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23.12.2016

Schweden kurbelt den Wohnungsbau an

Ausländische Baufirmen könnten künftig stärker zum Zuge kommen / Kommunen erhalten Zuschüsse für den Mietwohnungsbau / Von Heiko Steinacher und Romy Helm

Stockholm (GTAI) - Das schwedische Zentralamt für Wohnungs-, Bauwesen und Raumplanung Boverket rechnet 2016 und 2017 mit dem Baubeginn von mehr als 130.000 Wohnungen. Besonders stark ist die Bauaktivität im Großraum Stockholm. Im Jahr 2016 erhalten landesweit 111 Kommunen staatliche Zuschüsse für den Bau von Mietwohnungen. Fachleute fordern, den Markt für ausländische Unternehmen weiter zu öffnen. Boverket zufolge besteht im heimischen Bausektor bereits ein Mangel an Produktionsplanern und Führungspersonal.

Schätzungen der Wohnungsbaubehörde Boverket zufolge fällt 2016 und 2017 in Schweden der Baustart für mehr als 130.000 Wohnungen. So viel wurde in dem nordischen Land seit dem "Millionenprogramm" (Mitte der 1960er bis Mitte der 1970er Jahre), während dessen rund ein Viertel des gesamten damaligen Wohnbestands hochgezogen wurde, nicht mehr gebaut. Das kommt der Größenordnung von durchschnittlich 71.000 neuen Wohnungen pro Jahr, die Boverket als notwendig erachtet, um den Wohnungsbedarf bis 2025 decken zu können, bereits ziemlich nahe.

Allerdings könnte die Nachfrage nach eigenem Wohnraum 2017 etwas zurückgehen. Um den aufgeheizten Markt nicht noch weiter unter Druck zu setzen, sind im Juni 2016 strengere Amortisierungsregeln für neue Hypotheken in Kraft getreten. Da ferner auch die Zinsen im nächsten Jahr wieder leicht steigen könnten, erwartet Boverket vielmehr

eine steigende Nachfrage nach Mietwohnungen.

Zahlreiche Bauprojekte in Stockholm

Der Löwenanteil der Bauaktivitäten konzentriert sich auf die Ballungsräume Stockholm, Göteborg und Malmö. Die meisten Baubeginne gab es laut Boverket von Juli 2015 bis Juni 2016 im Großraum der Hauptstadt (8,5 Wohnungen pro 1.000 Einwohner). In Göteborg und Malmö lag der betreffende Wert in diesem Zeitraum bei 7,2 beziehungsweise 5,5. Auch die Städte Örebro, Linköping, Helsingborg, Uppsala, Umea und Växjo engagieren sich stark im Wohnungsbau.

Das kommunale Wohnungsunternehmen MKB aus Malmö hat vor wenigen Wochen den Bau von 2.500 Wohnungen ausgeschrieben. Laut einer Pressemitteilung des Unternehmens könnten darüber hinaus nochmals bis zu etwa 1.000 Wohnungen ausgeschrieben werden. Die Ausschreibung ist in acht Bereiche unterteilt, wobei ein Anbieter Angebote in maximal zwei Bereichen abgeben kann. MKB hofft, dass die Bauarbeiten durch die ersten Firmen bereits 2018 beginnen können. Das kumulierte Volumen dieser Aufträge schätzen Fachleute auf 2,7 Mrd. bis 3,7 Mrd. skr.

Bis 2025 wollen die 26 Gemeinden des Stockholmer Verwaltungsbezirks (Stockholms län) 250.000 neue Wohnungen bauen. Ihren Höhepunkt dürften die Bauaktivitäten dabei 2019 und 2020 erreichen. Allein in diesen beiden Jahren wollen die Kommunen insgesamt 46.000 neue Wohnungen schaffen. Zum Vergleich: Im gesamten Zeitraum 2010 bis 2015 wurden erst 32.000 neue Wohnungen fertiggestellt. Grund für die enormen Bauvorhaben ist ein erwartetes Bevölkerungswachstum in Stockholms län von 17% im Zeitraum 2015 bis 2025.

Die meisten Bauvorhaben verfolgt Nacka südöstlich von Stockholm, zumindest längerfristig gesehen. Der heutige Wohnungsbestand soll dort bis 2030 um zwei Drittel anwachsen. Andere Kommunen im Großraum der Hauptstadt, die große Veränderungen planen, sind Upplands Bro, Järfälla, Värmdö, Vallentuna und Nykvarn. Sie alle wollen ihren Wohnungsbestand bis 2030 um die Hälfte steigern. Die Anzahl der Wohnungen im gesamten Stockholmer Verwaltungsbezirk soll bis 2030 im Durchschnitt um ein Drittel zunehmen.

Staat unterstützt mietwohnungsbauwillige Kommunen

Begünstigt wird der Baueifer durch Investitionszuschüsse, welche die Regierung unter bestimmten Voraussetzungen Kommunen gewährt, die mehr Geld für den Wohnungsbau ausgeben. Auf diese Weise unterstützt sie im Jahr 2016 insgesamt 111 Kommunen mit 1,84 Milliarden Schwedischen Kronen (skr; circa 187 Millionen Euro, 1 Euro = 9,8508 skr im November-Durchschnitt 2016).

Außerdem analysiert ein Regierungsausschuss, wie die langfristigen Finanzierungsbedingungen für den Neu- und Umbau von Mietwohnungen in Schweden verbessert werden können. Die Ergebnisse der Untersuchung sollen spätestens Ende Juli 2017 präsentiert werden. Darüber hinaus könnten, um den Planungs- und Bauprozess zu vereinfachen und zu beschleunigen, spezielle Zulassungen nach Haustypen eingeführt werden. Diskutiert wird auch darüber, ob und gegebenenfalls wo es möglich ist, ohne Flächennutzungsplan zu bauen.

Nach Angaben des Statistischen Amtes der EU, Eurostat, waren die Baupreise in Schweden 2015 die höchsten gemeinschaftsweit. In Europa wurden sie nur von der Schweiz übertrumpft.

Markt könnte sich bald stärker für ausländische Firmen öffnen

Einige Beobachter fordern, dass auch der Markt für ausländische Unternehmen weiter geöffnet werden müsse. Boverket deutet in dem Zusammenhang auf einen wachsenden Mangel an Arbeitskräften im schwedischen Bausektor hin, wobei es mancherorts bereits an Produktionsplanern und Führungspersonal fehle. Unter anderem daher setzt Schweden auch verstärkt auf modulare Bauweisen, denn diese ermöglichen nicht nur schnellere Bauzeiten sondern auch Personaleinsparungen während der Bauphase. Sollte die heimische Bauwirtschaft in den nächsten Jahren zunehmend an ihre Kapazitätsgrenze stoßen, könnte sich der Markt für den Wohnungsbau auch schon bald stärker für ausländische Unternehmen öffnen, so wie es auch bei größeren Transportinfrastrukturprojekten der Fall war.

Wohnungen sind in Stockholm so knapp, dass die Preise allein 2015 dort um 19% nach oben geklettert sind. 2016 dürfte der Preisanstieg im Großraum der Hauptstadt nur noch 4 bis 5% und im Stadtzentrum 2 bis 3% betragen. Laut Svensk Mäklarstatistik kostete 1 qm Wohnraum in der Stockholmer Innenstadt Mitte November 2016 gut 90.300 skr pro qm. Bezogen auf ganz Schweden dürften die Wohnungspreise 2016 im Schnitt um 3 bis 4% zulegen.

Anzahl erwarteter Wohnungsbauprojekte in größeren Ballungsgebieten Schwedens
Gebiet \ Jahr 2016 2017
Großraum Stockholm 19.743 22.413
.Stockholm 5.326 6.226
.Sundbyberg 1.601 2.022
.Huddinge 1.196 1.619
.Nacka 1.510 1.580
.Solna 1.226 1.365
.Järfälla 917 1.172
Großraum Göteborg 6.751 8.307
.Göteborg 2.670 3.975
.Kungsbacka 1.033 758
Großraum Malmö 4.779 5.255
.Malmö 1.850 2.100
.Lund 1.206 1.188

Quelle: Dagens Industri, auf Grundlage von Berechnungen der Kommunen

(S.H., R.H.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Schweden Bauwirtschaft, allgemein, Gewerbebau, Baunebengewerbe, Wohnungsbau

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