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08.12.2017

Starkes Wachstum der Sharing Economy in Tschechien

Anteil an der Wirtschaftsleistung höher als in Deutschland / Viele einheimische Anbieter mit innovativen Ideen / Von Gerit Schulze

Prag (GTAI) - Autos, Büros oder Werkzeuge teilen - dieser Trend wird auch in Tschechien zunehmend populär. Die sogenannte Sharing Economy soll bereits einen größeren Anteil an der Wirtschaftsleistung haben als in Deutschland. Dabei bieten kleine einheimische Start-ups den US-Giganten Airbnb und Uber die Stirn. Probleme bereiten den neuen Firmen die unklare Rechtslage und Steuergesetzgebung. Dennoch entstehen jeden Monat weitere Anbieter, einige expandieren bereits ins Ausland.

Eigentum ist den Tschechen heilig. Gerade das Auto gilt immer noch als Statussymbol für persönlichen Aufstieg. Bislang war es daher wenig populär, das Gefährt mit Mitbürgern zu teilen. Doch die Umstände ändern sich, glaubt Stanislav Kutacek, Präsident des tschechischen Carsharing-Verbands ACC. "Ein eigenes Autos wird mit der Zeit so teuer, dass sich niemand mehr belasten will", sagte er in einem Interview.

Tatsächlich steigt die Zahl der Carsharing-Kunden. Wurden 2012 in Tschechien offiziell nur neun Autos geteilt, so sind es inzwischen laut ACC rund 350 Fahrzeuge. Etwa 5.000 Menschen nutzen die Dienstleistung.

Der Carsharing-Markt ist nur ein Segment der Sharing Economy, das in Tschechien kräftig zulegt. Die digitale Revolution mit mobiler Datennutzung, einfachen Bezahlfunktionen und einer hohen Marktdurchdringung von Smartphones erleichtert es, Waren, Dienstleistungen und Ressourcen zu teilen. Das bedroht traditionelle Unternehmen, bietet aber Platz für junge Start-ups.

Eine neue Studie des Beratungsunternehmens Deloitte hat die Entwicklung in Tschechien untersucht. Demnach liegt das Wertschöpfungspotenzial für die Sharing Economy 2017 bei bis zu 60 Milliarden Tschechischen Kronen (Kc; Wechselkurs am 4. Dezember 2017: 1 Euro = 25,56 Kc). Das wäre ein Anteil von 1,2 Prozent an der Wirtschaftsleistung. Für Deutschland ermittelte Deloitte nur ein Potenzial von 1,1 Prozent. Tatsächlich sieht die Realität etwas bescheidener aus. Nach Angaben der Consultingfirma entfallen zurzeit maximal 0,04 Prozent des tschechischen Bruttoinlandsprodukts (zwei Milliarden Kc) auf den "Kokonsum".

Ondrej Dufek vom Vorstand des neu gegründeten Verbands der Sharing Economy (CASE, http://www.sharingeconomy.cz) blickt dennoch optimistisch in die Zukunft. "Nach unseren Berechnungen weiß jeder dritte tschechische Internetnutzer, was Sharing Economy ist." Monat für Monat entstünden Startups mit P2P-Fokus (Person-to-Person). Darunter sind Produkte wie die Vermittlung von Hunde-Gassigängen (Doginni) oder die zeitweise Überlassung des Wochenendhäuschens (MojeChaty). Am schnellsten wachsen laut Dufek Dienste in den Bereichen Transport, Unterkunft, Finanzen, Pflege und Betreuung.

Bereits ein Viertel der Prager Übernachtungen entfällt auf Airbnb

Besonders präsent ist Airbnb. Auf der Vermittlungsplattform für Privatunterkünfte wurden nach Unternehmensangaben zwischen September 2016 und September 2017 900.000 Übernachtungen in Tschechien gebucht. In Prag soll bereits ein Viertel aller Beherbergungen über dieses Portal laufen. Innerhalb des untersuchten Zeitraumes haben die tschechischen Vermieter umgerechnet 67 Millionen Euro eingenommen.

Rechtsanwalt Arthur Braun von der Prager Kanzlei bpv Braun Partners rechnet damit, dass die Behörden sehr bald eine konsequentere Besteuerung dieser Einkünfte durchsetzen werden. "Gerade in Prag hat Airbnb massiv zugelegt und bietet Immobilieninvestoren hohe Gewinne. Viele Häuser werden nur mit der Absicht solcher Kurzzeitvermietungen umgebaut." Die Verwaltung werde in Zukunft darauf achten, dass für die Vermietung die City Tax bezahlt wird und Vermieter eine entsprechende Gewerbeerlaubnis hätten, erklärt Landeskenner Braun.

Anbieter solcher Dienstleistungen sehen die Regulierungsbestrebungen mit Sorge. "Das war auch der Grund, warum wir den Verband gegründet haben", erklärt CASE-Vorstand Dufek. "Wir sind nicht grundsätzlich gegen Regulierungen, aber sie müssen begründet sein und behutsam eingesetzt werden." Der Verband engagiert sich für eindeutige Gesetze und Steuersätze.

Die Praxis in Tschechien sieht bislang noch etwas konfus aus. Offenbar wissen selbst die zuständigen Behörden nicht so recht, wie sie mit den neuen Dienstleistern umgehen sollen. "In Brno zum Beispiel wurde die Taxialternative Uber gerichtlich verboten, in Prag sind entsprechende Versuche der Taxifahrerlobby gescheitert", sagt Rechtsanwalt Braun. Noch sei unklar, welche Position die neue Minderheitsregierung in Tschechien in Bezug auf die Sharing Economy einnehmen werde.

Den Aufstieg der Branche wird die Politik aber ohnehin kaum bremsen. Zu stark sind die Innovationskräfte, die durch die Möglichkeiten mobiler Apps entfaltet werden. Allein im Umfeld des Airbnb-Erfolges entstehen in Tschechien weitere Firmen, die Dienstleistungen für die Vermieter anbieten. Sie organisieren Buchungsvorgänge, Schlüsselübergabe und Wohnungsreinigung. Inzwischen haben die Kurzzeitvermietungen auch das Segment der Gewerbeimmobilien erreicht. Für Werbeaktionen oder Firmenevents können in Prag sogenannte Pop-up-Flächen wochen- oder monatsweise gebucht werden.

Sehr lebhaft ist der Wettbewerb bei der Online-Vermittlung von Taxidiensten. Das US-Portal Uber nutzen nach Berichten der Wirtschaftszeitung E15 mehr als 2.000 Fahrer in Tschechien. Innerhalb eines Jahres hat sich die Zahl verdoppelt. Die estnische Taxify berichtet sogar von 3.500 Fahrern, für die sie Touren vermittelt. Mit Liftago ist auch ein tschechischer Anbieter am Markt vertreten, für den 1.500 Autos unterwegs sind. Im Unterschied zu Uber legt Liftago Wert darauf, dass die Fahrer eine Taxilizenz haben.

In den studentischen Hochburgen setzt sich das Bikesharing durch. Bislang war die einheimische Rekola Marktführer, doch seit Sommer 2017 drängt der chinesische Anbieter Ofo massiv auf den Markt. Er will innerhalb eines Jahres 3.000 Fahrräder im Stadtgebiet von Prag verteilen und verleihen.

CASE-Vorstand Dufek glaubt, dass die einheimischen Startups gegen die globalen Giganten der Sharing Economy gut bestehen können. "Wir kennen den Markt und seine Besonderheiten besser als die internationalen Player", meint der Lobbyist. "Schon lange vor dem Internet war das Teilen bei uns absolut üblich - bei Transporten, Unterkünften oder beim Verleihen von Gebrauchsgegenständen."

Dufek selbst arbeitet bei Flatio, das ähnlich wie Airbnb Wohnraum vermittelt - allerdings für längere Zeiträume von mindestens einem Monat. Damit ist die kleine Firma inzwischen auch nach Deutschland expandiert. Weitere Filialen bestehen in Warschau, Wien, Budapest und Bratislava. Für Branchensprecher Dufek ist die Auslandsexpansion der tschechischen Dienstleister aber kein Muss. "Der einheimische Markt ist groß genug für Anbieter der Sharing Economy."

Tschechische Dienstleister der Sharing Economy (Auswahl)
Unternehmen Dienstleistung Webseite
Flatio Wohnungsvermittlung http://www.flatio.cz
Mojechaty Vermittlung von Wochenendhäusern http://www.mojechaty.cz
Bringr Mitnahme von Päckchen und anderen Lieferungen https://bringr.cz/
Car4way Carsharing http://www.car4way.cz
HoopyGo Verleih von privaten Autos http://www.hoppygo.cz
Liftago Personenbeförderung http://www.liftago.cz
SmileCar Verleih von privaten Autos http://www.smilecar.com
Zavezu Mitnahme von Päckchen und anderen Lieferungen http://www.zavezu.cz
Autonapul Carsharing http://www.autonapul.cz
Rekola Bikesharing http://www.rekola.cz
Zonky P2P-Darlehen http://www.zonky.cz
Fundlift Crowdfunding http://www.fundlift.cz
Startovac Crowdfunding http://www.startovac.cz
Hithit Crowdfunding http://www.hithit.cz
Crowder Crowdfunding http://www.crowder.cz
Nakopni.me Crowdfunding http://www.nakopni.me
Bankerat P2P-Darlehen http://www.bankerat.cz
LidskaSila Vermittlung von Haushaltshilfen https://lidskasila.cz/
Nejremeslnici Vermittlung von Handwerkstätigkeiten https://nejremeslnici.nejzona.cz
Doginni Hundesitting http://www.doginni.cz
Robeeto Vermittlung verschiedener Dienstleistungen http://www.robeeto.com
Hlidacky.cz Babysitting http://www.hlidacky.cz
Seduo Online-Kurse http://www.seduo.cz
Nostis Online-Kurse http://www.nostis.org
Sharygo Verleih von privaten Gebrauchsgegenständen http://www.sharygo.cz
Alza media Teilen von Mediaangeboten http://www.alza.cz/media
Uloz.to Cloud-Dienstleistungen http://www.ulozto.cz
Uschovna.cz Cloud-Dienstleistungen http://www.uschovna.cz

Quellen: Deloitte (Studie "Sdilena ekonomika, Bohatstvi bez vlastnictvi", 2017, https://www2.deloitte.com/cz/cs/pages/deloitte-analytics/articles/sdilena-ekonomika-studie.html), Pressemeldungen, Recherchen von Germany Trade & Invest

(S.Z.)

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Tschechische Republik Verschiedene Dienstleistungen, allgemein, Start-up

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