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30.07.2014

Südafrikas Tourismus fürchtet strengere Reisevorschriften

Steigende Besucherzahlen erwartet / Drohende Wachstumsbremse durch neue Einreiseregelungen / Von Heiko Stumpf

Johannesburg (gtai) - In den vergangenen zwei Jahren konnte Südafrika einen hohen Anstieg der Besucherzahlen verzeichnen. Für die Zukunft werden durchweg positive Wachstumsprognosen erstellt, sodass der Tourismus eine wichtige Konjunkturstütze in der ansonsten schwächelnden südafrikanischen Wirtschaft darstellen könnte. Sorge bereiten der Industrie aber neue Vorschriften zur Ein- und Ausreise mit Kindern sowie zur Visabeantragung, die potenzielle Urlauber abschrecken könnten. (Kontaktanschriften)

Bei ausländischen Besuchern erfreut sich Südafrika zunehmender Beliebtheit. Im Jahr 2013 reisten rund 9,5 Mio. Gäste ans Kap, ein Anstieg von 3,7% gegenüber dem Vorjahreswert, 2012 hatte es mit 10,2% sogar einen zweistelligen Zuwachs gegeben. Die Entwicklung der Tourismusindustrie seit dem Ende der Apartheid vor genau 20 Jahren ist eine Erfolgsgeschichte für Südafrika. Die Zahl der internationalen Touristenankünfte habe sich seit 1994 mehr als verdreifacht, hob der mittlerweile aus dem Amt geschiedene Tourismusminister Marthinus van Schalkwyk in einer Erklärung im Mai 2014 hervor.

Die Prognosen zeichnen ebenfalls ein positives Bild. PricewaterhouseCoopers (PwC) erwartet für 2014 bereits 9,9 Mio. ausländische Besucher in der Kaprepublik. Für den Zeitraum 2014 bis 2018 wird eine durchschnittliche jährliche Steigerungsrate von 4,2% vorhergesagt, sodass Südafrika in vier Jahren Ziel von 11,7 Mio. Reisenden sein könnte. Dies deckt sich mit den Erwartungen des World Travel & Tourism Council (WTTC), der für kommenden Jahre von einem Plus von 4,1% ausgeht.

Entsprechend wächst auch die Wirtschaftsleistung der Tourismusbranche. Rund 3% trug der Sektor 2013 zur Entstehung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bei. Über zahlreiche Verflechtungen, zum Beispiel mit der Nahrungsmittelindustrie oder der Dienstleistungserbringung, wird indirekt sogar ein Wert von 9,5% erreicht.

Nach Vorhersage des WTTC wird es auch künftig bergauf gehen. Um real 4,3% soll der Sektor 2014 zulegen. Damit ist der Tourismus einer der wenigen Wirtschaftszweige Südafrikas, aus dem positive Stimmung zu melden ist. Andere Schlüsselbranchen, wie der Bergbau und die Industrie, leiden unter schwacher Nachfrage und Produktionsausfällen durch langwierige Streiks. Das BIP-Wachstum droht dadurch 2014, wie schon im Vorjahr, wieder unter 2% rutschen. Im Gegensatz hierzu wagt der WTTC selbst langfristig einen positiven Ausblick für den südafrikanischen Tourismus und rechnet für die kommenden zehn Jahre mit einem Sektorwachstum von durchschnittlich 3,9% pro Jahr.

Infolgedessen dürfte der Tourismus zu den wichtigsten Wachstumsstützen der südafrikanischen Volkswirtschaft gehören. Mit rund 645.000 Beschäftigten ist die Branche ein größerer Arbeitgeber als beispielsweise die Automobilindustrie. Die Gäste aus dem Ausland bringen mit ihren Ausgaben pro Jahr rund 98 Mrd. Rand (R; etwa 6,9 Mrd. Euro; 1 R = circa 0,07 Euro) ins Land und sorgen für wichtige Impulse, zum Beispiel in der Gastronomie und im Einzelhandel. Bis 2024 sollen die Ausgaben ausländischer Besucher dem WTTC zufolge 155 Mrd. R erreichen, was einem durchschnittlichen Anstieg von real 4,1% pro Jahr entspricht.

Markt konzentriert sich auf Besucher aus Übersee

Allerdings zählt nur ein kleiner Teil der ausländischen Besucher zur zahlungskräftigen Klientel. Die offiziellen Statistiken zeigen bezüglich der internationalen Ankünfte ein etwas verzerrtes Bild, sind sich Branchenexperten einig. Von den 9,5 Mio. ausländischen Besuchern des Jahres 2013 kamen mit 6,9 Mio. rund zwei Drittel aus den afrikanischen Nachbarstaaten. Darunter waren allein 1,9 Mio. aus Simbabwe, 1,4 Mio. aus Lesotho und 1,1 Mio. aus Mosambik. Bei den wenigsten dieser Reisenden dürfte es sich um Touristen im eigentlichen Sinne handeln.

Viele Simbabwer sind in den vergangenen Jahren vor den schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen in ihrer Heimat nach Südafrika geflohen und gehen dort einer formellen oder häufig auch informellen Arbeit nach. Die Emigranten reisen in der Regel mehrmals im Jahr nach Hause, um Verwandte zu besuchen und werden fälschlicherweise genauso in der Touristenstatistik erfasst wie die Besucher aus dem gänzlich von Südafrika umschlossenen Königreich Lesotho. Die Einwohner Lesothos reisen nicht nur zur Arbeit, sondern auch zum Einkaufen, für Arzttermine und Verwandtenbesuche regelmäßig nach Südafrika.

Der Tourismusmarkt dürfte sich deshalb im Wesentlichen auf die 2,7 Mio. Gäste aus Übersee beschränken. Wichtigster Zielmarkt für Südafrika ist Europa mit rund 1,5 Mio. Gästen, gefolgt von Asien (etwa 577.000) und Nordamerika (annähernd 416.000).

Top 10 Herkunftsländer ausländischer Touristen in Südafrika (Veränderung gegenüber dem Vorjahr in %)
2012 2013 Veränderung
Vereinigtes Königreich 438.023 432.186 -1,3
USA 326.644 347.030 6,2
Deutschland 266.333 300.531 12,8
VR China 132.327 153.662 16,1
Frankreich 122.244 133.642 9,3
Australien 120.315 124.717 3,7
Niederlande 117.935 120.707 2,4
Indien 106.774 111.930 4,8
Brasilien 78.376 82.437 5,2
Kanada 66.802 68.511 2,6

Quelle: Statistics SA

Bei deutschen Urlaubern scheint Südafrika weiter an Beliebtheit zu gewinnen. Das nationale Statistikamt konnte bis Juli 2014 nur Zahlen für die ersten beiden Monate des Jahres veröffentlichen, diese zeigen aber ein Plus von knapp 20% gegenüber dem Vorjahr. Starke Dynamik herrscht bei den Besucherzahlen aus der VR China, die 2012 und 2013 um 56,0 und 16,1% zunahmen.

Insgesamt sieht sich Südafrika aber großer internationaler Konkurrenz ausgesetzt, da die Kaprepublik für alle ihrer wichtigsten Zielmärkte ein Fernreiseziel darstellt und deshalb teuer ist. Aufgrund des kaum vorhandenen öffentlichen Nahverkehrs kommen Touristen zudem in der Regel nicht umhin, sich für die Dauer ihres Aufenthaltes einen Mietwagen zu nehmen. Die Entfernungen zwischen Hauptattraktionen wie Kapstadt oder dem Kruger National Park sind weit und erfordern zusätzliche Inlandsflüge.

Die starke Abwertung der Landeswährung Rand gegenüber dem US$ und Euro in den letzten zwei Jahren wirkte sich aber positiv auf die Attraktivität Südafrikas aus, sodass dem prognostizierten Anstieg der Touristenzahl eigentlich nichts im Wege stünde.

Neue Einreisevorschriften sorgen für heftige Kritik

Es ist die südafrikanische Regierung, die ähnlich wie anderen Sektoren mit neuen regulatorischen Maßnahmen den Aufschwung gefährdet. Im Mittelpunkt der Diskussionen stehen neue Vorschriften für Reisen mit Kindern sowie zur Beantragung von Visa. Eltern, die mit minderjährigen Kindern unterwegs sind, müssen ab 1.10.14 eine vollständige Geburtsurkunde (unabridged birth certificate) vorlegen, die persönliche Angaben über beide Elternteile enthält. Reisen die Kinder nur mit einem Elternteil, ist zusätzlich eine eidesstattliche Versicherung des anderen Elternteils, dass der Reise zugestimmt wird, erforderlich.

Je nach der konkreten familiären Situation können weitere Dokumente erforderlich sein, etwa ein gerichtlicher Beschluss über die Erteilung des alleinigen Sorgerechts oder eine Sterbeurkunde. Wenn die Originalurkunden nicht in englischer Sprache ausgestellt sind, ist zudem eine beglaubigte Übersetzung durch einen vereidigten Übersetzer vorzuweisen. Falls diese Unterlagen nicht vorgelegt werden können, sind bereits die Fluggesellschaften angewiesen, den Zutritt zu ihren Flugzeugen zu verweigern.

Mit diesen Maßnahmen will Südafrika die steigenden Probleme mit Kinderhandel in den Griff bekommen. Vertreter der Tourismusindustrie fürchten jedoch, dass die gut gemeinten Vorschriften durch zusätzlichen Aufwand und Kosten potenzielle Urlauber abschrecken. "Der Anteil der Reisenden mit Kindern macht etwa 20% des Gesamtmarktes aus", sagt David Frost, CEO der Southern African Tourism Services Association (SATSA). Der Reiseveranstalter TUI warnt in einer Erklärung, das Geschäft mit Familienurlauben in Südafrika könne kollabieren. Tourismusunternehmen verzeichnen bereits Stornierungen aufgrund der neuen Regelungen, so Frost.

Für Reisende mit Kindern ergeben sich aus den neuen Vorschriften große Unsicherheiten, da es im Gegensatz zu Reisepässen keine internationalen Standards für Geburtsurkunden gibt. Insofern ist unklar, welche Dokumente von den südafrikanischen Behörden akzeptiert werden und wie die Anwendungspraxis an den Flughäfen ausfällt. Während die Einreise noch klappen kann, könnte es bei der Ausreise Probleme geben. Zudem tragen die Vorschriften wenig zur Erreichung des eigentlichen Ziels bei, so die Kritik von Branchenkennern, da sich kriminelle Syndikate aufgrund der verbreiteten Korruption entsprechende Dokumente auf illegalem Wege beschaffen können.

Persönliche Visabeantragung wirkt erschwerend

Die zweite kritisierte Vorschrift betrifft das Erfordernis, bei der Visabeantragung zur Aufnahme biometrischer Daten persönlich in den südafrikanischen Auslandsvertretungen vorstellig werden zu müssen. Europäische Länder wie Deutschland sind hiervon aufgrund der bestehenden Visabefreiung für Kurzaufenthalte nicht betroffen, wohl aber die von Südafrika anvisierten Wachstumsmärkte VR China und Indien.

In beiden Staaten verfügt Südafrika lediglich über zwei Visastellen, sodass potenzielle Besucher zunächst aufwendige Inlandsreisen zur Beantragung auf sich nehmen müssen. Durch die neuen Regelungen könnte der Reisemarkt mit chinesischen Gästen um bis zu 70% einbrechen, fürchtet ein Reiseveranstalter. Selbst der amtierende Tourismusminister Derek Hanekom warnt vor negativen Folgen für die südafrikanische Tourismusindustrie, bei dem für die neuen Vorschriften verantwortlichen Department of Home Affairs scheinen die Appelle aber bislang ungehört zu verhallen.

Die Aussichten für den inländischen Tourismus hingegen hängen stark von der Entwicklung der wirtschaftlichen Lage und der verfügbaren Einkommen ab. Nach 5,1 Mio. Reisenden 2013 erwartet PwC einen durchschnittlichen Anstieg um 3% pro Jahr bis 2018. Allerdings unterstellt die Studie für den gleichen Zeitraum eine BIP-Zunahme von 3,6%, was angesichts der derzeitigen Lage sehr optimistisch erscheint.

Hotels investieren wieder

Durch die insgesamt gestiegenen Touristenzahlen der letzten Jahre verbessert sich aber die Auslastung der Beherbergungsbetriebe. Aufgrund eines Baubooms vor der Fußball-WM 2010 entstanden hohe Überkapazitäten, die sich nun langsam abbauen. Zurzeit investieren Hotels vor allem in den Kauf und die Modernisierung von bestehenden Betrieben. Ab 2016 könnten nach Einschätzung von Branchenkennern wieder verstärkt neue Hotels gebaut werden, insbesondere in beliebten Orten Umhlanga (Durban) oder Kapstadt.

Aufgrund der starken lokalen Hotellerie war der südafrikanische Hotelmarkt bislang für ausländische Ketten nicht einfach zu erschließen. Im April 2014 kaufte Marriott International die südafrikanische Protea Sun Hospitality Group für 2 Mrd. R. Neben der Übernahme der 116 Protea Hotels überlegt Marriott auch die Einführung eigener Marken in Südafrika und den Nachbarstaaten.

Rahmendaten zum südafrikanischen Beherbergungsgewerbe (Gesamtmarkt)
2013 2014 2015 2016
Zahl der Zimmer 115.700 116.200 117.800 119.800
Auslastung (in %) 52,6 52,8 54,4 55,6
Durchschnittlicher Zimmerpreis (in R) 778 867 924 981

Quelle: PwC

Rahmendaten zum südafrikanischen Beherbergungsgewerbe (nur Hotels)
2013 2014 2015 2016
Anzahl der Zimmer 60.900 61.000 61.700 62.500
Auslastung (in %) 58,9 61,1 63,1 65,6
Durchschnittlicher Zimmerpreis (in R) 935 1.040 1.100 1.150

Quelle: PwC

Der Hotelmarkt in Johannesburg ist stark durch Geschäftsreisende geprägt. Diese sind nach Zahlen der WTTC für 35% der Ausgaben ausländischer Reisender in Südafrika verantwortlich. In Johannesburg finden auch viele der über 100 Industriemessen Südafrikas statt. Kapstadt liegt bei ausländischen Touristen vorne, während Durban stärker von einheimischen Urlaubern besucht wird. Beide Städte konkurrieren hart im Kongressgeschäft. Der International Congress and Convention Association zufolge fanden 2013 von den 118 in Südafrika abgehaltenen Kongressen 45 in Kapstadt und 25 in Durban statt. Kapstadt investiert bis 2017 rund 850 Mio. R in die Erweiterung seines renommierten Cape Town International Convention Centre (CTICC), wodurch sich die verfügbare Fläche fast verdoppeln wird.

Kontaktanschriften:

Department of Tourism

Private Bag X424, Pretoria 0001

Tel.: 0027 12/444 60 00, Fax: -444 70 00

Internet: http://www.tourism.gov.za

South African Tourism

Private Bag X10012, Sandton 2146

Tel.: 0027 11/895 30 00, Fax: -895 30 01

E-Mail: travel@southafrica.net, Internet: http://www.southafrica.net

Southern African Tourism Services Association (SATSA)

P.O. Box 900, Ferndale 2160

Tel.: 0027 11/886 99 96, Fax: -886 75 57

E-Mail: pa@satsa.co.za, Internet: http://www.satsa.com

Tourism Business Council of South Africa

P.O. Box 11655, Centurion 0046

Tel.: 0027 12/654 75 25, Fax: -654 73 94

Internet: www.tbcsa.travel

Federated Hospitality Association of South Africa

3A Eton Road, Parktown 2193

Tel.: 0027 861/33 36 28, Fax: -11/482 97 71

E-Mail: admin@fedhasa.co.za, Internet: http://www.fedhasa.co.za

(He.St.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Südafrika Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Tourismus / Hotels / Gastgewerbe, allg., Tourismus, Hotels, Gastgewerbe

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‎+49 (0)228 24 993-288

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