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15.06.2015

Technische Textilien erobern russischen Straßenbau

Lkw-Maut-Korrektur gefährdet Finanzierung vieler Projekte / Von Bernd Hones

Moskau (gtai) - Präsident Putin will den Straßenbau in Russland verdoppeln. Doch 2015 gibt es dafür erst einmal 30% weniger Geld. Wenn auch noch die Lkw-Maut-Pläne gestutzt werden, dann könnte sich die Lage an der Finanzierungsfront weiter verschlechtern. Nach wie vor verwenden Russlands Straßenbaukonzerne minderwertige Bitumen. Dafür sind technische Textilien im Kommen. Der Markt für Geogitter wird sich bis 2020 wahrscheinlich verdoppeln. (Kontaktanschriften)

Bis heute ist die Verkehrsinfrastruktur in Russland ein Engpass für die weitere wirtschaftliche Entwicklung. Im flächenmäßig größten Land der Erde gibt es 1 Mio. km Straßen. Um einen reibungslosen Verkehrsfluss zu garantieren, wären mindestens 1,5 Mio. km Straßen notwendig. Damit nicht genug: Der Großteil der existierenden Trassen ist in einem schlechten Zustand. Laut einem Bericht der Wirtschaftszeitung "Ekonomika i Schisn" (Wirtschaft und Leben) entsprechen 63% nicht den vorgeschriebenen Normen. Ein Drittel müsste sogar umgehend ausgebessert werden. Darüber hinaus sind 40% aller Brücken in Russland in einem schlechten Zustand.

Die Folgen für die achtgrößte Volkswirtschaft der Welt: Pro Tag legen Lkw in Russland gerade einmal 200 bis 300 km zurück. In westlichen Ländern ist die maximale Tagesdistanz bis zu viermal höher. Kein Wunder, dass der Transportanteil an den Warenkosten zwischen 12 und 50% liegt. Zum Vergleich: In der EU sind es weniger als 8%. Doch anstelle den Straßenbau massiv zu fördern, stehen 2015 sogar 30% weniger Finanzmittel zur Verfügung als im Vorjahr.

Straßen- und Brückenbau in Russland (in km)
2013 2014
Straßen mit fester Oberfläche, davon 2.869,9 1.845,3
.zur öffentlichen Nutzung 2.504,1 1.707,5
.Privatstraßen 365,8 137,8
Brücken 167 155

Quelle: Föderaler Statistikdienst der russischen Föderation

Technische Textilien auf dem Vormarsch

In Russland sind nicht nur viele Straßen in einem schlechten Zustand. Auch die Straßenbaunormen, die Projektierungsregeln und die technischen Anforderungen - alles ist veraltet. Die Anforderungen an den Straßenbelag in Russland sind relativ niedrig. In letzter Zeit tut sich aber etwas.

Moderne Geogitter und -textilien für den Straßenbau sind stark im Kommen. Zuletzt stiegen die Umsätze in Russland jährlich um 60%. Im Jahr 2013 wurden 43 Mio. qm Geogitter für den Straßenbau verkauft. Bis 2020 dürfte sich der Absatz verdoppeln - auf 80 Mio. qm.

Auch beim Einsatz von modernen Zuschlagstoffen für Bitumen gibt es Luft nach oben. Aktuell wird in Russland in der Regel einfachster Bitumen als Straßenbelag verwendet. Im Jahr 2013 fanden sich in nur 3% aller Straßenbeläge kunststoffhaltige Zuschlagstoffe. Sie werden im modernen Straßenbau standardmäßig als Additive eingesetzt und verlängern die Lebensdauer beträchtlich. Der Staatskonzern Awtodor zählt in dieser Hinsicht zu den Technologieführern unter den russischen Straßenbauunternehmen, berichtet "Ekonomika i Schisn". Awtodor setzt Bitumen mit hochwertigen Additiven relativ häufig ein. Andere Straßenbauunternehmen haben hier Nachholbedarf.

Private Initiative gefragt

Um den Straßenbau anzukurbeln, will die russische Straßenbehörde Rosawtodor künftig die Modalitäten für PPP-Projekte (Public Private Partnership) ändern. In Zukunft sollen sich potenzielle Investoren nicht nur an vorgegebenen Straßenbauvorhaben beteiligen können. Sie sollen selbst Projekte vorschlagen dürfen. Privatfirmen dürfen sich künftig auf eigene Initiative an Kommunen oder Regionen wenden und Konzessionsvereinbarungen vorschlagen. Sollten die Behörden mit dem Vorschlag einverstanden sein und gibt es keine anderen Interessenten, dann bedarf es nicht einmal einer Ausschreibung. Obwohl sich der Staat an den Kosten beteiligt. Typischerweise trägt die Russische Föderation 70% der Baukosten und der Investor behält die Mautgebühren. Dafür muss der Investor die restlichen 30% für den Bau aufbringen und den Straßenabschnitt elf Jahre lang in Stand halten.

Obwohl potenzielle Investoren künftig jedes beliebige Straßenstück vorschlagen können, hat Rosawtodor Anfang Juni 2015 von sich aus mehrere Straßenabschnitte ins Spiel gebracht, die für Investoren von Interesse sein könnten. Für diese Projekte existieren bereits staatliche Gutachten. Allerdings noch keine Vorprojektierung. Genau die sollen private Investoren künftig selbst übernehmen. Und sie sollen sich selbst überlegen, wie sie mit ihrer Investition Geld verdienen wollen.

Mögliche PPP-Straßenbauprojekte in Russland
Straße Abschnitt Gesamtkosten in Mrd. Rubel Privatinvestitionen in Mrd. Rubel
M5 Ural Umgehung der Stadt Sim, Gebiet Tscheljabinsk, km 1.564 bis 1.609 20,7 6,2
M5 Ural Von Baschkortostan bis zur Abfahrt nach Ascha, km 1.548 bis 1.564 8,5 2,6
M5 Ural Umgehung der Siedlung Oktjabrski, Gebiet Moskau, km 28 bis 37 29,8 8,9
M5 Ural Strecke Uljanino-Nepezino, Gebiet Moskau 13,0 3,9
M29 Kawkas Strecke zur Grenze nach Aserbaidschan, km 827 bis 841 3,8 1,1

Quelle: Rosawtodor, zitiert in der Wirtschaftszeitung "Wedomosti"

Bisher hat Rosawtodor wenig Erfahrung beim staatlich-privaten Straßenbau. Für eine Brücke über den Fluss Lena fehlt die Finanzierung, obwohl es bei einer Ausschreibung schon einen Sieger gegeben hatte. Beim zweiten Konzessionsprojekt geht es um die Einführung einer Lkw-Maut. Die Regierung hatte beschlossen, dass es dazu keine Ausschreibung geben sollte. Der Zuschlag ging an eine Tochterfirma von Rostech, die mittlerweile vom Investitionsfonds RT-Invest von Igor Rotenberg kontrolliert wird. Für die Datenverarbeitung wird die Firma DataPro aus Twer zuständig sein.

Lkw-Maut light gefährdet Finanzierung im Straßenbau

Die Lkw-Maut wird in Russsland ab Mitte November 2015 eingeführt. Aber Geld für bessere Straßen wird sie kaum bringen. Geplant waren 3,73 Rubel (6 Euro-Cent; EZB-Wechselkurs vom 10.6.2015: 1 Euro = 61,48 Rubel) je Kilometer für Lkw ab einem Gewicht von 12 Tonnen. Pro Jahr hätte das 50 Mrd. Rubel zusätzliche Einnahmen gebracht. Davon wären über 10 Mrd. Rubel an Rosawtodor für PPP-Projekte geflossen. Und für den Rest hätten Föderation, Regionen und Kommunen Straßen bauen und sanieren können.

Doch aus der Lkw-Maut in voller Höhe wird wohl nichts. Das russische Wirtschaftsministerium hat berechnet, dass sich die Transportdienstleistungen um 5 bis 20% verteuern könnten und die Verbraucherpreise deswegen um 2 bis 5% steigen dürften. Und das mitten in der Wirtschaftskrise. Um dies zu verhindern, könnten die Mautgebühren auf 64 Rubel (etwa 1 Euro-Cent) pro Kilometer gesenkt werden. Und zwar bis zum 1.1.2019. Damit würden die Mauteinnahmen bis Ende 2018 gerade einmal reichen, um Konzessionär Igor Rotenberg beziehungsweise dessen Firma RT-Invest auszuzahlen.

Igor Rotenberg ist auch an einer der größten russischen Tiefbaufirmen Russlands beteiligt: PAO Mostotrest. Das Unternehmen modernisiert 2015 Schlüsselrouten wie die M-11 von Moskau nach Sankt Petersburg, die M-4 Don und die M-9 Baltija.

Russland hinkt den Vorgaben seines Präsidenten weit hinterher

Während die föderalen Straßenbauprojekte noch halbwegs stabil laufen, bleiben die russischen Regionen weit hinter ihren Ansprüchen zurück. Anstelle Gas zu geben beim Infrastrukturausbau, können sie noch nicht einmal das bestehende Straßennetz unterhalten. Die Regionen haben 2014 knapp 192 Mrd. Rubel in den Straßenbau (Neubau und Ausbesserungen) investiert - sieben Mal weniger als sie eigentlich sollten. Damit haben sie gerade einmal 9.200 km bestehende Straßen saniert. Das entspricht 2% der Regionalstraßen.

Beim Straßenneubau ist die Situation keinen Deut besser. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte noch 2012 gefordert, dass zwischen 2013 und 2022 doppelt so viele Straßen gebaut werden sollten wie von 2003 bis 2012. Doch bereits 2013 wurde klar, wie weit Anspruch und Realität auseinanderklaffen. Anstelle der vorgeschriebenen 1.700 km Neubau von Regionalstraßen wurden 1.500 km gebaut. Im vergangenen Jahr 2014 haben die Regionen sogar nur 1.200 km neu gebaut oder rekonstruiert. Um den Forderungen ihres Präsidenten gerecht zu werden, müssten die Regionen 2017 doppelt so viele Straßen bauen wie 2014. Und im Jahr 2022 sogar 9.900 km. Reine Utopie. Dazu fehlt schlichtweg das Geld.

Doch für ein Projekt scheint Geld keine Rolle zu spielen - für die Brücke auf die ukrainische Halbinsel Krim, die Russland im März 2014 annektiert hat. Das Unternehmen Stroigasmontasch soll die Brücke über die Kertscher Meerenge bauen. Die Kosten werden auf 228,3 Mrd. Rubel (3,7 Mrd. Euro) beziffert. Die Chancen stehen gut, dass dieses Projekt wie geplant bis 2018 fertig gestellt wird.

Kontaktanschriften:

Rosawtodor (Föderale Straßenagentur)

ul. Botschkowa 4, 129085 Moskau

Tel.: 007 495/687 80 14 (Einkaufsabteilung), Fax: 007 495/686 15 50

E-Mail: rad@fad.ru, Internet: http://www.rosavtodor.ru

GK Awtodor

Slawjanskaja Ploschad dom 2/5/4, stroenije 3, 109074 Moskau

Tel.: 007 495/249 06 96 (Abteilung für Straßenbau und Rekonstruktionen)

E-Mail: info@russianhighways.ru, Internet: http://www.russianhighways.ru

(H.B.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland Straßen-, Brücken- und Tunnelbau, BOT/PPP, Technische Textilien

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