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26.02.2018

Start-ups boomen in Chile

Netzwerke sind für den Erfolg entscheidend / Von Anne Litzbarski

Santiago de Chile (GTAI) - In Chile fokussiert sich die Gründerszene stark auf die Hauptstadt. B2B-Geschäfte gewinnen an Gewicht. Vernetzung ist das A und O. Universitäten fördern Start-ups über Inkubatoren oder Mentoringprogramme, oft unterstützt von großen Unternehmen. Schwierigkeiten gibt es bei der Finanzierung, vor allem im Anschluss an staatliche Programme. (Kontaktadressen)

Gründungsgeschehen und Entwicklungstendenzen

Aktuelle Situation

Unter den OECD-Ländern ist Chile das Land mit den meisten Neugründungen, so das in Spanien angesiedelte Institut für Wirtschaftsstudien IEE (Instituto de Estudios Economicos). Rund 17 Prozent der Männer und gut 15 Prozent der Frauen haben schon einmal eine Firma gegründet. Wegen des Start-up-Booms wird die Hauptstadt Santiago de Chile auch "Chilecon Valley" genannt.

Zwischen Januar und Oktober 2017 sind 98.921 neue Firmen in Chile gegründet worden. Start-ups in Chile erhielten 2016 mit 5 Milliarden US-Dollar (US$) die bisher höchste Summe an Finanzierungskapital. Das waren 150 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Die Start-ups verkauften Waren im Wert von etwa 36,7 Milliarden US$ und schufen etwa 1.800 Arbeitsplätze.

Laut einer Umfrage des Nationalen Instituts für Statistik INE und des Ministerium für Wirtschaft, Entwicklung und Tourismus aus dem Jahr 2015 starten oft ein bis vier Gründer allein, ohne Angestellte. Etwa 80,4 Prozent der 6.488 Befragten gaben an, dass ihre Unternehmung ursprünglich als Einpersonenbetrieb begonnen habe. Zum Umfragezeitpunkt befanden sich 74,4 Prozent weiterhin in diesem Stadium. Im Durchschnitt arbeiteten die Unternehmer zu ihrem Gründungszeitpunkt mit 1,4 Angestellten. Start-ups, die ins Ausland expandieren, stellen in Chile später weiterhin Mitarbeiter für Programmierungs- und Unterstützungsaktivitäten ein, um Lohnkostenunterschiede zu nutzen.

Seit 2010 gibt es das staatliche Programm Start-Up Chile. Bis 2015 nahmen rund 1.200 Start-ups daran teil und schufen circa 1.400 Arbeitsplätze. Der Staat hat in den ersten knapp sieben Jahren 53 Millionen US$ zur Verfügung gestellt, während der Gewinn der Unternehmen nach der Teilnahme am Programm bei 1 Milliarde US$ lag. Davon wurden 200 Millionen US$ in Chile eingenommen. Insgesamt bewerben sich deutlich mehr Ausländer als Chilenen für das Programm. Bis zum Jahresende 2017 stieg der Anteil chilenischen Bewerber auf rund 30 Prozent.

Eine Auswertung vom September 2017 ergab, dass 53 Prozent der Unternehmen, die das Programm durchlaufen, überleben. Von 1.000 geförderten Start-ups, die sich an der Umfrage beteiligten, verließen 80 Prozent nach sechs Monaten wieder das Land, davon 34 Prozent in Richtung USA. Auch diejenigen, die ihr Geschäft aufgeben müssen, sind allerdings in die 80 Prozent eingerechnet. Frauen leiten 21 Prozent der Projekte.

Regionale Konzentration

Regionen mit den meisten Neugründungen 2016
Region Anteil (in Prozent)
Hauptstadtregion 84,9
Valparaiso 4,3
Los Lagos 2,0
Bio Bio 1,5
La Araucania 1,5
Antofagasta 1,2
Coquimbo 0,9
O'Higgins 0,8

Quelle: El Mercurio

Die Hauptstadt ist das wirtschaftliche und politische Zentrum des Landes. Die meisten großen Unternehmen, Hochschulen und Forschungszentren sind in Santiago. Die Stadt ist eine moderne Metropole mit westlichem Standard. Doch in anderen Teilen des Landes sieht es oft anders aus. Das Stadt-Land-Gefälle ist stark ausgeprägt. Dieser Unterschied schlägt sich im Start-up-Ökosystem noch stärker nieder als in der traditionellen Wirtschaftsstruktur.

Einer Auswertung wichtiger Plattformen wie AngelList und Gust durch die Tageszeitung El Mercurio zufolge finden etwa 85 Prozent aller Gründungen in der Hauptstadt statt. Der Fokus der neuen Firmen liegt im Norden Chiles auf dem Bergbau und im Süden auf Agrar und Tourismus.

Als weitere wichtige Stadt für Start-ups gilt Valparaiso. Die Hafenstadt beherbergt verschiedene Universitäten, aber bis jetzt nur einen Inkubator: Chrysalis ist aus der dortigen Universidad Catolica hervorgegangen.

Concepcion, die zweitgrößte Stadt des Landes, kann zwar weniger Gründungen als Valparaiso vorweisen, dafür aber mehrere Inkubatoren, unter anderem Incubatec UFro (Universidad de la Frontera) und Incuba UdeC (Universität von Concepcion) sowie Co-Working-Spaces. Die Stadt gilt als kostengünstige Alternative zu Santiago. Auf etwa 90 Hektar entsteht ein Technologie-Wissenschaftspark für 12 Milliarden US$. Mindestens 40 Unternehmen sollen dort 2.000 Arbeitsplätze schaffen.

Erfahrungen von Start-ups

Die Design- und Baufirma Crystal Lagoons ist Chiles einziges Start-up mit einem Wert von über 1 Milliarde US$. Gründer Fernando Fischmann hat seine Idee, mit patentierter, umweltfreundlicher Technologie künstliche Lagunen zu bauen, immer weiter verfeinert. Ausschlaggebend war die Hartnäckigkeit des Gründers, der die Technologie mit dem Trial and Error Prinzip geprüft und optimiert hat. Seit 2007 realisierte Crystal Lagoons weltweit Immobilienentwicklungsprojekte in Milliardenhöhe. Inzwischen stellt das Unternehmen lediglich das Know-how der Wasseraufbereitung zur Verfügung und vergibt die Lizenzen.

Die Firma Solarity um Horacio Melo, einem der Ex-Direktoren des Regierungsprogramms Start-Up Chile, hat in den letzten Jahren beobachtet, wie die Kosten für die Installation von Solarpanels auf Dächern in Chile rapide sanken. Diese Dienstleistung bietet das Unternehmen 10 Prozent günstiger als die Konkurrenz an. Sie konzentriert sich dabei auf den margenträchtigen Wirtschaftsbau. Nach Pilotprojekten, zum Beispiel auf einem Schuldach, gelang der Durchbruch mit der Baumarktkette Sodimac als Kunden. Die Ausbaupläne beziehen sich auf die Metropolregion Santiago, die Stadt Coquimbo und den extrem sonnenreichen Norden bei der Atacama-Wüste. Das Unternehmen ist gegenwärtig nur in Chile tätig, erwägt aber den Schritt ins Ausland, vor allem nach Kolumbien.

Intelag ist ein Technologie-Start-up und zugleich ein Tool, das Landwirten hilft, ihren Ertrag zu steigern und weniger Ressourcen zu verwenden. Sensoren messen Faktoren wie Boden- und Luftfeuchtigkeit, Temperatur und Sonneneinstrahlung. Die Software liefert dem Landwirt dann Optimierungsempfehlungen. Laut seinem Gründer Nikita Gulin profitiert das Start-up von der Mitgliedschaft im FabLab U der Universidad de Chile. Dort werden die Sensoren von Intelag kalibriert. Zudem half dem Start-up die Zusammenarbeit mit einem Saftproduzenten. Gemeinsam mit diesem Familienunternehmen konnten alle Betriebssysteme getestet werden.

Finanzierung der Start-ups

Im Vergleich zu anderen Regionen sind die Finanzierungsmöglichkeiten in Lateinamerika beschränkt. "Selbst zu einem unbedeutenden Start-up-Tag kommen in London 200 Inverstoren. Hier in Chile sind es bei den Demo-Days vielleicht fünf", so Intelag-Gründer Nikita Gulin gegenüber der Zeitung Computerwoche. Das liegt zum einen daran, dass chilenische Banken kaum bereit sind, Anfängern Kredite zu gewähren. Der hohe Anteil von Start-ups, die in ihren ersten Jahren scheitern, führt dazu, dass die Bereitschaft von Investoren, sie zu finanzieren, nur langsam steigt. Zudem ist die Sorge vor dem Scheitern in der chilenischen Bevölkerung möglicherweise etwas stärker ausgeprägt als in Nordamerika oder Europa.

Bis zur Generierung von Einnahmen finanzieren sich die von Germany Trade & Invest befragten Gründer durch Eigenkapital, Bankkredite und/oder öffentliche Zuschüsse. Oder sie werden von Verwandten und Freunden unterstützt. Nur wenige in Chile ansässige Start-ups erhielten Risikokapital und wenn, dann hatten sie es im Ausland eingeworben.

Wenn nach sechs Monaten die staatliche Förderung von Start-Up Chile endet, erhalten nur rund 15 Prozent der Gründer eine Anschlussfinanzierung über private Investoren. Das Nachfolgeprogramm Scale soll nun gegensteuern.

Die 18 Inkubatoren in Santiago werden überwiegend von Universitäten betrieben. Diese dürfen keine Anteile an Unternehmen besitzen. Um Finanzierungslinien aufzulegen, nutzen sie öffentliche Mittel, werden aber auch von großen nationalen oder internationalen Firmen unterstützt, darunter Family Offices, Microsoft, Telefonica und die lokale Angelini-Gruppe.

Unter den privaten Inkubatoren finden sich Wayra und Nxtp Labs, gefolgt von ImagineLab von Microsoft sowie Magical Startup, einem der ersten chilenischen. Im Jahr 2016 wurden 45 Venture Capital und Private Equity Fonds gelistet. Auch Start-ups unterstützen andere Start-ups durch Venture-Fonds. Ein Beispiel dafür ist Magma Ventures. Eine neue Form der Finanzierung stellt Lateinamerikas erste Crowdfunding-Plattform Broota dar.

Geschäftspartnersuche von Start-ups

Gründer haben es oft schwer, die Aufmerksamkeit der Giganten unter den Bergbaugesellschaften oder anderer Großunternehmen im Land zu erlangen. Gelingt es ihnen, sehen sie sich hohen Ansprüchen gegenüber. Denn die Großen verlangen, dass die angebotenen Lösungen weitreichend geprüft wurden, bevor sie bereit sind, sie einzusetzen. Wenn Lieferantenbewertungen zudem auf der Basis der bisherigen Verkäufe erfolgen, haben Start-ups wenig Chancen.

Netzwerke und gemeinsame Kontakte sind enorm wichtig. Daher öffnen Institutionen wie Endeavor Chile den Start-ups ihre Netzwerke. Auch die staatliche Wirtschaftsförderung Corfo (Corporacion de Fomento de Produccion) vernetzt innovative kleine Firmen mit etablierten, großen. Diese sind als Referenz beliebt, jedoch bürokratischer und hierarchischer als die kleineren Firmen.

Die hierarchischen Strukturen erschweren auch technisch die Kontaktanbahnung mit den Großunternehmen. Die Führungsebene verfügt über modernste Technik, doch ab der mittleren und auf der operativen Ebene hakt es oftmals. Laut der Mobilitätsstudie "EmE 2014" des Unternehmens Nubison arbeiten 55,9 Prozent der Unternehmer mit Computer, Notebook, Tablet oder Smartphone, und nur 40,6 Prozent nutzen das Internet für ihr Geschäft. Selbst wenn Smartphones und Tablets nach Einschätzung von Unternehmensberatern inzwischen deutlich weiter verbreitet sind, behindern die Hierarchien doch vielfach die Durchdringung.

Verbreitung Internet und Breitband
Indikator/Jahr 2012 2014 2016
Anteil Internetnutzer der Einwohner (in Prozent) 55,1 61,1 66,0
Festnetz-Breitband-Anschlüsse (in Prozent der Einwohner) 12,5 14,1 16,2
Mobile Breitband-Anschlüsse (in Prozent der Einwohner) 28,0 50,5 71,5
Anteil des elektronischen Geschäftsverkehrs am Gesamtumsatz des Unternehmens 4,6 4,9 5,0

Quellen: ITU; CCS

Typische Wege der Gründung eines Start-ups

Nach Ansicht der von Germany Trade & Invest befragten Business Angels ist der klassische Businessplan überholt. Andres Zarate Oliver hat drei Start-ups aufgebaut, ist nun für das Chilegeschäft von Elettronica Santerno (modulare Wechselrichter) zuständig und sagt: "Selbst die großen Unternehmen, die in Start-ups investieren, arbeiten nur mit Lean Startup."

Bei diesem "schlanken Start-up" wird der Lean-Management-Ansatz auf die Unternehmensgründung oder die Markteinführung von Produkten übertragen. Mit reduzierten Prozessen und möglichst wenig Kapital wird das Unternehmen aufgebaut, ohne lange vorab zu konzipieren. Dem frühzeitigen "An den Markt bringen" der Dienstleistung, des Prototypen oder der Beta-Version folgt Learning by doing. Mithilfe des Feedbacks der Kunden zu dem jungen Produkt reagiert das Unternehmen schnell auf Wünsche.

B2B-Geschäfte gewinnen für Start-ups an Gewicht. Ein Beispiel sind laut Nathan Lustig, Geschäftsführender Gesellschafter des Investmentfonds Magma Partner, die halbjährlichen Bewerbungsrunden von Start-Up Chile. Im Juni 2016 reichten 46 Prozent der Bewerber Vorschläge zur Erbringung von Dienstleistungen oder Produkten für andere Unternehmen ein. Im Januar 2017 waren es schon 69 Prozent.

Viele der neue Firmen arbeiten mit großen Unternehmen zusammen. So kooperiert Motion Displays mit der Bank Bci, Pageload mit der Warenhauskette Falabella und das Start-up Fracttal mit dem Chipriesen Intel. Konzernvertreter schätzen an den Start-ups, dass sie Spezialisten in ihren Bereichen sind und die Fähigkeit besitzen, spezifische Lösungen für die Bedürfnisse jedes Kunden zu schaffen. Sie erwähnen besonders das sogenannte End-to-End-Monitoring, die zyklische Überwachung und Qualitätssicherung von IT-Dienstleistungen aus der Nutzerperspektive.

Gegenwärtige rechtliche Schwierigkeiten für Start-ups

Von rechtlichen Barrieren ist wenig bekannt. Seit 2016 verwenden Chile und Deutschland Apostillen als Beglaubigungsform im internationalen Urkundenverkehr, was die Nutzung deutscher Urkunden im Rechtsverkehr mit Chile vereinfacht. Auch Ausländern ist die Gründung einer Firma innerhalb eines Tages möglich.

Dennoch empfiehlt es sich, früh einen spezialisierten Anwalt und Steuerberater zu engagieren. Ein Grund ist die Reform der jetzigen Regierung zur Unternehmensbesteuerung, die der neue Präsident nach seinem Amtsantritt im März 2018 wieder abschaffen möchte. Ein weiterer ist das Misstrauen, das Teile der öffentlichen Verwaltung trotz aller Digitalisierungsbemühungen gegen rein elektronisch ausgestellte Zertifikate hegen. Unternehmer berichten von Sachbearbeitern, die empfehlen, die Registrierung einer Firma nicht elektronisch abzuschließen, sondern für einzelne Zwischenschritte einen Notar einzuschalten. Dokumente ohne Unterschrift, Stempel und notarielle Beglaubigung werden oft nicht anerkannt.

Die chilenische Gesetzgebung bietet einen angemessenen Standard für den Schutz von geistigem Eigentum. Für Ursprungsbezeichnungen, Patente sowie das Marken-, Urheber- und Domainnamensrecht gelten spezielle Regeln. Je nach Komplexität dauert die Prüfung der Patentfähigkeit drei bis sechs Jahre.

Wichtige Messen und Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Start-up Chile http://www.startupchile.org Öffentlich finanziertes Programm
Corporacion de Fomento de la Produccion (Corfo) http://www.corfo.cl/sites/cpp/ Prozent20emprendimiento Staatliche Wirtschaftsförderungsagentur
Asociacion de Emprendedores en Chile (Asech) http://www.asech.cl Chilenische Unternehmervereinigung
SocialLab http://www.sociallabagency.cl Crowdsourcing-Konsortium fachübergreifender Unternehmen, unterstützt nachhaltige Projekte
Wayra Chile http://www.wayra.de/cl Unterstützt als Accelerator Internet-Start-ups in der Inkubationsphase

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Chile sind unter http://www.gtai.de/chile abrufbar.

A.LI.

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Chile Start-up

Jenny Eberhardt Jenny Eberhardt | © GTAI

Kontakt

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‎ +49 228 24 993 248

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