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07.12.2017

Projekte in Kasachstans Petrochemie kommen langsam voran

Abschluss der Modernisierungsarbeiten an den Raffinerien für 2018 geplant / Importabhängigkeit bei Primärkunststoffen weiterhin hoch / Von Verena Saurenbach

Almaty (GTAI) - Trotz großer Ölreserven ist die Petrochemie in Kasachstan nur schwach ausgeprägt. Schon lange angekündigte Großprojekte sollen die Importabhängigkeit verringern, vor allem von Benzin und Primärkunststoffen aus Russland. In einem Gaschemiekomplex im Gebiet Atyrau ist die Produktion von Polypropylen und Polyethylen geplant. Bis das Projekt abgeschlossen ist, werden aber noch Jahre vergehen. Deutschland ist drittwichtigstes Lieferland von Primärkunststoffen.

Kasachstan, eines der ölreichsten Länder der Erde, befand sich im Oktober 2017 mal wieder in einer Benzinkrise. Autoschlangen vor Tankstellen, der Treibstoff wurde vielfach nur gegen Coupons ausgegeben. Ende September warnte die nationale Fluggesellschaft Air Astana davor, dass der reguläre Flugverkehr aufgrund des Mangels an Kerosin gefährdet sei.

Wie ist es so weit gekommen? Laut Energieministerium waren Verzögerungen bei den Modernisierungsarbeiten an zwei von landesweit drei Raffinerien die Ursache. Hinzu kamen Lieferunterbrechungen aus Russland - russisches Benzin deckt etwa 30 Prozent des Bedarfs in Kasachstan.

Personelle Konsequenzen ließen nicht lange auf sich warten: Im Oktober wurde der stellvertretende Energieminister entlassen. Denn Engpässe aufgrund der Reparaturarbeiten an den Raffinerien hätten besser eingeplant werden müssen. Im November 2017 wurde auch der Geschäftsführer der Raffinerie in Pawlodar vor die Tür gesetzt.

Solche Krisen sind für das Land nichts neues, immer wieder sehen sich die Kasachen mit Benzinknappheit konfrontiert. Schuld daran sind die Strukturprobleme im Sektor. Da die staatlich festgelegten Preise für Benzin in der Vergangenheit zu niedrig angesetzt wurden, war es für die Ölförderer lukrativer, Rohöl zu exportieren als es im Land zu Treibstoff zu verarbeiten. Die Regierung hat hier bereits Maßnahmen ergriffen und die Preisregulierung für die meisten Benzinmarken im Jahr 2015 und für Diesel im Jahr 2016 aufgehoben.

Modernisierung der Raffinerien bis 2018 geplant

Die Petrochemie ist schon seit einer Weile einer der prioritären Sektoren in staatlichen Industrieprogrammen, aber die Umsetzung von angekündigten Großprojekten lässt meist lange auf sich warten. Pressemeldungen zufolge wurde der Plan zur Modernisierung der drei Raffinerien des Landes bereits im Jahr 2009 gefasst. Die Arbeiten an den Raffinerien in Atyrau und Pawlodar sollen - nach mehreren Verzögerungen - bis Jahresende abgeschlossen sein, in Schymkent im 2. Halbjahr 2018. Der Bau einer vierten Raffinerie wird seit einiger Zeit diskutiert.

Die Petrochemiekapazitäten Kasachstans konzentrieren sich auf die Raffinerien in Atyrau (http://www.anpz.kz), Schymkent (http://www.petrokazakhstan.kz) und Pawlodar (http://www.pnhz.kz). Die Anlagen werden vom staatlichen Ölkonzern KazMunaiGas (KMG) kontrolliert, die Raffinerie in Schymkent gemeinsam mit dem chinesischen Unternehmen CNPC. Zudem betreibt die Firma Condensat in der Nähe des Gasfelds Karatschaganak eine Mini-Raffinerie. Hinzu kommen mehrere kleine Ölverarbeiter, die aber wenig hochwertige Produkte herstellen.

Um sich von Benzineinfuhren unabhängiger zu machen, soll die lokale Produktion ausgebaut werden: Nach Abschluss der Modernisierungsarbeiten an den drei Raffinerien soll die Kapazität der Ölverarbeitung von derzeit 14,6 Millionen Tonnen auf 17,5 Millionen Tonnen steigen. Die Kosten der Ausbauarbeiten betragen mehrere Milliarden US-Dollar (US$).

Hauptprodukte der Ölverarbeitung in Kasachstan (in Mio. t)
2014 2015 2016 Jan. - Sep. 2017 *)
Benzin (inklusive Treibstoff für Flugzeuge) 3,0 2,9 2,9 2,3
Diesel 5,0 4,5 4,7 3,4
Heizöl (Masut) 3,9 3,9 3,1 2,4
Propan und Butan, verflüssigt *) 2,1 2,0 2,1 1,7

*) vorläufige Angaben

Quelle: Nationale Agentur für Statistik

Die Produktion von Ölerzeugnissen lag 2016 nach Angaben der Agentur für Statistik bei etwa 16,9 Millionen Tonnen. Der Produktionswert in der Mineralölverarbeitung erreichte umgerechnet circa 1,8 Milliarden US$. Damit ist der Sektor noch relativ schwach ausgeprägt: Während die Ölförderung für rund 40 Prozent der Industrieproduktion im Land steht, kommt die Mineralölverarbeitung gerade einmal auf 3 Prozent.

Vor allem der gesunkene Ölpreis hatte den Sektor in den letzten Jahren hart getroffen: 2015 wurde real um 5,2 Prozent weniger produziert, im Jahr 2016 stagnierte die Mineralölverarbeitung. Dank der wachsenden Ölproduktion wird für 2017 wieder ein stabiles Wachstum von 5 Prozent erwartet.

Baustart bei Gaschemiekomplex in Atyrau steht bevor

Auch was die Weiterverarbeitung von Ölprodukten angeht, steht Kasachstan nicht wirklich gut da. Die Kunststoffindustrie ist stark von importierten Vorprodukten abhängig: Schätzungen zufolge stehen Einfuhren für rund 70 Prozent des Bedarfs an Primärkunststoffen. Im Jahr 2016 hat Kasachstan Primärkunststoffe für über 400 Millionen US$ importiert, knapp die Hälfte aus Russland. Deutschland belegte Platz drei der Lieferländer mit einem Anteil von 6 Prozent. Bei den kasachischen Importen entfällt gut ein Drittel auf Polyethylen.

Kasachstan möchte auch hier seine Importabhängigkeit verringern. Ein bereits seit rund zehn Jahren diskutiertes Großprojekt im Gebiet Atyrau soll nun endlich Abhilfe schaffen. Der Baustart an dem Gaschemiekomplex soll Pressemeldungen zufolge im Dezember 2017 starten, die Bauzeit beträgt etwa 42 Monate.

In dem Gaschemiekomplex ist in der ersten Stufe vor allem die Produktion von Polypropylen geplant, später kommt Polyethylen hinzu. Während sich die erste Phase ihrer Umsetzung nähert, ist der kasachische Projektbetreiber KLPE für die zweite Stufe noch auf der Suche nach einem neuen Partner. Das südkoreanische Unternehmen LG Chem hat sich Anfang 2016 von dem Vorhaben zurückgezogen. Als Grund gab das Unternehmen gestiegene Kosten und die niedrigen Ölpreise an.

Ausgewählte Großprojekte der Petrochemie in Kasachstan
Akteur/Projekt Investitionssumme (in Mio. US$) Projektstand Anmerkungen
Modernisierung der Ölraffinerien Atyrau, Pawlodar und Schymkent Circa 6.000 Im Gang; geplante Fertigstellung: 2018 KazMunaiGas, ausländische Partner; Kapazitätsausbau von 14,6 Mio. auf 17,5 Mio. t pro Jahr
Bau eines Gaschemiekomplexes im Gebiet Atyrau Rund 2.000 (1. Stufe); Kosten für 2. Stufe etwa 4.000 Geplanter Baubeginn an 1. Stufe im 4. Quartal 2017; voraussichtliche Bauzeit: drei bis vier Jahre 1. Stufe: Produktion von 500.000 t Polypropylen pro Jahr; Projektbetreiber: KPI (http://www.kpi.kz), EPC-Auftragnehmer China National Chemical Engineering (CNCEC); 2. Stufe: Produktion von 800.000 t Polyethylen pro Jahr; Projektbetreiber: KLPE (http://www.klpe.kz); auf der Suche nach neuem strategischen Partner

Quellen: Pressemeldungen; Recherchen von Germany Trade & Invest

Sonderwirtschaftszonen entstehen

Rund um den Gaschemiekomplex in Atyrau wird derzeit eine Sonderwirtschaftszone aufgebaut (http://www.nipt.kz). Investoren können sich dort zu vergünstigten Bedingungen niederlassen. Schwerpunktbranchen sind Chemie und Petrochemie. Eine weitere Sonderwirtschaftszone in diesem Bereich ist bereits in Pawlodar im Betrieb (http://sez-pvl.kz/). In Taraz entsteht ein Chemiepark, in dem auch Unternehmen der Petrochemie eine Niederlassung angekündigt haben (http://www.seztaraz.kz). So plant hier das Unternehmen Central Asia Chemical die Produktion von Polymeren des Ethylens. Das Werk soll im 4. Quartal 2018 den Betrieb aufnehmen, 60.000 Primärkunststoffe pro Jahr sollen hergestellt werden.

Auch deutsche Unternehmen sind im kasachischen Öl- und Gassektor aktiv. Vertretungen in Kasachstan haben unter anderem BASF, Böhmer Armaturen, Linde Gas, Siemens, Netzsch sowie SAP. Vom staatlichen Ölkonzern KazMunaiGas hat SAP schon Aufträge an Land gezogen.

Ölförderung wächst 2017 stark

An Rohöl für die Vorhaben wird es in Kasachstan nicht mangeln: Durch den Förderstart am Ölfeld Kaschagan steigt die Ölförderung wieder robust. Im Jahr 2017 sollen es etwa 85 Millionen Tonnen werden - im Jahr 2016 waren es noch 78 Millionen Tonnen.

Wachstum der Ölproduktion in Kasachstan *)
2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022
Ölförderung (inkl. Gaskondensat, in Mio. t) 80,8 79,5 78,0 84,5 86,0 87,0 87,3 87,5 88,6
Reales Wachstum (in Prozent) -1,2 -1,7 -1,8 8,3 1,8 1,2 0,3 0,2 1,3

*) ab 2017 Schätzung bzw. Prognosen

Quellen: Agentur für Statistik; Prognosen: Wirtschaftsministerium

(VESA)

Dieser Artikel ist relevant für:

Kasachstan Produktionsanlagen für Chemie, Petrochemie und Pharmazie, Petrochemie

Kontakt

Verena Saurenbach

Wirtschaft

‎+49 228 24 993 283

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