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09.03.2018

Mittelstand als Rückgrat der tschechischen Wirtschaft

Rund eine Million kleine und mittelgroße Betriebe / Wichtige Geschäftspartner für deutsche Unternehmen / Von Gerit Schulze

Prag (GTAI) - Der Mittelstand ist auch in Tschechien das Rückgrat der Wirtschaft. Rund eine Million kleine und mittelständische Unternehmen prägen das Geschäftsleben in Deutschlands Nachbarland. Sie sorgen für zwei Drittel aller Arbeitsplätze und sind wichtige Kunden für deutsche Firmen. Im Frühjahr 2018 soll ein neuer Nationaler Innovationsfonds damit beginnen, technologieorientierte Startups in der Frühphase mit Seed-Capital zu versorgen.

Tschechien ist ein klassisches Mittelstandsland: 99,8 Prozent aller Betriebe fallen unter die Definition der Europäischen Union (EU) für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU). Für 2016 ermittelte die europäische Statistikbehörde Eurostat 1 Million KMU, die große Mehrheit davon waren Ich-AGs und Kleinstbetriebe mit maximal neun Beschäftigten. Bei wichtigen Indikatoren wie dem Anteil an der Gesamtwertschöpfung (55 Prozent) und an der Gesamtbeschäftigung (67 Prozent) liegen Tschechiens KMU im EU-Durchschnitt.

Die Wirtschaftsauskunftei Bisnode registriert pro Jahr fast 30.000 neue Gesellschaften. Das Procedere für eine Geschäftsgründung gilt als relativ einfach und ist innerhalb von zwei Monaten erledigt. Der tschechische Mittelstand findet deshalb viel Anerkennung bei der EU-Kommission. Die Brüsseler Beamten loben das Land für die staatliche Unterstützung der kleinen und mittelgroßen Betriebe, für den Zugang zu Finanzmitteln, ebenso für das Ausbildungsniveau und die Innovationskraft der KMU.

Ein neu geschaffener Nationaler Innovationsfonds (NIF) soll im 2. Quartal 2018 damit beginnen, insbesondere technologieorientierte Start-ups in der Frühphase ihrer Entwicklung zu unterstützen. Gespeist aus Mitteln der EU-Strukturprogramme, soll der NIF jungen Firmen Seed-Capital bereitstellen und ihnen unter dem Dach von Inkubatoren Starthilfe geben.

Nachholbedarf für die Mittelstandsszene sieht die EU-Kommission dagegen beim Unternehmergeist und der öffentlichen Wertschätzung für unternehmerische Initiative. Gründer fänden noch zu wenig gesellschaftliche Anerkennung. Ebenso seien die administrativen Hürden im Geschäftsalltag hoch, die Umsetzung von E-Government komme nur schleppend voran und sogenannte One-Stop-Shops, bei denen mehrere Verwaltungsvorgänge unter einem Dach erledigt werden können, seien immer noch rar. Viel ungenutztes Potenzial sieht die EU-Kommission in der Förderung von Auslandsaktivitäten. Die KMU sollten sich mehr als bislang um Exportaufträge bemühen.

Deutschland beliebtestes Auslandsziel der KMU

Dafür baut das Wirtschaftsministerium unter anderem das Auslandsnetz von CzechTrade aus. Die staatliche Gesellschaft ist bereits an über 50 Standorten auf allen fünf Kontinenten vertreten. Besonders Deutschland ist dabei als Absatzregion interessant, bestätigt Adam Jares, der das Büro von CzechTrade in Düsseldorf leitet - der erfolgreichsten Außenstelle der Agentur. Jares' Team hilft tschechischen Firmen bei der Erschließung des deutschen Marktes, vermittelt Geschäftskontakte, informiert über die Rahmenbedingungen, sucht Lieferanten und Abnehmer. "Wir haben allein 2017 rund 300 Unternehmen betreut, so viele wie nie zuvor", berichtet Jares.

Natürlich ist es für die tschechischen Firmen nicht immer einfach, sich auf dem wettbewerbsstarken deutschen Markt zu behaupten. Sie treffen dort auf erfahrene Konkurrenz, die sie so massiv aus der Heimat nicht kennen. Während besonders im Westen der Bundesrepublik die mittelständischen Unternehmen häufig auf eine lange Familientradition zurückblicken können, gibt es familiengeführte KMU in Tschechien erst seit den 1990er Jahren. Vorher war privates Engagement in der Wirtschaft vier Jahrzehnte lang unerwünscht.

Klassische Familienunternehmen, deren Historie mehrere Generationen zurückreicht, sind also rar zwischen Liberec und Brno. Deshalb versucht Tschechiens Mittelstandsvereinigung AMSP, die Familienbetriebe 2018 mit einer Sonderkampagne ins Rampenlicht zu rücken. Denn laut dem Verbandsvorsitzenden Karel Havlicek sind sie "widerstandsfähiger in Krisenzeiten, sorgen für Beschäftigung im ländlichen Raum und zeigen viel soziale Verantwortung an ihren Produktionsstandorten".

Die AMSP will Verbraucher und Großkunden aus der Industrie überzeugen, dass Kleinbetriebe in Familienhand zuverlässige und stabile Lieferanten sind. Sorgen bereitet dem Lobbyverband jedoch die mangelnde Innovationskraft des Mittelstands. Tschechien gehört mit Forschungsausgaben von rund zwei Prozent der Wirtschaftsleistung zwar zu den Vorreitern in Mittelosteuropa. Problem sei aber, dass es dabei von EU-Fonds abhängig sei, sagte AMSP-Vorsitzender Havlicek in einem Beitrag für die Tageszeitung Denik. Er plädiert für neue Förderansätze wie bessere Abschreibungsmöglichkeiten für Forschungsausgaben oder die Vergabe günstiger Kredite.

Auch bei wichtigen Zukunftsfragen wie Digitalisierung und Vernetzung der Produktionswelten haben KMU in Tschechien noch Nachholbedarf. Im Bericht zur Lage des Mittelstands konstatierte das Wirtschaftsministerium 2017, dass diese dem Trend Industrie 4.0 noch mit viel Misstrauen begegnen. Sie nutzten bislang kaum externe Beratung und Consultingdienste bei diesem wichtigen Zukunftsthema. Hier müsse noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, um Stereotypen zu überwinden, schreiben die Autoren der Analyse. Das gilt auch für eine Digitalisierungsstrategie, über die sich die Mehrheit der kleinen und mittelständischen Unternehmen noch keine Gedanken macht.

Deutsche Mittelständler nutzen Standortvorteile

Die Wachstumschancen in Tschechien haben auch viele deutsche Mittelständler in das östliche Nachbarland gelockt. Dazu gehört die Deutsche Holzveredelung Schmeing aus dem Sauerland. Das Familienunternehmen hat vor über 20 Jahren im westböhmischen Sokolov einen Produktionsbetrieb für Vorprodukte und Halbfabrikate gegründet. "Der Grund waren die günstigen Lohnkosten und die kurzen Wege zur Beschaffung von Rohstoffen", erzählt Marc Schmeing, der heute Geschäftsführer bei der tschechischen Tochterfirma Dehonit-Falke ist.

Die Rahmenbedingungen im Land schätzt Schmeing grundsätzlich positiv ein. "Die Infrastruktur hat sich gut entwickelt, Steuern und Arbeitsrecht sind auf europäischem Niveau, die Internetanbindung ist in Ordnung." Auch bei der Finanzierung gebe es heute - anders als vor 15 Jahren - keine Probleme mehr; "die Banken arbeiten sehr schnell und professionell."

Trotzdem ist es für ein mittelständisches Unternehmen nach Schmeings Erfahrungen in Tschechien nicht immer leicht, Geschäfte zu machen. Die KMU im Land würden kaum wahrgenommen und unterstützt. Zudem halte sich die Bürokratie sehr formell an Regularien und arbeite wenig ergebnisorientiert, so Schmeing. "Da sind deutsche Behörden teilweise erheblich souveräner."

Auch die Beschaffung technischer Ersatzteile, die Gewinnung von Fachkräften oder von guten Handwerkern kann in der Praxis Probleme bereiten, sagt der Geschäftsführer. "Das können wir dann häufig nur aus Deutschland sicherstellen."

Die Personalgewinnung erweist sich für Dehonit-Falke als größte Herausforderung in Tschechien. "Qualifizierte und engagierte Mitarbeiter zu finden und zu halten, wird immer schwerer", sagt Schmeing. "Bis vor zwei Jahren hatten wir in unserem Unternehmen fast keine Personalfluktuation. Das hat sich stark geändert, insbesondere bedingt durch unsere grenznahe Lage zu Deutschland."

Mehr zum Land finden Sie unter http://www.gtai.de/Tschechien

(S.Z.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Tschechische Republik Kleine und mittlere Unternehmen (KMU)

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