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14.11.2017

Spanien steigert seine Wettbewerbsfähigkeit

Die Rezepte erfolgreicher Firmen sind Markenbildung, Innovationen und Export / Von Miriam Neubert

Madrid (GTAI) - Spanien hat in den vergangenen Jahren seine Arbeitsproduktivität verbessert und preisliche Wettbewerbsfähigkeit zurückgewonnen. Die Ausfuhr von Waren und Dienstleistungen sowie das Interesse ausländischer Investoren nehmen zu. Doch gibt es noch einiges aufzuholen, um zu den wettbewerbsstärksten Ländern aufzuschließen. Erfolgreiche spanische Mittelständler und Großkonzerne können hier mit ihren Strategien ein Beispiel geben.

Eine Krise kann der Auslöser für ein neues, wettbewerbsfähiges Unternehmen sein. Im Fall des katalanischen Joghurt-Herstellers La Fageda war es die persönliche Krise seines Gründers Cristóbal Colón, der basierend auf seinen beruflichen Erfahrungen als Psychiater in den achtziger Jahren ein ganz eigenes Projekt auf die Beine stellte. La Fageda beschäftigt heute 256 geistig kranke Menschen, stellt rund 80 Millionen Joghurts pro Jahr her und setzt 20 Millionen Euro um. Josep Maria Lloreda wiederum, Inhaber eines Familienbetriebs zur Herstellung von Uhrenteilen, musste umdenken, weil in der Wirtschaftskrise der neunziger Jahre die Mehrheit seiner Kunden wegbrach. Die hauseigene Formel eines Fettlösungsmittels KH7 zur Reinigung von Teilen wurde Sprungbrett und Namensgeber für die Reinigungsmittelfertigung KH Lloreda, die heute 85 Mitarbeiter beschäftigt und 50 Millionen Euro umsetzt.

Beide Unternehmer berichteten im September 2017 auf einem spanisch-deutschen Unternehmertreffen anlässlich des hundertjährigen Bestehens der AHK Spanien von ihren Erfahrungen. Ihre Firmen haben die schweren Krisenjahre 2009 bis 2013 erfolgreich überstanden. La Fageda folgt konsequent der Philosophie des Nahverkaufs und beschränkt sich bewusst auf den katalanischen Binnenmarkt. KH7 hat in der Rezession den Exportmotor angeworfen und ist heute auch in 22 Ländern außerhalb Spaniens ein Begriff.

Metamorphose des Wachstumsmodells

Ähnlich wie ein Unternehmen kann auch eine Volkswirtschaft in einer Krise gezwungen sein, ihr Geschäfts-, sprich Wachstumsmodell zu überdenken und sich neu aufzustellen. Überwältigt von einem Wirtschaftswachstum, das auf einer Bau-, Immobilien- und Kreditwelle wie von selbst zu laufen schien, hatte Spanien seine Wettbewerbsfähigkeit vernachlässigt. Nach Ausbruch der großen Rezession, als die Blase platzte und Abertausende von Unternehmen mit in den Abgrund riss, wurde die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit zum wirtschaftspolitischen Mantra.

"Spanien ist eine wettbewerbsfähige Wirtschaft", konstatierte Luis de Guindos, Minister für Wirtschaft, Industrie und Wettbewerbsfähigkeit, auf dem spanisch-deutschen Unternehmertreffen. Er verwies dabei auf die Metamorphose der spanischen Leistungsbilanz. Hatte vor der Krise ein Defizit von 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) enorme Probleme bei der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und eine große externe Kapitalabhängigkeit angezeigt, ist hier das Ruder herumgeworfen worden. Im fünften Jahr in Folge wird die Leistungsbilanz 2017 mit einem Überschuss schließen. Zugleich legt die Wirtschaft real um über 3 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu (2015: 3,4 Prozent, 2016: 3,3 Prozent). "Dieses Wachstum beruht nicht auf einer Kredit- und Immobilienblase, sondern auf den Exporten von Waren und Dienstleistungen und den Investitionen", betonte de Guindos die neue Qualität der Dynamik im Vergleich zur Vorkrisenzeit.

Produktivität verbessert sich langsam

Nach einer Studie der Stiftung BBVA und des Wirtschaftsforschungsinstituts IVIE (Instituto Valenciano de Investigaciones Económicas) wird die Wirtschaftsentwicklung in Spanien zwar auch heute noch durch die Fehlinvestitionen im Bausektor belastet. Doch bei der Arbeitsproduktivität gibt es allmähliche Verbesserungen.

Mit dem Zusammenbruch der Baubranche und der hereinbrechenden Rezession ging es mit der Arbeitsproduktivität langsam wieder aufwärts - zum hohen sozialen Preis des Abbaus von Millionen Arbeitsplätzen. Inzwischen wächst die Volkswirtschaft, schafft wieder Arbeit und behält eine leicht positive Entwicklung der Produktivität bei. Gesamtwirtschaftlich gesehen aber klafft immer noch eine deutliche Lücke zu Ländern wie Deutschland und Frankreich.

Produktivität der Gesamtwirtschaft (BIP pro gearbeitete Stunde in US$, konstante Preise in Kaufkraftparitäten)
1995 2000 2005 2008 2015
OECD k.A. 38,9 42,7 43,9 46,8
USA 44,8 50,4 57,1 58,5 63,1
Japan 31,4 35,2 38,3 38,7 41,4
EU28 36,3 40,1 43,3 44,2 47,3
Frankreich 47,7 52,2 56,0 56,7 59,4
Deutschland 46,0 50,6 54,4 56,4 59,2
Vereinigtes Königreich 36,8 41,0 45,6 47,1 47,8
Italien 44,9 47,3 47,6 47,2 47,7
Spanien 40,7 40,9 41,4 42,3 46,9

Quelle: OECD Databank

So richtig diese Betrachtung aus der Vogelperspektive der Makroökonomie ist, so wenig wird sie dem Erfolg einzelner Branchen und Unternehmen gerecht. So führt etwa der spanische Aktienindex IBEX 35 zahlreiche Großkonzerne auf, von denen viele zur Weltspitze zählen. Diese Liste höchst wettbewerbsfähiger Firmen lässt sich mit weiteren Namen fortsetzen. Im Industriesektor sind viele dieser Firmen in Branchen zu finden, die den Vorkrisenstand schon überwunden haben. Dazu gehören etwa die Nahrungsmittelverarbeitung, die Kraftfahrzeugindustrie, die Chemiebranche oder der Maschinen- und Anlagenbau.

Hohe Arbeitsproduktivität mittelgroßer und großer Firmen

Die Arbeitsproduktivität mittelgroßer spanischer Unternehmen ist den Daten der OECD zufolge sogar höher als die deutscher oder französischer. Die der Großunternehmen liegt mit denen etwa in Deutschland und Frankreich gleichauf. Es sind die deutlich unproduktiveren, aber sehr zahlreichen Mikrounternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern, die den spanischen Durchschnitt nach unten ziehen. Dies gilt nicht nur für die Arbeitsproduktivität, sondern auch für andere wettbewerbsrelevante Faktoren.

Innovation ist alles

Bezüglich ihrer Innovationsstärke müssen sich spanische Groß- sowie mittelständische Unternehmen nicht verstecken. Das zeigen beispielhaft drei der 26 ausgezeichneten Firmen der European Business Awards 2016/17. So ist etwa der in Alicante ansässige Familienbetrieb Actiu in den 50 Jahren seit seiner Gründung zu einem Trendsetter für Gebäudeeinrichtungen avanciert. Gründer und Geschäftsführer Vicente Berbegal verrät sein Erfolgsrezept: "Stelle Menschen ein, die mehr wissen als Du! Exportiere, exportiere, exportiere! Höre nie auf zu innovieren!"

Ebenfalls ausgezeichnet wurde der 2003 gegründete galizische Betrieb Marine Instruments. Er ist auf innovative Fischereitechnologien fokussiert, um der Gefahr der Meeresüberfischung zu begegnen. Von einst fünf auf heute 120 Mitarbeiter gewachsen, beliefert er von seiner galizischen Basis aus viele Länder, vor allem in Asien. Ein weiterer spanischer Gewinner heißt Moldcom Composites. Im Jahr 2006 als Designer und Hersteller umweltfreundlicher Badezimmerprodukte mit zwei Gründern gestartet, beschäftigt der Betrieb heute 150 Mitarbeiter, setzt über 20 Millionen Euro um und exportiert den Großteil seiner Produkte. Geschäftsgründer Ricardo Murria rät, nicht darauf zu warten, dass sich ein Trend materialisiert: "Sei selbst derjenige, der die Dinge ins Rollen bringt".

Auch die einst aus Krisen geborenen Unternehmen La Fageda und KH Lloreda setzen auf Innovation. Lloreda arbeitet mit nachhaltigen Produkten und an einer ökologischen Linie seiner Reinigungsmittel. La Fageda will nicht mehr nur die Milch seiner mit der Musik von Johann Sebastian Bach umhegten Kühe verarbeiten, sondern investiert in eine Linie zur Erzeugung von Joghurt aus veganen Quellen.

(M.N.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Spanien Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Produktion / Produktivität, Kleine und mittlere Unternehmen (KMU)

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