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11.08.2015

Noch halten internationale Investoren Indonesien die Treue

Regierung lockt und behindert ausländische Firmen zugleich / Kapitalzufluss könnte bald ins Stocken geraten / Von Roland Rohde

Jakarta (gtai) - In Indonesien besteht die paradoxe Situation, dass die Regierung mehr internationales Kapital anlocken und zugleich die Anzahl der vor Ort arbeitenden ausländischen Fachkräfte reduzieren will. Ohne diese können die multinationalen Firmen aber ihre geplanten Vorhaben kaum umsetzen. Daher fahren sie ihr Engagement im größten Land Südostasiens tendenziell zurück, was den stotternden Konjunkturmotor gänzlich abwürgen könnte. (Internetadressen)

Indonesiens Konjunktur zeigt deutliche Bremsspuren. In den ersten beiden Quartalen 2015 stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) laut nationalem Statistikamt BPS real um nur noch 4,7% im Vergleich zum Vorjahr. Und in den kommenden Monaten könnte die Wirtschaft weiter an Fahrt verlieren. Im Sommer gingen Weltbank und Internationaler Währungsfonds für das Gesamtjahr noch von einem Plus von 4,7% aus. Doch möglicherweise stellt sich nur noch eine BIP-Zunahme von 4,5% ein. Dabei würde es sich dann um den schlechtesten Wert seit rund einem Jahrzehnt handeln.

Die internationalen Kapitalgeber haben sich aber - bislang - noch nicht abschrecken lassen. Knapp 5% Wachstum sind im weltweiten Vergleich immer noch ein beachtlicher Wert. Zudem erwarten viele von der Ende 2015 startenden ASEAN-Zollfreiheitszone (ASEAN Economic Community, AEC) zusätzliche Impulse für die ins Stottern geratene Konjunktur. Darüber hinaus soll sich spätestens ab 2016 der vom neuen Präsidenten Joko Widodo angestrebte beschleunigte Ausbau der Infrastruktur positiv bemerkbar machen.

Wie die nationale Investitionsbehörde BKPM Ende Juli 2015 verkündete, legten die ausländischen Direktinvestitionen in den ersten beiden Quartalen um 16% (auf Rupiah-Basis) im Vergleich zum Vorjahr zu. Da die Landeswährung jedoch seit Sommer 2014 massiv an Wert zum US-Dollar eingebüßt hatte, ergibt sich auf Dollar-Basis ein Rückgang von 2,5%.

Ausländische Direktinvestitionen im 1. Halbjahr 2015 bei 14 Mrd. US$

Zwischen Januar und Juni 2015 flossen laut BKPM ausländische Direktinvestitionen in Höhe von umgerechnet 14 Mrd. $ ins Land. Bis Ende Dezember rechnet die Behörde mit einem Wert von 27,5 Mrd. $. Das käme im Vergleich zum Vorjahr einem Rückgang von 3,5% gleich. In Landeswährung umgerechnet ergäbe sich damit aber ein dickes Plus. Zudem lägen die Kapitalzuflüsse auf Pro-Kopf-Basis in etwa auf der Höhe mit denen der VR China.

Getätigte ausländische Direktinvestitionen in Indonesien (in Mrd. US$)
Jahr Wert
2009 10,8
2010 16,2
2011 19,6
2012 24,8
2013 28,6
2014 28,5
2015 *) 27,5

*) Prognose

Quelle: Nationale Investitionsbehörde BKPM

Doch die Zahlen berücksichtigen nur die bereits getätigten Investitionen. Ob die Kapitalgeber auch weiterhin dem Land die Treue halten, ist offen. Zwar sorgen der Infrastrukturausbau und die AEC für positive Impulse, doch in anderen Bereichen zeichnen sich deutliche Schwächen ab. Der Außenhandelssektor vermeldete für die ersten sechs Monate 2015 einen Rückgang der Warenexporte um 12% und der -importe um 18% im Vergleich zum Vorjahr.

Auch der bisher stabile Privatkonsum scheint nicht mehr so schnell zu wachsen wie in der Vergangenheit. Während Indonesien laut AC Nielsen 2013 noch der attraktivste Absatzmarkt der Welt war, zogen bis zum 2. Quartal 2015 Indien und die Philippinen an dem Archipel vorbei. Die Kfz-Neuzulassungen etwa gingen laut Aussagen des Branchenverbandes Gaikindo in den ersten beiden Quartalen 2015 um 18,2% im Vergleich zum Vorjahr zurück.

Die Regierung will die ausländischen Investoren daher bei Laune halten. So baut sie aktuell die Investitionsbehörde BKPM zur zentralen Anlaufstelle aus. Dort sollen die internationalen Kapitalgeber alle nötigen Lizenzen beantragen und erhalten können. Wer die föderale Struktur des riesigen Landes kennt, bezweifelt allerdings, ob sich dieser Plan 1:1 umsetzen lässt.

Steuererleichterung für Firmen, weniger Arbeitsvisa für Fachkräfte

Zudem kündigte die Regierung im Sommer 2015 Steuererleichterungen für internationale Investoren an. Doch gleichzeitig erließ der Präsident ein Dekret, das die Anzahl der Arbeitsgenehmigungen für ausländische Fachkräfte radikal reduzieren wird. Jakarta wolle, so ein Landeskenner, zwar gerne internationale Gelder erhalten. Die ausländischen Fachkräfte sollen aber bitte schön zu Hause bleiben.

Damit verschärft sich ein schon seit rund zwei Jahren zu beobachtender Trend, denn Anträge auf Arbeitsvisa werden nur noch schleppend bearbeitet. Die Stimmung unter den ausländischen Managern praktisch aller Nationen und Branchen befindet sich auf einem Tiefpunkt. Niemand fühlt sich mehr so richtig willkommen. Zahlreiche Expatriates haben Indonesien bereits verlassen oder sitzen auf gepackten Koffern. Umzugsfirmen können sich kaum vor Aufträgen retten.

Diese "Abstimmung mit den Füßen" könnte eine gefährliche Kettenreaktion in Gang setzen, denn ausländische Gelder stemmen traditionell rund 70% aller getätigten Direktinvestitionen. Ebenso lassen sich ohne ausländische Expertise die allermeisten Infrastrukturprojekte gar nicht umsetzen. So können indonesische Ingenieure nicht im Alleingang Schmelzhütten oder petrochemische Komplexe planen und bauen.

Den ausländischen Firmen wird daher nichts anderes übrig bleiben, als ihre Investitionspläne teilweise auf Eis zu legen und abzuwarten. Die ohnehin schon stotternde Konjunktur dürfte dann weiter an Fahrt verlieren. Bis dahin verkündet die Regierung Durchhalteparolen.

Firmen aus Ostasien wollen angeblich bis zu 100 Mrd. US$ investieren

So verfolgen Firmen aus Japan, der VR China und Korea (Rep.) laut BKPM angeblich umfangreiche Investitionsabsichten in Indonesien. Die entsprechenden Kosten der potenziellen Vorhaben beliefen sich dabei auf zusammengerechnet fast 100 Mrd. $. Allerdings - das muss auch die Behörde zugeben - dürfte nur ein Bruchteil der anvisierten Projekte auch umgesetzt werden. So lag die entsprechende Realisierungsquote für chinesische Investoren im Zeitraum 2005 bis 2014 lediglich bei 7%.

Investitionsprojekte ostasiatischer Kapitalgeber (in Mio. US$)
Branche/Land VR China Korea (Rep.) Japan
Landwirtschaft 886 37 42
Bergbau, Öl und Gas, Petrochemie 11.430 0 0
Verarbeitende Industrie 1.760 27.822 2.864
Stromerzeugung 15.720 788 0
Infrastruktur 18.951 98 20
Maritimer Sektor 0 8.715 40
Andere 1.400 0 7.939
Insgesamt 50.147 37.460 10.905

Quelle: BKPM

Tatsächlich haben sich die Chinesen in Indonesien bislang stark zurückgehalten. Im 1. Halbjahr 2015 stammten die meisten ausländischen Direktinvestitionen aus Malaysia, Singapur, Japan und Korea (Rep.). Die USA lagen an fünfter, das "Reich der Mitte" hingegen nur an neunter Stelle, wenn man Hongkong (SVR) mitberücksichtigt. Deutsche Unternehmen engagieren sich traditionell kaum in Indonesien. Sie lagen in den ersten sechs Monaten 2015 auf Rang 21.

Ausländische Direktinvestitionen nach Indonesien (in Mio. US$)

Rangfolge Land Summe
1 Malaysia 2.594,3
2 Singapur 2.302,1
3 Japan 1.577,7
4 Korea (Rep.) 787,8
5 USA 611,9
6 British Virgin Islands 443,0
7 Vereinigtes Königreich 424,9
8 Niederlande 413,4
9 Hongkong (SVR) 175,0
10 VR China 160,3
11 Thailand 154,6
21 Deutschland 24,9

Quelle: Investitionsbehörde BKPM

Internetanschriften

Investitionsbehörde BKPM

Internet: http://www.bkpm.go.id (Homepage)

Übersicht ausländische Direktinvestitionen 1. Halbjahr 2015

Internet: http://www.bkpm.go.id/file_uploaded/public/Bahan%20Paparan%20TW%20II%202015-ENG%20final.pdf

Übersicht ausländische Direktinvestitionen Gesamtjahr 2014 Internet: http://www.bkpm.go.id/file_uploaded/public/Bahan%20Paparan%20TW%20IV%202014-Eng.pdf

(R.R.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Indonesien Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Konjunktur, allgemein, Investitionen aus dem Ausland / Joint Ventures, Wirtschaftsbeziehungen zu anderen Ländern, Regionen

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