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16.02.2015

Marktchancen in Marokko

Flugzeugindustrie und Automobilsektor besonders dynamisch / Transportwesen wird weiter ausgebaut / Von Fausi Najjar

Rabat (gtai) - Marokkos Wirtschaft ist trotz der weltweiten Finanz- und Konjunkturkrise und volatiler Weltmarktpreise in den fünf Jahren 2009 bis 2013 um durchschnittlich 4,1% gewachsen. In den fünf Jahren zuvor gab es ein Realwachstum von durchschnittlich 4,8%. Deutschland lag 2013 als Lieferland an sechster Stelle, als Bezugsland auf Platz sieben. Unternehmen nutzen Beteiligungschancen noch zu wenig.

Die wichtigsten Impulse für Wachstum in den Jahren 2009 bis 2013 entstammten dem Landwirtschaftssektor, der trotz starker Einbrüche in der Saison 2011/12 in demselben Zeitraum durchschnittlich um 8,7% gewachsen ist. Auch der hohe Phosphatpreis hat für Stabilität und einen gewissen Ausgleich von Nachfrageausfällen in Europa sowie schwächeren Einkommen aus dem Tourismus und von im Ausland lebenden Marokkanern gesorgt. Ebenso überdurchschnittlich gewachsen sind der Transport- und der Kommunikationssektor (8%).

Die Industrie legte hingegen im Jahresschnitt lediglich um 1,7% zu. Gut hat sich hier aber die Kfz-Industrie entwickelt, die sich aus einer Kfz-Teile-Industrie und der Kfz-Produktion zusammensetzt. Der Produktionsindex ist hier zwischen 2010 und 2013 um insgesamt 17,8% gewachsen. Auch die Nahrungsmittelindustrie hat sich mit einer Steigerung im Index um 9,3% ebenso gut entwickelt. Bei dem für die Gesamtwirtschaft wichtigen Textilsektor ist hingegen im gleichen Zeitraum ein Minus von 2,2% zu verzeichnen.

Die Arbeitslosigkeit bleibt bislang mit offiziell 9% hoch, während die städtische Arbeitslosigkeit junger Menschen bei 35,4% liegt. Für eine nachhaltige Senkung der Arbeitslosigkeit wird ein breiteres und höheres Wachstum notwendig sein. Das Wirtschaftswachstum in den kommenden Jahren wird stark von der sich abzeichnenden wirtschaftlichen Erholung in Europa abhängen. Mittel- bis langfristig können die Wachstumsperspektiven auf Grund der politischen Stabilität und der Reformmaßnahmen zur Transformation des Landes zu einem höheren Entwicklungsstand als gut eingestuft werden.

Wirtschaftsstruktur

Im Dienstleistungssektor sind neben dem Tourismus der IKT-Sektor, das Bankwesen und das Versicherungswesen bedeutend. In den genannten Bereichen ist in den kommenden Jahren eine hohe Dynamik zu erwarten. Das marokkanische Bankensystem gilt als solide und gut entwickelt. Es verfügt über drei nationale Banken, die zu den Top 10 in Afrika gehören. Die starke Präsenz marokkanischer Banken in Afrika unterstreicht die Sprungbrettfunktion, die das Königreich für die Erschließung des Kontinents einnehmen kann.

Der wachsende Anteil des Dienstleistungssektors am BIP ist jedoch nicht allein Anzeichen für eine zunehmende Modernisierung der marokkanischen Wirtschaft. Die Sektoren Landwirtschaft und Industrie nehmen in zu geringen Maßen Arbeitskräfte auf, was den Kleinst- und Kleinhandel sowie häusliche Dienstleistungen begünstigt. Laut Internationalem Währungsfonds (IWF) sind rund 40% des marokkanischen BIP zum informellen Sektor zu zählen; ein Großteil hiervon entfällt auf den Dienstleistungssektor und auf die Landwirtschaft.

Geprägt ist die marokkanische Industrie von einer dualen Struktur. Anzutreffen sind moderne Produktionseinheiten neben schwach entwickeltem Gewerbe (Reparaturbetriebe, Metallverarbeitung). Die moderne Produktion weist eine geringe Verflechtung mit der lokalen verarbeitenden Industrie auf. Vor- und Zwischenprodukte und insbesondere Anlagen und Maschinen müssen hier fast ausschließlich importiert werden. Die geringe Verflechtung schränkt Einkommens- und Beschäftigungseffekte ein und sorgt für hohe Importquoten.

Die Kfz-Branche und die Flugzeugteile-Zulieferung erfreuen sich einer hohen Wachstumsdynamik. Diese Bereiche werden auch in Zukunft für positive Wachstumsimpulse sorgen. In die Weiterverarbeitung von Phosphatgesteinen wird massiv investiert. Der starke internationale Wettbewerb hat hingegen im Bekleidungssektor zu erheblichen Arbeitsplatzverlusten geführt und die Stahl- und Baustoffherstellung unter Druck gesetzt. Insgesamt ist der Industrieanteil am BIP zwischen 2005 und 2012 leicht zurückgegangen; er belief sich 2012 auf 12,9%.

Bedeutung der Wirtschaftssektoren (Anteile in %)
Sektoren Anteil am BIP 2007 Anteil am BIP 2012 Anteil an den Beschäftigten 2007 Anteil an den Beschäftigten 2012
Verarbeitende Industrie 13,3 14,6 12,8 11,5
Dienstleistungen 52,2 51,3 k.A. k.A.
.Handel 10,6 9,6 12,8 13,2
.Hotel/Gaststätten 2,6 2,4 k.A. k.A.
.Transport und Telekommunikation 7,0 6,2 4,1 4,5
.Andere Dienstleistungen *) 23,6 24,1 10,8 11,4
Landwirtschaft und Fischerei 12,2 13,4 39,5 39,2
Bergbau und Energie 4,8 7,5 k.A. k.A.
Bauwirtschaft 6,0 6,0 9,1 9,9

*) unter anderem Finanzwesen, Bildung, Sozialwesen, Gesundheit

Quelle: Bank Al Maghrib, Jahresbericht von 2009 und 2012, Activité, emploi et chômage du Haut-commissariat au Plan von 2007 und 2012

Außenhandel

Die marokkanischen Exporte konnten in den letzten drei Jahren um insgesamt 5,5% zulegen. Gut entwickelt haben sich die Ausfuhren von Kfz und Teilen für die Flugzeugindustrie. 2013 stagnierten die Ausfuhren der Bekleidungsindustrie. 2014 zeichnet sich hier eine Aufhellung ab. Die marokkanischen Importe sind von 2011 auf 2013 um 6,3% gestiegen. Die Ausfuhrdeckung bleibt mit 48% im Jahr 2013 seit 2011 nahezu unverändert. Auf der Exportseite tragen insbesondere der etwas schwächere Phosphatpreis und eine sich nur langsam erholende europäische Konjunktur für anhaltend geringe Importdeckung bei. Bei den Importen sind insbesondere die Einfuhren von Ausrüstungsgütern gestiegen.

Den größten Anteil an den marokkanischen Ausfuhren nimmt im Schnitt der Jahre 2009 bis 2013 mit 41% das produzierende Gewerbe ein. Hier sind insbesondere Waren der Textil- und Bekleidungsindustrie mit 19% der Gesamtausfuhren und die Kfz-Industrie (14%) zu nennen. Phosphatausfuhren bestreiten rund 23%, einen weiteren wichtigen Posten bilden die Ausfuhren von Agrarprodukten (11%). Wichtigste Abnehmer von Waren aus Marokko waren von 2008 bis 2012 Frankreich (22%) und Spanien (18%). Es folgten Indien und Brasilien, die wegen der marokkanischen Exporte von Phosphaten einschließlich Derivaten hieraus so weit vorne liegen.

Außenhandel Marokkos (in Mio. US$)
2012 2013 2014 *)
Importe 38.877 39.854 40.042
Exporte 16.992 18.262 19.558
Handelsbilanzsaldo -21.885 -21.592 -20.484

*) Schätzung

Quelle: Economist Intelligence Unit (EIU)

Haupteinfuhrländer (Importe in Mio. US$; Veränderung in %)
2007 2012 Veränderung 2012/11
Insgesamt 31.650,4 44.789,8 1,2
Spanien 3.299,0 5.901,4 21,5
Frankreich 5.007,7 5.548,5 -12,1
China 1.855,5 2.967,8 2,9
USA 1.929,9 2.859,0 -20,4
Saudi Arabien 1.747,3 2.831,6 -7,2
Russland 1.570,8 2.350,5 14,8
Italien 2.035,7 2.196,3 -4,4
Deutschland 1.508,1 2.139,4 8,0
Irak 7,7 1.166,2 2,6
Türkei 848,1 1.136,4 -2,8

Quellen: UN Comtrade; Office des Changes

Einfuhr nach wichtigsten Warengruppen (in Mio. US$; Veränderung in %)
SITC Warengruppe 2007 2012 Veränderung 2012/07
Insgesamt 31.650,4 44.789,8 41,5
.Deutschland 1.508,1 2.139,4 41,9
33 Erdöl, Erdölprodukte und verwandte Materialien 4.754,6 9.142,6 92,3
.Deutschland 71,7 5,2 -92,7
78 Straßenfahrzeuge 2.107,7 3.240,6 53,8
.Deutschland 263,3 583,5 121,6
65 Garne, Gewebe, fertiggestellte Spinnstofferzeugnisse und verwandte Waren 2.305,6 2.413,4 4,7
.Deutschland 74,2 64,2 -13,5
34 Gas, natürlich und hergestellt 1.171,4 2.338,8 99,7
.Deutschland 4,3 0 -100,0
04 Getreide und Nahrungsmittel 1.774,7 2.265,3 27,6
.Deutschland 53,5 1,6 -97,0
77 Elektrische Maschinen, Apparate, Geräte und Einrichtungen, elektrische Teile 2.075,5 2.240,6 8,0
.Deutschland 64,6 195,5 202,6
72 Arbeitsmaschinen für besondere Zwecke 1.164,8 1.478,6 26,9
.Deutschland 114,7 150,0 30,8
74 Maschinen, Apparate, und Geräte für verschiedene Zwecke und Teile davon 1.213,0 1.430,0 17,9
.Deutschland 110,7 125,8 13,6
67 Eisen und Stahl 1.468,2 1.334,0 -9,1
.Deutschland 47,7 66,3 39,0
69 Fertiggestellte Metallerzeugnisse 752,7 1.120,6 48,9
.Deutschland 60,9 32,4 -46,8

Quelle: UN Comtrade

Die wichtigsten Importgüter Marokkos waren von 2009 bis 2013 Halbwaren (49%), Energie (25%) sowie Maschinen und Ausrüstung (21%). Konsumgüter und Nahrungsmittel nehmen jeweils 17% und 10% ein. Die Einfuhren von Energie fallen im Vergleich der nordafrikanischen Staaten hoch aus. Die Einfuhren von Getreide hingegen gering, auch wenn Marokko ein Defizitland für Getreide bleibt. Das geringe Durchschnittseinkommen begrenzt die Nachfrage bei den Konsumgütern.

Wichtigste Lieferländer waren für den Zeitraum 2008 bis 2012 Frankreich (14% der Importe), Spanien (12%) und China (10%), gefolgt von den USA und Saudi-Arabien. 2012 und 2013 schnitt Spanien als wichtigstes Lieferland ab. Wichtigste Lieferanten von Energieträgern waren im Zeitraum 2009 bis 2012 Saudi-Arabien (49% der Importe), gefolgt von Russland (28%) und Spanien (27%).

Aus den USA und Spanien bezieht Marokko Raffinerieprodukte und Strom und aus Algerien, das als Energielieferant auf Spanien folgt, Erdgas. Die USA treten vor Russland und Südafrika als Kohlelieferanten auf. Frankreich, Argentinien und Kanada sind die wichtigsten Versorger mit Getreide. Die Ukraine gewinnt als Getreidelieferant an Bedeutung. Auch Deutschland exportiert geringe Mengen Getreide nach Marokko.

Die Weltenergiepreise beeinflussen aufgrund des recht hohen Anteils der Energieimporte am Außenhandel (knapp 25%, 2009 bis 2013) beziehungsweise am BIP (rund 10%) die Außenhandelsbilanz in besonderem Maße. Zum anderen sind die Phosphatpreise hohen Schwankungen unterworfen. Des Weiteren schwanken die Importe von Getreide, weil deren heimischer Anbau von den Jahresniederschlägen bestimmt ist. Nicht zuletzt konzentrieren sich die Ausfuhren des produzierenden Gewerbes stark auf Europa und sind somit den dortigen Konjunkturschwankungen ausgesetzt. Trotz allem konnte Marokko mit neuen exportorientierten Industriezweigen und der Erschließung neuer Absatzmärkte in den letzten Jahren seinen Außenhandel diversifizieren.

Bilaterale Wirtschaftsbeziehungen

Im Jahr 2013 hat Deutschland Waren im Wert von 1,6 Mrd. Euro nach Marokko exportiert und lag damit vor Tunesien (1,4 Mrd. Euro). Die Waren, die Marokko aus Deutschland bezogen hat, betrugen 850 Mio. Euro. Deutschland liegt nach Italien als Lieferland an sechster Stelle. Der für Deutschland eher niedrige Rang als Lieferland lässt sich teils damit erklären, dass Lieferungen deutscher Unternehmen oftmals über deutsche Tochterfirmen in Spanien oder Frankreich abgewickelt werden und folglich nicht im deutschen Außenhandel auftauchen. Sie werden aber in Marokko dennoch als deutsche Produkte wahrgenommen. Hierzu gehören zum Beispiel Kosmetikprodukte von Beiersdorf (kommen über Frankreich) oder Badarmaturen von Grohe (kommen über Spanien).

Deutschland hat 2013 insbesondere Kfz und Teile (23%), Maschinen (13%) und chemische Erzeugnisse (11%) nach Marokko exportiert. Die größten Wettbewerber bei der Lieferung von Maschinen und Ausrüstungsgütern sind Frankreich (Marktanteil 2013: 23,7%) und Italien (20,3%) sowie China (12,6%). Mit einem Lieferanteil 2013 von 11,5% lag Deutschland bei Maschinen und Anlagen unter dem möglichen Potenzial. Bei den Pkw-Lieferungen stand Deutschland an erster Stelle, gefolgt von Frankreich. Frankreich ist allerdings auf dem Pkw-Markt führend. Renault produziert in Marokko. Als Abnehmerland lag Deutschland an siebenter Stelle und bezog insbesondere: Kleidung (67%) und Schuhe (19%), elektrotechnische Waren (22%) sowie Düngemittel (19%).

Entwicklung des bilateralen Handels (in Mio. Euro)
Jahr Deutsche Exporte nach Marokko Deutsche Importe aus Marokko Handelsvolumen
2004 983,7 460,4 1.444,1
2005 925,7 458,0 1.383,7
2006 1.094,1 515,5 1.609,6
2007 1.280,7 501,1 1.781,8
2008 1.476,9 538,4 2.015,3
2009 1.296,6 525,8 1.822,4
2010 1.374,1 612,4 1.986,5
2011 1.524,6 747,8 2.272,4
2012 1.617,4 794,4 2.411,8
2013 1.629,8 857,8 2.487,6

Quelle: Destatis

Ausgewählte Branchen und Sektoren

Rohstoffe/Bergbau

Eine wichtige Stütze der marokkanischen Wirtschaft ist der Phosphatabbau und dessen Weiterverarbeitung. Marokko (einschließlich West-Sahara) verfügt über 75% der globalen Vorkommen. 2012 bestritt der führende Exporteur von Phosphatgesteinen 14% des weltweiten Abbaus. Die staatliche Monopolgesellschaft für den Phosphatabbau, Office Chérifien des Phosphates (OCP), setzt gegenwärtig ein Investitionsprogramm von rund 11,6 Mrd. Euro um. Damit soll der Abbau von Phosphat bis zum Jahr 2020 von 30 Mio. auf 55 Mio. t im Jahr gesteigert und die heimische Düngemittelproduktion verdreifacht werden.

Das Gros der Investitionen (6,6 Mrd. Euro) erfolgt im Investitionsprogramm der OCP in den Jahren 2012 bis 2015. Ziel ist, rund 80% des geförderten Phosphats im Lande zu verarbeiten. Schwerpunkte der Vorhaben sind die Chemiestandorte Jorf Lasfar und Safi, wobei für letzteren neben neuen Düngemittelanlagen auch ein neuer Hafen und ein Kohlekraftwerk geplant sind. In den letzten Jahren ist es vermehrt zu Joint Ventures zwischen OCP und ausländischen Unternehmen gekommen.

Bauwirtschaft

Hohe öffentliche Ausgaben für die Infrastruktur, der Bau neuer Stadtsiedlungen sowie von Hotels und ein reges Interesse am Häuserbau aus dem Ausland (Reemigranten oder Zweithaus wohlhabender Europäer) geben dem Bausektor einen besonderen Stellenwert in der marokkanischen Wirtschaft. Im Jahr 2014 sind knapp 1 Mio. Menschen in der Branche beschäftigt. Das entspricht rund 10% der Arbeitsbevölkerung. Der Bausektor lockt seit 2001 mehr als die Hälfte der getätigten Investitionen. 2012 lagen die Investitionen bei umgerechnet 13,6 Mrd. Euro. Zwischen 2009 und 2013 bestritt der Bausektor (Tourismus, Immobilien, Infrastruktur) knapp über ein Drittel der ausländischen Direktinvestitionen.

Die marokkanische Regierung hat zwischen 2013 und 2015 rund 8,7 Mrd. Euro für den Bau von Bahnstrecken, Güterbahnhöfen, Flughäfen und Häfen avisiert. Im Tourismus haben Fonds hohe Bauinvestitionen angekündigt. Gestützt auf günstige Kredite für Käufer und Steuererleichterungen für Bauträger sind neue Großsiedlungen in Planung beziehungsweise im Bau, darunter fünf komplette Städte, um damit die Agglomerationen zu entlasten sowie den informellen Wohnungsbau zu beseitigen. Des Weiteren gibt es Programme für die Aufwertung der Bausubstanz. Nach einem starken Abschwung 2012 und 2013 zeichnet sich 2014 eine langsame Erholung ab.

Transport/Verkehr

Wichtiger entwicklungspolitischer Schwerpunkt des marokkanischen Staates ist der Ausbau des Transportwesens und der Verkehrsinfrastruktur. Hierzu gehört im maritimen Bereich der Bau des Tiefseehafens Tanger Med, der seit 2007 in Betrieb ist und weiterhin ausgebaut wird und der Ausbau des Straßen- und Schienennetzes. Dabei geht es insbesondere darum, Marokko als Produktionsort und Handelsdrehscheibe zwischen Europa, Afrika beiden Amerika zu positionieren, aber auch den Jahrzehnte lang vernachlässigten Norden des Landes und weitere abgelegene Regionen verkehrstechnisch anzuschließen.

Bei den Projekten im Schienenverkehr sticht der im Bau befindliche Hochgeschwindigkeitszug von Tanger bis nach Casablanca hervor. In den Ballungszentren Rabat und Casablanca gibt es zahlreiche Pläne zum Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Insgesamt belaufen sich die für den Zeitraum 2012 bis 2016 geplanten Investitionen auf 166 Mrd. DH (14,8 Mrd. Euro), so die offiziellen Stellen. Davon entfallen umgerechnet rund 5,6 Mrd. Euro auf die Entwicklung der Logistik, 1,4 Mrd. Euro auf den Bau von Autobahnen, 2,3 Mrd. Euro auf den weiteren Straßenbau sowie 2,4 Mrd. Euro auf den Schienenverkehr und 445 Mio. Euro auf den Flughafenbau.

2014 erreichte Marokko im Logistics Performance Index (LPI) der Weltbank Platz 62, nachdem das Land im Jahr 2007 noch auf Platz 113 gelegen hatte. Während Ägypten noch auf Platz 63 folgen kann, liegen Tunesien (74), Algerien (111) und Libyen (132) teilweise deutlich zurück. Rund 98% des marokkanischen Außenhandels werden über 13 Häfen abgewickelt. Der Binnentransport wird bisher hauptsächlich über das Straßennetz abgewickelt. Für Exporte nach Europa bietet die Lieferung über den Lkw-Transport einschließlich Fähre über Tanger eine kostengünstige Option.

Energie/Erneuerbare Energie

Wegen eines zunehmenden Verkehrsaufkommens, einer Stärkung der energieintensiven Weiterverarbeitung von Phosphaten und eines wachsenden Stromverbrauchs (ländliche Elektrifizierung) wird der Energiebedarf auch in Zukunft steigen. Allein beim Strombedarf ist bis 2020 mit einem Wachstum zwischen 7 und 8% zu rechnen.

Marokko verfügt nicht nur über hervorragende naturräumliche Bedingungen bei Solar-, sondern auch bei Windkraft. Bis 2020 sind Kapazitäten bei der Stromerzeugung mittels Wind- und Solarkraft (größtenteils Solarthermie) von jeweils 2.000 MW geplant. Der Nennwert bei der installierten Kapazität für Wasserkraftwerke lag 2012 bei 1.770 MW. Ziel bis 2020 ist eine Gesamtkapazität von 2.280 MW. Damit würden die regenerativen Energien rund 42% der gesamten Kraftwerkskapazitäten stellen.

Für den breiten, dezentralen Einsatz von Photovoltaik (PV) fehlen jedoch die gesetzlichen Rahmenbedingungen. Im Rahmen des Programms zur ländlichen Elektrifizierung PERG (Programme d' Electrification rurale global) und bei der Versorgung von Pumpen in der Landwirtschaft sind Marktnischen für Wasserkleinkraftwerke, Solar und Wind gegeben. Zudem ist mit dem Bau von größeren PV-Parks zu rechnen. Das Potenzial bei der Biogasherstellung ist in Marokko noch bei weitem nicht ausgeschöpft. Bis vor kurzem galt Marokko als Schwerpunktland der 2009 gegründeten Desertec Industrial Initiative (DII). Mitte 2013 ist allerdings das in Marokko vorgesehene Flaggschiff-Projekt Sawian der DII am Widerstand Spaniens gescheitert.

Zwei Erweiterungsvorhaben und der Bau eines neuen Kohlekraftwerks werden in Zukunft für eine Ergänzung von 2.404 MW sorgen. Ebenso ist der Ausbau von Dieselkraftwerken geplant. In Marokko gibt es bislang noch keine konkreten Pläne für den kommerziellen Einstieg in die Atomkraft. Der staatliche Stromversorger ONEE - Monopolist bei der Stromübertragung - plant von 2013 bis 2017 Investitionen in Höhe von 900 Mio. Euro in den Stromtransport und 310 Mio. Euro in die Verteilung.

Wasserversorgung/Abfallwirtschaft

Die Abwasseraufbereitung steckt in Marokko noch in den Anfängen. Bis 2020 ist eine Aufbereitungsquote von 60% geplant. Hierzu sollen 95 neue Abwasserreinigungsanlagen entstehen. Bei den Feststoffabfällen ist eine Recyclingquote von 20% bis 2020 vorgesehen. Bis 2016 sollen 14 Mülldeponien gebaut werden. Zwischen 2017 und 2020 sind weitere 42 geplant. Auch eine Konversion wilder Deponien steht auf der Agenda. In den Bereichen Sondermüllanlagen, einschließlich für Krankenhausmüll, ist Marokko stark im Verzug. Die Realisierung lokaler Umweltprojekte ist von hohen bürokratischen Hürden und Finanzierungsengpässen gekennzeichnet. Eine planmäßige Umsetzung ist eher unwahrscheinlich.

Agrobusiness/Nahrungsmittelverarbeitung

Die Nahrungsmittelverarbeitung deckt rund 4% des gesamten BIP und rund 29% des BIP-Beitrags der Industrie ab. Mehr als 10% der Exporte entfallen auf Ausfuhren dieses Industriezweigs. Marokko ist in der arabischen Welt und Afrika größter Fischproduzent. Rund 70% der Erträge verarbeitet die marokkanische Fischindustrie, 85% hiervon werden exportiert. Marokko ist bei Fang und Verpackung von Sardinen weltweit die Nummer 1. Der Fischereiplan Halieutis hat zum Ziel, bis 2020 den Umsatz in dieser Industrie von 8,3 Mrd. DH auf knapp 22 Mrd. DH zu verdreifachen: Zu den Vorhaben gehören Maßnahmen zur Modernisierung der Fischereiflotte, die Reduzierung des informellen Sektors, die Einführung nachhaltiger Fischmethoden oder die Fischzucht. Vorgesehen ist, rund 5 Mrd. DH zu mobilisieren, wovon 1 Mrd. DH der Fiskus stellt.

Marokko ist weltweit siebtgrößter Exporteur von Olivenöl. Zu wenig genutzt ist das Potenzial bei der Herstellung und Vermarktung von Olivenöl. Marokko ist auch Weinproduzent. Vor allem in der Region um Meknès wird insbesondere Rotwein angebaut. Den Markt dominieren zwei Produzenten.

Die königliche Holding SNI hat in den letzten Jahren drei wichtige Beteiligungen in der Nahrungsmittelindustrie veräußert. Dabei handelt es sich um den Verkauf des Speiseölherstellers Lesieur Cristal an die französische Sofiprotéol (2011), den Einstieg des US-amerikanischen Unternehmens Kraft Foods beim Keks-Hersteller Bimo und die Veräußerung von 37,8% des Milchwarenherstellers Centrale laitière an den multinationalen Getränke- und Lebensmittelkonzern Danone (Hauptsitz in Paris), der nun 67% hält.

Gesundheitswesen/Medizintechnik

Eine Verbesserung der bis Ende der 90er-Jahre vernachlässigten Gesundheitsversorgung ist zentraler Bestandteil der Politik des marokkanischen Königs. Trotz knapper Kassen hält die Regierung an ihren Plänen zum Bau von Krankenhäusern fest. Geplant sind zwei Unikliniken in Tanger und Agadir und die Überholung des Ibn Sina Krankenhauses in Rabat. Im Bau sind eine Klinik in Casablanca, die das Emirat Abu Dhabi mit einem Projektwert von 100 Mio. US$ finanziert und ein privater Gesundheitskomplex in Marrakesch mit 160 Betten.

Maschinen- und Anlagenbau

Der Ausbau der Kfz- und Flugzeugteileindustrie wird auch in den kommenden Jahren für ausländische Investitionen und Nachfrage nach hochwertigen Maschinen und Anlagen sorgen. Marokkos Flugzeugindustrie hat in den letzten Jahren einen erheblichen Aufschwung erlebt. Die Exporte erreichten 2013 knapp 1 Mrd. US$ und verdoppelten sich damit gegenüber 2008. Im Jahr 2013 sind die Exporte nochmals um 20% gegenüber dem Vorjahr gestiegen und bestritten damit rund 4% der Gesamtexporte des Königreiches.

Nach Angaben des Verbandes GIMAS (Groupement des industries marocaines aéronautiques et spatiales) sollen bis 2020 in der Flugzeugindustrie rund 20.000 Menschen beschäftigt sein. 2013 existierten in der Flugzeugteile-Industrie 107 Unternehmen mit 10.000 Beschäftigten.

Hohe Ausgaben werden gegenwärtig für den Ausbau der Phosphatverarbeitung getätigt. Mit Fertigstellung und Ausbau marokkanischer Häfen ist die Marktaussicht bei Ausrüstungsgütern für die maritime Wirtschaft gut. Trotz der positiven Entwicklung in den genannten Bereichen bleibt das Wachstum des verarbeitenden Gewerbes 2013 insgesamt schwach. Wegen der sich allmählich erholenden europäischen Konjunktur ist aber für 2014/15 mit einer leichten Erholung zu rechnen. Die deutschen Ausfuhren von Investitionsgütern waren 2013 mit einem Minus von 8,5% rückläufig.

Kfz-, Kfz-Teile

Von einer starken Dynamik ist insbesondere der Automobilsektor gekennzeichnet. Das bei Tanger Anfang 2012 eröffnete Renaultwerk hat im Oktober 2013 mit einem Investitionswert von 400 Mio. Euro eine zweite Fertigungslinie für den Export der Marke Dacia gestartet. Marokko wird auch 2014 und 2015 mehr Pkw exportieren. In den kommenden Jahren ist die Herstellung von 400.000 Fahrzeugen im Jahr geplant. Für das Werk haben sich eine Reihe - marokkanische Stellen rechnen mit insgesamt 40 Unternehmen - von Zulieferern angesiedelt.

Im Großraum Casablanca hat das Pkw-Montageunternehmen Société Marocaine de Construction Automobile (SOMACA) seinen Sitz. Ein weiteres Segment sind die direkten Zulieferer für den europäischen Markt. Insgesamt 107 exportorientierte Kfz-Unternehmen sind in Marokko angesiedelt. Es dominieren Kabelhersteller wie Leoni, Delphi oder Lear.

Tourismus

Der Tourismus ist eine zentrale wirtschaftliche Stütze für die marokkanische Wirtschaft. 2013 hat er unmittelbare 8,6%, indirekt 18,7% zum BIP beigetragen, so der internationale Tourismusverband WTTC. Rund 814.000 Beschäftigte (7,6% der Gesamtbeschäftigten) waren direkt in dem Sektor tätig. Der Anteil des Tourismus an den Investitionen lag im selben Jahr bei mehr als 11% (5,2 Mrd. Euro) und an den ausländischen Direktinvestitionen bei 8,4% (296 Mio. Euro).

Im Plan Azur ist bis 2020 ein Kapazitätszuwachs von 220.000 Betten und eine jährliche Besucherzahl von 20 Mio. Touristen (13,7 Mio. im Jahr 2015) vorgesehen. Der Umsatz der Branche wird laut Plan bis 2020 von 59 Mrd. DH (2010) auf 148,5 Mrd. DH (rund 13,2 Mrd. Euro) steigen. Mehr als 900.000 Beschäftigte im Tourismussektor sind avisiert.

Weitere Informationen

Der Artikel ist Teil der Studie "Marktchancen in Afrika". Die Gemeinschaftspublikation von Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft, Rödl & Partner sowie Germany Trade & Invest steht zum kostenlosen Download als pdf bereit unter

Internet: http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/trade,did=1171956.html

Eine Zusammenstellung wichtiger Kennzahlen bieten die "Wirtschaftsdaten kompakt Marokko" unter

Internet: http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/maerkte,did=341948.html

(F.N.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Marokko Außenwirtschaft, allgemein, Nahrungs- und Genussmittel, allgemein, Transport und Verkehr, allgemein, Bauwirtschaft, allgemein, Bergbau / Rohstoffe, allgemein, Medizintechnik, allgemein, Maschinen- und Anlagenbau, allgemein, Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Außenhandel / Struktur, allgemein, Wirtschaftsstruktur, allgemein, Kfz-Teile, -Zubehör (ohne Brennstoffzellen), Abfallentsorgung, Recycling, Strom-, Energieerzeugung, allgemein, Konjunktur, allgemein, Verkehrsinfrastrukturbau, allgemein, Wasserversorgung, -gewinnung, Bewässerung, Tourismus

Kontakt

Samira Akrach

‎+49 (0)228 24 993-238

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