Suche

02.02.2016

Russische Wirtschaftskrise verschärft sich

Regierung entwirft neuen Anti-Krisen-Plan / Konsumenten pessimistisch gestimmt / Investitionen sinken im dritten Jahr / Von Bernd Hones und Edda Wolf

Moskau (gtai) - Die wirtschaftlichen Aussichten für Russland verschlechtern sich zusehends. Je stärker der Ölpreis abstürzt, desto tiefer fällt die russische Wirtschaft 2016. Durch den Ölpreisrutsch droht im Staatsbudget eine Lücke von umgerechnet 36 Mrd. Euro. "Darum steht der Höhepunkt der Krise erst bevor", warnt Ex-Finanzminister Alexej Kudrin. Als Reaktion arbeitet die Regierung eilig einen neuen Anti-Krisen-Plan aus und sucht Einsparpotenzial. In Gefahr sind vor allem Großprojekte im Infrastrukturbau.

Russlands ehemaliger Finanzminister Alexej Kudrin warnt vor einer Verschärfung der Rezession. Der starke Absturz des Ölpreises schaffe eine neue Realität. Der Preis für russisches Rohöl der Sorte Urals ist seit Jahresbeginn auf das niedrigste Niveau seit 12 Jahren abgesackt - 26 US$ pro Fass am 20.1.2016. Daraufhin stürzte der Außenwert des Rubels auf einen neuen Tiefstand: ein Euro kostete 88,20 Rubel. "Darum liegt der Höhepunkt der Krise noch vor uns", sagte Kudrin auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos.

Ein weiterer Verfall des Rohölpreises kurzfristig - "für einige Monate" - auf 20 $ pro Fass oder darunter sei nicht auszuschließen. Den Durchschnittspreis für 2016 schätzt Kudrin auf 25 bis 30 $. Das bedeutet weiteren Druck auf den Rubel - und eine höhere Inflation. Damit verbunden ist ein erneuter Rückgang der Realeinkommen (2015: -9,5%) - laut Kudrin in diesem Jahr um 7%.

Wirtschaftsleistung sinkt 2016 weiter

Die russische Schreckensvorstellung eines Ölpreises von nur noch 20 $ pro Fass wird inzwischen immer wahrscheinlicher, glaubt Chris Weafer von Macro-Advisory, vor allem da der Iran seine Erdölausfuhren rasch wieder aufnehmen will. Sollte der Ölpreis zeitweise auf 20 $ fallen und im Jahresschnitt nur 30 $ betragen, stünden Russland sehr schmerzvolle Zeiten bevor. Ein Ölpreisverfall um 10 $ würde eine Verringerung des Bruttoinlandsprodukts um ein ganzes Prozent bedeuten, hat die Citibank errechnet. Mit anderen Worten, bei einem Ölpreis von 30 $ würde sich die russische Wirtschaftsleistung um 2 bis 3% verringern. Auch andere Russlandexperten haben ihre Prognose für 2016 jüngst nach unten korrigiert.

Der Negativtrend dürfte frühestens 2017 zum Halt kommen. Und danach? Die Erdölpreise werden wahrscheinlich kaum steigen. "50 $ pro Fass in zwei bis drei Jahren - das ist immer noch ein niedriger Preis", so Kudrin. Deshalb rechnen selbst Optimisten wie Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew bis 2020 mit Wachstumsraten von höchstens 1,5 bis 2,0%. Selbst wenn Russlands Wirtschaft Ende 2016 oder Anfang 2017 von Rezession auf Stagnation umschaltet, sollte also niemand große Sprünge erwarten.

Wirtschaftliche Entwicklung 2014 bis 2017 (reale Veränderung ggü. dem Vorjahr in %)
2014 2015 1) 2016 2) 2017 2)
Bruttoinlandsprodukt (BIP) 0,6 -3,7 -1,0 0 bis 1,0
Bruttoanlageinvestitionen -2,5 -8,4 -2,8 1,5 bis 2,0
Privater Verbrauch 1,9 -10,0 -4,0 -2,5 bis 2,0
Einfuhr (cif) 3) -9,7 -37,7 -3,3 3,5 bis 4,0

1) vorläufige Angaben von Rosstat; 2) Prognose; 3) Waren und Dienstleistungen

Preis für Rohöl Urals pro Fass im Jahresschnitt 2015: 52 $; 2016 und 2017: 50 $

Quellen: Russische Zentralbank (Prognose vom Dezember 2015), Rosstat

Neuer Anti-Krisen-Plan 2016

Im Staatsbudget droht wegen des niedrigen Ölpreises eine Einnahmelücke von 3 Billionen Rubel - umgerechnet 36 Mrd. Euro. Dies schätzt Finanzminister Anton Siluanow für den Fall, dass der Ölpreis auf dem aktuellen Niveau von 27 $ pro Fass bleibt und sich nicht wieder erholt. Die Staatsausgaben 2016 müssen nun erneut angepasst werden, nachdem die Regierung bereits im Dezember eine Kürzung um 10% beschlossen hatte.

In dieser Notsituation entwerfen das Finanzministerium und das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung eilig einen Anti-Krisen-Plan. Das Hilfs- und Reformpaket sieht Ausgaben von 750 Mrd. Rubel (9 Mrd. Euro) vor, sagte Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew. Es enthält 96 Punkte in vier Kapiteln: 1. Unterstützung für die Regionen, 2. Unterstützung für einzelne Wirtschaftszweige (Automobilindustrie, Transportmaschinenbau, Leichtindustrie, Landwirtschaft), 3. soziale Maßnahmen, 4. strukturelle Reformen und Deregulierung. So sind etliche Schritte geplant, um das Geschäftsklima für kleine und mittlere Unternehmen zu verbessern. Die wichtigsten Finanzierungsquellen sind der Bundeshaushalt (310 Mrd. Rubel Kassenkredite für die Regionen, bereits 2015 beschlossen) und der Anti-Krisen-Fonds der Regierung (etwa 216 Mrd. Rubel).

Mit den sozialen Maßnahmen sollen die Auswirkungen der Krise für die Bevölkerung abgemildert werden, sagte Vizepremier Olga Golodez. Es stehen Parlamentswahlen im September 2016 und Präsidentenwahlen im Jahr 2018 an.

Privathaushalte stehen vor einem noch härteren Jahr

Millionen Menschen in Russland bangen um ihren Job. Viele arbeiten bereits Kurzzeit oder sind Opfer von Entlassungswellen geworden. Ganz ohne Zweifel wird es 2016 noch viel schlimmer. Wer mit großen Sorgen lebt, der spart an allen Ecken und Enden. Teure Reisen ins Ausland fallen als erstes dem Rotstift zum Opfer, ebenso langlebige Haushaltsgüter, Automobile oder Unterhaltungselektronik. Deshalb werden die Einzelhandelsumsätze 2016 erneut deutlich sinken.

Jeder zweite in Russland ist sogar gefährdet, in den Kreis der Ärmsten in der Gesellschaft abzusteigen. Davor warnen Wissenschaftler der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Verwaltungswesen (RANChiGS) und Mitarbeiter des Analysezentrums beim Präsidenten der Russischen Föderation (AZ).

Die Gründe liegen auf der Hand. Sergei Smirnow, der leitende Wissenschaftler am Institut für Gesellschaftswissenschaften (INION RAN) rechnet 2016 mit sinkenden Reallöhnen, Rentenanhebungen deutlich unter dem Inflationsniveau und geringeren Sozialleistungen aufgrund schrumpfender Staatseinnahmen. Smirnow glaubt, die Zahl der Armen in Russland könnte sich verdoppeln. Dabei sei die Zahl der Armen bereits im Laufe des 2. Halbjahres 2015 um 10% auf 22 Millionen Menschen gestiegen.

Investitionen sinken wegen Absatz- und Finanzierungskrise

Der niedrige Ölpreis, Sanktionen und Gegensanktionen, teure Kredite bei grassierender Inflation - all das führt zu Zurückhaltung bei russischen Firmen. Sie werden 2016 noch weniger Kapital für den Aufbau neuer oder die Modernisierung bestehender Kapazitäten in die Hand nehmen. Dabei schrumpfen die Bruttoanlageinvestitionen auf Rubelbasis bereits seit drei Jahren - allein 2015 um 8,4%. Umgerechnet in Euro oder US-Dollar sind sie sogar um über ein Viertel eingebrochen.

Die Absatzchancen werden für russische Unternehmen immer schlechter. Die von Rohstoffen dominierte russische Exportwirtschaft leidet unter den mickrigen Öl- und Stahlpreisen. Lukoil hat Mitte Januar angekündigt, bei einem Ölpreis von unter 24 $ pro Fass einige Projekte zu stoppen. Das trifft dann auch die Zulieferer, wie TMK.

Abgespeckte Großprojekte

Viele Großprojekte kommen nicht richtig vom Fleck, werden verkleinert oder ganz gestrichen. Die Pipeline Altaj - eine direkte Gaspipeline von Russland in die Volksrepublik China - ist komplett vom Tisch. Dagegen stehen die Zeichen für die Pipeline Sila Sibiri besser. Die Bauarbeiten laufen. Der deutsche Linde-Konzern wird Technologiepartner für das Amur Gasverarbeitungswerk, das über diese Pipeline versorgt wird. Auch das North-Stream 2-Projekt ist auf den Weg gebracht. Gute Chancen gibt es für die dritte Start- und Landebahn in Scheremetjewo, die Brücke über die Kertscher Meerenge zur Halbinsel Krim und die Eisenbahnumgehung der Ukraine.

Der Fertigbau des zentralen Autobahnrings um Moskau (ZKAD) steht zwar auch auf der Prioritätenliste des Transportministeriums. Aber die Ausschreibungsfrist für den vierten Bauabschnitt wurde im Oktober 2015 zum vierten Mal verschoben - auf den 24.2.2016. Erstens ist es wegen der schwierigen Wirtschaftslage unklar, in welchem Umfang sich der Staat mit Budgetmitteln an dem PPP-Projekt beteiligen kann. Zweitens sind die Finanzierungs- und Selbstkosten gestiegen.

Wegen der Mittelkürzungen nimmt die Straßenbaubehörde Rosavtodor 2016 Abstand von Neubauvorhaben. "Neue Objekte wird es nicht geben - nur begonnene, die aus 2014 bis 2015 abgeschlossenen Verträgen resultieren. Verbleiben außerdem Verträge, welche 2012 bis 2013 über 5,5 Jahre abgeschlossen worden waren", so der Leiter von Rosavtodor Roman Starowojt gegenüber der Nachrichtenagentur TASS.

Die Sportstadien, die zur Fußball-WM 2018 in Russland geplant sind, werden sicher gebaut. Allerdings: Mehrere Stadien werden deutlich kleiner ausfallen als zunächst geplant. Die Baukosten sind gedeckelt - auf Rubelbasis. Geschäftschancen gibt es demzufolge weiterhin, aber nicht mehr in dem Maße wie sich das deutsche Unternehmen einst erhofft hatten.

(H.B./E.W.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Verkehrsinfrastrukturbau, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten

Kontakt

Edda Wolf

‎+49 (0)228 24 993-214

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechts-informationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche