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03.06.2015

Kosice entwickelt sich zum IT-Zentrum der Slowakei

Immer mehr Ansiedlungen von Software- und Netzwerkspezialisten / Deutsche Unternehmen nutzen Standortvorteile / Von Gerit Schulze

Bratislava (gtai) - Die Slowakei will weg vom Image einer verlängerten Werkbank und die Abhängigkeit von der Automobilindustrie verringern. Besonders erfolgreich gelingt das bereits in Kosice. Im äußersten Osten des Landes wächst seit einigen Jahren ein regelrechtes IT-Valley. Namhafte Branchengrößen aus aller Welt beschäftigen hier schon über 6.000 Software-Experten. Bis 2020 soll ihre Zahl auf 10.000 steigen. Mit dabei sind einige deutsche Unternehmen. (Kontaktanschrift)

Neben großen Namen wie Microsoft, Cisco, IBM und Siemens haben sich im slowakischen Kosice auch interessante einheimische Start-ups angesiedelt. Zu ihnen gehören Games Farm, Inlogic Software oder Awaboom, die weltweit die Computerspielszene aufmischen. Zuletzt hatte US-Riese GlobalLogic den Aufbau eines Entwicklungszentrums für ganz Mitteleuropa in Kosice bekannt gegeben. 500 Beschäftigte sollen dort Mobilfunk-Apps programmieren.

Unter den Investoren im ostslowakischen IT-Cluster sind mehrere deutsche Unternehmen. Auf sie entfällt über die Hälfte der Beschäftigten in Kosices Hightech-Branche. Allein bei T-Systems arbeiten in der zweitgrößten Stadt des Landes etwa 3.200 Fachkräfte. Sie betreuen von dort aus die Netzwerke internationaler Kunden, entwickeln Software oder betreiben Telekommunikationsanlagen für den Mutterkonzern, zum Beispiel Firewalls.

Über 700 Kunden nutzen diese Dienstleistungen bereits. "Sie kommen aus allen Industriebereichen, von Automotive über Finanzen und Pharma bis hin zu Logistik und Telekommunikation", erklärt Thomas Bogdain, Geschäftsführer von T-Systems in Kosice. Er hat große Pläne an dem Standort: Die Erlöse sollen jährlich um 10 bis 15% zulegen, der Personalbestand um 7% wachsen. Mindestens 300 weitere Mitarbeiter will der Konzern in Kosice einstellen.

Schon jetzt zählt T-Systems mit einem Jahresumsatz von über 100 Mio. Euro zu den 200 größten Unternehmen in der Slowakei. Eine Herausforderung ist für T-Systems-Chef Bogdain jedoch die Fachkräftesuche. Denn der IT-Boom hat den Markt für Spezialisten quasi leergefegt. T-Systems gehört deshalb zu den Pionieren beim Aufbau einer dualen Berufsausbildung. Das Unternehmen bildet jedes Jahr etwa 30 Schulabgänger zum Fachinformatiker aus.

Eigentlich war die Verfügbarkeit an IT-Spezialisten für die meisten Investoren der wichtigste Impuls, nach Kosice zu gehen. Auch für den Siemens-Konzern, der bereits seit 1995 in der Stadt ist. Die Münchener lassen dort Software für Computertomografen, Ultraschall- oder Röntgengeräte entwickeln. "Uns hat vor allem das günstige Ausbildungsumfeld mit zwei Universitäten gefallen", begründet Marian Zorkovsky die Standortwahl. Er leitet das Siemens-Entwicklungszentrum für den Bereich Medizintechnik in Kosice und war daher froh über das gute Angebot an Informatikern mit Medizinkenntnissen. "Immer mehr entwickelt sich Kosice nun zu einer echten IT-Region, die Fachkräfte professionalisieren sich." Hinzu komme das Umfeld der Stadt, die zahlreiche Kultur-, Sport- und andere Freizeitmöglichkeiten biete und gleichzeitig billiger als Bratislava oder Prag sei, so Zorkovsky, der auch Vorsitzender des Verwaltungsrates beim "Kosice IT Valley" ist.

Enorme Kostenvorteile gegenüber Bratislava und Westeuropa

Der Kostenvorteil zeigt sich besonders bei den Löhnen. Während ein Programmierer in Bratislava laut Statistikamt durchschnittlich 2.200 Euro pro Monat verdient, bekommt sein Kollege in Kosice nur 1.500 Euro und damit ein Drittel weniger. Noch größer ist der Gehaltsunterschied zu Deutschland, was das ostslowakische IT-Valley zunehmend interessant für die Auslagerung von Programmierarbeiten und anderen IT-Prozessen macht (Nearshoring).

Auch Energieriese RWE wurde davon angelockt und hat in der Ostslowakei ein IT-Zentrum aufgebaut. Rund 300 Beschäftigte unterstützen die Rechentechnik des Konzerns in ganz Europa. Seit Sommer 2014 gehört RWE IT Slovakia jedoch zum vietnamesischen Software-Unternehmen FPT. RWE-Mann und Geschäftsführer Olaf Baumann ist geblieben. "Für uns war die Übernahme ein Glücksgriff. Die Vietnamesen öffnen uns die Tür zum internationalen Markt", erklärt er. Immerhin habe FPT 18.000 Mitarbeiter weltweit und viele Global Player auf der Kundenliste.

Noch ist RWE der wichtigste Auftraggeber von FPT in Kosice, doch ein neuer Großkunde konnte bereits gewonnen werden: einer der größten US-Anbieter von Digitalfernsehen. Der bekommt künftig maßgeschneiderte Apps für Android- oder Apple-Handys aus der Ostslowakei. Dafür müssen zusätzlich 70 Software-Entwickler eingestellt werden. "Das ist nicht immer einfach. Der Arbeitsmarkt hier ist wegen der vielen Marktteilnehmer angespannt", bestätigt auch FPT-Chef Baumann. "Andererseits arbeiten in der Region heute Tausende IT-Spezialisten, die jung sind und hungrig auf Veränderungen. Daher gibt es eine ständige Fluktuation zwischen den Firmen." Länger als vier, fünf Jahre blieben die meisten selten bei einem Arbeitgeber.

Das hofft Katharina Landes allerdings nicht. Sie ist beim Software und IT-Beratungsunternehmen Senacor zuständig für die Personalgewinnung und sucht zurzeit für die neue Filiale in Kosice Software-Entwickler. Die sollten die Programmiersprache Java beherrschen und in komplexen Zusammenhängen denken können. Außerdem im Idealfall Deutsch sprechen, um mit den Kunden direkt zu kommunizieren. "Dieses Anforderungsprofil erschwert das Recruiting von Mitarbeitern aber enorm", gibt HR-Managerin Landes zu. In der Anfangsphase sei es dann wichtig, dass die neuen Kollegen "ankommen" bei Senacor. "Deshalb bieten wir eine mindestens vier- bis achtwöchige Einarbeitungsphase in Deutschland an."

Senacor hilft Kunden dabei, ihre Firmen-IT umzubauen. In Kosice ist das Unternehmen seit einem Jahr. Persönliche Beziehungen eines Geschäftspartners haben das 1999 in Nürnberg gegründete Unternehmen dorthin verschlagen. "Dieser Schritt war für uns eine logische Konsequenz der Marktentwicklung sowohl auf Kunden- wie auf Mitarbeiterseite", wie Geschäftsführer Andreas Werner erläutert. "Unsere Kunden verlangen einen passenden Preis-Leistungsmix für die Umsetzung von IT-Leistungen sowie eine ausreichende Skalierung des Umfangs. Das könnten wir ohne Auslagerung von Entwicklungsdienstleistungen in kostengünstigere Länder nicht realisieren."

Kosice hat sich dabei als idealer Standort herausgestellt. "Hier gibt es Business Center mit modernster Technik. Unsere Büros wurden nach unseren Wünschen ausgestaltet", so Geschäftsführer Werner. "Die Mieten sind daneben im Vergleich zu Deutschland verschwindend gering." Allein 2015 soll sich die Mitarbeiterzahl auf 30 verdreifachen. "Auf der Nachfrageseite sind aktuell kaum Grenzen gesetzt", sagt Werner. "Wir könnten in Kosice deutlich schneller expandieren, wenn wir mehr geeignete Mitarbeiter finden würden. Doch bevor wir bei den Einstellungen Kompromisse machen, wachsen wir lieber etwas langsamer."

Personalsuche als große Herausforderung

Um den Personalmangel zu bekämpfen, haben sich die Firmen der Region in einem IT-Cluster zusammengeschlossen. "Die großen Unternehmen sehen sich dabei nicht als Wettbewerber", meint Siemens-Manager Zorkovsky. "Vielmehr arbeiten sie gemeinsam mit den Unis, den Schulen und den Verwaltungen zusammen, um die Situation zu verbessern." FPT zum Beispiel sponsert Gymnasien mit Hardware und sitzt mit im Abiturausschuss des Bildungsministeriums. Siemens arbeitet mit der Uni- und der Herzklinik zusammen, um von dort Expertenwissen zu beziehen.

FPT-Geschäftsführer Baumann schätzt am Standort Kosice neben den günstigen Löhnen besonders die exzellente IT-Infrastruktur, die auf dem neuesten Stand sei. "Ein normaler Haushalt bekommt hier schneller und günstiger einen Breitbandzugang als in Deutschland." Frühzeitig habe die Slowakei moderne Glasfaserkabel bis ins letzte Dorf verlegt. "Daher funktioniert die Anbindung an die Welt hervorragend", sagt Landeskenner Baumann. Siemens-Kollege Zorkovsky bestätigt das. "Wir spüren keinerlei Limits beim Datentransfer mit unseren anderen Standorten weltweit."

Aber auch in Kosice wachsen die Bäume nicht in den Himmel. "Die Verkehrsinfrastruktur ist eine Katastrophe", klagt Ortskenner Baumann. Neben einer durchgehenden Autobahn nach Bratislava fehlt immer noch ein Direktflug nach Deutschland. Doch das sind eigentlich Probleme der Old Economy.

Bratislava und Kosice im Vergleich
Kennziffer Bezirk Bratislava Bezirk Kosice
Fläche (2015, qkm) 2.053 6.754
Einwohnerzahl (Stand 31.12.14) 625.000 796.000
Bruttoinlandsprodukt je Einwohner (2013, Euro) 33.260 10.629
Durchschnittslohn (2013, Euro) 1.182 855
Anzahl der Beschäftigten im Bereich Information und Telekommunikation (ITK, 2013) 21.732 5.308
Durchschnittslohn im ITK-Sektor (2013, Euro) 1.906 1.4393
Bestand der ausländischen Direktinvestitionen (2012, Mrd. Euro) 28,95 2,48

Quellen: Slowakisches Statistikamt, Slowakische Nationalbank

Wichtige IT-Firmen mit Firmensitz in Kosice (Veränderung 2014/13 in %)
Unternehmen Produkte Umsatz 2013 (Mio. Euro) Umsatz 2014 (Mio. Euro) Veränd. Webseite
T-Systems Slovakia ITK-Dienstleistungen für Drittkunden 94,28 105,87 12,3 http://www.t-systems.sk
Lynx Sicherheitsinformationssysteme, Netz-infrastruktur 31,29 24,10 -23,0 http://lynx.sk
FPT Slovakia (bis Juli 2014 RWE IT Slovakia) Software-Entwicklung, IT-Lösungen 18,66 13,78 -26,2 http://www.fpt.sk
NESS KDC Software-Entwicklung 10,00 10,98 9,8 http://www.ness-tech.eu
Antik Telecom Telekomdienste, Internet, Telefon, TV 9,22 9,73 5,5 http://www.antik.sk
Telegrafia Produktion und Entwicklung von Warnsystemen, IT-Weiterbildung, -Testzentrum und -Systeme 5,91 9,00 52,3 http://www.telegrafia.sk
Tory Consulting SAP-Beratung und -implementierung 6,57 7,52 14,5 http://www.toryconsulting.sk
VSL Software IT-Dienstleistungen und Software-Lösungen 2,58 4,61 78,7 http://www.vsl.sk
elfa IT-Lösungen, -Beratung, -Weiterbildung und -Veranstaltungen 3,98 2,95 -25,9 http://www.elfa.sk
Stapro Slovensko Informationssysteme und -technologien für Gesundheitswesen 1,59 1,76 10,7 http://www.stapro.sk
Antik technology Set-Top-Boxen, Satellitentechnik 0,91 0,74 -18,7 http://www.antiktech.sk
Icos IT-Lösungen und -Beratung 2,65 k.A. k.A. http://www.icos.sk

Quellen: Wirtschaftszeitschrift Trend (http://www.etrend.sk, TOP-Trend Sonderausgabe Mai 2015); Kosice IT Valley (http://www.itvalley.sk); Register der Jahresabschlüsse (http://www.registeruz.sk)

Kontaktanschrift

Kosice IT Valley z.p.o.

(Interessenverband der vor Ort ansässigen IT-Unternehmen)

Geschäftsführer: Jan Bodnar

B. Nemcovej 32, 040 01 Kosice

E-Mail: info@itvalley.sk, Internet: http://www.itvalley.sk

(S.Z.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Slowakei EDV-, Telekommunikationsdienstleistungen, allgemein, Arbeitsmarkt / Löhne / Ausbildung, Software / EDV-Dienstleistungen, Business Process Outsourcing

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