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09.10.2017

Polen will wieder mehr Erneuerbare Energie erzeugen

Offshore-Windparks sollen Öko-Bilanz verbessern / Ausbauziel für 2020 dürfte aber verfehlt werden / Von Beatrice Repetzki

Warschau (GTAI) - Der rückläufige Trend bei der Energieerzeugung aus erneuerbaren Quellen soll sich in Polen wieder umkehren. Die inländischen Energieunternehmen Polenergia, PGE und PKN Orlen erwägen den Bau von Offshore-Windparks in der Ostsee. Eine Gesetzesnovelle soll die Bedingungen für die Teilnahme an Auktionen zur Errichtung von Erneuerbare-Energie-Anlagen verbessern. Das Betreiben kleiner Wasserkraftwerke soll sich wieder stärker lohnen. Thermalquellen sollen Wärmeenergie liefern.

Die Erzeugung von Energie aus erneuerbaren Quellen ist in Polen rückläufig. Sie betrug im 1. Halbjahr 2017 laut dem Energieregulierungsamt URE (Urzad Regulacji Energetyki) lediglich 4.947 Gigawattstunden. Im gesamten Jahr könnten 12.000 bis 15.000 Gigawattstunden produziert werden, wie der Vorsitzende des Instituts für Erneuerbare Energie IEO (Instytut Energetyki Odnawialnej), Grzegorz Wisniewski prognostiziert. Das würde einen Einbruch um bis zu 40 Prozent gegenüber 2016 bedeuten, als noch 19.959 Gigawattstunden erzeugt worden waren.

Installierte Leistung zur Energieerzeugung aus erneuerbaren Quellen nach Art (in MW)
2016 1) 2017 2)
Wind 5.807,4 5.824,4
Biomasse 1.281,1 1.323,2
Wasser 994,0 992,7
Biogas, einschließlich in der Landwirtschaft 234,0 235,6
Sonne 99,1 102,1

1) Jahresende; 2) Jahresmitte

Quelle: Energieregulierungsamt URE

Der Rückgang erfolgt trotz leicht gestiegener Kapazitäten der Kraftwerke, die erneuerbare Energiequellen nutzen. Im Jahr 2016 war die Energieproduktion mit Ausnahme der Biomasse-Beifeuerung zu Kohle noch gestiegen. Die Förderung dieser Art der Energieerzeugung war zuvor beschränkt worden.

Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen nach Art (in GWh)
2015 2016
Onshore-Wind 10.902,6 12.595,3
Biomasse 4.550,1 4.571,6
Beifeuerung von Biomasse 4.479,8 2.351,9
Wasserkraft 1.832,2 2.139,6
Biogas 857,9 1.020,8
Fotovoltaik 56,6 123,7
Insgesamt 22.679,3 22.803,0

Quelle: ARE

Laut URE lag der gesamte Stromverbrauch in Polen im 1. Halbjahr 2017 bei 83.526 Gigawattstunden. Das entspricht einer Steigerung um 2,3 Prozent gegenüber dem 1. Halbjahr 2016. Im 1. Halbjahr 2017 wurden lediglich 5,9 Prozent des Bedarfs aus erneuerbaren Quellen gedeckt. Polen hatte sich jedoch zum Ziel gesetzt, bis 2020 einen Anteil von 15,5 Prozent zu erreichen, wozu sich das Land auch gegenüber der EU verpflichtet hat.

Künftig Strom von der Ostsee

Während sich die Betreiber von Onshore-Windfarmen seit Anfang 2017 mit stark erhöhten Grundsteuern und anderen Beschränkungen konfrontiert sehen, setzen Energiekonzerne nun auf die in der Ostsee geplanten Offshore-Windparks. Polenergia S.A. verhandelt nach Informationen der Tageszeitung Puls Biznesu mit sechs bis sieben potenziellen Partnern, die vorläufige Angebote dazu eingereicht hatten. An Projekten des polnischen Energieunternehmens zeigten sich unter anderem Statoil, Vattenfall, Dong und Innogy interessiert. Eine Entscheidung soll gegen Ende 2017 fallen.

Die Planungen von Polenergia sind weiter fortgeschritten als die der beiden anderen Unternehmen, die Offshore-Projekte verfolgen. Der führende inländische Branchenkonzern PGE (Polska Grupa Energetyczna S.A.) erforscht derzeit die Umwelteinflüsse in der Ostsee. Beim Erdölkonzern PKN Orlen S.A. liegen die Vorhaben laut Puls Biznesu noch in der Schublade. Da Polen im Offshore-Bereich über keine eigene Erfahrung verfügt, ist das Know-how ausländischer Partner willkommen.

Der erste Offshore-Windpark von Polenergia, Baltyk III, mit einer Kapazität von 600 Megawatt soll Anfang 2022 ans Netz gehen. Der gleich große Zwillingspark Baltyk II soll 2026 folgen. Für beide Vorhaben liegen bereits Umweltgenehmigungen vor. Experten schätzen die Kosten zur Schaffung von 1 Megawatt auf 3 Millionen bis 4 Millionen Euro.

Die polnische Regierung beabsichtigt, Offshore-Windparks zu fördern und Projekte dafür auszuschreiben. Laut Medienberichten dürfte sie damit jedoch bis etwa Anfang 2020 warten, da dann die staatliche PGE ihre Vorbereitungen abgeschlossen haben sollte.

Auktionspraxis soll verbessert werden

Polen arbeitet an einer Gesetzesnovelle zu den erneuerbaren Energien, um das Auktionsverfahren zu verbessern. Auktionen gab es unter anderem bereits für kleine Wasserkraftwerke mit einer Kapazität von maximal 1 Megawatt. Davon gibt es in Polen derzeit 647, von denen 632 kleinen und mittleren Unternehmen, meistens Familienbetrieben, gehören. Eine solche Tätigkeit soll sich künftig durch die Gesetzesnovelle für erneuerbare Energien mit der Einführung günstigerer technischer Parameter und garantierter Einspeisevergütungen wieder stärker lohnen. Dem wirken jedoch steigende Wassergebühren entgegen. Die Gesellschaft zur Entwicklung von Kleinen Wasserkraftwerken TRMEW (Towarzystwo Rozwoju Malych Elektrowni Wodnych) erwartet, dass die Anzahl solcher Anlagen bis 2020 auf 776 steigen wird.

Prognose zum Neubau kleiner Wasserkraftwerke in Polen
2017 2018 2019 2020
Anzahl 15 19 38 57
Kapazität (in MW) 4 5 10 15

Quelle: TRMEW

Neue Geothermieprojekte

Polen will auch aus Thermalquellen Energie gewinnen. Den Landesfonds für Umweltschutz und Wasserwirtschaft NFOSiGW (Narodowy Fundusz Ochrony Srodowiska i Gospodarki Wodnej) erreichten bis Ende September 2017 insgesamt 30 Anträge zur Kofinanzierung solcher Projekte im Gesamtwert von rund 116 Millionen Euro. Davon wurden 17 positiv bewertet. Den ersten fünf Vorhaben für Probebohrungen sagte der NFOSIGW bereits 25 Millionen Euro zu.

Mit seinen Thermalquellen könnte Polen einen Großteil seines Bedarfs an Wärmeenergie decken, schätzen Experten. Über Anwendungsmöglichkeiten entsprechender Technologien wird mit Vertretern aus Norwegen und Island gesprochen. So ist zum Beispiel die norwegische Christian Michelsen Research AS an dem Projekt Geothermal4PL, das oberflächennahe Geothermie für Heizzwecke im Rahmen des geplanten Förderprogramms für den sozialen Wohnungsbau Mieszkanie Plus nutzbar machen will, beteiligt.

(B.R.)

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Heiko Steinacher

‎+49 (0)228 24 993-260

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