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15.07.2015

Tschechiens Lebensmittelindustrie profitiert von schwacher Krone

Mehr Nachfrage nach einheimischen Waren / Exporterfolge haben das Handelsdefizit etwas verringert / Von Gerit Schulze

Prag (gtai) - Die Zeichen für Tschechiens Lebensmittelindustrie stehen auf Wachstum. Davon profitieren vor allem die einheimischen Hersteller, denn durch die Abwertung der Krone sind die Importeure in die Defensive geraten. Die Einfuhren haben 2014 langsamer zugenommen als die Ausfuhren. Deutschland ist vor Polen der wichtigste Lebensmittellieferant. Gute Geschäftschancen ergeben sich aber auch durch die Investitionen der Nahrungsmittelbranche. Die Importe wichtiger Maschinengruppen sind im Vorjahr gestiegen.

Tschechiens Lebensmittelindustrie ist wieder auf dem Vormarsch. Die 380 Hersteller mit 50 und mehr Beschäftigten konnten ihre Umsätze 2014 auf 185,2 Mrd. Tschechische Kronen (Kc; 6,7 Mrd. Euro, Jahreswechselkurs 2014: 1 Euro = 27,53 Kc) steigern. Das war laut Statistikamt ein Zuwachs um 3%. Noch besser entwickelten sich die 55 Unternehmen der Getränkeindustrie. Sie weiteten ihre Erlöse um fast 5% auf 53,6 Mrd. Kc (1,9 Mrd. Euro) aus.

Damit profitiert die Branche von der guten Konjunkturentwicklung, den wachsenden Einkommen und der Nachfrage auf den Auslandsmärkten. Ihre Exporte stiegen 2014 um 5% auf 4,9 Mrd. Euro (inklusive Getränke, ohne lebende Tiere). Der wichtigste Abnehmer ist die Slowakei, wohin Lebensmittel und Getränke für 1,3 Mrd. Euro gingen, gefolgt von Deutschland (1,1 Mrd. Euro) und Polen (0,5 Mrd. Euro). Trotz Moskauer Sanktionen gegen Lebensmittel aus der EU weiteten tschechische Hersteller ihre Exporte nach Russland 2014 um über 13% auf fast 94 Mio. Euro aus. Das Land ist damit der zehntwichtigste Auslandsmarkt.

Produktion von ausgewählten Lebensmitteln in Tschechien (in t)
Lebensmittelerzeugnisse 2012 2013 Veränderung in %
Rind-, Kalbfleisch, frisch oder gekühlt 56.812 54.857 -3,4
Schweinfleisch, frisch oder gekühlt 209.238 197.829 -5,5
Geflügelfleisch, frisch oder gekühlt 46.712 45.483 -2,6
Geflügelfleisch, gefroren 12.556 10.154 -19,1
Kartoffeln, bearbeitet und konserviert 93.729 65.548 -30,1
Gemüse, gefroren (ohne Kartoffeln) 15.753 16.300 3,5
Konfitüre, Gelee, Marmelade 36.570 39.218 7,2
Milch und Sahne 847.861 812.934 -4,1
Butter und Milchanstriche 36.400 40.047 10,0
Käse und Quark 145.590 158.085 8,6
Milchprodukte, gesäuert 185.790 179.842 -3,2
Weizenmehl 755.156 732.623 -3,0
Frisches Brot 306.161 294.537 -3,8
Frisches Gebäck, gewöhnlich 284.007 271.733 -4,3
Frisches Konditoreigebäck 38.699 43.731 13,0
Zucker, raffiniert 550.000 586.000 6,5
Teigwaren, nicht gekocht oder anders bearbeitet 72.349 k.A. k.A.
Malz, geröstet sowie ungeröstet 517.160 504.574 -2,4
Destillate, Liköre, sonstige Spirituosen 1) 17.565 21.625 23,1
Bier aus Malz (außer alkoholfreies) 2) 18.024 18.144 0,7
Mineral- und Sodawasser ohne Zusatz 2) 5.944 6.715 13,0
Sonstige alkoholfreie Getränke 2) 16.227 15.229 -6,1

1) in 1.000 l 100%igem Alkohol; 2) in 1.000 hl

Quelle: Tschechisches Statistikamt

Trotz beeindruckender Ausfuhrzahlen erzielt Tschechien im Nahrungsmittelbereich ein Handelsdefizit. Zwar hat sich der Fehlbetrag durch die Abwertung der Krone verringert. Dennoch lag der Importwert 2014 mit 6,07 Mrd. Euro um rund 1,2 Mrd. Euro über dem Exportvolumen (SITC 0 ohne lebende Tiere plus SITC 111 und 112). Die größten Einfuhrpositionen sind Obst und Gemüse (1,23 Mrd. Euro), Fleisch und Zubereitungen aus Fleisch (2014: 1,03 Mrd. Euro) sowie Kaffee, Tee, Kakao, Gewürze und Waren daraus (0,71 Mrd. Euro). Auch bei Milchprodukten sowie Getreide- und Getreideerzeugnissen ist der Importbedarf mit jeweils rund 0,6 Mrd. Euro groß.

Seit langem weist die tschechische Lebensmittelkammer (http://www.foodnet.cz) auf die hohen Importquoten bei bestimmten Produktgruppen hin. Nach ihren Angaben kommt die Hälfte des nachgefragten Schweinefleisches und jeweils ein Drittel des Geflügels und Käses aus dem Ausland. Auch werden bis zu 70% des Gemüse- und Obstbedarfs importiert, obwohl sie in Tschechien hergestellt werden könnten, so die Kammer.

Zweifel an der Qualität von Importwaren

Die einheimischen Verbraucher würden einen höheren Anteil böhmischer und mährischer Produkte in den Ladenregalen begrüßen. Um das Marketing zu erleichtern, plant das Landwirtschaftsministerium ein eigenes Label für in Tschechien hergestellte Lebensmittel: "Ceska potravina" (Tschechisches Nahrungsmittel).

Michael Sperl, Pressesprecher von Kaufland in Prag, bestätigt auf Anfrage von Germany Trade & Invest den Trend zu einheimischen Waren: "Zurzeit beziehen wir 85% unseres Lebensmittelsortiments von tschechischen Produzenten oder Lieferanten. Der Anteil hat zuletzt zugenommen, weil die Verbraucher verstärkt danach fragen." Sie seien zum Teil sehr konservativ und wollten Produkte nach gewohnter Rezeptur konsumieren.

Der Ruf nach einheimischer Ware ertönt auch deshalb so laut, weil die Verbraucher an der Qualität der importierten Lebensmittel zuweilen zweifeln. Eine Studie der Chemisch-Technologischen Hochschule in Prag hat den Verdacht bestätigt, dass ausländische Hersteller bei ihren in Tschechien angebotenen Produkten minderwertigere Zutaten verwenden als in anderen Märkten. Gleiche Teesorten enthielten weniger Teeextrakt als in Deutschland, Fischstäbchen weniger Fischanteile, Joghurt weniger Rahm, Margarine weniger Fett. Die daraufhin befragten Hersteller begründeten das mit unterschiedlichen Geschmacksgewohnheiten in den Märkten.

Solche negativen Erfahrungen verstärken den Trend zu Biolebensmitteln. Vier von zehn Tschechen kaufen laut Umfragen gelegentlich Bioprodukte. Nach einer Untersuchung des Landwirtschaftsministeriums betrug das Marktvolumen 2013 etwa 1,95 Mrd. Kc (75 Mio. Euro). Der Anteil am Gesamtverbrauch von Lebensmitteln und Getränken lag allerdings bei unter 1%. Die Regierung will den Anbau und die Verarbeitung von Bioprodukten stärker unterstützen. Im Programm zur Entwicklung des ländlichen Raums sind bis 2020 rund 330 Mio. Euro für ökologische Agrarwirtschaft vorgesehen.

Um die Qualität der angebotenen Lebensmittel zu verbessern, erarbeitet die Lebensmittelkammer zurzeit mit Herstellern und Branchenverbänden ein neues Normensystem für die Produktion, das sich an den alten tschechoslowakischen Regelungen orientiert. Die darin eingeschlossenen Warengruppen sollen sich durch höhere Standards und Qualität von anderen Produkten auszeichnen. Geplant sind Vorschriften für Fleisch-, Milch- und Eiererzeugnisse, für Konserven, Getränke, Back-, Süß- und Teigwaren sowie für Tiefkühlkost. Die Normen legen Parameter fest wie minimalen Fett- und Fleischgehalt, Obergrenzen für Zucker und Salzzutaten, Farben, Geschmacks- und Geruchsanforderungen ("leicht säuerlich"). Der Normengebungsprozess kann über das Portal http://normy.foodnet.cz verfolgt werden. Bislang sind Regeln für einige Salami-, Soßen- und Majonäsesorten aufgeführt.

Ein Drittel der Produktionsausrüstungen kommt aus Deutschland

Als Land mit einer starken Lebensmittelindustrie ist Tschechien ein interessanter Absatzmarkt für Produktionsausrüstungen. Die Importe von Maschinen zum industriellen Zubereiten von Lebensmitteln und Getränken sind 2014 um über 4% auf 60,3 Mio. Euro gestiegen. Auf deutsche Technik entfiel davon knapp ein Drittel.

Für Bedarf könnten zahlreiche Investitionsprojekte sorgen. Der österreichische Gemüseverarbeiter Efko vergrößert 2016 seine Kapazitäten im südböhmischen Veseli nad Luznici um ein Drittel. An dem Standort hatte das Unternehmen 2014 rund 17 Mio. Euro umgesetzt. Hame steckt dieses Jahr fast 4 Mio. Euro in Technologien und nimmt neue Kapazitäten für Ketchup, Säuglingsgetränke und Sirup in Betrieb. Die Molkerei Hlinsko (Bezirk Pardubice) investiert 2015 über 2 Mio. Euro in effizientere Produktionsstrukturen. Immer erfolgreicher ist Racio aus Breclav mit Snacks aus gepufftem Getreide. Um die Produktionsprozesse zu automatisieren, sollen mehrere Millionen Euro in die Fertigungsanlagen gesteckt werden. Preol hat im Sommer 2015 eine Speiseölproduktion auf Rapsbasis in Lovosice angefahren, mit der jährlich 35.000 t hergestellt werden können.

Auch die Getränkeproduzenten investieren. Der Mineralwasserhersteller Ondrasovka plant bis 2017 Ausgaben von über 2,5 Mio. Euro für eine Werkserweiterung und Logistik. Auf der Suche nach Produktionsflächen ist der Sirup- und Likörspezialist Kitl aus Jablonec nad Nisou. Das Unternehmen konnte 2014 seinen Umsatz um die Hälfte steigern und 300.000 Flaschen absetzen. Die Familienbrauerei Bernard in Humpolec erweitert ihre Gärkapazitäten für über 1 Mio. Euro.

Gelegenheit zur Kontaktaufnahme mit dem tschechischen Markt bietet die internationale Lebensmittelmesse Salima, die vom 18. bis 21.2.16 in Brno stattfindet (http://www.bvv.cz/salima).

Tschechische Einfuhr von ausgewählter Lebensmitteltechnik (in Mio. Euro, Veränderung in %)
Maschinengruppe / HS-Code 2013 2014 Veränd.
Pressen, Mühlen, ähnliche Maschinen, Apparate und Geräte zum Bereiten von Wein, Most, Fruchtsäften oder ähnlichen Getränken/8435 2,67 2,07 -22,5
..aus Deutschland 0,05 0,16 220,0
.Maschinen, Apparate und Geräte/8435.1000 2,53 1,94 -23,3
..aus Deutschland 0,03 0,16 433,3
Maschinen , Apparate und Geräte zum Reinigen, Sortieren oder Sieben von Körner- oder Hülsenfrüchten und für die Müllerei/8437 4,55 4,88 7,3
..aus Deutschland 2,23 1,09 -51,1
.Maschinen, Apparate und Geräte zum Reinigen, Sortieren oder Sieben von Körner- oder Hülsenfrüchten/8437.1000 1,80 2,40 33,3
..aus Deutschland 0,69 0,68 -1,4
.Andere Maschinen, Apparate und Geräte/8437.8000 0,86 0,87 1,2
..aus Deutschland 0,40 0,01 -97,5
Maschinen und Apparate zum industriellen Auf- oder Zubereiten oder Herstellen von Lebensmitteln, Futtermitteln oder Getränken/8438 57,77 60,33 4,4
..aus Deutschland 21,74 18,35 -15,6
.zum Herstellen von Backwaren/8438.1010 7,01 10,49 49,6
..aus Deutschland 2,30 2,24 -2,6
.zum Herstellen von Teigwaren/8438.1090 3,27 0,11 -96,6
..aus Deutschland 0,02 k.A. k.A.
.zum Herstellen von Süßwaren, Kakao oder Schokolade/8438.2000 2,31 10,67 361,9
..aus Deutschland 0,25 1,92 668,0
.zum Herstellen von Zucker/8438.3000 1,21 0,45 -62,8
..aus Deutschland 1,04 k.A. k.A.
.Brauereimaschinen und -apparate/8438.4000 1,71 3,73 118,1
..aus Deutschland 1,02 3,05 199,0
.zum Verarbeiten von Fleisch/8438.5000 10,71 7,21 -32,7
..aus Deutschland 5,74 4,40 -23,3
.zum Be- oder Verarbeiten von Früchten oder Gemüsen/8438.6000 3,28 1,56 -52,4
..aus Deutschland 0,05 0,09 80,0
.zum Auf- oder Zubereiten oder Verarbeiten von Kaffee oder Tee/8438.8010 1,45 1,71 17,9
..aus Deutschland 0,20 0,33 65,0
.zum Zubereiten oder Herstellen von Getränken/8438.8091 0,88 0,71 -19,3
..aus Deutschland 0,28 0,10 -64,3
.andere/8438.8099 10,12 7,31 -27,8
..aus Deutschland 4,05 1,40 -65,4

Quelle: Tschechisches Statistikamt

(S.Z.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Tschechische Republik Nahrungs- und Genussmittel, allgemein, Nahrungsmittel- u. Verpackungsmaschinen, Konsum / Konsumentenverhalten, Nahrungsmittel

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