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03.08.2015

Saudi-Arabiens Solarprogramm fehlt der Rückenwind

"White Paper" aufgegeben / Trotzdem Chancen und Projektausschreibungen / Kooperationsabkommen im Nuklearbereich / Von Robert Espey

Dubai/Riad (gtai) - Das 2010 zur Entwicklung alternativer Energien gegründete King Abdullah Centre for Atomic and Renewable Energy (KA-Care) hatte ein viel beachtetes Programm zur Nutzung Erneuerbarer Energien (EE) und ein parallel verfolgtes Atomkraftprogramm präsentiert. KA-Care soll nun als Atombehörde reorganisiert werden. Die Zuständigkeit für ein stark abgespecktes EE-Programm dürfte an die Saudi Electricity Company gehen, auch Aramco positioniert sich in diesem Sektor.

Das Anfang 2013 von KA-Care international präsentierte 54 GW Programm zur Nutzung Erneuerbarer Energien (EE) ist nicht mehr relevant. Das Konzept sah vor, in Saudi-Arabien bis 2020 EE-Projekte mit einer Gesamtleistung von 24 GW zu realisieren. Davon sollten etwa 6,5 GW auf Fotovoltaik (FV), 11,0 GW auf Concentrated Solar Power (CSP), 5,0 GW auf Waste-to-Energy (WTE), 1,0 GW auf Windenergie und 0,5 GW auf Geothermie entfallen. Bis 2032 war ein Ausbau auf insgesamt 54 GW geplant: 25 GW CSP, 16 GW PV, 9 GW Windkraft, 3 GW WTE und 1 GW Geothermie.

Der Abschied von diesem ambitionierten EE-Programm deutete sich bereits im Frühjahr 2014 an, als der "Architekt" des Programms, Dr. Khalid Al Sulaiman, das Handtuch warf. Mittlerweile habe KA-Care offensichtlich seine Zuständigkeit für den EE-Bereich verloren und solle jetzt zur Regulierungsbehörde für den Nuklearsektor umgebaut werden, so Insider.

Unstrittig ist, dass Erneuerbare Energien in Saudi-Arabien zukünftig einen wesentlichen Beitrag zur Energieversorgung leisten werden, aber ein neues Konzept fehlt bislang. Dem Vernehmen nach soll nun der größte staatliche Stromerzeuger, die Saudi Electricity Company (SEC), die Verantwortung für die Entwicklung des EE-Sektors übertragen bekommen. Die Ausschreibung von ersten größeren SEC-Solarprojekten wurde bereits im Herbst 2014 angekündigt.

Aramco und Saudi Electricity Company als wichtige Akteure

Gemeinsam mit der SEC will die staatliche Ölgesellschaft Aramco Solarkraftwerke in Regionen realisieren, die nicht an das nationale Netz angeschlossen (Off Grid) sind und derzeit mit Dieselkraftwerken versorgt werden. Mit der SEC ist eine Absichtserklärung über die Errichtung der Solaranlagen mit einer Gesamtleistung von etwa 300 MW unterzeichnet worden. Der Ersatz von Dieselkraftwerken/-generatoren durch Solaranalgen beziehungsweise durch Solar-Diesel-Hybridtechnologien gilt in Saudi-Arabien als Zukunftsmarkt.

Ferner plant die SEC, zusätzlich zu den gemeinsam mit Aramco geplanten Projekten an fünf Standorten Solarkraftwerke zu errichten: Qaisomah (Eastern Province), Rafha (Northern Borders), Wadi Al-Dawaser (Riad), Mahd Al-Dahab (Medina) and Sharourah (Najran). Das Bauland stehe zur Verfügung, alle notwendigen Genehmigungen seien bereits eingeholt. Aber derzeit sind bei diesen SEC-Projekten (ebenso wie bei den SEC/Aramco Projekten) keine Fortschritte zu verzeichnen.

Hybridprojekte ausgeschrieben, Umsetzung schleppend

Die SEC will zwei Hybridprojekte realisieren. Seit Ende 2013 läuft das Ausschreibungsverfahren für das Kraftwerk Duba 1, ein 550 MW ISCC-Project (Integrated Solar Combined Cycle) mit einer 40 bis 50 MW CSP-Komponente. Als technischer Berater ist Fichtner beteiligt. Sechs Angebote liegen vor: Abener (Spanien; Angebot: 547 Mio. $), Initec Energia (Spanien; 586 Mio. $), Alfanar Construction (lokal; 613 Mio. $), Gama (Türkei; 693 Mio. $), Al-Toukhi (lokal; 719 Mio. $) und National Contracting Company (lokal; 773 Mio. $). Ein LLI-Auftrag (Long Lead Items) ging im Oktober an General Electric. Die Planungen für eine zweite Phase in Duba mit 1.800 MW befinden sich in einem frühen Stadium.

Für das Phosphat-Projekt Waad al-Shamal der Saudi Arabien Mining Company (Maaden) will SEC ebenfalls ein ISCC-Kraftwerk bauen. Die geplante Leistung des mit 1 Mrd. $ kalkulierten Kraftwerks wird mit 1.050 MW angeben, davon 50 MW CSP. Im Oktober 2014 haben folgende Firmen/Konsortien technische Angebote eingereicht: Samsung C&T/SSEM (lokal), Doosan Heavy Industries (Korea, Rep.), Hanwha E&C (Korea, Rep.), Abener/Abengoa/GE, Siemens/Al Fanar (lokal), Tecnicas Reunidas (Spanien), Hyundai E&C, Initec Energía und die National Contracting Company. Die Abgabefrist für die kommerziellen Angebote wurde mehrfach verlängert, derzeit gilt der 14. Juli 2015.

Solarprojekte in Mekka und auf Farsan Island lassen auf sich warten

Die Stadt Mekka hat im Frühjahr 2012 ein 100 MW Solarkraftwerk ausgeschrieben. Die ursprüngliche Ausschreibungsfrist für das BOT-Projekt (Build Operate Transfer) musste mehrfach, schließlich bis Januar 2013 verlängert werden. Letztlich wurden nur zwei Angebote vorgelegt. Ein Konsortium unter Führung der lokalen ACWA Power hat eine 100 MW und eine 50 MW Option eingereicht, ein Angebot für eine 25 MW Variante kommt von einem französisch-lokalen Konsortium (EDF Energy/Al Gihaz Holding). Die Vergabeentscheidung steht weiterhin aus.

Seit Jahren ist eine Kapazitätserhöhung der auf Farasan Island im Roten Meer gelegenen 550 kW FV-Anlage um 6 bis 8 MW für 30 Mio. $ im Gespräch. Derzeit ist aber unklar, ob das Projekt umgesetzt werden soll. Die kleine Solar-Anlage wurde 2011 von Aramco und dem japanischen Unternehmen Showa Shell Sekiyu KK, das zu einem Drittel Royal Dutch Shell und zu 15% Aramco gehört, realisiert. Kooperationspartner war die SEC.

Meerwasserentsalzung durch Solarenergie

Ein Joint Venture aus dem US-Unternehmen IBM und der King Abdulaziz City for Science and Technology (KACST) hatte in Al Khafji eine 50 Mio. $ Meerwasserentsalzungsanlage (11 Mio. cbm/Jahr) unter Verwendung der UHCPV-Technologie (Ultra High Concentrator Photovoltaic Technology) geplant. Das Projekt wurde aufgegeben, aber dann von der zur KACST gehörenden Advanced Water Technology (AWT) reaktiviert. Im Januar 2015 beauftragte AWT Spaniens Abengoa mit dem Bau einer 22 Mio. cbm Anlage. Das 130 Mio.-$-Projekt soll 2017 in Betrieb gehen. KACST hat 2010 die "National Initiative for Water Desalination by Using Solar Energy" ins Leben gerufen. Als Zukunftsvision wird angestrebt, in Saudi-Arabien alle Meerwasserentsalzungsanlagen mit Solarenergie zu betreiben.

Riad schließt Abkommen über nukleare Kooperationen

Saudi-Arabien gab erstmalig 2007 bekannt, den Bau von Atomkraftwerken in Erwägung zu ziehen. Das US-Unternehmen WorleyParsons wurde 2011 als Berater engagiert. Es kamen 2012 die US-Managementberatungsfirma Oliver Wyman und als Finanzberater Frankreichs BNP Paribas und die lokale Riyad Bank hinzu. Ergebnisse der Beratertätigkeiten wurden nicht veröffentlicht.

Riads aktuelle Planung sieht bis 2032 Investitionen von über 100 Mrd. US$ für den Bau von bis zu 16 Reaktoren mit einer Gesamtleistung von etwa 18 GW vor. Allerdings ist der Planungsprozess offensichtlich noch nicht weit fortgeschritten, auch eine detailliertere Zeitplanung fehlt bislang. Ursprünglich war angekündigt worden, die Entscheidung über den Standort des ersten Reaktors 2012 zu treffen. Eine amerikanisch-japanische Unternehmensgruppe (Toshiba, GE Hitachi, Westinghouse, Exelon) gab 2014 bekannt, Saudi-Arabien Vorschläge für den Bau von Atomkraftwerken unterbreiten zu wollen.

Im August 2014 unterzeichneten KA-Care und die Chinese National Nuclear Energy Company (CNNC) ein Kooperationsabkommen. Es folgte im März (2015) ein Memorandum of Understanding mit dem Korea Atomic Energy Research Institute über eine Durchführbarkeitsstudie zum Bau von 100 MW "SMART Reactors". Auch mit der Korea Electric Power Corporation wurde eine Kooperation vereinbart. Bereits 2011 hatten Riad und Seoul ein Abkommen zur Entwicklung von Atomkraftwerken geschlossen. Im Juni (2015) hat Saudi-Arabien mit Frankreich und Russland eine Zusammenarbeit im Nuklearsektor vereinbart. Beobachter gehen davon aus, dass Riad bis Mitte 2016 seine Nuklearpläne präzisieren wird und möglicherweise 2016 auch schon die Ausschreibung eines ersten Reaktors erfolgt.

(R.E.)

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Saudi-Arabien Energie, Wasser, Wärme, allgemein, Strom-/ Energieerzeugung, Solar, Strom-, Energieerzeugung, allgemein, Strom-/ Energieerzeugung, Kernkraft, Strom-/Energieerzeugung, Solarthermie

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