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12.10.2017

Tansanische Erdgasverflüssigung nicht in Sicht

Ohne Gaseinnahmen keine Infrastrukturentwicklung / Von Martin Böll

Nairobi (GTAI) - Tansania träumt seit 2010 davon, durch den Export von Flüssigerdgas Milliarden US-Dollar verdienen und so über Nacht in eine neue ökonomische Liga aufsteigen zu können. Schon der Bau eines umfassenden Pipelinenetzes nebst einer Gasverflüssigungsanlage (LNG; liquefied natural gas) würde gut 30 Milliarden US$ kosten, für das arme Land eine kaum vorstellbare Größenordnung. Eine Investitionsentscheidung aber verzögert sich immer weiter und damit auch die längst verplanten Einnahmen.

Tansania sitzt nach Einschätzung seines Ministeriums für Energie und Bodenschätze auf mindestens 57 Trillionen Kubikfuß Erdgas - ein reicher Schatz, der nach dem Wunsch der Regierung nur darauf wartet, gehoben zu werden. Die Erschließung aber ist teuer, das Länderrisiko Tansania ist hoch und die internationalen Gaspreise sind im Keller. Anders formuliert: Aus der Absicht der Regierung, mit Hilfe lukrativer Gasverkäufe die Volkswirtschaft voranzubringen und vor allem teure Infrastrukturvorhaben zu finanzieren, wird erst einmal nichts - vermutlich auf Jahre hinaus. Zudem hat Staatspräsident John Magufuli die Zeichen der Zeit nicht erkannt, sagen Kritiker. Im Gegenteil: Im Juli 2017 hatte er allen Upstream-Gasinvestoren und -Interessenten mitgeteilt, sie müssten ihre Verträge und Konzessionen neu verhandeln, weil die Regierung dabei bislang zu schlecht weggekommen sei.

Internationale Gaspreise noch viel zu niedrig

Angesichts der derzeitigen Rahmenbedingungen und der zu erwartenden Preisentwicklung seien Investitionen in den Gassektor und eine teure Verflüssigungsanlage riskant, sagt das in New York ansässige Natural Resource Governance Institute (NRGI). Nach Einschätzung des Instituts lohnen sich Investitionen erst ab einem Preis von 14 US$ pro 1 Million British Thermal Units. Dem stehen langfristige Preisprognosen von 8 US$ für Flüssiggas in Ostasien (dem wahrscheinlichen Abnahmemarkt für tansanisches Erdgas) gegenüber und ein Durchschnittspreis von 11 US$ in den letzten 15 Jahren.

Dabei wollte Tansania eigentlich im laufenden Jahr den Grundstein für die Gasverflüssigung legen. Mit einer Produktionsaufnahme wäre dann für 2024 zu rechnen gewesen. Im April 2017 hatte die Regierung mit einem Konsortium von ExxonMobil, Statoil, Ophir, Shell und der staatlichen Tanzania Petroleum Development Corporation einen Vertragsentwurf für den Bau einer rund 30 Milliarden US$ teuren Verflüssigungsanlage im Küstenort Lindi unterzeichnet. Die Gasexporte sollen Tansania jährlich mindestens 5 Milliarden US$ einbringen. Zudem soll ein Großteil der Gasmenge für den Eigenbedarf verwendet werden.

Für die Bevölkerung kein Game-Changer

Sollte das Gasprojekt nun doch wider Erwarten in Bälde realisiert werden können, dann wären die bislang antizipierten Einnahmen des Staates viel zu hoch angesetzt, sagt NRGI. Mehr als 2,3 Milliarden US$/Jahr seien wohl nicht drin. Das wären unter dem Strich 20 US$ im Jahr pro Kopf und damit viel zu wenig, um die weit verbreitete Armut im Land zu lindern. Die im Juli 2017 vom tansanischen Parlament verabschiedeten Natural Wealth and Resources Bill und Resources Contracts Bill, denen zufolge Gaserlöse, die über eine Schwelle von 3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes hinaus gegen, in einen Staatsfond (Oil and Gas Fund's Revenue Saving Account) eingezahlt werden müssen, greifen damit nicht, weil die Schwelle nicht erreicht werden dürfte.

Wahrscheinlich ist nun, dass die interessierten Gasfirmen erst einmal abwarten werden, bis die internationalen Gaspreise deutlich nach oben zeigen. Gleichzeitig bleibt offen, welche neuen Forderungen Tansania im Verhältnis zum Öl- und Gassektor erhebt. Denn nun hat Tansania mehr Zeit, strittige Landkäufe beziehungsweise Enteignungen im Zusammenhang mit der Gaserschließung und -verflüssigung durchzuführen. Ursprünglich sollte die Entscheidung für den Bau einer Verflüssigungsanlage schon 2016 fallen, aktuell gehen Beobachter von frühestens 2022 aus - wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Ohne Gaseinnahmen keine ambitionierte Infrastrukturentwicklung

Für Tansania bedeutet dies, dass es nicht wie geplant mit seinen verschiedenen Entwicklungs- und Infrastrukturprogrammen fortfahren kann, weil der fest einkalkulierte Geldsegen erst einmal nicht kommt. Die Erfahrung vieler Länder mit plötzlichen Rohstofffunden haben gezeigt, dass hochgesteckte Erwartungen sich oft nicht erfüllen ließen und zu schlechten Ausgabenentscheidungen geführt haben, sagt das NRGI und verweist auf Parallelen in Brasilien, Ghana, der Mongolei, Mosambik und Sierra Leone.

Im Rahmen des LNG-Projektes ist von den beteiligten Firmen grundsätzlich vorgesehen, dass erst einmal drei Gasfelder vor der Küste (1, 2 und 4) mit Reserven von insgesamt etwa 27 Trillionen Kubikfuß erschlossen werden. Ein Netz von Pipelines führt von den Fundstellen zu einem Terminal an Land, von wo erst einmal (entgegen dem Wunsch der Regierung) das Gros verflüssigt und in Länder wie Japan, der VR China und andere asiatische Märkte verkauft wird. Was nicht verflüssigt wird, wird über ein bereits bestehendes Pipelinenetz auf dem tansanischen Markt verkauft. Die vorgenannten drei Blocks gehören Statoil und Shell, die damit auch im Wesentlichen die Investitionsentscheidung treffen. Vertreter beider Firmen haben bereits zu verstehen gegeben, dass sich eine Entwicklung der Gasfelder nur lohnt, wenn auch eine Verflüssigungsanlage gebaut wird.

Im Vergleich zu den drei vorgenannten Gasblöcken sind andere Felder zwar auch vielversprechend, aber erst unzureichend erforscht. Sollte es dort zu einer Ausbeute kommen, würden die beteiligten Firmen sich an einer LNG-Anlage beteiligen aber mit Sicherheit nichts eigenes bauen wollen.

An-Land-Funde relativ unbedeutend

Neben den bedeutenden Off-Shore-Funden gibt es noch relativ unbedeutende Vorhaben an Land, die weitgehend erschlossen sind und zugunsten des tansanischen Marktes ausgebeutet werden. Ob an Land noch mehr Gas gefunden werden kann, ist gut vorstellbar, bleibt aber abzuwarten. Die Regierung will ferner eine Pipeline bauen, um Erdgas in die Nachbarländer zu liefern. Nach Ansicht von Marktkennern ist dies jedoch aktuell eine reine Wunschvorstellung, weil das auf dem Festland gefundene Gas für den tansanischen Markt bislang kaum ausreicht und es bei der Erschließung der vorstehend genannten drei Blöcke im Meer erst einmal darum gehen wird, die Verflüssigungsanlage auszulasten.

Spannend bleibt derweil die Frage, wie es in Mosambik weitergeht, dass mit Reserven in einer Größenordnung von 120 Trillionen Kubikfuß mehr als doppelt so viel Gas hat wie Tansania und vor seinem Nachbarn den Weltmarkt erreichen will. Das Gas wurde im Rahmen einer 1,9 Milliarden US$ teuren Investition von der staatlichen thailändischen PTT Exploration and Production Plc. gefunden. Ein Konsortium unter Führerschaft der US-amerikanischen Anadarko Petroleum will Presseberichten zufolge im zweiten Quartal 2018 entscheiden, ob eine LNG-Anlage gebaut wird.

Wirtschaftliche Entwicklung Tansania (Prognosen)
2017 2018
Nominales BIP (in Mrd. US$) 50,5 52,5
Staatsverschuldung (in Mrd. US$) 35,2 36,1
BIP-Wachstum (in%; real) 6,4 6,0
Warenexporte (fob; in Mio. US$) 5.194 5.368
Warenimporte (fob; in Mio. US$) 8.610 9.041
Bevölkerung (in Mio.) 57,3 59,1
Pro-Kopf-Einkommen (in US$) 881 888

Quelle: Economist Intelligence Unit

(M.B.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Tansania Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Öl, Gas

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Katrin Weiper

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