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09.07.2015

Logistiksektor entwickelt sich in Litauen und Lettland besser als in Estland

Häfen Tallinn und Ventspils beklagen Rückgänge im Transit / Investitionen sollen Standorte stärken / Von Torsten Pauly

Tallinn (gtai) - Vor allem wegen des Transits für Russland und andere GUS-Staaten hat das Logistikgewerbe in allen drei baltischen Staaten sehr große Bedeutung. Obwohl Estland, Lettland und Litauen zusammen nur 6,2 Mio. Einwohner zählen, haben die Häfen dort 2014 insgesamt 17,5 Mio. t mehr als Hamburg umgeschlagen. Doch das GUS-Geschäft ist unter Druck - wegen der dortigen ökonomischen und politischen Schwierigkeiten und auch wegen des neuen russischen Großhafens Ust-Luga nahe der estnischen Grenze.

Im Jahr 2014 hat der Transport- und Logistiksektor in Estland 8,0% und in Lettland 9,6% zur landesweiten Bruttowertschöpfung beigetragen. In Litauen betrug der Anteil 2013 sogar 13,0%. Zum Vergleich: EU-weit hat die Branche 2011 laut neuesten verfügbaren Angaben nur 4,8% der gesamten Wertschöpfung erbracht.

Der GUS-Transit ist zum großen Teil für diese hohe Bedeutung in den baltischen Staaten verantwortlich. So haben internationale Transporte der Bahn 2013 in Litauen 25,1% und in Lettland sogar 97,8% der beförderten Fracht ausgemacht. Auch in Estland gingen 81,6% des Frachtaufkommens über die Grenze. Die baltischen Gleise verlaufen in der breiteren osteuropäischen Spur von 1.520 mm und alle wichtigen Trassen führen von den Häfen gen Osten zur russischen beziehungsweise weißrussischen Grenze.

Auch beim Güterverkehr auf der Straße hatten internationale Fahrten 2013 einen Anteil von 76,8% am estnischen Frachtaufkommen. In Lettland waren 25,1% und in Litauen 39,6% aller Lkw-Ladung für ein anderes Land bestimmt. Die ehemals sowjetischen baltischen Staaten bieten sich neben der günstigen Ostseelage auch aufgrund ihrer historischen Kenntnisse der Gepflogenheiten im GUS-Raum für den Transit dorthin an.

Bedeutung des Logistiksektors in Estland, Lettland und Litauen
Kennziffer Estland Lettland Litauen
Einwohnerzahl (in Mio.) 1) 1,3 2,0 2,9
Bruttoinlandsprodukt (BIP, in Mrd. Euro) 1) 19,5 24,1 36,3
BIP pro Kopf (in Euro) 1) 14.860 12.065 12.381
Bruttowertschöpfung Transport- und Logistiksektor (in Mio. Euro) 1.357 1) 1.998 1) 4.098 2)
Bruttowertschöpfung Transport- und Logistiksektor (in % der nationalen Bruttowertschöpfung) 8,0 1) 9,6 1) 13,0 2)
Bruttowertschöpfung Transport- und Logistiksektor (reale Veränderung gegenüber Vorjahr in %) -8,6 1) 0,7 1) 5,1 2)

1) 2014; 2) 2013

Quellen: Nationale Statistikämter

Hafenumschlag ist 2014 trotz Problemen auf russischem Markt gestiegen

Allerdings stellen der neue russische Großhafen Ust-Luga, die Rubelschwankungen, die schlechte russische Wirtschaftslage und die diversen Sanktionen und Spannungen im Zuge der Ukrainekrise eine erhebliche Herausforderung für das Transitgeschäft in allen baltischen Standorten dar. Von daher ist es beachtlich, dass sich der Gesamtumschlag der Häfen in Estland 2014 um 2,7%, in Litauen um 3,2% und in Lettland um 5,2% erhöht hat.

Umschlag in Seehäfen in Estland, Lettland und Litauen (in Mio. t)
2013 2014 Veränderung 2014/2013 (in %)
Estland insgesamt, darunter in 43,1 44,3 2,7
.Tallinn 28,3 28,3 0,3
.Sillamäe 6,8 7,5 10,6
.Pärnu 1,9 1,7 -8,9
.Kunda 1,7 1,6 -6,7
.Paldiski Nord 1,4 1,9 32,0
Lettland insgesamt, darunter in 70,5 74,2 5,2
.Riga 35,5 41,1 15,8
.Ventspils 28,8 26,2 -8,9
.Liepaja 4,8 5,3 9,5
Litauen insgesamt, davon in 42,4 44,7 3,2
.Klaipeda 33,4 36,4 9,0
.Butinge 9,0 7,3 -18,2

Quellen: Estnischer Hafenverband, Lettisches Statistikamt, Hafen Klaipeda

Aufbau des russischen Großhafens Ust-Luga zieht Transportströme ab

Mittelfristig ist das Geschäft mit dem Russland- und GUS-Transit allerdings unter Druck. Der seit Jahren massiv ausgebaute russische Hafen Ust-Luga unweit der estnischen Grenze hat seinen Umschlag 2014 erneut um 20,8% auf 75,7 Mio. t gesteigert und ist damit zum ersten Mal zum größten Hafen an der Ostsee avanciert.

Bis 2018 will Ust-Luga laut eigenen Angaben Kapazitäten für einen Jahresumschlag von 180 Mio. t aufbauen - das wären 34 Mio. t mehr als das, was 2014 in Hamburg be- und -entladen wurde. Der Ausbau von Ust-Luga ist insbesondere in der Verschiffung russischer Exporte von Schüttgütern und Öl eine Herausforderung für die baltischen Häfen.

Vor allem der estnische Hafen Tallinn hat bereits 2012 (-19,2%) und 2013 (-4,2%) hohe Umschlagrückgänge verzeichnen müssen. Zwar hat sich das Aufkommen 2014 auf dem niedrigeren Niveau stabilisiert (+0,3%). Insgesamt jedoch ist die Bruttowertschöpfung des estnischen Logistiksektors 2014 preisbereinigt um 8,6% eingebrochen.

Besser sieht es beim südlichen Nachbarn Lettland aus, wo die Branche 2014 leicht um 0,7% gewachsen ist. Beim Hafenumschlag standen dabei Steigerungen in Riga und Liepaja einem Rückgang in Ventspils gegenüber. In Litauen liegen neueste Branchenzahlen zur Wertschöpfung Mitte 2015 noch nicht vor, doch 2014 haben sich dort der Hafenumschlag um 3,2% und die beförderte Fracht um 3,1% erhöht.

Die Trends der letzten Zeit haben sich 2015 in den wichtigen Häfen fortgesetzt. So war der Umschlag von Januar bis April in Klaipeda um 2,4% und in Riga um 4,7% höher als in den ersten vier Monaten 2014. Das litauische Butinge bedient vor allem die Ölraffinerie Mazeikiai und hat in den ersten vier Monaten 2015 insgesamt 21,7% mehr umgeschlagen. Erneut hohe Rückgänge gab es dagegen in Ventspils (-13,8%) und vor allem in Tallinn (-21,0%).

Investitionen in Bahntrassen und Häfen sollen baltische Standorte stärken

Ihre Attraktivität für das Logistikgewerbe wollen die baltischen Staaten in den kommenden Jahren mit hohen Infrastrukturinvestitionen stärken. Hierfür gibt es auch EU-Förderungen. Das mit Abstand größte Projekt ist dabei der Bau der neuen, 5,2 Mrd. Euro teuren Bahnlinie "Rail Baltic". Diese Trasse soll auf der zentraleuropäischen Spurbreite von 1.430 mm Tallinn über Riga und Litauen an das polnische Gleisnetz anbinden. EU-Hilfen sollen 85% der Investitionskosten tragen. Bis 2020 will Brüssel zunächst 442 Mio. Euro für Projektierungen und 106 Mio. Euro für Arbeiten in Litauen an Fördergeldern bereitstellen.

Erwartet wird, dass auch finnischer Transit - etwa von Papierwaren - über die neue "Rail-Baltic"-Strecke rollt. Dies könnte im Hafen Tallinn den Wegfall russischer Waren zum Teil kompensieren. Allerdings wollen finnische Unternehmen erst noch prüfen, ob die Kosten hierfür im Vergleich zum direkten Schiffstransport etwa nach Deutschland Sinn machen. Ein Nachteil ist, dass mit der westeuropäischen Spur zwei nicht-kompatible Bahnsysteme entstehen und all diejenigen Stationen, die nicht direkt auf der "Rail-Baltic"-Trasse liegen, ohne Anschluss an die neue Nord-Süd-Achse bleiben.

Für baltische Häfen, die alle um den GUS-Transit konkurrieren, ist nach wie vor auch eine gute Bahnanbindung nach Osten von entscheidender Bedeutung. Lettland will daher bis 2021 insgesamt 550 Mio. Euro in die Elektrifizierung der bestehenden West-Ost-Strecken investieren. Etwa 1,1 Mrd. Euro will auch der Rigaer Freihafen in seine Anlagen stecken und für 1,5 Mrd. Euro soll in der lettischen Hauptstadt eine Nordumfahrung entstehen.

Großprojekte in der Verkehrsinfrastruktur in Estland, Lettland und Litauen
Projektbezeichnung Investitionssumme (Euro) Projektstand Anmerkung
Bahnlinie "Rail Baltic" Estland-Lettland-Litauen-Polen 5,2 Mrd. Planung Gesamtbaltisches Projekt; EU-Förderung beantragt; http://www.rail-baltica.com
Elektrifizierung von lettischen Bahnlinien 550 Mio. Planung Realisierung bis 2021 geplant; EU-Förderung angestrebt; http://www.ldz.lv
Stadtautobahn im Norden von Riga (30 km) inklusive Brücke über die Daugava/Düna 1,5 Mrd. Planung Realisierung von 2015 bis 2022 geplant; EU-Förderung angestrebt; http://www.ziemelukoridors.lv
Neue Container-, Dünger-, Kühl-, Getreideterminals samt Logistikpark im Freihafen Riga 1,1 Mio. Planung Fertigstellung bis 2020 geplant; EU-Förderung angestrebt; http://www.rop.lv

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Verbände
Name Internetadresse
Estnischer Logistik- und Transitverband (MTÜ Logistika- ja Transiidi Assotsiatsioon); Estnisches Logistikcluster(Eesti Logistikaklaster) http://www.transit.ee
Estnischer Hafenverband (MTÜ Eesti Sadamate Liit) http://www.estonianports.com
Logistikverband von Lettland LLA (Latvijas Logistikas Asociacija) http://www.lla.lv
Lettischer nationaler Spediteursverband LAFF (Latvijas nacionala kravas ekspeditoru un logistikas asociacija) http://www.laff.lv
Litauischer Nationaler Spediteurs- und Logistikverband LINEKA (Lietuvos nacionaline ekspeditoriu ir logistu asociacija) http://www.lineka.lt

(P.T.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Estland, Lettland, Litauen, Baltische Staaten Logistik / Speditionen

Kontakt

Barbara Kussel

‎+49 (0)228 24 993-356

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