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29.09.2017

Polen muss seine Energiequellen diversifizieren

Entscheidung über Kernkraft steht bevor / Gas- und Dampfturbinenblöcke geplant / Von Beatrice Repetzki

Warschau (GTAI) - Polen muss langfristig den Anteil der Kohle an der Energieerzeugung reduzieren und sucht nach Alternativen. Im Bereich der konventionellen Energien soll demnächst eine Entscheidung über die Einführung von Atomkraft fallen. Erdgas soll verstärkt genutzt werden, wozu einige Projekte verwirklicht werden. In einem Warschauer Kraftwerk ist ein Block für unterschiedliche Brennstoffe wie Abfall oder Biomasse geplant, die zusammen mit Steinkohle verbrannt werden.

Polen verfügt noch über keine Langfriststrategie in Bezug auf seinen Energiemix. Der aus mehreren Experten bestehende Think Tank Forum Energii (Energieforum) entwickelte vier mögliche Varianten mit unterschiedlichen Schwerpunkten bei der Nutzung von Energiequellen für die Zeitspanne 2016 bis 2050. Die Transformationskosten schwanken dabei zwischen 529 Milliarden und 556 Milliarden Euro.

Die teuerste Variante wäre eine verstärkte Nutzung der Kohle. Dabei würden zwei weitere Braunkohlevorkommen ausgebeutet und zwei Kraftwerke mit 3 beziehungsweise 4 Gigawatt Leistung geschaffen. Eine Variante mit einem breiteren Energiemix ohne Atomkraft würde 545 Milliarden Euro kosten und eine Energieerzeugung zu 73 Prozent aus erneuerbaren Quellen 541 Milliarden Euro. Als am kostengünstigsten erwies sich eine Variante mit einem breiten Energiemix einschließlich Atomkraft. Bislang erzeugt Polen über zwei Drittel seines Stroms mit Kohle.

Struktur der in Polen installierten Kapazitäten zur Stromerzeugung Ende 2016 (in %)
Steinkohle Braunkohle Wind, andere erneuerbare Industriekraftwerke Wasser Gas
46,8 22,7 14,7 6,3 5,7 3,9

Quelle: Polskie Sieci Elektroenergetyczne (PSE; Übertragungsnetzbetreiber)

Polen hält an seinen Plänen zur Nutzung der Kernenergie fest. Gegen Jahreswechsel 2017/18 will die Regierung eine konkrete, richtungsweisende Entscheidung zum Bau eines Atomkraftwerkes treffen. Damit werde die Verwirklichung eines entsprechenden Vorhabens eingeleitet, wie der Leiter des Ständigen Ausschusses beim Ministerrat, Henryk Kowalczyk, gegenüber der Presse sagte. Laut Energieminister Krzysztof Tchorzewski benötigt Polen bis 2030 eine Atomstromkapazität von 1,5 Gigawatt und bis 2040 von 4,5 Gigawatt, um die Luftverschmutzung zu verringern. Das Referenzszenario der EU-Kommission sieht den Aufbau noch größerer Atomkraftkapazitäten bis 2050 vor.

Energiemix laut langfristigem Referenzszenario der EU-Kommission für Polen (in MW)
Energiequelle 2015 2050
Wind 5.100 18.877
Feste Brennstoffe 28.543 9.983
Gas 1.659 9.143
Kernkraft 0 8.250
Biomasse, Abfälle 1.574 3.016
Andere (Wasser, Sonne, Erdöl) 1.382 1.838

Quelle: EU-Kommission

USA und China wollen Atomkraftwerk bauen

Während seines Besuchs in Warschau am 6. Juli 2017 sprach US-Präsident Donald Trump mit der Führung der polnischen Regierungspartei PiS laut der polnischen Tageszeitung Rzeczpospolita auch über die Nutzung der Kernenergie. Danach habe Trump angeboten, gleichzeitig zwei Reaktoren mit einer Kapazität von je 750 Megawatt in Polen zu bauen. Diese sollten circa 2030 fertiggestellt werden. Mit dem Bau weiterer Atomkraftwerke, möglicherweise bei den an der Ostsee bei Gdansk (Danzig) gelegenen Gemeinden Zarnowiec und Choczewo, sollen bis 2035 weitere 3.000 Megawatt Atomstromkapazität geschaffen werden.

China bietet laut Rzeczpospolita die Bereitstellung von 10 bis 12 Gigawatt Kernkraftkapazität in Polen an. In seinen bisherigen Erwägungen war Polen jedoch von der Schaffung von höchstens 6 Gigawatt ausgegangen. Tchorzewski will einen Lieferanten der Atomkraftwerke im Rahmen einer Ausschreibung auswählen, wobei nicht nur finanzielle Aspekte ausschlaggebend sein sollen, sondern auch Garantien, zum Beispiel für die Langlebigkeit der Reaktoren und die Erteilung von in der EU anerkannten Zertifikaten. Über Letztere verfügen die Chinesen jedoch bislang nicht.

Derzeit schafft Polen neue, "sauberere" Kohlekraftwerke beziehungsweise modernisiert bestehende Blöcke. Der verschuldete Energiekonzern Tauron errichtet für 1,3 Milliarden Euro ein Steinkohlekraftwerk mit 910 Megawatt in Jaworzno, südöstlich von Katowice (Kattowitz), das er im November 2019 übergeben will. Er wird möglicherweise einen weiteren Investor hinzuziehen, um die Finanzierung des Vorhabens zu sichern. Der Polnische Entwicklungsfonds PFR (Polski Fundusz Rozwoju) erklärte sich bereits dazu bereit, das Projekt mit 206 Millionen Euro zu unterstützen, indem er sich zu 13,9 Prozent an der dafür zuständigen Gesellschaft Nowe Jaworzno Grupa Tauron beteiligt.

Stärkere Nutzung von Erdgas

Der Erdölkonzern PKN Orlen setzt dagegen auf eine stärkere Nutzung von Erdgas als Energiequelle. Bei einem Kraftwerk in dem zwischen Katowice und Krakow (Krakau) gelegenen Ort Trzebinia ersetzt er den bestehenden Kohlekessel durch neue Gaskessel. Ende 2018 sollen alle neuen Installationen in Betrieb sein. Die Umrüstung kostet etwa 18,7 Millionen Euro.

Mitte 2017 nahm PKN Orlen in Wloclawek ein Gas- und Dampfturbinenkraftwerk mit einer Leistung von 463 Megawatt in Betrieb, das rund 327 Millionen Euro gekostet hatte. Noch in diesem Jahr soll ein noch größeres dieser Art à 600 Megawatt am Hauptsitz des Unternehmens in Plock (Plozk) folgen. Derzeit wird dort der Bau des zweiten Blocks beendet. Die gesamte Anlage kostet rund 385 Millionen Euro.

Auch der Öl- und Gaskonzern PGNiG (Polskie Gornictwo Naftowe i Gazownictwo) plant Kraftwerksblöcke, die mit Erdgas, Methangas aus Kohlebergwerken und anderen Brennstoffen befeuert werden. Als seine derzeit wichtigsten Vorhaben nennt der Konzern den Bau eines Gas- und Dampfturbinenblocks in Zeran im Norden Warschaus, eines Kraftwerkes mit Fluidkessel in Jastrzebie-Zdroj und die Fertigstellung eines Gas- und Dampfturbinenkraftwerkes in Stalowa Wola, das PGNiG zusammen mit Tauron errichtet.

Außerdem müssten die Wärmekraftwerke des Energieversorgers PGNiG Termika in den Umweltschutz investieren, um die immer strengeren Normen zu erfüllen. PGNiG will zudem einen Block im Warschauer Wärmekraftwerk Siekierki errichten, der mit unterschiedlichen Brennstoffen befeuert werden kann. Dabei sollen der Steinkohle alternativ Abfälle oder Biomasse beigemischt werden. PGNiG erwägt außerdem weitere Übernahmen von Wärmekraftwerken und Wärmeverteilungssystemen.

(B.R.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Polen Energie, Wasser, Wärme, allgemein, Energiepolitik, Wärme- und Gasversorgung, Strom-/ Energieerzeugung, Kernkraft

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