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01.01.2018

Südkorea plant Rückbau von Kernkraftwerken

Nutzung von Nuklearenergie wird reduziert / Sicherheitsfragen gewinnen an Bedeutung / Von Alexander Hirschle

Seoul (GTAI) - Die südkoreanische Regierung will den Anteil der Nuklearenergie am Strommix in den kommenden Jahren nach unten schrauben und die Zahl von Atommeilern bis 2038 deutlich reduzieren. Gleichzeitig wird angesichts des Erdbebens in Pohang im Herbst 2017 bei den in Betrieb befindlichen Kernkraftwerken die Sicherheitsfrage neu gestellt. Auch will die Regierung den Aufbau von lokaler Rückbautechnologie fördern. Der Export von Kernkrafttechnologie soll derweil fortgeführt werden.

Die Zahl der Atomkraftwerke in Südkorea soll bis 2038 schrittweise verringert werden. Mit den derzeit in Betrieb befindlichen 24 Reaktoren und den bis 2022 fertiggestellten vier neuen Meilern wird zu diesem Zeitpunkt das Maximum mit 28 Kraftwerken erreicht sein. Bis 2031 soll die Zahl auf 18 und bis 2038 auf nur noch 14 Einheiten nach unten geschraubt werden.

Bereits kurz nach Amtsantritt im Mai 2017 hatte Präsident Moon angekündigt, die Abhängigkeit Südkoreas von Nuklearenergie zu verringern. Die Lebensdauer der in Betrieb befindlichen Meiler solle nicht über 40 Jahre hinaus verlängert werden. Im November 2017 wurde beschlossen, den Bau des dritten und vierten Reaktors des Shin-Hanul-Kraftwerkes sowie der ersten und zweiten Einheit des Cheonji-Kernkraftwerkes auszusetzen. Die Pläne sind umstritten, da schon hohe Summen in die Projektplanung investiert wurden. Die Reaktoren Shin-Hanul 1 und 2 sowie Kori 5 und 6 sollen hingegen gemäß der ursprünglichen Pläne fertiggestellt werden.

Erdbeben forcieren Sicherheitsbedenken

Das größere Erdbeben im November 2017 in Pohang mit einer Stärke von 5,4 war unterdessen Wasser auf die Mühlen der Unterstützer des Ausstiegsplans, da angesichts zunehmender seismischer Aktivitäten auch Sicherheitsbedenken von Experten und Bevölkerung zunehmen.

Aus diesem Grund dürften Investitionen in die Ausweitung der Sicherheitsstandards die Diskussionen der nächsten Monate bestimmen. Bereits heute fordern Umweltgruppen die Aussetzung der Bauarbeiten an den Reaktoren Kori 5 und Kori 6 und einen noch schnelleren Ausstieg aus der Atomenergie. Befürworter weisen im Gegenzug darauf hin, dass auch das jüngste Erdbeben keine Auswirkungen auf die Reaktoren in der Region gehabt habe und dass die Anlagen über ausreichend hohe Sicherheitsstandards verfügten, was von der staatlichen Betreibergesellschaft Korea Hydro & Nuclear Power (KHNP) bestätigt wurde.

KHNP optimiert eigenen Angaben zufolge derzeit die Sicherheit von 21 der 24 Reaktoren, so dass sie einem Erdbeben der Stärke 7,0 standhalten können. Die Arbeiten sollen Mitte 2018 abgeschlossen werden. Grundsätzlich sehen Unternehmensvertreter Chancen für den Einsatz deutscher Technologien in diesem Bereich. Allerdings würde von südkoreanischer Seite versucht, tendenziell einen größtmöglichen Anteil mit lokaler Technologie abzudecken.

Hohe Investitionen in Rückbau

Im Zuge des anvisierten rückläufigen Anteils von Nuklearstrom am Energiemix Südkoreas wird auch der Rückbau alter Anlagen künftig an Bedeutung gewinnen. Allein für den ältesten Reaktor des Landes, Kori 1 bei Busan, der im Juni 2017 abgeschaltet wurde, waren bei der letzten offiziellen Schätzung 2014 Kosten von knapp 550 Millionen US-Dollar (US$) veranschlagt worden. Neue Berechnungen gehen allerdings mittlerweile von etwa 640 Millionen US$ aus.

Der Rückbauprozess von Kori 1 wird circa 15 Jahre dauern und soll Ende 2032 abgeschlossen sein. Bis 2022 dürfte in einer ersten Phase der Rückbau vorbereitet und der Genehmigungsprozess abgeschlossen sein. Die zweite, parallel laufende Phase beinhaltet die Kühlung der Brennstäbe, den Bau von Kühlanlagen und den Transport der Brennstäbe. Die dritte Stufe von Juni 2022 bis Dezember 2030 soll den Abbruch des Kraftwerks umfassen. Für die Restaurierung des Geländes sind dann abschließend weitere zwei Jahre vorgesehen.

Entwicklung eigener Technologie als Ziel

Die zehn ältesten Reaktoren Südkoreas werden nach Ablauf ihres Lebenszyklus voraussichtlich bis 2030 abgeschaltet. Nach Ansicht von Branchenvertretern ist noch nicht klar ersichtlich, ob der Rückbau von Kernkraftwerken überwiegend staatlich oder zum Teil auch privat organisiert werden soll. Obwohl mit dem konkreten Rückbau von Kori 1 wohl erst in fünf Jahren begonnen wird, müssen sich ausländische Firmen aber jetzt schon positionieren und vorbereiten, um einen etwaigen Zuschlag für Lieferungen oder die Übernahme von Teilprojekten zu erhalten - so die Stimmen.

Grundsätzlich werden gute Chancen für Firmen aus Deutschland, dem Vereinigten Königreich und Frankreich gesehen - allerdings versehen mit dem Fragezeichen, welcher Projektumfang überhaupt an ausländische Unternehmen vergeben werden soll. Pressemeldungen zufolge haben Südkorea und Frankreich auf Regierungsebene Ende 2017 bereits Absichtserklärungen für eine intensivierte Zusammenarbeit beim Rückbau von Atomanlagen unterzeichnet.

Präsident Moon hatte im Oktober 2017 in der lokalen Presse verlauten lassen, dass er die Bemühungen um den Aufbau von lokaler Expertise in diesem Bereich unterstützen will mit dem Ziel, künftig auch international zu einem wichtigen Akteur beim Rückbau von Atomkraftwerken zu avancieren. Experten gehen davon aus, dass Südkorea allerdings rund zehn Jahre benötigen wird, um das technologische Know-how vollumfänglich zu entwickeln. Bereits die Vorgängerregierung hatte 2015 einen Plan veröffentlicht, bis 2030 rund 460 Millionen US$ in die Entwicklung von Technologien für den Rückbau von Atomkraftwerken zu investieren.

Neue Projekte im Ausland anvisiert

Aber auch beim Neubau von Kernkraftanlagen in Drittländern will Südkorea weiter aktiv bleiben. Im Oktober 2017 erklärte der Minister für Handel, Industrie und Energie, Baek Woon-kyu, in der lokalen Presse, dass die Regierung den Export von Nukleartechnologie weiter unterstützen wird. Die Abkehr von der Kernkraft auf dem Heimatmarkt sei vorwiegend auf die lokalen Besonderheiten wie das erhöhte Erdbebenrisiko und die hohe Dichte von Atommeilern zurückzuführen.

Die staatlichen Gesellschaften Korea Electric Power Corporation (KEPCO) und KHNP betonten in weiteren Statements die Wettbewerbsfähigkeit Südkoreas in diesem Sektor, die anhand des laufenden Baus des Kraftwerks Barakah in den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstrichen worden sei.

Darüber hinaus wurde KEPCO Anfang Dezember 2017 im Rahmen eines Nuklearprojekts im Vereinigten Königreich als "Preferred Bidder" für die Übernahme der Toshiba-Anteile als Konsortialführer des Unternehmens NuGen ausgewählt. Presseangaben zufolge soll der Vertrag hierzu im Laufe des 1. Halbjahrs 2018 finalisiert und unterschrieben werden. Das Vorhaben umfasst den Bau von drei Kernreaktoren mit einer Gesamtkapazität von 3 Gigawatt. Die Investitionssumme soll sich auf rund 20 Milliarden US$ belaufen, der Bau bis zum Jahr 2030 abgeschlossen sein.

Branchenexperten äußern jedoch Zweifel, ob Südkorea mittelfristig den Spagat zwischen expandierenden Auslandsaktivitäten und gleichzeitig einer austrocknenden Binnennachfrage meistern werde. Es könne sein, dass bei einer sich schnell entwickelnden Technologie wie der Kernkraft der Know-how-Anschluss verloren gehe. Auch könnten die Zulieferstrukturen im Inland langsam, aber sicher wegbrechen, so die kritischen Stimmen.

Strommix in Südkorea (in Terrawattstunden, Anteil in Prozent)
Energieart 2016 2017 *) Anteil 2016 Anteil 2017 *)
.Kohle 213,8 243,8 39,6 44,0
.Kernkraft 162,0 152,7 30,0 27,6
.Gas 120,8 111,8 22,4 20,2
.Andere erneuerbare Energien 23,0 28,7 4,3 5,2
.Erdöl 14,3 9,5 2,6 1,7
.Wasserkraft 6,6 7,0 1,2 1,3
Insgesamt 540,4 553,6 100,0 100,0

*) Schätzung

Quelle: Korea Energy Economics Institute

(A.H)

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Südkorea können Sie unter http://www.gtai.de/korea abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

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Südkorea Strom-/ Energieerzeugung, Kernkraft

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