Suche

23.02.2018

Malaysia macht sich auf den Weg zu einer digitalen Nation

Regierung bereitet Blaupause vor / Dienstleistungssektor zieht bei Entwicklung an Industrie vorbei / Von Rainer Jaensch

Kuala Lumpur (GTAI) - Die Digitalisierung steht in Malaysia erst am Anfang. In einzelnen Bereichen, so in der Verkehrsführung und im Handel, ist der Prozess allerdings schon weiter fortgeschritten. Diverse Dienstleister von Gesundheit bis Logistik öffnen sich nun ebenfalls und haben erhebliches Digitalisierungspotenzial. Dies können sich auch deutsche Anbieter zunutze machen. Der Staat sieht sich als Wegbereiter und will demnächst mit einem Fahrplan und Anreizen aufwarten. (Kontaktadressen)

An der Schnittstelle von Unternehmen und Konsumenten (Business to Consumer, B2C) ist die Digitalisierung in Malaysia schon in Gang. Autofahrer vor den Mautstationen um Kuala Lumpur müssen sich schnell zwischen verschiedenen digitalen Bezahlsystemen entscheiden. Einfacher ist es für Nutzer von Stadtbahnen und Bussen: Für alle Transportmittel gilt nur eine digital gelesene Karte. Auch beim Kinobesuch erfolgt der Ticketkauf inzwischen digital. So können Besucher Eintrittskarten online oder an einem Touchscreen vor Ort kaufen. Ferner steht dem Handel eine digitale Umwälzung ins Haus, die mit Online-Bestellungen von Lebensmitteln bis zur "Digital Free Trade Zone" von Alibaba in Malaysia erst begonnen hat.

Regierung will Digitalisierung in der Industrie fördern

Anders sieht es im verarbeitenden Gewerbe aus, wo es bis auf einige Ausnahmen noch keine wirkliche Industrie 4.0 gibt. Es wird aber, vor allem in der Politik, viel darüber gesprochen, und diverse Initiativen und Programme befinden sich in Vorbereitung. So haben 2017 unter anderem das Ministerium für Internationalen Handel und Industrie (MITI) wie auch die Industrie- und Handelskammer der Europäischen Union in Malaysia Veranstaltungen zu dem Thema durchgeführt.

Regierungsdelegationen haben sich auch auf den Weg nach Deutschland gemacht, wo sie sich unter anderem beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, beim Fraunhofer Institut und bei Germany Trade & Invest über Erfahrungen und Trends im Bereich Industrie 4.0 informierten. Schließlich gilt Deutschland hier als Vorbild. Die gewonnenen Erkenntnisse will das MITI in eine Entwurfsplanung (Blueprint) einfließen lassen. Diese soll bis zum 2. Quartal 2018 erstellt werden und einen Fahrplan, möglichst flankiert mit Anreizen, für Malaysias Entwicklung hin zu einer digitalen Nation vorgeben.

Bislang bestehen kaum staatliche Anreize für Industrieinvestitionen in Digitalisierung. Ein erster Anfang ist jedoch mit dem im Oktober 2017 verkündeten Haushalt 2018 gemacht. Zur Verbesserung intelligenter Produktionsstätten stellt die Regierung einen Zuschuss in Höhe der Eigenbeteiligung aus dem "Domestic Investment Strategic Fund" im Umfang von insgesamt 58 Millionen US-Dollar (US$) bereit. Vor allem kleinen und mittleren Unternehmen greift die Regierung unter die Arme. Diesen offeriert der Fiskus zur Automatisierung ihrer Produktionsprozesse zusätzlich 236 Millionen US$ für Darlehen, bei denen die öffentliche Hand 70 Prozent garantiert.

Insgesamt attestieren IT-Experten dem Staat eine gute Intention, bemängeln aber die Implementierung. Die nötigen Rahmenbedingungen für eine Digitalisierung von Gesellschaft und Wirtschaft sind vorhanden. So lag im 3. Quartal 2017 die Verbreitung von Mobiltelefonen bei 132 und von Smart Phones bei 70 Prozent. Gleichzeitig verfügten 85 Prozent aller Haushalte über einen Breitbandanschluss. Die Bevölkerung, vor allem die jüngere Generation, ist technikaffin und hat auch keine größeren Bedenken, persönliche Daten Firmen wie Facebook oder Google zur Verfügung zu stellen.

Die Onlineeinkäufe erreichten in den letzten Jahren ein jährliches Wachstum von rund 11 Prozent, und dieses soll sich bis 2020 auf fast 21 Prozent steigern. So lautet zumindest Malaysias digitale Ambition. Die Zahl der kleinen und mittleren E-Commerce-Unternehmen soll bis 2020 von gegenwärtig 180.000 auf 350.000 wachsen. Diesem Ziel der staatlichen E-Commerce Roadmap hat sich auch der IT-Verband National ICT Association of Malaysia (Pikom) zusammen mit fünf Handels- und Service-Verbänden verschrieben.

Dienstleister machen sich Digitalisierung zunutze

Der chinesische Investor Jack Ma mit seiner Alibaba-Gruppe lancierte bereits im März 2017 die erste globale digitale Handelsplattform außerhalb der Volksrepublik in Malaysia. Die im Großraum Kuala Lumpur angesiedelte "Digital Free Trade Zone" fungiert als regionales Distributionszentrum mit integrierter Zollabwicklung für ganz Südostasien. Es handelt sich dabei um eine Kooperation zwischen der Alibaba-Gruppe und der zentralen staatlichen Förderagentur für die Digitalisierung, der Malaysia Digital Economy Corp. (MDEC).

Auch auf Kuala Lumpurs Straßen nimmt Alibaba das Steuer in die Hand. Ende Januar 2018 lancierte der chinesische Investor wieder zusammen mit MDEC und diesmal auch der Stadtverwaltung das "Malaysia City Brain Programme". Als erste Stadt außerhalb Chinas wird Kuala Lumpur ein cloudbasiertes Programm erhalten, das den Verkehrsfluss digital erfasst, analysiert und über künstliche Intelligenz Optimierungsvorschläge erarbeitet.

Im Bankensektor wollen laut dem "Ernst & Young Global Banking Outlook 2018" zwei Drittel aller befragten Geldinstitute bis 2020 digitale Reife erlangen. Um ihre Effizienz zu erhöhen, planen alle von ihnen Investitionen in digitale Techniken.

Die erste große Einzelhandelskette personalfreier Nachbarschaftsläden öffnete Anfang 2018 ihre Türen im Großraum Kuala Lumpur. Bis Ende des Jahres sollen 250 weitere "E-concept Stores" der Iris World International Group in Malaysia hinzukommen. Für ganz Südostasien sind bis 2020 gar 2.000 solcher Geschäfte geplant, in denen ohne Personal und bargeldlos gekauft werden kann.

Logistik ist in Malaysia ebenfalls ein vielversprechendes Einsatzfeld für die digitalen Anwendungen. So investiert DHL bis 2020 in sein IT Services Data Centre in Cyberjaya 370 Millionen US$, kündigte das Unternehmen im November 2017 an. Insgesamt setzt sich der Zug zur Digitalisierung im Logistiksektor aber erst langsam in Bewegung, lautet die Einschätzung von Branchenvertretern. Immer noch günstige Arbeitskräfte und freie Flächen machen eine andere Kalkulation möglich als beispielsweise im teuren und engen Singapur. Bereits auf dem Fahrplan malaysischer Frachtunternehmen stehen GPS-Einsatz, Warenscannung sowie Optimierung der Fahrrouten und Auslastung.

Digitale Gesundheitsversorgung bietet Chancen

Einzug hält die Digitalisierung auch in den Gesundheitssektor, von Krankenhäusern bis zu Apotheken. So arbeitet der private Krankenhausbetreiber KPJ zu digitalen Anwendungen im Bereich der Krebsbehandlung mit IBM zusammen. Das UKM Medical Centre in Kuala Lumpur will 2018 das erste krankenhausbasierte Innovationszentrum für mobile Gesundheits-Apps etablieren.

Die Caring Pharmacy Group Bhd plant, für ihre Apothekenkette im ersten Halbjahr 2018 eine voll integrierte digitale Plattform zu lancieren. Digital Health steht in Malaysia zwar noch am Anfang, hat aber dank der älter werdenden Bevölkerung und des relativ hohen Wohlstandsniveaus ein erhebliches Potenzial. Dies können sich deutsche Anbieter von Hard- und Software zunutze machen, erklären Marktkenner.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internet-, E-Mail-Adresse Anmerkungen
Malaysia Digital Economy Corp. (MDEC) http://www.mdec.my Zentrale staatliche Agentur zur Förderung der Digitalisierung
National ICT Association of Malaysia (Pikom) http://www.pikom.org.my Verband der Informations- und Kommunikationstechnikindustrie
Ministry of International Trade and Industry (MITI) http://www.miti.gov.my Ministerium fördert die Digitalisierung in der verarbeitenden Industrie, insbesondere von kleinen und mittleren Unternehmen
Malaysian Investment Development Authority (MIDA) http://www.mida.gov.my Staatliche Wirtschaftsförderagentur, die vor allem auch Investitionen in automatisierte und digitale Produktionen ermutigt

(R.J.)

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Malaysia können Sie unter http://www.gtai.de/malaysia abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

Dieser Artikel ist relevant für:

Malaysia Digitalisierung

Kontakt

Lisa Flatten

‎+49 228 24 993 392

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche