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28.06.2017

Langsamer Aufschwung in Argentinien

Importe und Investitionen ziehen an / Weiterhin hohe Inflation / Von Carl Moses

Buenos Aires (GTAI) - Die von dem liberal-konservativen Präsidenten Mauricio Macri ab Ende 2015 eingeleitete Wende der Wirtschaftspolitik auf marktwirtschaftlichen Kurs geht nicht ohne Reibung vonstatten. Nach einer unerwartet tiefen und langen Anpassungsrezession kommt Argentiniens Konjunktur nur allmählich in Fahrt. Ob der Aufschwung anhalten wird, dürfte auch davon abhängen, ob die Macri-Regierung nach den Parlamentswahlen im Oktober Kraft für weitere Strukturreformen findet.

Zur Jahresmitte haben sich die Prognosen für den Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) 2017 von zunächst mehr als 3,0 auf zuletzt 2,6% vermindert (BIP 2016: -2,3%). Für die kommenden Jahre wird eine Beschleunigung des BIP-Wachstums auf 3,0% (2018) und 3,4% (2019) vorhergesagt. Während der private Verbrauch aufgrund von hohen Reallohnverlusten 2016 noch schwächelt, kommen die Investitionen allmählich in Schwung. In Folge von Lohn- und Rentenerhöhungen im 2. Quartal sowie einer wieder leicht steigenden Beschäftigung dürfte zur Jahresmitte 2017 auch der Konsum anspringen. Im Außenhandel wird 2017 auf beiden Seiten der Bilanz mit kräftigen Zuwächsen gerechnet, besonders jedoch bei den Importen, die um mehr als 10% zulegen könnten.

Gleich nach seinem Amtsantritt Ende 2015 hatte Präsident Macri die Weichen klar in Richtung Marktwirtschaft gestellt. Die unter seiner Amtsvorgängerin Cristina Kirchner herrschenden Preis- und Devisenkontrollen wurden aufgehoben, der Außenhandel liberalisiert, die Exportsteuern weitgehend abgeschafft. Zudem gelang der Regierung ein rascher Ausgleich der Konflikte mit Altgläubigern aus dem Staatsbankrott von 2001. Das öffnete Staat und Unternehmen den Weg zurück an den internationalen Kapitalmarkt.

Reformen nach der Wahl?

Macris Regierungsbündnis Cambiemos hat keine eigene Mehrheit im Parlament. Zahlreiche Gesetze wurden jedoch mit parteiübergreifendem Konsens verabschiedet, darunter die Basis für den Ausgleich der Auslandsschulden und die Regeln für eine überaus erfolgreiche Steueramnestie, bei der die Argentinier bislang versteckte Vermögen im Wert von 21% des BIP deklarierten.

Vor den Teilwahlen zum Parlament, bei denen im Oktober 2017 die Hälfte der Abgeordneten und ein Drittel der Senatoren neu gewählt werden, nimmt die innenpolitische Polarisierung allerdings wieder deutlich zu. Weitere Reformgesetze sind darum vor 2018 kaum mehr zu erwarten. Wenngleich von den Wahlen keine Änderung der Mehrheitsverhältnisse im Parlament absehbar ist, gilt der Urnengang als wichtiger Stimmungstest für die Macri-Regierung. Nur mit einem guten Wahlergebnis könnte Macri möglicherweise weitere Reformen etwa im Steuer- und Arbeitsrecht durchsetzen, meinen viele Analysten.

Die Zentralbank, die unter Macri weitgehende Unabhängigkeit genießt, schwenkte auf einen harten Stabilitätskurs und setzte sich ehrgeizige Ziele für die Rückführung der Inflation. Dennoch mündeten die nach der Freigabe des Wechselkurses erfolgte Abwertung des Peso und die drastischen Erhöhungen der zuvor jahrelang eingefrorenen Preise für Strom, Gas, Wasser und öffentlichen Nahverkehr zunächst in einer starken Beschleunigung der Inflation. Die Jahresrate stieg zeitweise auf mehr als 40%. Auch im bisherigen Jahresverlauf 2017 hält sich der Preisanstieg hartnäckig auf hohem Niveau (zwölf Monate bis Mai 2017: 24%). Dies nötigt die Zentralbank vorerst zur Fortsetzung ihrer Politik hoher Leitzinsen.

Teurer Staat und teurer Peso

In der Fiskalpolitik lässt die Regierung die Zügel dagegen bisher locker. Der Ausgleich des hohen Staatsdefizits (2016 rund 6% des BIP) soll nur graduell vorangetrieben werden, um die zarte Konjunkturerholung nicht zu ersticken. Der Abbau der für ein Schwellenland sehr hohen Staatsquote von fast 40% des BIP und die Verminderung der entsprechend hohen Steuerbelastung der Wirtschaft wird eines der schwierigsten Vorhaben der Macri-Regierung bleiben.

Statt durch die Notenpresse (wie unter der Vorgängerregierung) wird das Staatsdefizit jetzt verstärkt durch Neuverschuldung im Ausland finanziert. Die hohen Zuflüsse von ausländischem Finanzkapital haben den Argentinischen Peso in realer Betrachtung wieder aufwerten lassen. Dies hilft zwar, die Inflation einzudämmen, macht Argentinien aber auf Dollar- oder Eurobasis zu einem immer teureren Produktionsstandort.

Farmer schlagen Fabrikanten

Seit Jahresmitte 2016 zieht die Konjunktur allmählich an. Die Belebung wird bisher vor allem von der exportstarken Landwirtschaft getragen, die 2017 eine Rekordernte von 130 Mio. t Getreide und Ölsaaten erwartet (+4% zum Vorjahr). Von rasch steigenden öffentlichen Investitionen angekurbelt, kommt auch die Baukonjunktur wieder auf Touren, die im Vorjahr besonders gelitten hatte.

Sorgenkind bleibt vorerst die verarbeitende Industrie, die allgemein unter geringer Wettbewerbsfähigkeit und insbesondere unter der Krise in Brasilien, ihrem wichtigsten Exportmarkt, leidet. Besonders hart getroffen sind die Kfz-Hersteller, die früher jedes zweite lokal montierte Auto im Nachbarland verkauften, heute dagegen nur noch jedes vierte. Umgekehrt wird der durchaus florierende Inlandsmarkt durch Kfz-Importe aus Brasilien überschwemmt.

Gemäß einem Ranking der Beratungsfirma Abeceb weist die Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie in Argentinien die mit Abstand höchste Wettbewerbsfähigkeit auf. Schlecht steht es dagegen um die Hersteller von Schuhen und Bekleidung, die nur durch Importschutz und andere Fördermaßnahmen überleben können. Der fällige Strukturwandel wird erschwert, weil gerade diese beiden fußlahmen Industriezweige besonders viele Arbeitnehmer beschäftigen (11% aller Arbeitsplätze in der Industrie).

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Argentinien finden Sie unter http://www.gtai.de/argentinien.

Dieser Artikel ist relevant für:

Argentinien Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Wirtschaftspolitik, allgemein, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein

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