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11.01.2017

Tschechien will Behörden in moderne Neubauten umsiedeln

Zentraler Standort für neuen Bürokomplex im Prager Norden geplant / Finanzierung durch Verkauf von Immobilien / Von Gerit Schulze

Prag (GTAI) - Tschechiens Staatsbehörden residieren oft in prächtigen Palästen im Prager Stadtzentrum. Allerdings weit verstreut und teilweise in baufälligen Gebäuden. Darum gibt es nun Pläne, wichtige Ämter zentral in Neubauten am Stadtrand unterzubringen. Dafür sind Investitionen von mehreren Hundert Millionen Euro notwendig. Ein Verkauf der Edelimmobilien in den Touristenvierteln könnte für die nötigen Mittel sorgen. Für die Bauwirtschaft des Landes wären die Investitionen ein willkommener Impuls.

Kurz vor dem Jahreswechsel 2016/17 hatte Tschechiens Vizepremier Andrej Babis den tschechischen Beamtenapparat noch einmal aufgeschreckt. Der Finanzminister brachte einen alten Vorschlag wieder ins Spiel, am Stadtrand von Prag ein Behördenviertel zu errichten. Im Gespräch sind 200.000 qm Nutzfläche. Das ist mehr, als derzeit insgesamt an neuer Bürofläche in Prag im Bau ist. Die Finanzierung soll durch den Verkauf der bestehenden Immobilien im Stadtzentrum hereinkommen.

Als Grund für seine Idee nennt der Minister die Bündelung vieler Ämter an einem Ort, um die Verwaltung effizienter zu machen. Außerdem könnten dadurch Kosten für Logistik, Kommunikation, Wach- und Reinigungsdienste gespart werden. Nach Angaben des Vizepremiers sitze allein das Finanzministerium einschließlich der ihm zugeordneten Behörden heute in 38 Gebäuden. Diese Ämter sollen zuerst umziehen.

Nach Berechnungen des Amtes für staatliche Vermögensverwaltung UZSVM braucht derzeit jeder Beamte durchschnittlich 13,5 qm Büroraum. Die Kosten für Unterhalt, Energie und Miete belaufen sich auf jährlich fast 1.100 Euro pro Beschäftigten. Würde sich die Fläche je Staatsdiener nur um einen Quadratmeter verringern, dann könnte der Fiskus bei 140.000 Beschäftigten pro Jahr über 7 Mio. Euro sparen, so die Kalkulationen der UZSVM.

Als möglichen Standort für den Bürokomplex nannte Babis den Stadtteil Letnany im äußersten Nordosten der Stadt. Im September 2017 will er einen konkreten Plan vorstellen. Nach seinen Schätzungen würde der Bau zunächst 11.000 Beamte aufnehmen können und rund 6 Mrd. Tschechische Kronen kosten (Kc; rund 220 Mio. Euro, Wechselkurs am 5.1.17: 1 Euro = 27,02 Kc). Zurzeit arbeiten im Finanzministerium und den untergeordneten Behörden rund 6.700 Beschäftigte.

Letnany ist etwa zehn Kilometer Luftlinie von der Prager Kleinseite entfernt, wo sich heute das Parlament und das Hauptgebäude des Finanzressorts befinden. Der Stadtteil ist über eine neue U-Bahn-Linie an das Zentrum angeschlossen. Außerdem führt die Ringautobahn Mestsky okruh dort vorbei. Der Grund für die gute Anbindung: Vor über einem Jahrzehnt träumte Prag davon, die Olympischen Sommerspiele 2016 auszutragen. Da in Letnany wichtige Sportstätten entstehen sollten, ging die Stadt mit großen Infrastrukturprojekten in Vorleistung. Auch zwei kleine Flughäfen gibt es in Letnany, wovon der Airport Kbely sogar Langstreckenmaschinen abfertigen kann und teilweise für Regierungsflüge genutzt wird. Außerdem befindet sich Prags modernstes Messegelände PVA Expo dort.

Neben dem Finanzministerium wollen auch andere staatliche Institutionen in neue Gebäude umziehen. Das Innenministerium plant, alle Polizeibehörden, die mit der Bekämpfung der organisierten Kriminalität zu tun haben, bis 2022 im südlichen Ortsteil Zbraslav zu bündeln. Die derzeitigen Gebäude in der Innenstadt sind teilweise in baufälligem Zustand. Der Preis für die geplanten zwei Bürokomplexe in Zbraslav liegt laut Schätzungen bei 2,7 Mrd. Kc (100 Mio. Euro), wovon ein Teil aus EU-Fonds abgeschöpft werden soll.

Mehrere Filetstücke hat auch der Justizminister Robert Pelikan anzubieten. Er will sich unter anderem von historischen Gerichtsgebäuden in der Karmelitska-Straße und am Ovocny trh trennen. Im Gegenzug plant das Ministerium, mehrere Bezirksgerichte und eventuell die Staatsanwaltschaft in der ehemaligen Kaserne Karlin unterzubringen. Das Gebäude aus dem 19. Jahrhundert gehört bereits dem Justizministerium, bedarf aber einer umfassenden Sanierung.

Um den Verkauf der bestehenden historischen Verwaltungsgebäude müssen sich der Finanz-, Justiz- und Innenminister sicher keine Sorgen machen. Prag erlebt zurzeit einen Immobilienboom, die Preise erreichen gerade in citynahen Lagen Höchststände. Seit Ende 2015 stiegen die Verkaufspreise für Wohnraum in Tschechiens Hauptstadt laut Deloitte Real Index um 9%. Im Herbst 2016 wurden durchschnittlich 61.500 Kc (rund 2.300 Euro) je Quadratmeter verlangt, im Stadtzentrum mehr als doppelt so viel.

Auch bei Bürogebäuden brummt der Markt. Nach Schätzungen von BNP Paribas wurden 2016 für rund 3,4 Mrd. Euro kommerzielle Immobilien in Tschechien verkauft. Rund 40% davon entfielen auf Bürogebäude. Zuletzt hatten besonders chinesische Investoren großes Interesse an modernen Office-Objekten in Prag gezeigt. Nach Schätzungen des Immobiliendienstleisters CBRE kommen 2017 rund 180.000 qm Büroraum in Prag neu auf den Markt. In den Bestlagen werden etwa 20 Euro Monatsmiete je Quadratmeter verlangt. Die Leerstandrate beträgt rund 11%.

Für die darbende Bauwirtschaft wären die Bürohauspläne der Ministerien ein Segen. Denn bislang verhindern vor allem die zurückhaltenden öffentlichen Investitionen ein nachhaltiges Wachstum der Branche. Von Januar bis November 2016 war der Wert der Bauleistungen im Land um 9% gegenüber der Vorjahresperiode geschrumpft.

Allerdings ist die Idee für einen Verkauf der citynahen Verwaltungsgebäude und einer Zentralisierung der Behörden nicht neu. Schon 2008 trat der damalige Wirtschaftsminister Martin Riman mit einem ähnlichen Plan an die Öffentlichkeit. Die folgende Wirtschaftskrise ließ jedoch die Immobilienpreise purzeln, sodass das Vorhaben in der Schublade blieb.

(S.Z.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Tschechische Republik Gewerbebau, Immobilienmarkt

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