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17.10.2017

Südafrika muss den Investitionsstau im Wassersektor dringend abbauen

Meerwasserentsalzung und Abwasserverwertung gewinnen an Bedeutung / Von Heiko Stumpf (Oktober 2017)

Johannesburg (GTAI) - Südafrika droht in den kommenden Jahren ein zunehmender Wassermangel. In einigen Regionen wie Kapstadt herrscht bereits akuter Notstand. Missstände im Abwasserbereich sorgen für immer schlechtere Wasserqualität. Der Investitionsbedarf im Wassersektor ist deshalb groß. Wichtige Zukunftsthemen werden Meerwasserentsalzung und Wiederverwendung von Abwasser. Chancen bieten sich dabei auch für dezentrale Lösungen. (Kontaktadressen).

Rahmenbedingungen der Wasserwirtschaft

Wasserknappheit und Mängel im Abwasserbereich bereiten Sorge

Südafrikas Wassersektor steht vor gewaltigen Herausforderungen. Aufgrund steigenden Verbrauchs droht der Kaprepublik bereits 2030 ein Wasserdefizit von 17 Prozent. Nach Berechnungen des WWF soll der landesweite Bedarf bis 2030 auf 18 Millionen Kubikmeter steigen, 2016 dürften es rund 15 Millionen Kubikmeter gewesen sein. Der Großteil des Bedarfs wird mit Oberflächenwasser gedeckt. Südafrika verfügt über rund 4.700 Dämme und zahlreiche große Transfersysteme. Etwa 98 Prozent des verfügbaren Oberflächenwassers werden bereits genutzt.

Im Zuge des Klimawandels kommt es zudem häufiger zu extremen Wetterlagen mit langen Trockenperioden. Bereits 2016 verhängten einige Städte wie Durban oder Johannesburg Verbrauchsrestriktionen. Besonders kritisch ist die Lage in Kapstadt: Aufgrund niedriger Pegel in den Dämmen wurden im September 2017 Einschränkungen der Stufe 5 verkündet. Ab März 2018 droht die Wasserversorgung der Stadt komplett zusammenzubrechen.

Trotz der Engpässe ist die Verschwendung in den Gemeinden sehr groß. Landesweit gehen durchschnittlich rund 35 Prozent des Trinkwassers als sogenannte Non-Revenue Water verloren, in einigen Kommunen sind es sogar 50 bis 70 Prozent. Hauptproblem sind die maroden Leitungsnetze, hinzu kommen illegale Entnahmen sowie fehlende oder defekte Wasserzähler.

Groß sind die Probleme im Abwasserbereich. Mehr als die Hälfte der 824 kommunalen Kläranlagen ist in einem schlechtem Zustand. Zahlreiche Anlagen sind 30 bis 40 Jahre alt und stehen infolge mangelhafter Wartung kurz vor dem Kollaps. Schätzungen zufolge halten nur 30 Prozent der Anlagen die gesetzlichen Vorschriften ein.

Täglich gelangen rund 3,7 Milliarden Liter an ungeklärtem Abwasser in die Umwelt. Rund 60 Prozent der südafrikanischen Gewässer sind von schädlicher Nährstoffanreicherung betroffen. Da diese wiederum zur Trinkwassergewinnung dienen, drohen fatale Folgen. Denn die vorhandenen Aufbereitungsanlagen sind für die sich stetig verschlechternde Wasserqualität nicht ausgelegt. In einigen Kommunen ist das Trinkwasser aus den Leitungen nicht mehr ohne Gesundheitsgefahren genießbar. Nach dem aktuellen Blue Drop Report des Department of Water and Sanitation (DWS) verstoßen bereits 20 Prozent der Netze gegen die mikrobiologischen Standards.

Rahmendaten zum Wassersektor in Südafrika
Indikator Wert
Bevölkerung (2016, in Mio.) 55,9
Erneuerbare Wasserressourcen pro Kopf und Jahr (2015, in cbm) 942
Wasserentnahme p.a. (2013, in Mrd. cbm), davon 15,5
nach Ressourcen
.Grundwasser (in %) 11,4
.Oberflächenwasser (in %) 78,2
.wiederaufbereitetes Abwasser (in %) 10,4
nach Sektoren
.Kommunen (in %) 27,0
.Industrie (in %) 10,5
.Landwirtschaft (in %) 62,5

Quelle: Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO)

Projekte

Meerwasserentsalzung und Abwassernutzung bieten Chancen

In Südafrikas Wassersektor hat sich ein gewaltiger Investitionsstau gebildet. Umgerechnet rund 52,5 Milliarden Euro (855 Milliarden Rand, Jahresdurchschnittskurs 2016: 1 Euro = 16,298 Rand) sind laut Wirtschaftsförderungsgesellschaft Green Cape bis 2025 erforderlich, um Rückstände in der Instandhaltung und im Ausbau der Anlagen aufzuholen. In der mittelfristigen Haushaltsplanung sind für den Zeitraum 2017/18 bis 2019/20 zunächst 7,7 Milliarden Euro (125,4 Milliarden Rand) für die Wasserinfrastruktur vorgesehen.

Da es nur noch wenige Standorte für neue Staudämme gibt, dürften sich die Projekte für die weitere Nutzung von Oberflächenwasser auf einige Großvorhaben beschränken. Dazu zählt die 2. Phase des Lesotho Highlands Water Project zur Versorgung des Großraums Johannesburg. Das rund 1,4 Milliarden Euro teure Vorhaben umfasst den Bau des Polihali-Staudamms mit Transfertunnel und soll bis 2025 realisiert werden.

Aufgrund der Knappheit von Oberflächenwasser wird Meerwasserentsalzung wichtiger. Kapstadt plant eine Entsalzungsanlage mit einer Kapazität von bis zu 450 Megaliter pro Tag für umgerechnet rund eine Milliarde Euro. Bis zum Bau einer Großanlage will Kapstadt bis zu 100 Megaliter pro Tag durch temporäre Entsalzungsanlagen erzeugen. Das Ingenieurbüro Aurecon erstellte Studien für Anlagen in Durban und Port Elizabeth mit Kapazitäten von 150 bzw. 60 Megalitern pro Tag. Längerfristig könnten Entsalzungsanlagen rund 10 Prozent zur Wasserversorgung in Südafrika beitragen.

Geschäftschancen bietet in den kommenden Jahren die Wiederverwendung von Abwasser. Konkrete Pläne gibt es in Kapstadt, wo die Stadtverwaltung zehn Vorhaben mit einer Gesamtkapazität von 100 Megalitern pro Tag identifiziert hat. Zunächst sollen sechs Kläranlagen aufgerüstet werden, um pro Tag insgesamt 50 Megaliter zu Trinkwasser aufbereitetes Abwasser in die Leitungen zu speisen.

Großes Potenzial sehen Branchenkenner bei dezentralen Kleinkläranlagen. Aufgrund der Wasserknappheit und den damit verbundenen Verbrauchsrestriktionen steigt das Interesse bei Entwicklern von Wohn- und Gewerbeimmobilien, insbesondere in der Region Kapstadt. Aus Sicherheitsgründen leben und arbeiten die Südafrikaner meist in geschlossenen Komplexen, was den Bau zugehöriger Klärsysteme zur Brauchwassernutzung für Toiletten, Bewässerung und Gebäudereinigung begünstigt.

Bei der dringend erforderlichen Modernisierung der kommunalen Klärwerke werden vor allem Lösungen für kleinere und mittlere Anlagen gebraucht. Von den landesweit 824 Anlagen verfügen 669 über eine Kapazität von 0,5 bis 10 Megalitern am Tag. Mittelfristig dürfte ein Kapazitätsausbau erforderlich werden. Die Klärkapazitäten von landesweit insgesamt 6.600 Megalitern am Tag werden bereits zu 80 Prozent genutzt.

Aufgrund des Bevölkerungswachstums und zunehmender Urbanisierung werden die Abwassermengen in den Ballungsräumen stark steigen. Rund 40 Prozent der Bevölkerung sind noch nicht an die Kanalisation angeschlossen. Allein für den flächendeckenden Ausbau des Abwassernetzes müssten in den kommenden Jahren etwa 2,8 Milliarden Euro (45 Milliarden Rand) investiert werden.

Einen Überblick über geplante Einzelmaßnahmen zum Ausbau der Wasserinfrastruktur gibt der langfristige Investitionsplan des DWS (Seite 72 ff): http://www.dwa.gov.za/documents/AnnualReports/APP_201718%20TO%20201920=150517.pdf

Wettbewerbsstruktur

Importbedarf bei Mess- und Regelungstechnik

Zahlreiche renommierte Unternehmen im Bereich Planung und Bau von Wasserinfrastruktur sind in Südafrika tätig. Dazu zählen Aurecon, WSP, WorleyParsons, Talbot & Talbot, Murray & Roberts und Group Five. Große Techniklieferanten sind Veolia, Prentech, Tecroveer oder Huber. Standardausrüstung wie Pumpen, Ventile, Rohre, Vorfilter, Tanks oder Pressen werden hauptsächlich vor Ort produziert. Importbedarf besteht bei Mess- und Regeltechnik oder Anlagentechnik wie Schlammtrocknern. Chancen bieten sich für Lösungen zur Verringerung von Leitungsverlusten, wie Leckerkennung oder Druckmanagement.

Zuständigkeiten im Wassersektor

Südafrika verfügt über neun Water Boards, die Trinkwasser produzieren und an die Kommunen zur Verteilung liefern. Die größten sind Rand Water (Johannesburg) und Umgeni Water (Durban). Kläranlagen fallen in die Kompetenz der Kommunen. Landesweit fungieren 152 Gemeinden als Water Service Authority (WSA). Diese können den Betrieb der Wasser- und Abwassernetze an private Firmen auslagern, was die Möglichkeit für Private-Public Partnership (PPP) bietet. Bei öffentlichen Ausschreibungen dürften deutsche Unternehmen vor allem in den Großstädten Chancen haben, in ländlichen Regionen fehlt es häufig am nötigen Know-how. Zu beachten ist die Black Economic Empowerment Gesetzgebung, die bei Auftragsvergaben die Einbeziehung der schwarzen Bevölkerung des Landes regelt.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Germany Trade & Invest http://www.gtai.de/suedafrika Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft
Department of Water and Sanitation https://www.dwa.gov.za
Portal für öffentliche Ausschreibungen http://www.etenders.gov.za

Dieser Artikel ist relevant für:

Südafrika Wasserversorgung, -gewinnung, Bewässerung, Kläranlagenbau, Abwasserentsorgung

Kontakt

Edith Mosebach

‎+49 228 24 993 288

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