 Mrd. $ in der Umsetzung befinden.

Aufgrund kaum vorhandener eigener Mittel ist Kirgisistan bei der Umsetzung von Investitions- und Modernisierungsvorhaben zum größten Teil auf ausländische Hilfe angewiesen. Die wichtigsten Investoren und Geldgeber sind internationale Entwicklungsbanken sowie die Regierungen und Unternehmen aus Russland und der VR China. Weitere Kreditaufnahmen könnte in den kommenden Jahren aber die steigende Auslandsverschuldung erschweren, die nach Angaben des IWF 2014 auf 51,0% (2013: 43,7%) angestiegen ist und bis Ende 2015 voraussichtlich auf 57,0% wachsen wird.

Ausländische Direktinvestitionen 2014 gesunken

Mit dem Beitritt zur EAWU hofft die kirgisische Regierung auf mehr Engagement ausländischer Privatfirmen. Laut Angaben der International Finance Corporation wächst das Interesse seitens Investoren, vor allem aus der Türkei, der VR China, Korea (Rep.) und Indien. Allerdings waren die ausländischen Direktinvestitionen zuletzt rückläufig. Nach vorläufigen Angaben ist der Bruttozufluss 2014 um 37% auf rund 600 Mio. $ gesunken. Ein Grund hierfür ist jedoch auch die Fertigstellung der Ölraffinerie Dshunda in Kara-Balta durch chinesische Investoren - dem mit Kosten von 250 Mio. $ bislang größten Industrieprojekt in Kirgisistan. Aufgrund von Problemen bei der Rohstoffversorgung ist die Anlage seit ihrer Inbetriebnahme Anfang 2014 aber nur zu einem kleinen Teil ausgelastet.

Hinderlich auf die Investitionen und die Entwicklung der Industrie wirkte sich zuletzt auch der Strommangel aus. Zwar konnte dank Energieimporten aus Kasachstan im Winter 2014/15 eine größere Krise abgewendet werden, doch dürfte das Defizit auch in den kommenden Jahren Bestand haben. Negativ für die Investitionstätigkeit sind auch die hohen Zinssätze, die laut Angaben der ADB bei Krediten in lokaler Währung 2014 bei durchschnittlich 20,7% und bei Fremdwährungskrediten bei 16,4% lagen.

Rückgang der Importe erwartet

Der Außenhandel Kirgisistans war in den ersten zwei Monaten 2015 rückläufig. Während die Exporte um 3,9% auf 247 Mio. $ sanken, brachen die Importe um 16,9% auf 581 Mio. $ ein. Auch die deutschen Exporte nach Kirgisistan gingen im Zeitraum Januar bis Februar 2015 zurück. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes fielen sie um 17,4% auf 8,7 Mio. Euro. Bereits 2014 waren die deutschen Ausfuhren gesunken (-5,2% auf 81,9 Mio. Euro).

Für das Gesamtjahr 2015 erwarten der IWF und die EIU einen Rückgang der Importe um 4,2 beziehungsweise 19,8%. Optimistischer ist die ADB. Sie geht für 2015 und 2016 wegen der Umsetzung von geplanten Infrastrukturprojekten von einem Anstieg der Einfuhr um jeweils 10% aus.

Außenhandel Kirgisistans (Angaben in Mio. US$; Veränderung in %)
2013 2014 Januar bis Februar 2015 Veränderung *)
Einfuhr 5.987,0 5.732,4 581,0 -16,9
Ausfuhr 2.006,8 1.879,9 247,2 -3,9
Handelsbilanzsaldo -3.980,2 -3.852,5 -333,8

*) Januar bis Februar 2015 im Vergleich zu Januar bis Februar 2014

Quelle: Nationales Statistikkomitee

Bereits im Jahr 2014 war der Außenhandel Kirgisistans zurückgegangen. Die Importe fielen um 4,3% auf 5,7 Mrd. $. Während die Einfuhr von Maschinen und Ausrüstungen um 14,9% auf 593 Mio. $ sank, stiegen die Importe von Fahrzeugen um 13,6% auf 908 Mio. $. Ein Grund hierfür ist die kommende schrittweise Anhebung der Zölle für Autos nach dem Beitritt zur EAWU, der die Verbraucher zuvorkommen wollten. Die Ausfuhren Kirgisistans sind 2014 um 6,3% auf knapp 1,9 Mrd. $ gesunken. Wichtigstes Exportgut des Landes ist Gold. Im Jahr 2014 hatte das Edelmetall mit 717 Mio. $ einen Anteil von 38% an der Gesamtausfuhr.

Kirgisistan weist traditionell ein hohes Handelsbilanzdefizit aus. Im Jahr 2014 erreichte es einen Wert von fast 3,9 Mrd. $. Der Fehlbetrag wird zum Teil durch die Geldtransfers aus dem Ausland ausgeglichen, doch erreichte das Leistungsbilanzdefizit laut Angaben des IWF 2014 einen Umfang von 13,7% des BIP. Für 2015 prognostizieren die Ökonomen einen Anstieg auf 17,0%.

Regierung will Investitionsklima verbessern

Die Regierung ist um eine Verbesserung des Investitionsumfeldes bemüht. Beispiele hierfür sind Reformen in der Steuer- und Investitionsgesetzgebung, die gemeinsam mit Wirtschaftsverbänden erarbeitet wurden. Laut einer Umfrage des International Business Council (http://www.ibc.kg) bemängeln im Land tätige ausländische Firmen Unklarheiten in den gesetzlichen Regelungen und häufige Gesetzesänderungen, die große Bürokratie und Mängel in der Infrastruktur. Hinzu kommt die Schattenwirtschaft, deren Umfang 2014 laut Aussage von Tajyrbek Sarpaschew, dem ersten Vizepremierminister, bei 48% des BIP lag.

Negativ auf das Investitionsklima im Land wirkten sich in den vergangenen Jahren die politische Unsicherheit in Verbindung mit den Umstürzen 2005 und 2010 sowie Proteste von Teilen der Bevölkerung gegen ausländisches Engagement im Bergbausektor aus. Risiken bergen internationale Schiedssprüche zu Ungunsten Kirgisistans in Höhe von rund 1 Mrd. $, unter anderem wegen des Entzugs von Bergbaulizenzen.

Trotz Bemühungen seitens der Regierung bleibt auch Korruption ein Problem in Kirgisistan. Im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International belegte das Land 2014 Platz 136 von 175 Staaten weltweit. Im regionalen Vergleich relativ gut schneidet die GUS-Republik dagegen bei dem Ranking zur wirtschaftlichen Freiheit der Heritage Foundation (2014: Platz 85 von 178 Ländern) sowie im Doing Business-Bericht der Weltbank (2014: Platz 102 von 189) ab.

Konflikt um Goldmine Kumtor weiter ungelöst

Nach wie vor lastet auch der stark politisierte Konflikt um die Goldmine Kumtor auf dem Investitionsklima. Betreiber der Lagerstätte ist die Kumtor Operating Company, ein 100%iges Tochterunternehmen der kanadischen Firma Centerra Gold (http://www.centerragold.com). An letzterer hält der kirgisische Staat über die Gesellschaft Kyrgyzaltyn (http://www.kyrgyzaltyn.kg) knapp 33% der Anteile. Nach langen Streitigkeiten hatte sich die Regierung Ende 2013 mit den Kanadiern in einem nichtbindenden Abkommen auf eine Umstrukturierung geeinigt. Im Tausch für die Anteile an Centerra Gold sollte Kirgisistan eine 50%-Beteiligung an einem neuen Joint-Venture zur gemeinsamen Ausbeutung der Goldmine Kumtor erhalten.

Im April 2015 hat die Regierung unter dem am 23.4.15 zurückgetretenen Premierminister Dshoomart Otorbajew angekündigt, die Umstrukturierung nicht weiter zu verfolgen. Hintergrund hierfür waren Änderungen bei der Höhe der geschätzten Goldvorkommen an der Lagerstätte. Statt vormals 8,5 Mio. Unzen geht Centerra Gold nun davon aus, dass nur 6,1 Mio. abbaubare Unzen in der Mine schlummern. Dies macht es für Kirgisistan attraktiver, die ursprüngliche Beteiligung an dem Unternehmen, das auch in weiteren Ländern Aktiva besitzt, beizubehalten. Bei den ausländischen Direktinvestitionen im Bergbau hinterlässt der Konflikt deutliche Spuren. Im Jahr 2014 sind die Kapitalanlagen in dem Sektor um 90% gesunken.

(N.M)

Dieser Artikel ist relevant für:

Kirgisistan Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Geld / Preise / Inflation / Währung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Wirtschaftspolitik, allgemein, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Handels-, Zollabkommen, WTO

Kontakt

Verena Saurenbach

‎+49 228 24 993 283

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche