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22.01.2018

Protektionismus fordert deutsche Investoren heraus

Änderungen der Investitionsbedingungen an bedeutenden Produktionsstandorten / GTAI untersucht Umfeld in zehn Ländern / Von Christian Overhoff

Bonn (GTAI) - Rückschläge im Freihandel in wichtigen Partnerländern bedeuten für deutsche Investoren einen schwereren Stand. Russlandsanktionen, Neuverhandlungen von Handelsabkommen durch die US-Regierung oder steigender Staatseinfluss auf die Wirtschaft in China: Das Umfeld für Investoren ändert sich ständig. Auch Fachkräftemangel oder marode Infrastruktur stellen Unternehmer vor große Herausforderungen. Germany Trade & Invest analysiert die Perspektiven für deutsche Investoren in zehn Ländern.

Die GTAI-Publikation "Trends - Investitionschancen und -risiken" gibt einen Überblick über die Rahmenbedingungen in Argentinien, China, Frankreich, Indien, Polen, Russland, Südafrika, Tschechien, der Türkei und den USA (http://www.gtai.de/investitionschancen-und-risiken-weltweit).

Das Klima für ausländische Investoren wird in vielen wichtigen Märkten rauer. Deutsche Investoren in den USA fürchten zum Beispiel Nachteile für den Fall, dass die USA das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) mit Kanada und Mexiko kündigen. Protektionismus sehen fast 90 Prozent von knapp 100 Unternehmen, welche die Amerikanische Handelskammer 2017 in Deutschland befragte, als größte Bedrohung für die transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen. Auch eine Bevorzugung der US-Industrie bei öffentlichen Aufträgen kommt bei den Firmen schlecht an.

Chancen erhoffen sie sich durch die Pläne für Infrastrukturinvestitionen, die im Dezember verabschiedete Steuerreform und den angekündigten Bürokratieabbau. So wird allein der Steuersatz für Unternehmen (corporate tax) von 35 auf 21 Prozent massiv gesenkt.

Deutsche Firmen besorgt über chinesische Wettbewerber

In der Volksrepublik China profitieren Produkte deutscher Herkunft vom Renommee des Labels "Made in Germany". Gleichzeitig dringt die einheimische Konkurrenz in angestammte Hightech-Bereiche deutscher Firmen vor: 35 Prozent der befragten deutschen Unternehmen halten es laut einer Umfrage für mindestens wahrscheinlich, dass ein chinesischer Wettbewerber innerhalb der nächsten fünf Jahre in ihrer jeweiligen Branche die Innovationsführerschaft übernimmt. Neue Gefahren von ungewolltem Abfluss von Know-how entstehen etwa durch den verstärkten Zugriff des chinesischen Staates auf den Datenverkehr.

Auch die Beschwerden über Handelshemmnisse und den vom chinesischen Staat erzwungenen Tausch von Technologie gegen Genehmigungen häufen sich. Unternehmensvertreter klagen zudem über das Verbot von Firmenübernahmen, verzögerte Produktzulassungen oder das lange Aufhalten ihrer Ware beim Zoll.

In Russland treibt deutsche Unternehmen die Sorge vor neuen US-Sanktionen um. Außerdem trüben fehlende Rechtssicherheit und aktuelle Betrugsfälle die ansonsten guten Perspektiven: Die Wirtschaft des Riesenreichs ist wieder auf Wachstumskurs. Für 2018 wird immerhin ein Anstieg von 1,6 Prozent erwartet. Ausländische Investoren werden mit offenen Armen empfangen und erhalten finanzielle Vergünstigungen, wenn sie ihre Produktion ins Land holen. Allerdings haben sich dabei die Anforderungen seit Jahresbeginn verschärft. So muss zur Anerkennung eines Kfz als "Made in Russia" ein höherer Anteil bei Schlüsselkomponenten im Land gefertigt werden, etwa bei Motor, Getriebe und Elektronik.

Schwieriger ist auch das Geschäft in Polen geworden. Mit der Regierungsübernahme durch die rechtskonservative PiS-Partei ist die Wirtschaftspolitik weniger berechenbar geworden. Zudem habe die politische Stabilität gelitten, klagen deutsche Unternehmen. Vor allem eine Ende 2015 losgetretene Gesetzeslawine hat viele Unternehmen verunsichert. Immer sichtbarer wird der zunehmende wirtschaftliche Patriotismus. Die Regierung baut auch das sehr breite Angebot an Fördermöglichkeiten in Richtung einer höheren lokalen Wertschöpfung um. Punkten kann Polen mit dem Ausbau der Infrastruktur oder den immer noch vorhandenen Fachkräften. Großkonzerne wie Daimler, LG Chem oder Lufthansa kündigten in den letzten Monaten Vorhaben im Wert von jeweils dreistelligen Millionensummen an.

Den Spitzenplatz im Ranking der Standortattraktivität der deutschen Auslandshandelskammern in Mittelosteuropa musste Polen in Folge der Verunsicherung der Unternehmen 2017 an Tschechien abgeben. Dabei wachsen in Prag Chancen und Risiken gleichermaßen. Da die Lohnkostenvorteile schwinden, muss Tschechien verstärkt auf höhere Wertschöpfung in der Industrieproduktion setzen, auf moderne Technologien und Automatisierung. Entsprechend ändert sich die Förderlandschaft. Außerdem wird der Fachkräftemangel zunehmend spürbar. In Folge fließen mehr Mittel in Automatisierungslösungen und die Digitalisierung der Wirtschaft. Weiterhin starke Investitionszuflüsse sind im Transport- und Logistiksektor zu erwarten.

Wesentlich dramatischer als in Polen ist die Lage für Investoren in der Türkei. Die hohen geopolitischen Risiken, der radikale Umbau des türkischen Staates zu einem autoritären Präsidialsystem und die anhaltenden Spannungen mit der Europäischen Union und den USA beeinträchtigen das Investitionsklima im Land. Das Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit ist wegen der Zwangsverstaatlichung von etwa 1.000 Unternehmen seit Mitte 2016 erschüttert. Zudem bleiben Bürokratie und Korruption in der Verwaltung wichtige Hindernisse. Trotzdem zeigen sich deutsche Unternehmen in Umfragen eher zuversichtlich, was ihre Geschäftsentwicklung in der Türkei anbelangt.

Frankreich will 15 Milliarden Euro mehr in Berufsausbildung investieren

Etwas weniger im Rampenlicht steht Deutschlands Nachbar Frankreich. Deutsche Investoren bewerten die Attraktivität des Landes im europäischen Vergleich als eher gering. Als wichtigste Baustelle werden eine Flexibilisierung der Arbeit und des Arbeitsrechts genannt - eine Forderung, der Präsident Emmanuel Macron nun mit Reformvorhaben begegnet. Zudem kündigte die Regierung an, Unternehmenssteuern und die Kapitalbesteuerung zu senken. Den Facharbeitermangel will die Politik durch ein 15 Milliarden Euro teures Ausbildungsprogramm mindern. Die Geschäftserwartungen haben sich bereits verbessert und deuten auf einen breiten Aufschwung hin: Die Wirtschaft wird 2018 voraussichtlich um nahezu 2 Prozent wachsen.

Reformen stehen auch in Argentinien und Indien auf der Agenda. In Argentinien verbesserte das gute Abschneiden des Mitte-Rechts-Regierungsbündnisses Cambiemos bei den Parlamentswahlen im Herbst 2017 die Aussichten für die Umsetzung dringend erforderlicher Strukturreformen (Steuern, Arbeitsmarkt, Renten).

In Indien setzte die Regierung Modi 2017 bereits wichtige Wirtschaftsreformen um. Die Investitionen belebt die im Juli 2017 eingeführte Steuerreform rund um die Goods and Services Tax (GST), welche die größte seit Öffnung der Wirtschaft 1991 ist. Die GST soll ein landesweit einheitliches System der indirekten Steuern schaffen. Vereinfacht wurde auch das Insolvenzrecht. Zudem implementierte die indische Regierung 2015 ein Schnellverfahren für deutsche Firmen zur Reduzierung von Behördengängen und Genehmigungen.

Im Gegensatz zur VR China benachteiligt Indien nur noch in Ausnahmefällen ausländische Investoren. In vielen Branchen können sich ausländische Firmen zu 100 Prozent beteiligen. Ausnahmen betreffen nur wenige Branchen, zum Beispiel Medien und Lotterien oder reine Finanzinvestments. Ein großes Problem bleibt für viele Unternehmen die Beschaffung von Land. Und die Suche nach qualifiziertem Personal wird schwieriger. "Obwohl Indien über eine große Anzahl englischsprachiger, junger Ingenieure verfügt, ist ihre ´Beschäftigungsfähigkeit` gering", erklärt Rajesh Nath, Managing Director des Verbindungsbüros des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) in Indien.

Die gesamte Internetpublikation finden Sie unter: http://www.gtai.de/investitionschancen-und-risiken-weltweit

(CO)

Dieser Artikel ist relevant für:

Argentinien, Südafrika, China, Indien, Frankreich, Polen, Russland, Tschechische Republik, Türkei, USA Wirtschaftsförderung, Industriepolitik, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Investitionen aus dem Ausland / Joint Ventures

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