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08.03.2016

"Make in India"-Initiative zeigt erste positive Effekte

Kampagne soll Investitionen anziehen / Erfolg hängt von Reformfähigkeit der Regierung ab / Von Heena Nazir

Mumbai (gtai) - Im Rahmen der "Make in India"-Kampagne will die indische Regierung - vor allem im verarbeitenden Gewerbe - ausländische ‎Investoren gewinnen. Um die Rahmenbedingungen für Unternehmen zu verbessern, soll unter anderem das Landerwerbsrecht überarbeitet, ein einheitliches Steuersystem eingeführt und die Infrastruktur ausgebaut werden. Premierminister Modi hat jedoch Probleme, Reformen politisch durchzusetzen, da seine Partei BJP im Oberhaus keine Mehrheit besitzt.

Indien hat es, im Gegensatz zu seinen ostasiatischen Nachbarn wie VR China oder Taiwan, in den vergangenen 40 Jahren nicht geschafft, durch langfristige Strategien und Förderungen den Beitrag des sekundären Sektors zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu stärken. Im starken Kontrast zu den als Werkbänke der Welt etablierten Nachbarn (Anteil des industriellen Sektors zwischen 25 bis 34%), verharrt der Anteil des Sekundärsektors in Indien seit 1980 bei etwa 15%.

Nach mehreren Versuchen hatte das indische Wirtschafts- und Industrieministerium 2011 eine Initiative, die sogenannte "National Manufacturing Policy" (NMP) mit dem Ziel veröffentlicht, bis 2020 den Sekundärsektor auf 25% des BIP zu steigern. Diese Kampagne nimmt nun - zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung - durch die Einführung der "Make in India"-Initiative der aktuellen Regierung von Premierminister Narendra Modi an Fahrt auf. Neben dem Versuch überfällige Reformen umzusetzen, steht vor allem die Förderung von ausländischen Direktinvestitionen durch finanzielle sowie steuerliche Anreize im Mittelpunkt. Nachdem Indien im Jahr 2015 China beim Wirtschaftswachstum den Rang abgelaufen hat, hat "Make in India" bereits erste Erfolge hervorgebracht.

Laut einer Studie der Weltbank drängen in der größten Demokratie der Welt jedes Jahr 10 Mio. neue Arbeitskräfte auf den Markt. Dieses Potenzial zu nutzen und den Zulauf in den informellen Sektor zu reduzieren ist ein essentieller Ausgangspunkt der Initiative. Neben der bisherigen National Skill Development Corporation (NSDC), die circa 3 Mio. Arbeitssuchende pro Jahr fortbildet, wurde das "Skill India"-Programm ins Leben gerufen, bei dem bis 2020 bis zu 500 Mio. Inder und Inderinnen geschult werden sollen.

Ausländische Direktinvestitionen nehmen zu

Nachdem die Modi-Regierung mit einem Wahlprogramm auf wirtschaftliche Schwerpunkte angetreten ist, setzt die Kampagne auch vorwiegend auf die Liberalisierung von Kernsektoren um ausländische Direktinvestitionen (FDI) anzulocken. Im Bereich der Rüstung und Verteidigung, sowie Versicherung werden ausländische Teilhaber mit bis zu 49% akzeptiert, in der Eisenbahninfrastruktur und Medizintechnik sogar bis zu 100%.

Als wichtiger Bestandteil hierbei wurde das Freilimit im Bereich der Direktinvestitionen Ende 2015 auf umgerechnet 728 Mio. US$ angehoben, erst ab diesem Volumen wird künftig eine Prüfung durch die indische Behörde "Foreign Investment Promotion Board" notwendig. Ebenso sollen Investitionen von im Ausland lebenden indischen Staatsbürgern rechtlich aufgewertet werden.

Nach mehr als einem Jahr nach der Einführung von "Make in India" gibt es trotz der globalen Volatilität in Rohstoff- und Absatzmärkten erste positive Anzeichen. Ausländische Direktinvestitionen stiegen zwischen Oktober und Mai 2015 im Vergleich zur Vorjahresperiode um knapp 40% auf 23,7 Mrd. $. Nettoinvestitionen von ausländischen institutionellen Anlegern sind im Vorjahresvergleich um das Siebenfache auf 40,9 Mrd. $ gestiegen. Ebenso zulegen konnten im gleichen Zeitraum die Indikatoren für die industrielle Produktion, welche einen Zuwachs von 2,7% (+0,6% im Vorjahresvergleich) verzeichnen konnten.

Kernsektoren von "Make in India" auf einen Blick
Kfz-Industrie Kfz-Teile Biotechnologie Medien und Unterhaltung Bauwesen
Chemikalien elektrische Maschinen elektronische Systeme Pharmaceuticals Lebensmittelverarbeitung
Informationstechnologie Luftfahrt Bergbau Verteidigung Leder
Öl und Gas Eisenbahn Erneuerbare Energie Weltraum Textilien und Bekleidung
Wärmekraft Tourismus Wellness Häfen und Schifffahrt Bau von Straßen und Autobahnen

Quelle: Department Of Industrial Policy & Promotion, Februar 2016

Aus der Industrie wurden mehrere Leuchtturmprojekte als Unterstützungsbekundung für Premierminister Modis Initiative gemeldet, zum Beispiel hat das Unternehmen Foxconn Investitionen in Höhe von 5 Mrd. $ im Bundesstaat Maharashtra geplant. Die Firma ist seit 2015 in Kooperation mit dem chinesischen Smartphonehersteller Xiaomi mit einer Produktionslinie in Andhra Pradesh aktiv, deren Realisierung durch die Unterstützung der Behörden anstatt der geschätzten zwei Jahre schon in sieben Monaten durchgeführt werden konnte. Auch der chinesische Konkurrent Huawei hat 2015 für 170 Mio. $ in Bengaluru eine Forschungseinrichtung gegründet.

An der Schnittstelle zwischen Telekommunikation und Mobilität hat sich auch der US-Fahrdienstvermittler Uber dazu entschieden, 1 Mrd. $ in den Ausbau des Angebots in Indien zu investieren. Die Automobilindustrie bekennt sich grundsätzlich zu "Make in India". General Motors Company hat bis 2020 umgerechnet 1 Mrd. $ an Investitionen in den Ausbau der Produktion in Maharashtra zugesagt. Auch deutsche Kfz-Hersteller, wie beispielsweise Mercedes-Benz und BMW wollen die lokale Produktionstiefe kurzfristig auf respektive 60% (für zwei Baureihen im Werk Pune) und 50% (über alle Baureihen im Werk Chennai) steigern.

Im Bereich des Schienenverkehrs wurden im Dezember 2015 zwei Joint-Venture-Abkommen zwischen der indischen Bahn und dem US-Konzern General Electric sowie dem französischen Unternehmen Alstom über ein Investitionsvolumen von umgerechnet circa 5 Mrd. $ für die Produktion von Lokomotiven unterzeichnet.

Hindernisse müssen überwunden werden

Neben diesen ersten positiven Signalen und Umsetzungen der Initiative gab und gibt es weiterhin Unwägbarkeiten, die demnächst angegangen werden sollen. Ein bisheriges Risiko bot die Minimum Alternate Tax (MAT). Sie wird von indischen Finanzämtern auf Buchgewinne erhoben, um Steuerabgaben durchzusetzen. Zwischenzeitlich wurde diese jedoch auch rückwirkend für Unternehmen erhoben, die vor Ort keine Steuern zahlen müssen. Diese Unsicherheit wurde nach starkem Druck geklärt. Künftig werden MAT-Abgaben für ausländische Unternehmen nicht mehr erhoben.

Andere Hindernisse werden aber auch künftig den Erfolg der Kampagne gefährden. So zum Beispiel der langwierige Patentvergabeprozess. Im Durchschnitt werden Patente in der Regel erst sechs Jahre nach Einreichung vergeben. Der Vergleichswert aus den USA oder Großbritannien liegt mit drei Jahren bei der Hälfte der Zeit. Die Situation ist auf die nicht ausreichenden Kapazitäten der zuständigen Behörde zurückzuführen. Die Regierung will mittelfristig weitere Planstellen schaffen und plant, die Patentregeln von 2013 um eine beschleunigte Bearbeitungsoption zu erweitern, wenn sich ein Unternehmen dazu verpflichtet, zwei Jahre nach Patentvergabe in Produktion zu gehen.

Das bestehende Haupthindernis für eine weitere Nutzung der Dynamik liegt in der Reformfähigkeit der Regierung. Nachdem die nationalkonservative Bharatiya Janata Party (BJP) im Oktober 2015 bei den Wahlen im Bundesstaat Bihar eine Niederlage einräumen musste, ist die Aussicht auf eine Mehrheit in beiden Kammern (Unterhaus und Oberhaus) in weite Ferne gerückt.

Die führende Oppositionspartei "Indischer Kongress", blockierte bisher durch die Mehrheit im Oberhaus unter anderem die Einführung der von der Wirtschaft dringend geforderten landesweiten einheitlichen Mehrwertsteuer (GST). Außerdem steht für das ganze Land eine Umsetzung des 2013 eingeführten Land Acquisition Act, des Gesetzes zum Landerwerb, aus. Die Regierung und die Opposition müssen sich in naher Zukunft auf eine für beide Seiten akzeptable Zusammenarbeit einigen, ansonsten könnten die bisherigen Erfolge im Sande verlaufen.

(HENA)

Dieser Artikel ist relevant für:

Indien Wirtschaftsförderung, Industriepolitik, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Investitionen aus dem Ausland / Joint Ventures

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