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11.04.2017

Tschechien erzielt im Handel mit Deutschland Exportüberschüsse

Autobranche und Maschinenbau sehr wettbewerbsfähig / Enge Verflechtung mit den Nachbarstaaten / Von Gerit Schulze (April 2017)

Prag (GTAI) - Tschechien ist eines der wenigen Länder, die im Handel mit Deutschland einen Positivsaldo verbuchen können. Dieser hat sich in den letzten Jahren stetig vergrößert. Hauptgrund sind die wachsenden Ausfuhren von Pkw und Kfz-Teilen, aber auch von Vorerzeugnissen, Maschinen und Elektronik. Dank seiner starken Industriebasis ist das Land eng verflochten mit den Nachbarländern. Mittelfristig können sich die Exportüberschüsse wegen der Aufwertung der Krone und aufgrund steigender Importe abschwächen.

Die Tschechische Republik erzielt seit ihrem EU-Beitritt Außenhandelsüberschüsse. In den letzten fünf Jahren hat sich der Positivsaldo auf über 18 Mrd. Euro verdoppelt. Ein Impulsgeber war die Abwertung der Landeswährung Ende 2013, wodurch Importe teurer und Exporte billiger wurden. Dabei profitiert das Land von der guten Konjunkturentwicklung in Deutschland, dem bedeutendsten Liefer- und Abnehmerland. 2016 kam Tschechien erstmals in die Top 10 der wichtigsten deutschen Handelspartner. Dazu tragen vor allem die Automobilindustrie und ihre Zulieferer bei, auf die ein Großteil der Warenströme entfällt.

Wenn Tschechien wie geplant im Jahresverlauf 2017 die künstliche Abwertung der Krone aufgibt, könnte der Aufwärtstrend beim Exportüberschuss zunächst gebremst werden. Denn gleichzeitig führen die schnell steigenden Einkommen zu einer höheren Nachfrage nach Importwaren. Die Nationalbank CNB rechnet deshalb für 2017 und 2018 damit, dass die Einfuhren stärker als die Ausfuhren zulegen.

Außenhandel der Tschechischen Republik (in Mio. Euro; Veränderung in %)
2011 2016 Veränderung 2016/11
Importe 109.285,3 128.708,2 17,8
Exporte 117.054,1 147.149,9 25,7
Handelsbilanzsaldo 7.768,8 18.441,7 137,4

Quelle: Eurostat

Außenhandel nach Handelspartnern

Deutschland kann Führungsposition sogar noch ausbauen

Deutschlands dominante Position bei den Exporten und Importen sieht Tschechien seit langem kritisch. Mit verschiedenen Aktivitäten versucht Prag, die Handelsgeografie zu diversifizieren, unter anderem durch Eröffnung von Handelsbüros in Zukunftsmärkten. Dennoch hat sich der deutsche Anteil am Außenhandel in den vergangenen Jahren weiter vergrößert. Gründe dafür sind die fortlaufenden Investitionen deutscher Unternehmen in tschechische Betriebsstätten, die oft für ihre Mutterwerke produzieren und von dort wiederum Vorprodukte beziehen. Außerdem eröffnen deutsche Logistikdienstleister große Verteilzentren im grenznahen Raum, um von Tschechien aus die europäischen Märkte zu beliefern. Das erhöht ebenfalls die Warenströme zwischen den beiden Volkswirtschaften.

Neben Deutschland sind die Nachbarstaaten Polen und Slowakei wichtige Lieferländer. Auch hier wirken sich vor allem die regionalen Lieferketten der Automobilindustrie aus, die in der Visegrad-Gruppe der dominierende Industriezweig ist.

Insgesamt bezieht Tschechien zwei Drittel seines Importvolumens aus der EU. Die VR China engagiert sich in jüngster Zeit zwar stark als Investor, doch ihr Anteil an den tschechischen Einfuhren hat sich in den letzten fünf Jahren nicht vergrößert.

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Bei den Abnehmerländern gab es kaum Verschiebungen. Ein Drittel der Ausfuhren geht nach Deutschland. Insgesamt verkaufte Tschechien 2016 etwa 84% seines Exportvolumens in der EU, die Hälfte geht in die vier Nachbarländer Deutschland, Polen, Slowakei und Österreich. Zugenommen hat die Bedeutung des Vereinigten Königreichs als Absatzmarkt, was in Prag Sorgen über den Brexit hervorruft.

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Außenhandel nach Warengruppen

Importstruktur spiegelt starken Industriefokus wider

Als klassischer Industriestaat mit starken Branchen wie Automotive, Maschinenbau, Chemie und Elektronik kennzeichnet die Tschechische Republik eine breit gefächerte Warenstruktur beim Außenhandel. Das Land hat großen Bedarf an Vorprodukten, die veredelt und weiterverarbeitet zurück in den Export gehen. Umgekehrt fragen die einheimischen Industriebetriebe ihrerseits Vorerzeugnisse aus dem Ausland nach.

Aufgrund der sinkenden Rohstoffpreise ist der Importanteil bei Brennstoffen in den letzten fünf Jahren von 11 auf 5% gesunken. Tschechien zahlte 2016 mit 6,2 Mrd. Euro nur noch halb so viel für Öl und Gas wie 2011.

Um drei Prozentpunkte auf 11% gestiegen ist der Anteil von Pkw und Kfz-Teilen an den Einfuhren. Ähnlich groß ist das Volumen bei elektrischen Maschinen und Apparaten, zu denen Ausrüstungen für die Strombranche, aber auch Medizintechnik und Haushaltselektronik gehören. Perspektivisch dürfte der Bereich Elektronik, Software und Automatisierungstechnik zulegen, weil Tschechien verstärkt in smarte Technologien für Industrie 4.0, in intelligente Verkehrssteuerung und digitale Verwaltung investiert.

Einfuhr nach Warengruppen (in Mio. Euro)
Warengruppe SITC-Code *) 2011 2016
Gesamt 109.285,3 128.708,2
Vorerzeugnisse 6 19.911,1 21.849,1
Elektronik 75, 76, 776 17.434,8 18.425,6
Fertigerzeugnisse 8 10.377,5 15.817,4
Maschinen 71-74 11.726,3 15.396,3
Chemische Erzeugnisse 5 11.854,1 14.677,4
Straßenfahrzeuge 78 8.385,3 13.663,0
Elektrotechnik 77 minus 776 7.606,4 11.067,7
Nahrungsmittel/lebende Tiere 0 5.005,2 6.451,7
Mineralische Brennstoffe 3 11.638,6 6.207,8
Rohstoffe 2 3.230,3 2.672,5
Getränke/Tabak 1 663,6 943,4
Sonstiges 9 557,3 634,0
Schienen-, Wasser-, Luftfahrzeuge 79 524,4 501,0
Tierische/pflanzliche Öle 4 239,5 395,9

*) Standard International Trade Classification

Quelle: Eurostat

Ein Fünftel der Exporte sind Autos und Kfz-Teile

Bei Tschechiens Exporten spielt die Automobilindustrie eine immer größere Rolle. Von den jährlich über 1,3 Mio. produzierten Fahrzeugen, verbleibt nur ein Bruchteil im Land selbst. Da der Ausstoß der drei Hersteller Skoda, TPCA und Hyundai seit 2009 um über ein Drittel gestiegen ist, zogen die Exporte entsprechend an. Der Anteil von Pkw und Kfz-Teilen am Gesamtexport stieg zwischen 2011 und 2016 von 17 auf 21%.

Ansonsten gab es in der Ausfuhrstruktur kaum Veränderungen. Auf Maschinen der SITC-Kategorien 71 bis 74 entfallen 13% der Exporte. Ein weiteres Zehntel machen elektrische Maschinen und Geräte aus, von denen einige Produktgruppen ebenfalls an die Fahrzeugindustrie geliefert werden (zum Beispiel Lichtmaschinen, Anlasser, Zündkerzen).

Tschechiens Lebensmittelindustrie konnte ihre Auslandsverkäufe in den vergangenen fünf Jahren um mehr als 1,5 Mrd. Euro steigern. Diese Branche bietet weiteres Wachstumspotenzial. Auch die Softwarehersteller oder junge Unternehmen aus der Nanotechnologie könnten künftig für Erfolge auf den Exportmärkten sorgen.

Ausfuhr nach Warengruppen (in Mio. Euro)
Warengruppe SITC-Code *) 2011 2016
Gesamt 117.054,1 147.149,9
Straßenfahrzeuge 78 19.937,6 30.889,7
Vorerzeugnisse 6 20.577,2 22.756,4
Fertigerzeugnisse 8 12.288,5 18.973,9
Maschinen 71-74 15.012,2 18.944,8
Elektronik 75, 76, 776 18.664,1 18.531,3
Elektrotechnik 77 minus 776 9.289,1 13.421,1
Chemische Erzeugnisse 5 7.097,4 8.576,1
Nahrungsmittel/lebende Tiere 0 3.709,1 5.260,1
Rohstoffe 2 3.288,3 3.028,6
Mineralische Brennstoffe 3 4.455,2 2.852,3
Getränke/Tabak 1 696,4 1.333,2
Sonstiges 9 684,3 1.061,2
Schienen-, Wasser-, Luftfahrzeuge 79 1.089,2 1.025,7
Tierische/pflanzliche Öle 4 187,1 495,6

*) Standard International Trade Classification

Quelle: Eurostat

(S.Z.)

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Tschechische Republik Außenhandel / Struktur, allgemein

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