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06.07.2015

Slowakische Autobranche baut Forschungsaktivitäten aus

Jeder zehnte Teilehersteller hat bereits eine Entwicklungsabteilung / Staat lockt mit Zuschüssen und Steuerrabatt / Von Gerit Schulze

Bratislava (gtai) - Die slowakische Automobilindustrie baut immer mehr Kapazitäten für Forschung und Entwicklung (FuE) auf. Besonders ausländische Teilehersteller nutzen die Lohnkostenvorteile und staatliche Investitionsförderung, um die Wertschöpfung im Land zu erhöhen. Deutsche Unternehmen gehören zu den Vorreitern. Als Bremsklötze erweisen sich der zunehmende Ingenieurmangel und die hohen finanziellen Kosten für den Aufbau von Entwicklungszentren.

Lange Zeit wurde die Slowakei nur als günstiger Produktionsstandort genutzt, die Entwicklungsdienstleistungen der Kfz-Zulieferer kamen meist aus dem ausländischen Mutterhaus. Doch inzwischen hat jede dritte Niederlassung eigene Entwicklungsaktivitäten vor Ort gestartet, wie eine aktuelle Studie von PricewaterhouseCoopers (PwC) zeigt. Etwa zehn der befragten Firmen beschäftigen bereits mehr als 20 Mitarbeiter in den Innovationsabteilungen.

Eine andere Untersuchung von KPMG hatte im Herbst 2014 ergeben, dass 26 der 74 befragten Kfz-Zulieferer Entwicklungsabteilungen mit 700 Beschäftigten haben. Weitere 16 Unternehmen wollen in den kommenden drei Jahren ein FuE-Zentrum aufbauen und dafür 300 Forscher einstellen. Jeder vierte Teilehersteller gibt 2015 mehr als 4% seines Umsatzes für Forschung und Entwicklung aus. Nur 3% der befragten Firmen planen keine Investitionen in diese Richtung.

Bei rund 320 Komponentenherstellern im Land ist der Anteil der forschenden Unternehmen zwar immer noch gering. Doch das Interesse am Aufbau lokaler Entwicklungskompetenz steigt. Nach Einschätzung der von KPMG befragten Unternehmen dienen die internen Forschungslabors auch der Motivation der Mitarbeiter. Sie ermöglichen bessere Aufstiegs- und Karrierechancen, sorgen für Anerkennung und Selbstverwirklichung des Personals. Die drei größten Bremsklötze sind laut der KPMG-Analyse der Mangel an talentierten Ingenieuren, fehlende Zeit für die Entwicklung neuer Produkte und die hohen Kosten für Innovationen.

Zumindest bei der Finanzierung bietet der Standort einige Vorteile. Denn für den Aufbau von Forschungszentren können EU-Fonds genutzt werden. Im Operationellen Programm (OP) "Forschung und Innovation" für die Förderperiode 2014 bis 2020 ist die Automobilindustrie in der Slowakei als erste Zielbranche genannt. Gefördert wird der Auf- und Ausbau von Entwicklungszentren sowie die Zusammenarbeit mit öffentlichen Forschungsinstituten. Ausländische Unternehmen mit Niederlassung in der Slowakei sind in dem OP explizit als antragsberechtigt erwähnt.

Insgesamt stehen in dem EU-Programm über 1,6 Mrd. Euro für die Forschungsförderung in den Bezirken außerhalb Bratislavas bereit (Achse 1). Für die Hauptstadtregion ist die Achse 2 vorgesehen, die mit 127,5 Mio. Euro aus Brüssel unterstützt wird. Die ersten Aufrufe sollten im Mai 2015 starten. Doch der Termin musste verschoben werden, weil das Durchführungsinstrument für das OP - die regionale Innovationsstrategie RIS3 - noch nicht endgültig beschlossen wurde. Laut Zeitplan wird der Großteil der Fördermittel in den Jahren 2017 bis 2021 ausgezahlt.

Hinzu kommt eine großzügige staatliche Förderung für Unternehmen, die außerhalb des Bezirks Bratislava Technologiezentren aufbauen. Ab einer Mindestinvestition von 500.000 Euro und wenigstens 30 neuen Arbeitsplätzen (davon 70% mit Hochschulabschluss) kann für zehn Jahre die Körperschaftsteuer ermäßigt werden. Außerdem gibt es für jeden geschaffenen Job in einem Technologiezentrum einen Zuschuss von 8.000 Euro. Als weitere Stimuli bietet die Regierung Grundstücksübertragungen zu Vorzugspreisen an.

Ab Herbst 2015 beginnt die duale Berufsausbildung

Darüber hinaus beteiligt sich die Slowakei an den laufenden Kosten von Forschungsarbeiten. Die maximale Förderung beträgt 15 Mio. Euro pro Firma und Projekt bei experimenteller Forschung (höchstens 25% der Gesamtkosten), 20 Mio. Euro für industrielle Forschung (höchstens 50% der Gesamtkosten) und 40 Mio. Euro für Grundlagenforschung (bis zu 100% der Gesamtkosten). Für kleinere Unternehmen können die Fördersätze auch höher liegen. Zuständig ist das Bildungsministerium (http://www.minedu.sk).

Seit 1.1.15 gelten außerdem neue steuerliche Anreize für Investitionen in Forschung und Entwicklung. Es können nun 25% der Ausgaben für die Entwicklung innovativer Produkte die Steuerbasis noch einmal zusätzlich verringern. Weitere 25% der Lohnkosten für Absolventen, die extra für Forschungsarbeiten eingestellt werden, wirken sich ebenfalls steuermindernd aus.

Der Fachkräftemangel könnte schon ab dem neuen Schuljahr im Herbst 2015 angegangen werden. Dann ist eine duale Berufsausbildung mit hohem Praxisanteil möglich. Laut der Erhebung von PwC will sich jeder vierte Kfz-Zulieferer gleich im ersten Jahr an dem neuen System beteiligen. Weitere 20% der befragten Firmen wollen später in diese Form der Ausbildung von Nachwuchskräften einsteigen. Immerhin 40% planen bislang keine Beteiligung an der dualen Berufsausbildung. Sie begründen dies vor allem mit den fehlenden Personal- und Finanzressourcen und den unsicheren Erfolgsaussichten.

Laut PwC herrscht bei slowakischen Kfz-Zulieferern Mangel an CNC-Maschinenführern (Fräs- und Drehmaschinen), EDV-Experten für die Maschinensteuerung, an Konstrukteuren, Mechatronikern, Schlossern, Schweißern, Verfahrenstechnikern, Qualitätsmanagern und Entwicklungsingenieuren.

Deutsche Komponentenhersteller gehören zu den Vorreitern beim Aufbau von Entwicklungskapazitäten in der Slowakei. Boge Elastmetall lässt an ihrem Produktionsstandort Trnava schon seit 2007 auch Entwicklungsdienstleistungen übernehmen. Continental hatte Ende 2014 in Puchov ein Reifentechnologiezentrum eröffnet. Dort sind 150 Mitarbeiter mit Forschung und Entwicklung beschäftigt und 80 mit Materialprüfung und Produkttests. Kabelspezialist Leoni baut seine FuE-Abteilungen ständig aus, in denen unter anderem Dienstleistungen für den Volkswagen-Konzern erbracht werden. Der Standort Trencin soll zum Kompetenzzentrum für Elektromobilität innerhalb der Firmengruppe werden.

Der französische Kunststoffverarbeiter Plastic Omnium beschäftigt in seinem Technologiezentrum Lozorno bei Bratislava schon mehr als 120 Ingenieure. Sie beliefern vor allem deutsche Autokonzerne mit Produkt- und Designentwürfen und arbeiten dabei mit den Universitäten in Bratislava und Kosice zusammen.

US-Konzern Johnson Controls, in dessen sieben Fabriken in der Slowakei über 6.000 Beschäftigte arbeiten, plant laut Tageszeitung Hospodarske noviny den Ausbau seiner Entwicklungsabteilung für Sitzkomponenten. Der Konzern betreibt in Trencin eines der größten Technologiezentren der slowakischen Automobilindustrie mit fast 500 Mitarbeitern.

Bei der einheimischen Matador Holding sind in der Slowakei 100 Beschäftigte für Forschung und Entwicklung unter Vertrag, weitere 200 im Nachbarland Tschechien. In den nächsten fünf Jahren will das Unternehmen weitere 100 Ingenieure einstellen.

Slowakische Teilehersteller mit hoher lokaler Wertschöpfung (Auswahl)
Unternehmen, Ort Produkt Umsatz 2014, in Mio. Euro Anteil der lokalen Wertschöpfung am Gesamtumsatz (in %)
ZKW Slovakia, Krusovce Beleuchtung und Scheinwerfer für Kfz 156,00 29,4
RF, Malacky Glasumspritzung, Modulmontage 83,89 29,3
Leoni Slovakia, Trencin Kabel, Konnektoren 153,40 24,9
Trim Leader, Kostany nad Turcom 1) Textil- und Lederautositze, Sitzbezüge 91,55 24,8
SE Bordnetze Slovakia, Nitra 2) Kabelsätze für Motoren, Sitze, Türen 96,28 22,1
ZF Slovakia, Trnava Zweimassen-Schwungräder, Drehmomentwandler, Verbindungsteile 192,41 20,8
Boge Elastmetall, Trnava Gummi-, Metall- und Kunststoffteile für Schwingungsdämpfer 93,97 19,4
Continental Automotive Systems Slovakia, Zvolen Bremssysteme 228,52 17,4
Inergy Automotive Systems, Lozorno Kunststoffteile für Brennsysteme 132,11 16,9
Matador Automotive Vrable, Vrable Karosserie-Teile, Stoßstangen, Träger für Armaturenbretter 131,26 16,5
Plastic Omnium Auto Exteriors, Lozorno Kunststoffteile für Kfz 161,81 16,3
Iljin Slovakia, Pravenec Lager, Leitungsteile 132,15 13,2
Sungwoo Hightech Slovakia, Zilina Stahlteile für Kia und Hyundai 186,28 13,1
Donghee Slovakia, Strecno Metallteile für Kia und VW 137,55 12,0
Brose Bratislava, Lozorno Tür- und Fenstersysteme 141,57 10,3

1) Wirtschaftsjahr endete am 30.9.14; 2) Wirtschaftsjahr endete am 31.3.15

Quelle: Trend Special Top 200, Juni 2015

(S.Z.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Slowakei Finanzierung, allgemein, Forschung und Entwicklung, Kfz-Teile, -Zubehör (ohne Brennstoffzellen)

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