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22.10.2018

Tschechiens Automobilbranche steht vor dem Umbruch

Technologiewandel stellt die Branche vor Herausforderungen / Von Gerit Schulze

Prag (GTAI) - Tschechiens Automobilindustrie muss umdenken. Der starre Fokus auf Verbrennungstechnologien ist nicht mehr konkurrenzfähig.

Der Weg zu neuen Rekorden in Tschechiens Automobilindustrie wird steiniger. Noch 2017 glänzte die Branche mit Höchstwerten, als die drei einheimischen Hersteller 1,413 Millionen Fahrzeuge produzierten - ein Plus von 5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In den ersten acht Monaten 2018 stieg der Ausstoß nur noch um 0,2 Prozent.

Außerdem drückt die schwierige Lage am Arbeitsmarkt auf Stimmung und Gewinne der Autoindustrie. Personal für neue Produktionslinien fehlt, die Stammbelegschaft setzt sich mit hohen Lohnforderungen durch. Weitaus mehr Gefahr könnte dem wichtigsten Wirtschaftszweig des Landes aber durch die technologische Zeitenwende drohen. Denn noch immer läuft in Tschechien kein abgasfreies Auto vom Band. Bei alternativen Antriebsarten, vernetzten Autos, Assistenzsystemen und Mobilitätsdiensten, bei neuen und leichteren Materialien haben tschechische Zulieferer Nachholbedarf.

Dabei gehört der Fahrzeugsektor zu den investitionsfreudigsten Wirtschaftszweigen. Nach Berechnungen des Industrieministeriums haben Autohersteller und Zulieferer 2017 rund 2 Milliarden Euro in Anlagen und den Ausbau der Kapazitäten gesteckt. Im Land sind die wichtigen internationalen Teilehersteller mit Produktionsstätten vertreten - von Erstausrüstern (OEMs) bis hin zu Sublieferanten aller Ebenen. Die im Branchenverband AutoSAP organisierten 93 Zulieferer erzielten 2017 einen Rekordumsatz von umgerechnet 17,5 Milliarden Euro.

Produktivität stagniert

Dennoch ist die einheimische Automobilindustrie laut einer Studie der Komercni banka (KB) in Prag nur unzureichend vorbereitet auf technologische Herausforderungen wie künstliche Intelligenz und autonomes Fahren. Außerdem stagniere die Produktivität je Beschäftigten.

Das Beratungsunternehmen EY und der Branchenverband AutoSAP hatten im Frühjahr 2018 untersucht, welchen Einfluss der Durchbruch der Elektromobilität auf Zubehörhersteller in Böhmen und in Mähren haben könnte. Davon wären fast alle traditionellen Zulieferer betroffen: Hersteller von Motoren, Getrieben und Vergasern, von Tanks und Treibstoffsystemen, von Auspuffen, Bremsen, Karosserien und Flüssigkeitsfiltern. Die befragten Unternehmen erzielen in Tschechien bislang noch 40 Prozent ihrer Umsätze mit solchen Teilen.

Jeder zweite Zulieferer produziert für Elektroautos

Immerhin jeder fünfte Hersteller will bis 2020 die Produktion "kritischer Komponenten" einschränken. Die meisten Unternehmen sind zuversichtlich, dass sie auch bei Teilen für elektrische Antriebe ihre bisherigen Kompetenzen und Produktionskapazitäten nutzen können.

Jeder zweite Zubehörlieferant in Tschechien hat laut der EY-Studie bereits Komponenten für Elektroautos im Portfolio. Dazu gehört Continental mit seinem Reifenwerk Otrokovice, wo seit einigen Jahren Pneus für Elektro- und Hybridfahrzeuge produziert werden.

Entwicklungszentrum für Brennstoffsysteme geplant

Das US-Unternehmen Dura Automotive gab im Frühjahr 2018 bekannt, innerhalb der nächsten sieben Jahre in Tschechien 28 Millionen US-Dollar in die Teilefertigung für Elektroautos zu investieren. Unter anderem sollen Batteriehalter für Daimler und Tragelemente für Armaturenbretter im elektrischen Porsche Macan produziert werden, berichtete die Nachrichtenagentur CTK.

Der britische Kfz-Zulieferer TI Automotive plant in Liberec sein europäisches Entwicklungszentrum für Brennstoffsysteme und Teile für Elektroautos. Toyota betreibt an der Elektrotechnik-Fakultät der Technischen Universität CVUT in Prag ein Entwicklungslabor und forscht dort unter anderem an selbstfahrenden Autos.

Auch bei der Bosch Group in Tschechien sind die Umwälzungen zu spüren. Das Werk in Jihlava ist weltweit einer der größten Standorte für Dieselkomponenten, unter anderem Einspritzpumpen. In Ceske Budejovice produziert Bosch Module zur Stickoxid-Reduktion und für die Kraftstoffzufuhr.

Trotz des Schwerpunkts auf Technologien für Verbrennungsmotoren sei das Unternehmen gut aufgestellt für die Herausforderungen der Zukunft, meint Milan Slachta, Repräsentant der Bosch Group für Tschechien und die Slowakei. Bosch investiere sowohl in die Elektromobilität als auch in die Perfektionierung der Verbrennungsmotoren. "Dafür erweitern wir in Ceske Budejovice nicht nur unsere Produktion, sondern errichten auch ein neues Entwicklungszentrum." Die tschechischen Bosch-Produkte hätten eine Zukunft, weil sie helfen, die Emissionswerte unter die gesetzlichen Anforderungen zu drücken.

Zugleich sei aber die Zahl der Projekte mit Fokus auf elektrische Antriebssysteme merkbar gestiegen, erklärt Slachta. Ab 2020 erwartet Bosch den Durchbruch, wobei das Unternehmen wieder zu einem führenden Spieler werden will.

Durchbruch auf dem einheimischen Markt für 2020 erwartet

Das Jahr 2020 könnte in Tschechien entscheidend sein, weil dann der wichtigste einheimische Anbieter Skoda Auto sein erstes rein elektrisch betriebenes Fahrzeug auf den Markt bringen will. Bis 2025 soll die Flotte der Elektromobile und Hybridautos auf zehn Modelle anwachsen. Laut Sprecher Stepan Rehak plant Skoda Auto, dass alternative Antriebsarten dann für ein Viertel der Gesamtumsätze sorgen.

Für die Umstellung auf Batterieantrieb steht die VW-Tochter bereits in Verhandlungen mit einheimischen Zulieferern, sagt Rehak. "Wir weisen sie auch darauf hin, welche Komponenten künftig nicht mehr gefragt sein werden." Der Mix verschiedener Antriebsformen stelle die Zusammenarbeit zwischen den Teileherstellern und den Autofabriken vor Herausforderungen.

Im Jahr 2017 hatte Skoda Auto seine Strategie 2025 entwickelt. Der Fahrzeughersteller will in Zukunft nicht mehr nur Autos, sondern Mobilitätslösungen verkaufen. Ein Teil der Erlöse soll durch digitale Dienstleistungen hereinkommen. In seinem neuen DigiLab in Prag entwickelt Skoda Geschäftsmodelle für Carsharing, Fahrgemeinschaften und intelligentes Parken.

Innerhalb der nächsten fünf Jahre will die VW-Tochter 2 Milliarden Euro in Elektromobilität und damit zusammenhängende Dienste investieren. Der Firmensitz Mlada Boleslav soll bei der Produktion von Elektroautos die Hauptrolle spielen.

Kleine Firmen nutzen Technologiewandel für Markteinstieg

Neben den traditionellen Zulieferern bringt die Technologiewende in der Autobranche neue Hersteller nach oben, die mit pfiffigen Ideen den Markt umkrempeln. Die auf Elektronik spezialisierte Firma DEL aus Zdar nad Sazavou etwa hat einen Schnelllader für Elektroautos entwickelt, der die Batterie in kurzer Zeit bis zu 95 Prozent auflädt.

Ein Prager Start-up lässt zurzeit das Kultzweirad Cezeta wieder auferstehen - als Elektroroller. Über eine Crowdfunding-Plattform hatte sich das Unternehmen das nötige Kapital besorgt, um zunächst 2.000 Exemplare zu montieren.

Ebenfalls per Schwarmfinanzierung konnte sich der Prager Nutzfahrzeughersteller Zebra Group Geld für die Entwicklung eines Kleinlasters mit Elektromotor beschaffen. Knapp 240 Anleger gaben dafür rund 310.000 Euro. Das Unternehmen will in Konkurrenz zum deutschen Anbieter Unikont oder zur österreichischen Lindner treten.

Weitere Informationen zu Tschechien finden Sie unter http://www.gtai.de/tschechische-republik.

Dieser Artikel ist relevant für:

Tschechische Republik Straßenfahrzeuge, allgemein, Kfz-Teile, -Zubehör (ohne Brennstoffzellen), Elektromobilität

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