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03.02.2017

Luftverschmutzung zwingt Tschechien zu mehr Investitionen

Besonders bei Wärmeerzeugung noch viel Potenzial / Heizkraftwerke wollen 185 Mio. Euro ausgeben / Von Gerit Schulze

Prag (GTAI) - Industriebetriebe, Energiekonzerne und Privathaushalte verursachen immer noch enorme Luftverschmutzung in Tschechien. Besonders die Modernisierung der Wärmeerzeugung bietet daher gute Geschäftsmöglichkeiten. Allein die Heizkraftwerke haben bis 2022 einen Investitionsbedarf von 185 Mio. Euro. Bei kleineren Anlagen zwingt eine EU-Richtlinie zu Nachrüstungen. Auch in den Fabriken der Chemie- und Metallurgiebranche laufen größere Projekte.

Der kalte Januar 2017 mit Inversionswetterlage hat Tschechien vor Augen geführt, dass es erhebliche Probleme mit der Luftverschmutzung hat. Nicht nur über dem Kohlerevier Ostrava, auch in der Hauptstadt Prag stapelten sich die Smogschichten mit einer Mischung aus Stickoxiden und Staub. Kinder und Menschen mit Atembeschwerden sollten zuhause bleiben, Autofahrer auf Busse und Bahnen umsteigen. Einige Industriebetriebe mussten ihre Produktion drosseln, darunter PVC-Hersteller Spolana an der Elbe, die Stahlwerke ArcelorMittal und Trinecke zelezarny in Mährisch-Schlesien, die Kokerei OKK in Ostrava sowie Kraftwerke von CEZ oder Veolia Energie.

Premierminister Bohuslav Sobotka kündigte unter dem Eindruck der Smogwolke an, Elektroautos und neue Heizungsanlagen stärker finanziell unterstützen zu wollen. Umweltschützer empfehlen strengere Maßnahmen wie ein Förderverbot für Kohleheizungen und den Ersatz alter Kohlekraftwerke durch regenerative Energiequellen. Denn Tschechien erzeugt fast die Hälfte seines Stroms durch Kohle (2015: 49%). Jeder sechste Haushalt heizt mit Festbrennstoffen wie Holz oder Briketts.

Investitionen in bessere Filteranlagen könnten die Luftverschmutzung relativ schnell eindämmen. Tatsächlich hat Tschechien auf diesem Gebiet bereits viel erreicht. Spätestens 2018 werden bei der Erzeugung von 1 GJ Wärme nur noch 0,25 kg Emissionen wie Schwefel, Stickstoff, Kohlendioxid und Staub emittiert. Das ist ein Zehntel des Wertes von 1990, rechnet der Verband der tschechischen Heizkraftwerke (TSCR, http://www.tscr.cz) vor. "Ein Einfamilienhaus mit altem Heizkessel bläst heute die gleiche Menge Staub in die Luft wie ein modernisiertes Kraftwerk bei der Wärmeproduktion für 300 Haushalte", erklärt der Geschäftsführer des Verbands, Martin Hajek, in einer Pressemitteilung.

Gemeinden prüfen Schadstoffausstoß privater Heizungsanlagen

Laut Gesetz über den Schutz der Luft können tschechische Gemeinden seit 1.1.17 den Schadstoffausstoß bei privaten Heizungsanlagen überprüfen, wenn der Verdacht besteht, dass unerlaubte Brennstoffe verfeuert werden. Hauseigentümer müssen ihre Heizungen alle zwei Jahre von Sachverständigen kontrollieren lassen. Wer die Inspekteure nicht ins Haus lässt oder keine Bescheinigungen vorweist, kann mit Strafen von bis zu 50.000 Tschechischen Kronen belangt werden (Kc; 1.850 Euro, Wechselkurs am 31.1.17: 1 Euro = 27,02 Kc). Mit dem Programm Nova zelena usporam unterstützt die Regierung Privathaushalte finanziell beim Einbau moderner Kesselsysteme (http://www.novazelenausporam.cz).

Nach TSCR-Angaben haben allein die großen Wärmekraftwerke 2016 rund 2,8 Mrd. Kc in Filteranlagen und in die Umstellung auf ökologischere Brennstoffarten gesteckt (104 Mio. Euro, durchschnittlicher Wechselkurs 2016: 1 Euro = 27,033 Kc). Bis 2022 rechnet der Verband mit einem weiteren Investitionsbedarf von 5 Mrd. Kc (185 Mio. Euro). Nachdem in den vergangenen Jahren überwiegend größere Anlagen modernisiert wurden, sind künftig die kleineren und mittelgroßen Kraftwerke an der Reihe.

Die großen Kraftwerke hatten bereits in der Vergangenheit überdurchschnittlich viel Geld in Umwelttechnik investiert. Sie werden in Tschechien der Kategorie REZZO 1 + 2 zugeordnet (0,2 bis über 5 MW Leistung, REZZO = Register der Emissionen und Urheber von Luftverunreinigungen). Kleinere Erzeuger wie Heizkessel in Einfamilienhäusern fallen in die Kategorie REZZO 3. Sie stoßen in der Summe laut TSCR heute dreimal so viele Schadstoffe in die Luft (jährlich 28.300 t) wie die großen Wärmekraftwerke (9.100 t).

Gemäß EU-Richtlinie 2015/2193 muss Tschechien bis 2025 die Emissionen bei der Wärmeerzeugung erheblich senken. Dafür werden Grenzwerte für den Ausstoß von Schwefeldioxid, Stickstoffmonoxid und Staub festgelegt, die sich nach den eingesetzten Brennstoffen richten. Die Vorschriften betreffen Feuerungsanlagen mit einer Leistung von 1 bis 50 MW. Davon gibt es nach Einschätzung von Marktkennern einige Tausend im Land.

Anfang Januar 2017 kritisierte der Wärmeerzeugerverband, dass Tschechiens Umweltministerium noch keine Durchführungsbestimmungen zur Umsetzung der EU-Richtlinie erlassen hat. Dadurch erhöhe sich der Zeitdruck für die Kraftwerksbetreiber, die Emissionen zu senken.

Auch Industriebetriebe verbessern Schadstoffbilanz

Schon jetzt laufen jedoch zahlreiche Projekte zur ökologischen Nachrüstung von Kraftwerksanlagen. Rund 22 Mio. Euro hat Veolia Energie CR 2016 in die Modernisierung seiner tschechischen Kraftwerke gesteckt. Das Unternehmen betreibt im Land Wärmekraftwerke mit einer Gesamtleistung von über 3.200 MW. In den kommenden Jahren soll die Umstellung auf umweltfreundlichere Technologien weitergehen.

Die tschechische Tochter der Mannheimer MVV Energie AG will in den nächsten zwei Jahren knapp 20 Mio. Euro in die Modernisierung von Kraftwerken, Netz und Produktionsanlagen stecken. Der Energieerzeuger ist in Nordböhmen, Mähren und in der Vysocina aktiv.

Auch der größter Stromkonzern CEZ investiert weiter Geld in die Schadstoffreduzierung seiner überwiegend mit Kohle befeuerten Kraftwerke. Für die nächsten drei Jahre sind nach Unternehmensangaben dafür 5 Mrd. Kc (185 Mio. Euro) vorgesehen. Das Geld fließt in Entschwefelungsanlagen, in Technologie zur Stickstoffreduzierung und in den Einbau neuer Gaskessel. Vorrang haben die beiden Kraftwerke in Melnik und Trmice.

Neben den Kraftwerken können die großen Industriebetriebe zur Verringerung der Emissionen beitragen. Entsprechende Umweltschutzmaßnahmen realisieren zum Beispiel das Stahlwerk Trinec oder das Chemieunternehmen Synthesia.

Investitionsprojekte zur Emissionssenkung in Tschechien (Auswahl; Investitionen in Mio. Euro)
Akteur / Projekt Investitionssumme Projektstand Anmerkungen
Stahlwerk Trinecke zelezarny / Senkung Staubemissionen 74 Teil eines größeren Investitionsvorhabens für die nächsten Jahre, Emissionen sollen um 45% sinken In den letzten drei Jahren wurden in 19 Umweltprojekte über 96 Mio. Euro investiert / http://www.trz.cz
Veolia Energie CR / umweltfreundlicher Umbau der Kraftwerke 74 Vorhaben für die nächsten Jahre 2016 bereits 22 Mio. Euro investiert / http://www.vecr.cz
CEZ-Tochter Energotrans / Entschwefelung Kraftwerk Melnik I 59,3 Ausschreibung hat DIZ Bohemia gewonnen, 14,8 Mio. Euro Förderung aus EU-Programm Umwelt, 2. Phase des umweltfreundlichen Umbaus seit 2012 Ziel ist Einhaltung der Emissionsgrenzwerte und damit Sicherstellung des weiteren Betriebs / http://www.cez.cz
Synthesia / umweltfreundlicher Umbau des Heizkraftwerks Zelena Louka 24 Auftrag 2016 öffentlich ausgeschrieben, Fertigstellung 2018, danach Turbinensanierung bis 2020 geplant 2. Abschnitt eines größeren Umbauvorhabens, Einbau eines Kohle-Dampfkessels / http://www.synthesia.eu
MVV Energie CZ / umweltfreundliche Sanierung der Kraftwerke 18,5 Innerhalb der nächsten zwei Jahre geplant Kraftwerke und Netz betroffen / http://www.mvv.cz
Elektrarny Opatovice / Investitionen in Heizkraftwerk 11,1 Vorhaben für 2017, davon 3,3 Mio. Euro für Ausbau und Erneuerung des Leitungsnetzes Ziel ist mehr Versorgungssicherheit für Endkunden / http://www.eop.cz
RWE Energo / Modernisierung Heizkraftwerk 3,7 Übergang von Kohle auf Erdgas 2018 geplant, Senkung der Emissionen um 40% Heizkraftwerk in Nachod / http://www.innogy.cz/energo/index/
Kraftwerk Solnice / Austausch Biomasse-Kessel durch moderne Variante 5,2 Modernes Kesselhaus und Biomasse-Kessel geplant, Ausschreibung lief bis Oktober 2016 Investor: Wotan Forest / http://www.wotanforest.cz

Quellen: Pressemeldungen, Unternehmensangaben, Fachmedien

(S.Z.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Tschechische Republik Umweltschutz Luft, Klimaschutz, Umweltpolitik

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