Suche

11.03.2014

Russland und Deutschland sind wirtschaftlich eng verflochten

Russland steht unter den deutschen Handelspartnern an 11. Stelle / Deutschland profitiert vom Modernisierungsbedarf des östlichen Nachbarn / Von Bernd Hones

Moskau (gtai) - Im Krim-Konflikt werden Sanktionen der EU gegen Russland erwogen. Für die deutschen Unternehmen hätten Wirtschaftssanktionen verheerende Folgen. Denn Russland und Deutschland sind ökonomisch eng miteinander verwoben. Unterm Strich ist nicht nur Deutschland als Gaskunde und Technologielieferant für Russland wichtig. Russland hat als Absatzmarkt auch große Bedeutung für deutsche Firmen. Viele Betriebe mit hunderttausenden Arbeitsplätzen leben von der Nachfrage Russlands nach Maschinen und Konsumgütern.

Deutschen Geschäftsleuten eilt in Russland ein ausgezeichneter Ruf voraus. Sie gelten als zuverlässig und kompetent, so zumindest die Erwartungen. Das hohe Vertrauen in deutsche Produkte spiegelt sich in der Außenhandelsstatistik wider: Im Jahr 2013 exportierte die deutsche Wirtschaft laut Destatis Waren im Wert von 36,1 Mrd. Euro ins größte Land der Welt. Deutschland ist der wichtigste Lieferant von modernen Maschinen und Anlagen für Russland. Auch deutsche Automobile, Elektrotechnik und Elektronik, Arznei- und Lebensmittel sind russlandweit stark gefragt.

Die deutschen Importe aus Russland beliefen sich 2013 sogar auf 40,4 Mrd. Euro. Deutschland bezieht rund ein Drittel seiner Erdgas- und Erdölimporte vom östlichen Nachbarn. Seit den 1970er Jahren des vergangenen Jahrhunderts liefert Russland zuverlässig ohne Unterbrechung. Das gilt selbst für die schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges.

Für Deutschland steht die Russische Föderation an 11. Stelle unter allen Handelspartnern. Aus russischer Sicht ist Deutschland der drittwichtigste Handelspartner. Allerdings gelten die für Deutschland bestimmten Erdöllieferungen über den Hafen Rotterdam in der russischen Statistik als Ausfuhren in die Niederlande. Um die abweichenden Berechnungsmethoden bereinigt, wäre Deutschland sogar vor der VR China und den Niederlanden der wichtigste Handelspartner Russlands.

Und das zurecht. Denn Deutschland und Russland haben einander viel zu bieten. Die russische Industrie gilt in vielen Bereichen als veraltet. Noch heute stehen in Hunderten russischen Fabriken Maschinen und Anlagen aus DDR-Zeiten. Im vergangenen Jahrzehnt wurde ein großer Teil des Maschinenparks erneuert, vielfach mit moderner Technik aus der Bundesrepublik. Ob in russischen Stahlwerken, in Chemieunternehmen, bei Automobilkonzernen oder in Möbelfabriken - deutsche Technik steht extrem hoch im Kurs. Russland ist für deutsche Maschinenbauer der viertgrößte Exportmarkt weltweit - nach der VR China, den USA und Frankreich. Die deutschen Lieferungen von Maschinen und Apparaten betrugen 2013 rund 9,3 Mrd. Euro.

Russland hat zudem sein Gesundheitssystem in den vergangenen Jahren mit umfangreichen Finanzmitteln modernisiert. Mit beachtlichem Erfolg: Die Lebenserwartung der Bevölkerung steigt. Dies auch dank deutschen Know-hows. Denn selbst in Regionalkrankenhäusern finden sich heute deutsche Röntgengeräte, Laborausrüstung oder medizinische Instrumente. Dasselbe gilt für Arzneimittel aus der Bundesrepublik.

Deutsche Konsumgüter sind in Russland beliebt. Jahr für Jahr lassen sich russische Verbraucher deutsche Lebensmittel mit großem Appetit schmecken. Allein 2013 erreichten die Ausfuhren der deutschen Ernährungsindustrie nach Russland 1,5 Milliarden Euro. Vor allem deutsche Fleisch- und Milcherzeugnisse sowie Süßwaren sind in Russland gefragt. Auch deutsche Mode kommt gut an. Die deutschen Bekleidungsexporte nach Russland beliefen sich zuletzt auf 775 Mio. Euro.

Russlands Technologiebedarf und Konsumhunger ist Gold wert für die Bundesrepublik. Nach Angaben des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft hängen etwa 300.000 deutsche Arbeitsplätze vom Handel mit Russland ab. Rund 6.200 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung sind in Russland registriert, und noch sehr viel mehr im bilateralen Ex- und Import tätig.

Doch Deutschland ist für Russland mehr als nur Techniklieferant. Stärker als jede andere Kaufmannschaft der Welt investiert die deutsche Wirtschaft in Russland, um nah dran und erfolgreich am Absatzmarkt zu sein. Welche Rolle Deutschland bei der Modernisierung Russlands spielt, zeigt der Blick auf die ausländischen Direktinvestitionen. Bei den kumulierten Direktinvestitionen liegen Zypern und die Niederlande zwar an erster und zweiter Stelle, während Deutschland auf dem dritten Platz folgt. Dabei handelt es sich jedoch in erster Linie um Reinvestitionen russischer Unternehmen beziehungsweise um Steueroptimierungsschemata. Deutsche Unternehmen in Russland haben rund 20 Mrd. Euro direkt investiert, so der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Das ist mehr als die USA, Frankreich, Italien, Großbritannien, Japan und China zusammen.

Nach Einschätzung der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau setzen die 6.200 in Russland registrierten Firmen mit deutschem Kapitalanteil rund 40 Mrd. Euro um und beschäftigen 120.000 Mitarbeiter. Tendenz: steigend. Deutsche Firmen produzieren in Russland Autos, Kfz-Teile, Möbel, Feinchemie, Baumaterialien, Kautschuk, Werkzeugmaschinen, Unterhaltungs- und Haushaltstechnik und vieles mehr. Gleichzeitig werden dadurch Arbeitsplätze in Deutschland gesichert, denn Produktentwicklung und Zulieferungen kommen weiterhin aus Deutschland.

Doch Direktinvestitionen in Russland sind längst keine Einbahnstraße mehr: 1.200 russische Firmen haben sich bereits in Deutschland angesiedelt und hier Stellen geschaffen. Dabei sind es nicht nur Rohstoffkonzerne, die ihre Produkte über ihr deutsches Hauptquartier in ganz Europa vertreiben. Deutschland ist ein beliebter Investitionsstandort für russische Logistikfirmen, Holzverarbeiter, Banken und IT-Firmen. Allein Germany Trade and Invest betreut jährlich circa 40 konkrete russische Anfragen und Projekte für Firmenansiedlungen in Deutschland. Deutschland ist nicht von ungefähr ein beliebter Standort für russische Firmen. In der Bundesrepublik leben über 200.000 Russinnen und Russen. Jahr für Jahr kommen 15.000 junge Menschen aus dem größten Land der Welt zum Studium nach Deutschland. Außerdem sprechen sechs Millionen Deutsche Russisch und es gibt 400 Flugverbindungen pro Woche zwischen den beiden Ländern. Das sind ideale Voraussetzungen für Logistik und Personalsuche.

(H.B.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland