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19.12.2017

Singapurs Chemiesektor auf dem Weg zu Industrie 4.0

Digitale Technik soll Produktivität erhöhen und Emissionen senken / Staat nimmt 20 Großunternehmen ins Visier / Von Rainer Jaensch

Singapur (GTAI) - Singapurs bedeutender Chemiesektor soll mit Hilfe digitaler Technik produktiver und sauberer werden. Dieses ehrgeizige Ziel hat die Regierung gesetzt und hierfür eine "Transformation Map" ausgerollt. Dabei nimmt sie mindestens 20 große Unternehmen in die Pflicht, aber ohne Zuckerbrot und Peitsche. Im Dialog mit der Wirtschaftsförderbehörde Economic Development Board und auf Eigeninteresse basierend werden die Firmen zu Modernisierungen angeregt. Erste Beispiele gibt es. (Kontaktadresse)

Beim weltweiten Trend zur Digitalisierung gilt die chemische Industrie eher als Nachzügler. Im ohnehin technologieverliebten Singapur treibt die öffentliche Hand den Einsatz von Industrie 4.0 voran, und nun will sie diesen auch in den Chemiesektor lenken. Bis 2020 sollen 20 der größten Chemiewerke auf der Industrieinsel Jurong Island digital aufgerüstet werden.

Dieses Ziel setzt die Regierung im Industrie-Transformationsplan für die Branche, der in der zweiten Oktoberhälfte 2017 bekannt wurde. Damit will die öffentliche Hand zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: zum einen die Produktivität der Betriebe erhöhen und zum anderen die Emissionen senken. Im Visier des Staates stehen dabei alle Raffinerien mit einer Kapazität von insgesamt über 1,3 Millionen Barrels pro Tag, die Cracker mit einer Äthylen-Produktionskapazität von insgesamt 4 Millionen Tonnen pro Jahr sowie größere nachgelagerte Chemiewerke.

Viele der Raffinerien und Chemiewerke auf Jurong Island sind in den 60iger bis 80iger Jahren des vorherigen Jahrhunderts entstanden und müssen global mit moderneren Produktionsstätten konkurrieren. Dies erläuterte Damian Chan, Direktor für Energie und Chemie bei der staatlichen Wirtschaftsförderbehörde Economic Development Board (EDB), im Gespräch mit Germany Trade & Invest (GTAI).

Somit liegt es im Interesse der Unternehmen, überwiegend multinationale Konzerne, ihre Produktivität und damit ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Das EDB hilft mit Rat und Tat, hat aber keine speziellen Finanztöpfe hierfür zur Verfügung. Auch kann es die Unternehmen nicht mit neuen Regularien in die Pflicht nehmen.

Raffinerien und Cracker in Singapur
Eigentümer Kapazität Baujahr
2 Raffinerien der ExxonMobil 592.000 Barrels/Tag 1970
1 Raffinerie der Singapore Refining Co (Joint Venture aus Chevron und PetroChina) 290.000 Barrels/Tag 1960er
1 Raffinerie der Shell 500.000 Barrels/Tag 1960er
2 Äthylen-Cracker der ExxonMobil 1,9 Mio. Tonnen/Jahr 2001/2013
1 Äthylen-Cracker der Petrochemical Corp. of Singapore 1,1 Mio. Tonnen/Jahr 1980er
1 Äthylen-Cracker der Shell 1,0 Mio. Tonnen/Jahr 2010

Quelle: Economic Development Board (EDB)

Nichtsdestotrotz bestehen Anreize, die Effizienz zu erhöhen und die Emissionen zu drosseln. Aus einem bereits bestehenden und mit gut 2 Milliarden US-Dollar dotierten Fonds für Forschung und Entwicklung werden bis 2020 fortschrittliche Produktionstechniken staatlich gefördert. Die International Maritime Organisation (IMO) wird Anfang 2020 Regularien erlassen, die den Schwefelanteil in Schifffahrtstreibstoffen von gegenwärtig 3,5 auf 0,5 Prozent drosseln. Das EDB arbeitet nun mit Unternehmen zusammen, damit diese ihre Raffinerien entsprechend umrüsten. Bei diesen Bemühungen um mehr Produktivität, Effizienz und Umweltschutz kommt die Digitalisierung als leicht zugängliches Werkzeug den Unternehmen zugute.

Ausländische Investoren für Chemieindustrie gesucht

Auf dem Fahrplan der "Transformation Map" für Singapurs Chemieindustrie, die von Raffinerien und Cracker über Petrochemie bis zu Spezialchemikalien reicht, steht eine Reihe zukunftsweisender Wegmarkierungen: Automatisierung und digitale Technologien sollen die Betriebe modernisieren, die Produktivität steigern und die Ressourcen optimieren. In fünf Teilbereichen möchte Singapur auch ausländische Investoren an Land ziehen, erklärte die EDB-Direktorin Cindy Koh gegenüber GTAI: Drogerieprodukte, Agrochemie, Ölfeld-Chemikalien, Schmierstoffe und Zusätze sowie Tiernahrung.

Innovationsfähigkeiten sollen entwickelt werden, um Unternehmen zu helfen und die Innovationszyklen zu verkürzen. Auch stehen mindestens 20 neue oder erweiterte Zentren für Anwendungsentwicklungen auf dem Plan. Sie sollen bis 2025 entstehen und für eine Zunahme der Unternehmensausgaben für Forschung und Entwicklung um 41 Millionen US$ sorgen.

Erste Chemiefirmen digitalisieren ihre Werke

Auch wenn Singapurs Chemiesektor auf dem Weg zu Industrie 4.0 erst am Anfang steht, nannte Damian Chan schon einige Industriebeispiele. So hat der japanische Konzern Sumitomo Chemicals in seinem singapurischen Werk zusammen mit Accenture seine Betriebsabläufe digitalisiert. Dies soll später als Blaupause für andere Betriebe des Konzerns dienen.

Der US-Hersteller von Treibstoffen und Schmiermittelzusätzen Chevron Oronite begann 2016 in seinem Werk auf Jurong Island mit einem Pilotprojekt unter Einsatz von Messtechnologie und "Big Data". Shell arbeitet mit dem lokalen Unternehmen Avetics zusammen, um Drohnen zur Überwachung und Inspektion einzusetzen. Die Arbeitskraftersparnis beträgt hierbei 25 Prozent.

Nach 2020 sollen die Digitalisierungsanstrengungen in die zweite Phase, in das Systemniveau, eintreten. Denkbar ist, dass Logistikanbieter Lösungen entwickeln, die Abläufe zwischen Chemieunternehmen und Zollabwicklung oder Sicherheitsinspektionen integrieren.

In der Tat besteht in den Geschäftsbeziehungen der Chemieunternehmen zu Zulieferern und Kunden noch erhebliches Digitalisierungspotenzial, konstatierte Peter Meinshausen, Präsident der Evonik Industries Südostasien, Australien und Neuseeland, im Gespräch mit GTAI. In den internen Betriebsabläufen hingegen ist digitale Technik schon im Einsatz. Aber auch hier kann es noch stärker in Richtung Industrie 4.0 gehen. Vor allem die älteren Betriebe - dies sind in Singapur die Raffinerien und Cracker - benötigen mehr Digitalisierung. Neuere Produktionsstätten für Spezialchemikalien, zu denen auch Evoniks Werke für Methionin und Ölzusätze zählen, sind in der Hinsicht auf einem moderneren Stand, so Meinshausen.

Die Chancen für eine zunehmende Digitalisierung in Singapurs Chemiesektor stehen nicht schlecht, konstatieren nicht nur das EDB, sondern auch ausländische Unternehmen, sowohl IT-Anbieter als auch -Nutzer. Denn der hochentwickelte Inselstaat verfügt neben der nachhaltigen staatlichen Förderung bereits über ein fortgeschrittenes Netzwerk an Industrie 4.0 im Privatsektor. Dazu gehören namhafte deutsche Technologieanbieter wie Siemens, Bosch und SAP, die ihre regionalen IT-Aktivitäten in Singapur konzentriert haben.

Kontaktadresse

Economic Development Board (EDB)

Mr. Damian Chan, Executive Director, Energy and Chemicals Division

damian_chan@edb.gov.sg

http://www.edb.gov.sg

(R.J.)

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Singapur können Sie unter http://www.gtai.de/singapur abrufen.

Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

Dieser Artikel ist relevant für:

Singapur Chemische Industrie, allgemein, Robotik und Automation, Digitalisierung

Kontakt

Anna Westenberger

‎+49 30 200 099 393

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