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15.06.2018

Rumäniens Landwirtschaft kann noch viel ernten

Land ist größter Getreideexporteur der EU / Erheblicher Nachholbedarf an Ausrüstung / Von Michael Marks (Mai 2018)

Bukarest (GTAI) - Rumäniens Landwirtschaft erzeugt immer neue Rekordernten. Doch der Sektor leidet noch an den Nachwehen der Wendezeit. Vor allem der zersplitterte Grundbesitz und die daraus folgende Investitionsschwäche bilden Hindernisse. Die modernen Großunternehmen sind hingegen gut gerüstet. Die extreme Polarisierung wirkt auf die gesamte Wertschöpfungskette. Der Handel mit nicht veredelten Primärprodukten bleibt daher noch typisch für das rumänische Agribusiness.

"Die Landwirtschaft ist Rumäniens Wette, die wir zu gewinnen hoffen. Es gibt viel zu tun im Sektor jenseits der Rekorderzeugung. Leider exportieren wir Rohstoffe. Es ist an der Zeit, in Rumänien zu produzieren, ?, Erzeugnisse mit der höchsten Wertschöpfung zu verkaufen." So umschrieb jüngst Mihai Daraban, Präsident der Industrie- und Handelskammer Rumäniens, Glanz und Elend, aber auch die Herausforderungen und Möglichkeiten der einheimischen Agrar- und Ernährungswirtschaft.

Agrarsektor steht vor vielen Herausforderungen

Der Agrarsektor ist traditionell bedeutend. Der politische Umbruch 1989/90 brachte erhebliche Reibungen mit sich, die bis heute nachwirken. Die Landwirtschaft sieht sich mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert: Zersplitterung des Bodeneigentums, geringe Investitionen und Produktivität, unzureichende Bewässerungssysteme, Abhängigkeit von der pflanzlichen Erzeugung. Hinzu kommen: begrenzte finanzielle Ressourcen, ein überalteter Ausrüstungsstand, Arbeitsmigration, Überalterung der Landwirte und begrenztes landwirtschaftliches Know-how.

Noch heute beschäftigt die Landwirtschaft fast jeden vierten Erwerbstätigen. Ein bedeutendstes Segment bildet die pflanzliche Erzeugung mit nahe 70 Prozent, während die Tierzucht gerade 30 Prozent zum Gesamtergebnis beisteuert. Rumänien ist als EU-Mitglied Teil der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) und ihrer Umsetzung. Über den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) 2014 bis 2020 profitiert Rumänien von einer Zuteilung über 8,13 Milliarden Euro plus 1,34 Milliarden Euro aus dem nationalen Haushalt.

Fakten zur Landwirtschaft in Rumänien
2017 1)
Einwohner (Millionen) 19,494 2)
Ackerfläche (in Millionen Hektar; Daten für 2016) 12,506
Anteil der Landwirtschaft an der Entstehung des BIP (in Prozent) 4,4
Exporte Agrargüter in Mio. Euro (CPA 2008)2) 3.978,9

1) Wenn nicht anders vermerkt; 2) Im Jahr 2025: 18,229 (Prognose); 3) Inklusive Forst- und Forstbetriebsprodukte und Fisch

Quellen: Europäische Kommission; Statistikamt Rumäniens (INS), http://www.populationpyramid.net/romania/2025/

Landwirtschaft mit Perspektive

Landwirtschaftsminister Petre Daea ist unzufrieden mit der Handelsbilanz bei Agri-Food-Produkten: "Wir importieren viel und bisweilen von fragwürdiger Qualität. Unverarbeitete Produkte machen den Großteil unserer Exporte aus." Ungeachtet dessen eilt die Landwirtschaft von Rekord zu Rekord. Etwa 12.000 größere Betriebe mit Abnehmern im In- und Ausland sind vor allem mit nicht veredelten Primärprodukten wie Getreide, Ölsaaten und Lebendvieh befasst. Die Agrarausfuhren lagen 2017 bei rund 4 Milliarden Euro. Rund zwei Drittel davon entfielen allein auf die 20 größten Agrar-Exporteure des Landes. Die Top 3 dieser Gruppe stellten ausländische Unternehmen und stammten aus China, den USA und der Schweiz - alle mit dem Getreidehandel befasst. Rumänien ist der größte Getreideexporteur der EU.

Die pflanzliche Erzeugung verbuchte 2017 einen generellen Anstieg, so auch bei den Hauptarten Getreide, getrocknete Hülsenfrüchte, Ölsaaten, Zuckerrüben, Kartoffeln und Gemüse. Im EU-Vergleich lag Rumänien mit Blick auf die Anbaufläche und Erzeugung bei Sonnenblumen auf dem ersten Platz. Bei Mais verfügte das Land über die größte Anbaufläche, während nur Frankreich eine größere Erzeugung auswies. Bei Weizen erreichte das Balkanland hinsichtlich Anbaufläche und Erzeugung den fünften Platz. Bei Kartoffeln stand die viertgrößte Anbaufläche der sechstgrößten Erzeugung gegenüber.

Im Bereich der tierischen Veredelung ging der Bestand an Schweinen und Rindern und Geflügel in den letzten Jahren tendenziell zurück. Bei Rindern erreichte er jeweils nur noch rund zwei Drittel von 2006. Zuwächse gab es bei Schafen und Ziegen (+37 Prozent zu 2006). Die Schlachtungen stiegen 2017 zum Vorjahr bei Schweinen, Schafen und Ziegen mit Rückgang für Rindvieh und Geflügel. Das Schlachtgewicht stieg für alle Arten. Im Jahr 2017 lancierte das Landwirtschaftsministerium eine Musterkampagne "Choose the Sheep".

Hierdurch sollten der inländische Verbrauch sowie die Exporte der Fleisch verarbeitenden Industrie exemplarisch angestoßen werden. Ein Förderprogramm für die Entwicklung der Schweinemast 2017 bis 2020 sieht 446 Millionen Euro vor, um die wachsenden Importe durch Ware aus eigener Produktion zu ersetzen. Die deutsche Kette Kaufland unterstützt das "rumänische Regal" zur Entwicklung der kleinen rumänischen Landwirte.

Rumäniens Agrarstruktur erscheint im EU-Vergleich extrem polarisiert. Den Großteil stellen Klein- und Kleinstbetriebe, die als (Semi-) Subsistenzeinheiten primäre Agrarprodukte für den Eigenverbrauch erzeugen. Sie lassen eine horizontale und vertikale Integration in die Produktionskette nicht zu. Ihnen stehen wenige konkurrenzfähige Großbetriebe gegenüber. So ist Agricost auf der großen Braila Insel in der Donau mit einer gepachteten kultivierten Fläche von fast 57.000 ha der größte landwirtschaftliche Nutzbetrieb in der EU. Die mittelgroßen Betriebe, sonst Rückgrat der europäischen Landwirtschaft, sind nur schwach repräsentiert.

Trotz historisch bedingter Vorbehalte sind Zusammenschlüsse und Kooperationen zu stärken. Es bedarf neuer Produktionsstrukturen, von der Landkonsolidierung und Ausweitung der bewässerten Fläche über einen höheren Anteil der Viehzucht bis hin zu einem verbesserten Finanzierungszugang und Ausbau der landwirtschaftlichen Forschung. Experten rechnen mit mindestens zwei Jahrzehnten, bis das Durchschnittsniveau der EU erreicht ist.

Großbetriebe nutzen Hightech

Die Nutzung moderner Technologien spiegelt die Gegensätzlichkeit der Landwirtschaft wider. Auf der einen Seite stehen fast noch steinzeitliche Bewirtschaftungstechniken, auf der anderen Seite Hightech in jeder Form, ob Präzisionslandwirtschaft, die Integration neuer Informations- und Kommunikationstechnik, die Anwendung der Biotechnologie, Wassermanagement oder automatisierte Pflanz- und Erntemethoden bis hin zu Flugrobotern. In der Breite der Einführung liegt Rumänien aber noch zurück.

Rumänien weist mit 1.958 Euro je Hektar (2016) laut Eurostat die niedrigsten Kosten für Ackerland in der EU auf. Dies hat in der Vergangenheit zu Landgrabbing-Phänomenen geführt. Das Nationale Programm zur ländlichen Entwicklung stellt nicht nur auf die Entwicklung der Landwirtschaft, sondern der ländlichen Regionen ab. Investitionen sind in die Infrastruktur vorgesehen, so für Straßenanbindungen (237 Millionen Euro) und Bewässerungssysteme (435 Millionen Euro).

Projekte landwirtschaftlicher Betriebe
Investitionsprojekt /Kreis Projektverantwortlicher Projektstand Anmerkung/Wert (in Mio. Euro)
Maxagro (Timis): Anschaffung von 4.000 Hektar, Erhöhung des Rinderbestandes Ianco Zifceak:maxagro@yahoo.com Kredite für die Investition sind genehmigt. 22
Dachim (Cluj): Modernisierung einer Lagerstätte für Getreide mit 40.000 t Kapazität Dan Feleadachimsrl@yahoo.com Aufruf von EU-Fördermitteln wird erwogen 2
Agromar (Ialomita): Eröffnung neuer Lagerstätten Florin Coltuneac office@agromarbalotesti.ro Projekt in der Ausführung 2
Serra Ivas (Constanta): Bau eines Tomaten-Gewächshauses/1 Hektar Andrei IantocAndrei_iantoc@yahoo.com EU-Fördermittel sollen beantragt werden 1
Transylvania Invest (Arad): Bau eines Silos Sergiu Gobansergiu.gorban@transylvaniainvest.ro Fertigstellung 2018 0,6

Quellen: GTAI-Recherchen; Medienberichte

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht Zoll und Ausschreibungen in Rumänien sind unter http://www.gtai.de/rumaenien abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Rumänien Pflanzenproduktion, Tierproduktion

Kontakt

Christian Overhoff

‎+49 228 24 993 321

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