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18.05.2018

São Paulo setzt auf Technologie und private Investoren

Urbane Mobilität bleibt zentrales Thema / Von Gloria Rose (Mai 2018)

São Paulo (GTAI) - São Paulo gilt in Brasilien als Vorreiter für Fortschritt und wirtschaftliche Leistung. In vielerlei Hinsicht fehlt es der Metropole jedoch an Effizienz und langfristigen Konzepten. Auf der Agenda der Stadtregierung stehen Privatisierungen und die Nutzung moderner Technologien ganz oben. Zur Bewältigung der Herausforderungen sollen private Unternehmen transparent an der Entscheidungsfindung teilhaben.

São Paulo ist das Herz der Wirtschaft Brasiliens, war jedoch in seiner 464-jährigen Geschichte nie die politische Hauptstadt. Wellen europäischer, aber auch asiatischer und arabischer Zuwanderer trugen zwischen 1870 und 1940 zu einem starken Bevölkerungswachstum bei und begründeten die kulturelle Vielfalt der Metropole. Mit 21,4 Millionen Einwohnern gehört die Metropolregion zu den bevölkerungsreichsten der Welt, wobei 12,1 Millionen Menschen in der Stadt São Paulo selbst leben.

Lebensqualität in São Paulo bedeutet, in der Nähe des Arbeitsplatzes zu wohnen. Neben dem Transport sehen die Paulistanos die Bereiche Gesundheit und Sicherheit als größten Bedarf an öffentlichen Leistungen. Aber auch Umweltthemen rücken in den Vordergrund. Zwischen 2014 und 2016 musste Trinkwasser aufgrund anhaltender Trockenheit rationiert werden.

Angesichts knapper Kassen setzt die Stadtregierung auf Technologie und öffentlich-private Partnerschaften. Dabei soll der Einfluss Privater bei Entscheidungen transparent werden. Seit Mai 2017 holt die Stadt vor einer Ausschreibung Vorschläge von interessierten Unternehmen ein und veröffentlicht diese. Eine langfristige und effiziente Stadt- und Verkehrsplanung wird jedoch durch die politischen Wechsel erschwert. João Doria gab nach 15 Monaten das Bürgermeisteramt zugunsten der Kandidatur für den Gouverneursposten auf. Eine besondere Herausforderung sind zudem die riesigen Einkommensunterschiede und die Berücksichtigung der höchst unterschiedlichen Lebensbedingungen aller Schichten.

Basisdaten São Paulo 2017
Indikator Stadt Metropolregion
Einwohner (Mio.) 12,1 21,4
Fläche (qkm) 1.521 7.950
BIP/Kopf (US$) 16.324 (2015) 14.838 (2015)
Bevölkerungsdichte (Einwohner/qkm) 7.959 2.692
Anteil der Haushalte mit Zugang zu Elektrizität(%) 99,7 99,2
Elektrizitätsverbrauch pro Kopf (kWh/Jahr) 2.257 2.401
Länge des ÖPNV (km) 4.905 1) k.A.
Abfall pro Einwohner (kg/Jahr) 320 k.A.
Anteil der Bevölkerung mit Zugang zu Trinkwasser (%) 2) 98,2 94,4
Wasserverbrauch pro Kopf (Liter/Tag) k.A. 129

1) nur innerhalb der Stadtgrenzen São Paulos: 225 km U- und S-Bahn sowie 4.680 km Buslinien; 2) tägliche Versorgung

Quellen: Statistikamt IBGE; Stadt São Paulo; Stromkonzern AES Eletropaulo; Wasserversorger Sabesp

Chaos im Berufsverkehr gehört nach wie vor zum Alltag in São Paulo

Der Ausbau des U- und S-Bahnnetzes verdient harsche Kritik. Trotz dreijähriger Bauverzögerung war die neue Bahnanbindung zwischen Zentrum und dem internationalen Flughafen Guarulhos bei ersten Testfahrten langsamer als mit Bussen. Nun soll die Konzessionierung der Linien 5 und 17, die sich im Januar ein Konsortium aus CCR und Ruasinvest sicherte, die Fertigstellung der Strecken beschleunigen. Die Linie 6 wurde aufgrund von Finanzproblemen der Konzessionäre erst zu 15 Prozent errichtet und soll neu vergeben werden.

Der Großteil des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) verläuft über das Busnetz, das komplett umstrukturiert wird. Ziele sind bis 2019 die Erweiterung um 420 Kilometer und eine höhere Durchschnittsgeschwindigkeit. Der Auftrag für eine 28 Kilometer lange Strecke zwischen dem Zentrum und der Bahnstation Guaianases im Osten São Paulos wird derzeit vergeben. Die neuen Konzessionen, die Ende April ausgeschrieben wurden, sehen eine schrittweise Modernisierung der Busse vor. In zehn Jahren sollen sich die Emissionen halbieren. Neben wenigen Elektro-, Oberleitungs- und Ethanol-Bussen fahren heute zu 95 Prozent noch Dieselbusse. Die Bereitstellung von Fahrrädern soll die intermodale Nutzung des ÖPNV fördern.

Zur Verbesserung der Verkehrslenkung ist ein intelligentes Ampelsystem geplant. Die Konzession ist derzeit in Arbeit und soll im 2. Halbjahr 2018 vergeben werden. Auch das öffentliche System der über 40.000 Parkplätze namens "Zona Azul" soll bald durch die Privatinitiative gemanagt werden.

Carsharing ist bislang wenig verbreitet. Dafür feiern Apps wie Uber oder Hauptkonkurrent 99 zunehmende Erfolge. Brasiliens Entwicklung hin zu Elektromobilität dürfte sich verzögern durch die verbreiteten Flexmotoren, die Ethanol und Benzin mischen, und die Möglichkeit, Ethanolkraftstoff für die Emissionsminderung zu nutzen. Es gibt nur wenige Elektro-Ladestationen in São Paulo. Im 1. Halbjahr will BMW in Partnerschaft mit dem Energiekonzern EDP die ersten sechs Schnellladestationen auf der Strecke nach Rio de Janeiro errichten.

Umwelt: Wasserkrise führte zu langfristigen Einsparungen

Aufgrund niedriger Wasserstände im Reservoirsystem Cantareira sah sich das staatliche Versorgungsunternehmen Sabesp Anfang 2014 gezwungen, den Wasserverbrauch einzuschränken. Die Maßnahmen stimulierten private Investitionen beispielsweise zur Nutzung von Regenwasser oder in die Minderung des Wasserdrucks in den Leitungen. Im Ergebnis ist der Verbrauch in der Metropolregion auch zwei nach Jahre nach Ende der Wasserrationierung um 15 Prozent niedriger als vor der Wasserkrise. Der Pro-Kopf-Verbrauch ging sogar um 31 Prozent zurück.

Der Bundesstaat São Paulo investiert derzeit in vier große Infrastrukturprojekte, wovon zwei die zukünftige Wasserversorgung der Metropolregion garantieren sollen. Darüber hinaus investiert Sabesp etwa 130 Millionen Euro im Jahr in die Minderung der Wasserverluste, die immer noch bei über 30 Prozent liegen. Etwa 10 Prozent der Verluste ergeben sich durch Betrug.

Die Anreize für die öffentliche Abwasserentsorgung und -aufbereitung sind lange nicht so effizient. Immerhin werden laut Sabesp 468 Liter pro Sekunde zur industriellen Wiederverwertung aufbereitet. Bis 2022 sollen 88 Prozent statt derzeit 83 Prozent der Abwässer über das Netz entsorgt und 83 Prozent statt derzeit 75 Prozent aufbereitet werden. Auch im Abfallmanagement und Recycling bestehen große Defizite, die auch auf das fehlende Umweltbewusstsein der Bevölkerung zurückzuführen sind.

Transparenz und Technologie für Effizienz und Unternehmertum

Die Stadtverwaltung will bis Ende 2018 alle 340 Verwaltungsverfahren digitalisieren und darüber etwa eine Million Euro im Jahr einsparen. Das Projekt läuft bereits seit 2014 und Anfang 2017 waren 109 Prozesse digital verfügbar. Die Bearbeitungszeiten sollen um 90 Prozent sinken. Über das Portal Empreendafacil wird die Anmeldung eines Unternehmens statt bisher 128 Tagen nur noch knapp eine Woche dauern.

Um den Bürgern Internetzugang zu garantieren, sollen die öffentlichen Einrichtungen WLAN gratis anbieten. Die Vorschläge privater Unternehmen zur Umsetzung des Programms Wifi Livre Sampa wurden im August 2017 eingeholt. Für São Paulos aktive Start-Up-Szene entstehen immer mehr Coworking-Büros. Die Stadt fördert über das sogenannte MobiLab Start-Ups aus dem Bereich urbane Mobilität.

Für einen flächendeckenden Empfang und die Umstellung auf den künftigen Telekomstandard 5G benötigt die Stadt eine Verdreifachung der bereits vorhandenen 6.470 Antennen. Gerade in den abgelegenen Wohnvierteln ist der Empfang mangelhaft bis nicht vorhanden. In der Abgeordnetenkammer wird derzeit über ein neues Gesetz für Sendeanlagen entschieden, um den Ausbau des Netzes zu beschleunigen. Aufgrund der veralteten Regelungen kommen Anträge für rund 700 Antennen nicht voran.

Ausgewählte Großprojekte São Paulo
Projektbezeichnung Investitions-summe (Mio. Euro) *) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
PPP Metrolinien 5 und 17 742 Vertrag vom Januar 2018, Inbetriebnahme bis 2019 Konzessionäre CCR und Ruasinvest
PPP Modernisierung der Straßenbeleuchtung (LED + SmartCity-Konzept) k.A. Vertrag vom März 2018 Konzessionäre FM Rodrigues und CLD

*) Umrechnung anhand des Wechselkurses März 2018: 1 Euro = 4,0426 R$

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Brasilien sind unter http://www.gtai.de/brasilien abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Brasilien Wasserversorgung, -gewinnung, Bewässerung, Öffentlicher-Personen-Nahverkehr (ÖPNV), Signal-, Sicherheitstechnik (nicht Zugangs-Kontrolltechnik), Urbanisierung, Stadtentwicklung

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