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22.09.2017

Programm unterstützt Compliance-gerechtes Verhalten in Lateinamerika

Skandale zeigen Korruption in der Region auf / Unternehmen treffen Vorkehrungen / Von Florian Steinmeyer

Mexiko-Stadt (GTAI) - Lateinamerika ist für deutsche Unternehmen eine der Weltregionen, in denen der Schutz vor unerlaubten Geschäftspraktiken nach innen und außen besonders wichtig ist. Verschiedene Affären zeigen, wie verbreitet Korruption ist. Mit deren Aufdeckung wird das Thema Compliance aber auch präsenter. Deutsche Firmen sollten sich auf ihrem Weg nach Lateinamerika gut wappnen. Unterstützung bietet die "Allianz für Integrität", die von deutschen Organisationen gegründet wurde. (Kontaktadressen)

An Skandalen mangelt es derzeit nicht in Lateinamerika. In Brasilien haben die Ermittlungen um den staatlichen Ölkonzern Petrobras seit 2014 zahlreiche hochrangige Politiker unter Anklage gebracht. 2016 wurde bekannt, dass mit Odebrecht der größte brasilianische Baukonzern Behördenmitarbeiter auf der ganzen Welt bestochen hat, um an Aufträge zu kommen. In Mexiko beschäftigten die gewaltigen Hinterziehungen des ehemaligen Gouverneurs Javier Duarte die Öffentlichkeit. Zudem müssen sich in vielen Ländern der Region führende Politiker zu dubiosen Finanzpraktiken erklären, die durch die Panama Papers bekannt wurden.

Deutsche Unternehmen scheinen sich bei Geschäften mit Lateinamerika also in eine Region zu begeben, die immer stärker unter Bestechung und Vorteilsnahme leidet. Umfragen in der Bevölkerung deuten jedoch darauf hin, dass nicht die Korruption zunimmt, sondern das Bewusstsein darüber, dass sie bekämpft werden muss. So hält die Studie "Beyond the Scandals" vom Inter-American Dialogue-Institut fest, dass sich zwischen 2006 und 2014 die Akzeptanz von Schmiergeldzahlungen verringert habe, während die tatsächlich erlebte Korruption in den allermeisten Ländern abnahm oder gleich verbreitet blieb.

Gesetze und Kontrollen werden strenger

Auch Unternehmen beschäftigen sich immer stärker mit Compliance-Maßnahmen und darunter besonders mit dem Thema der Korruptionsbekämpfung und -prävention. Dies liegt zum einen an der gesellschaftlich größeren Bedeutung des Themas. Gleichzeitig werden auch Gesetze und Kontrollen strenger. Brasilien ist derzeit ein gutes Beispiel dafür, welch weite Kreise die Aufdeckung der Skandale zieht. In Mexiko wurde 2016 ein Gesetzespakt verabschiedet, das unabhängige Kontrollstellen auf Bundesebene vorsieht und die Korruptionsbekämpfung auf dem Niveau der Bundesstaaten vereinheitlicht und stärkt.

Hinzu kommt die Möglichkeit, dass sich das US-Justizministerium einschaltet. Nach dem Foreign Corrupt Practices Act können sowohl Privatpersonen als auch Unternehmen in den USA angeklagt werden. Voraussetzung ist lediglich, dass eine vermeintlich in illegale Praktiken involviert Firma in den USA tätig ist oder Verbindungen dorthin hat. Odebrecht musste beispielsweise 3,5 Milliarden US-Dollar Strafe in den USA zahlen.

So schützen sich Firmen in Lateinamerika

Internationale Firmen in Lateinamerika, darunter zahlreiche deutscher Herkunft, schützen sich im Vergleich zu lokalen oder regionalen Unternehmen stärker vor Compliance-Verstößen. Unter den verschiedenen Maßnahmen werden in den letzten Jahren besonders Trainings, Audits und die Aufnahme von Antikorruptionsklauseln in Geschäftsverträgen häufiger angewandt.

Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung in lateinamerikanischen Unternehmen 2016 1)
Maßnahme Anteil 2)
Vorschriften betreffend Korruption 82
Vorgehensweisen zum Umgang mit Geschenken, Reisen und Unterhaltung für Firmenangehörige 71
Antikorruptionstrainings 70
Vertragsklauseln betreffend Korruption 66
Vorschriften über die Sorgfaltspflicht von Dritten (Third Party Due Diligence) 59
Vorgehensweisen für wohltätige Spenden 59
Antikorruptionsaudits 56
Mechanismus für anonyme Hinweise auf illegale Praktiken 51
Compliance-Officer in Vollzeit 48
Vorgehensweisen für Spenden an politische Parteien 46
Vorschriften über die Sorgfaltspflicht bei Firmenübernahmen (M&A Due Diligence) 42
Vorgehensweisen für die Zahlung legaler Unterstützungsmittel (Facilitating Payments) 38
Monitoring von Geschäftspartnern 34
Sonstige 7

1) Umfrage unter 637 Firmenvertretern in 19 lateinamerikanischen Ländern; 2) Häufigkeit der Nennung in Prozent, Mehrfachnennung möglich

Quelle: Miller & Chevalier (2016 Latin America Corruption Survey)

Trainings bilden die Grundlage für Compliance

"Zentrales Element für ein Compliance-konformes Unternehmen ist stets das Bewusstsein der Mitarbeiter, wann eine Grenzüberschreitung stattfindet," so Luiz Rubião, Geschäftsführer der brasilianischen Ingenieurs- und Softwarefirma Radix. Praktische Trainings seien daher ein wichtiges Instrument, um das eigene Unternehmen vor illegalen Praktiken zu schützen. Rubião engagiert sich im Programm "De Empresas para Empresas" (DEPE) der globalen Initiative Allianz für Integrität, die damit seit 2015 in Lateinamerika aktiv ist.

Welche Maßnahmen darüber hinaus für Mittelständler nötig sind, die in den lateinamerikanischen Markt einsteigen, hängt laut Rubião vom jeweiligen Geschäftsmodell ab. Wenn beispielsweise viele Vorprodukte in der Region beschafft werden, sollte laut dem Experten ein kontinuierliches Audit der Lieferanten etabliert werden. Gleiches gilt ihm zufolge für Handelsvertreter, wenn viele Geschäfte über sie laufen. In jedem Fall sei es sinnvoll, eine Person innerhalb der Tochtergesellschaft mit dem Thema Compliance zu beauftragen. Dieser Verantwortliche könne direkt in die Firmenzentrale berichten.

Verhaltenskodex legt die Regeln fest

María Contreras ist beim mexikanischen Logistikdienstleister Logística Arrendamiento DMT tätig, der sich auch damit beschäftigt, Compliance-Systeme in lateinamerikanischen Firmen einzuführen. Als Trainerin im DEPE-Programm berät Contreras hauptsächlich kleine und mittelständische Firmen. Ihrer Erfahrung nach sind Unternehmen besonders im Umgang mit Behörden anfällig für Korruption, etwa um Genehmigungsverfahren zu "beschleunigen".

"In unserer Firma haben wir Compliance-Trainings eingerichtet und einen Ethikkodex aufgestellt. Dem verpflichten sich alle Mitarbeiter", berichtet Contreras. Somit stehe fest, welche Praktiken verboten sind und sanktioniert werden. Für die Erstellung der Regeln können sich Unternehmen an internationalen Vorgaben wie der Norm ISO 37001 (Standard für Antikorruptions-Management) orientieren. Daneben bieten Unternehmensverbände in den verschiedenen Ländern der Region Foren zum Austausch. In Mexiko unterstützt der Arbeitgeberverband Coparmex (Confederación Patronal de la República Mexicana) durch Workshops.

Präventionsarbeit des Programms "De Empresas para Empresas"

Beim DEPE-Programm werden zunächst Compliance Officer mit Erfahrung in Antikorruptionssystemen darin geschult, ihr Wissen weiterzugeben. Sie führen Trainings durch für KMU, die keine oder wenig Erfahrungen mit Antikorruption haben. Komplettiert werden die Maßnahmen von einem internetbasierten Support Desk, der Informationen bereithält und Unternehmen bei Fragen individuell unterstützt.

Die Allianz für Integrität wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sowie von zahlreichen Partnern und Unterstützern getragen und von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) implementiert. Die Initiative wurde vom BMZ, dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und dem Deutschen Global Compact Netzwerk (DGCN) gegründet. In Lateinamerika ist die Allianz für Integrität schwerpunktmäßig in Argentinien, Brasilien und Mexiko tätig.

Internetadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Allianz für Integrität http://www.allianceforintegrity.org Globale Initiative zur Förderung von Integrität im Privatsektor
UN Global Compact http://www.unglobalcompact.org Netzwerk aus Unternehmen und Vereinten Nationen

(FST)

Dieser Artikel ist relevant für:

Mexiko, Brasilien, Argentinien, Lateinamerika Geschäftspraxis allgemein, Umgang mit Geschäftspartnern

Ulrich Binkert Ulrich Binkert | © GTAI

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