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02.03.2015

Tschechiens Pharmasektor vor neuen Herausforderungen

Wegfall der Rezeptgebühren belastet Apotheken / Pharmahersteller setzen auf Forschung und Entwicklung / Von Regina Wippler

Bonn (gtai) - Während sich die tschechischen Patienten 2015 über billigere Arzneimittel freuen können, klagen Apotheken über sinkende Gewinne. Mit Abschaffung der Zuzahlung für Arzneimittel verkleinert sich die Gewinnspanne. Problematisch ist dies besonders für kleine unabhängige Händler. Die Apothekenketten und -netze expandieren, auch das Onlinesegment wird ausgebaut. Viele Produzenten vor Ort mussten 2013 Umsatzeinbußen hinnehmen. Trotzdem investieren zahlreiche Firmen in Forschung und Entwicklung.

Die tschechischen Patienten können sich freuen, denn 2015 dürfte für sie ein besseres Jahr werden: Die Rezession ist überwunden, die Löhne steigen wieder und Arzneimittel werden für die Verbraucher billiger. Zum einen gilt seit 1.1.15 ein ermäßigter Steuersatz von 10% für pharmazeutische Produkte (bisher 15%). Zum anderen fallen neben den Praxisgebühren auch die Zuzahlungen für Arzneimittel weg. Die Gebühr von 30 Tschechischen Kronen pro Rezept (Kc; Jahresdurchschnitt 2014: 1 Euro = 27,536 Kc) war Anfang 2008 im Zuge der Gesundheitsreform eingeführt worden.

Erhalten bleibt nur eine Gebühr für den Notdienst. Zahlungen aus der Staatskasse sollen den erwarteten Einnahmenausfall ausgleichen. Die Apothekerkammer geht allerdings laut einer Pressemeldung von einem Einnahmenverlust in Höhe von 60 Mio. Euro für 2015 aus.

Auch seitens der größten Krankenversicherung des Landes, Vseobecna zdravotni pojistovna (VZP) mit 6,5 Mio. Mitgliedern, fühlen sich die Apotheker in die Enge getrieben. Die VZP führt ein Verzeichnis bestimmter Medikamente, für die sie mit den Herstellern günstigere Preise ausgehandelt hat und die ohne Zuzahlung für die Patienten erhältlich sind. Ärzte sind angehalten, diese Arzneimittel bevorzugt zu verschreiben. Leidtragende sind die Apotheken, denn je günstiger die Medikamente angeboten werden, desto geringer fallen die Margen aus. Eine Klage vor der Antimonopolbehörde blieb erfolglos.

Branche durchläuft Konsolidierungsprozess

Laut Statistikamt gab es 2013 rund 2.800 Apotheken in Tschechien. Die Branche durchläuft einen Konsolidierungsprozess, bei dem große Ketten immer mehr Marktanteile gewinnen. Verlierer sind Pharmageschäfte in ländlichen Gebieten. Die vier größten Netzwerke, Moje lekarna, ein Zusammenschluss unabhängiger Apotheken, zählt zurzeit 380 Mitgliedsapotheken, von Alphega gibt es 200 Filialen. Zu Dr. Max (Ceska lekarna Holding - Penta Group) gehören mittlerweile knapp 360 Filialen. Das Unternehmen hat im Herbst 2014 acht Apotheken von der Harmonia-Kette und wenig später elf Novolekarna-Filialen übernommen.

Die Apothekenkette Benu expandiert. Sie gehört zur deutschen Phoenix Gruppe, die in Tschechien als Pharmagroßhändler Marktführer ist. Benu erweiterte seine rund 170 Filialen durch den Kauf der Kette Sunpharma, die acht Apotheken in der Tschechischen Republik und 42 in der Slowakei unterhält.

Der Trend geht zu Filialen in Einkaufszentren mit großzügigen Öffnungszeiten sowie zum Verkauf über das Internet. Neben Moje lekarna gibt es weitere Zusammenschlüsse von Apotheken, die im Onlinehandel ihr Glück suchen. Dazu gehört die Internetplattform Pilulka.cz, bei der sich 2013 mit der tschechischen Vereinigung Copharm 170 unabhängige Apotheken und über die Vereinigung TopFarma 100 Apotheken in der Slowakei zusammengeschlossen haben. Dr. Max setzt auf Eigenmarken und Beratungsleistungen zum Beispiel für Diabetes- und Asthmapatienten.

Auch die tschechische Post (Ceska posta) will im Vertrieb von Medikamenten mitmischen. Ungefähr 200 OTC-Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel sollen in den 2.000 Filialen verkauft beziehungsweise an die Kunden direkt ausgeliefert werden. Einen vollwertigen Apothekenservice wird die Post allerdings nicht anbieten, sondern lediglich Produkte der Holding Euroclinicum vertreiben. Vorteile für die Verbraucher könnte dieser Service vor allem in ländlichen Regionen bringen. Die Behörde für Arzneimittelaufsicht SUKL ist allerdings dagegen, dass in den Postämtern rezeptpflichtige Medikamente verkauft werden. Derzeit ist noch unklar, ob der Vertrieb in den Postfilialen genehmigt wird.

Laut tschechischem Institut für medizinische Information und Statistik (UZIS) lagen 2013 die öffentlichen Gesundheitsausgaben pro Kopf bei 23.458 Kc (ca. 900 Euro). Die privaten Ausgaben pro Person sanken im Vergleich zu 2012 um 162 auf 3.168 Kc (ca. 120 Euro). Größter Kostenfaktor dabei sind Medikamente und medizinische Hilfsmittel, auf die rund 69% der Gesundheitsausgaben entfielen. Insgesamt haben die Haushalte 2,6% ihrer Konsumausgaben in ihre Gesundheit gesteckt, 2007 waren es 2,3%. Pro Einwohner wurden 2013 durchschnittlich 6,6 Rezepte eingelöst. Die Einnahmen aus freiverkäuflichen Arzneimitteln sowie Rezeptzuzahlungen betrugen 17,1 Mrd. Kc (660 Mio. Euro). Auf sie entfielen über 23% der gesamten Einnahmen der Apotheken für Medikamente und medizinische Hilfsmittel in Höhe von 73,9 Mrd. Kc (ca. 2,8 Mrd, Euro).

Bei den rezeptfreien Medikamenten, sogenannten OTC-Produkten (over the counter), gehen die Umsätze nach einem relativen Stillstand 2013 wieder langsam nach oben. Einer Studie der Marktforschung PMR zufolge wurden 2014 circa 13,7 Mrd. Kc für OTC-Produkte ausgegeben, rund 2,2% mehr als im Vorjahr. Für 2015 wird mit einem Anstieg von 2,7% auf 14,1 Mrd. Kc gerechnet, im Jahr 2016 soll sogar ein Plus von 3,3% erzielt werden.

Gute Wachstumsaussichten bieten Nahrungsergänzungsmittel. Einer Meldung von Radio Prag zufolge haben die Tschechen hinter den Slowaken in Mittel- und Osteuropa die höchsten Pro-Kopf-Ausgaben von 19 Euro im Jahr. Besonders beliebt sind probiotische Produkte sowie Vitamin- und Mineralpräparate. Im Vergleich zu den nordeuropäischen Ländern ist noch viel Luft nach oben: Finnen geben pro Kopf 64 Euro aus, Norweger 56 Euro.

Trotz oft sinkender Umsätze planen Pharmaunternehmen Investitionen

Die tschechische Pharmaindustrie hat eine Durststrecke hinter sich. Dem Institut UZIS zufolge verringerten sich die Umsätze mit Arzneimitteln 2013 mit 65,5 Mrd. Kc gegenüber dem Vorjahr um 2%. Die Erlöse für medizinische Hilfsmittel beliefen sich auf 8,4 Mrd. Kc (-3,9%).

Markt für pharmazeutische Erzeugnisse in Tschechien (in Mio. Euro) 1) 2)
2012 2013 Veränderung 2013/12 in %
Lokale Produktion 1.059,4 1.071,6 1,2
Import 3.061,7 3.008,4 -1,7
Export 1.343,7 1.490,0 10,9
Marktvolumen 3) 2.777,4 2.590,0 -6,7

1) NACE-Positionen 21.1 (Herstellung von pharmazeutischen Grundstoffen), 21.2 (Herstellung von pharmazeutischen Spezialitäten und sonstigen pharmazeutischen Erzeugnissen); 2) zugrunde gelegte Wechselkurse: 2012: 1 Euro = 25,143 Kc, 2013: 1 Euro = 25,974 Kc; 3) rechnerisch (Umsätze + Import - Export, laufende Preise)

Quellen: Tschechisches Statistikamt, Ministerium für Industrie und Handel, Eurostat, Berechnungen von Germany Trade & Invest

Laut Statistikamt gab es 2013 in Tschechien 117 Produzenten von Pharmazeutika und medizinischen Hilfsmitteln. Viele Hersteller mussten Umsatzeinbußen verkraften. In den ersten drei Quartalen 2014 lag ihr Auftragsbestand nur um 1% über Vorjahresniveau. Dem Marktführer Zentiva, der Generika und rezeptfreie Medikamente herstellt, brachen 2013 mit rund 185 Mio. Euro die Umsätze um 10,6% ein. Auch Walmark (Nahrungsergänzungsmittel, rezeptfreie Arzneimittel) verzeichnete mit 77,1 Mio. Euro Einnahmen ein Minus von 1,5%, ebenso der Hersteller von Impfstoffen und aus Plasma gewonnenen Präparaten, Baxter BioScience, (22,1 Mio. Euro; -12,3%) oder der Arzneimittelhersteller Angelini Pharma Ceska republika (18,7 Mio. Euro, -31,1%). Anders hat sich das Jahr für die Arzneimittelhersteller Pro.Med.Cs entwickelt: Mit Einnahmen in Höhe von 66,7 Mio. Euro erzielte das Unternehmen ein Plus von 12,3%.

Nachdem die Einfuhren von Pharmazeutika 2013 wertmäßig rückläufig waren, zogen die Importe 2014 wieder an. Mit knapp 3,4 Mrd. Euro wurde eine Steigerung gegenüber 2013 von 16% erreicht. Auf Deutschland entfiel ein Fünftel aller tschechischen pharmazeutischen Lieferungen.

Einfuhr pharmazeutischer Produkte nach Tschechien (in Mio. Euro; Veränderung in %)
SITC Produktgruppe 2012 2013 2014 davon aus Deutschland 2014 Veränd. 2014/13
541.1 Provitamine und Vitamine 18,0 15,4 15,8 5,2 2,6
541.3 Antibiotika, nicht Arzneiwaren 18,4 27,9 12,2 0,1 -56,3
541.4 Alkaloide, ihre Salze, Ether, Ester und andere Derivate 2,6 4,1 6,7 0,2 63,4
541.5 Hormone, Prostaglandine, Thromboxane und Leukotriene 5,6 7,8 7,8 0,1 0,0
541.6 Glykoside; Drüsen und andere Organe und ihre Auszüge; Antisera, Vaccine und ähnliche Erzeugnisse 447,9 431,4 445,9 141,3 3,4
541.9 pharmazeutische Waren 158,4 157,5 156,7 34,5 -0,5
542.1 Arzneiwaren, Antibiotika, Derivate 117,2 106,0 123,2 9,9 16,2
542.2 Arzneiwaren, Hormone, andere Erzeugnisse 242,6 253,5 347,0 52,3 36,9
542.3 Arzneiwaren, Alkaloide oder ihre Derivate 30,4 30,3 37,5 4,0 23,8
542.9 Sonstige Arzneiwaren 1.917,8 1.895,8 2.245,4 415,1 18,4
54 Insgesamt 2.958,9 2.929,7 3.398,2 662,7 16,0

Quelle: Tschechisches Statistikamt

Für die großen Pharmakonzerne bleibt Tschechien ein beliebtes Investitionsziel. Vergleichsweise günstige Lohnkosten bei hohem Ausbildungsniveau machen das Land attraktiv. So investiert das Schweizer Unternehmen Novartis laut Medienberichten in ein IT-Zentrum in Prag. Für Forschung und Entwicklung gibt das Unternehmen nach eigenen Angaben rund 150 Mio. Euro pro Jahr aus. Branchenriese Pfizer will für fast 180 Mio. Kc ein Finanzzentrum (Global Financial Solution Centre) für Mittel- und Osteuropa in Prag errichten.

Forschung und Entwicklung wird überhaupt großgeschrieben. Die Regierung in Prag bemüht sich schon seit einigen Jahren, die Zusammenarbeit zwischen Forschungseinrichtungen und Unternehmen zu verstärken, unter anderem mit steuerlichen Anreizen. Zunehmend investieren Unternehmen in eigene Forschungszentren.

Aktuelle Investitionsprojekte in Tschechien (Auswahl)
Projekt Investitionen (in Mio. Euro) Stand Anmerkungen
Biocev / Forschungszentrum Vestec bei Prag 83,6 Bau läuft, Fertigstellung 2015, Probebetrieb ab Frühling 2015 geplant Erforschung von Arzneien, Polymermaterialien, Gewebe-, Gefäß-, Herzklappenersatz
Simeys Trade / neues Werk zur Herstellung von Arzneien in Jicin 54,5 300 Arbeitsplätze, Baubeginn im 1. Halbjahr 2016 Herstellung von Arzneien und Verpflegungsmitteln inklusive Entwicklung, Labors, Lagerhalle
MSD / Innovationszentrum in Prag 36,4 IT-Zentrum für einzelne Filialen, Eröffnung 2014, bislang 160 Arbeitsplätze, bis 2017 weitere 500 geplant Arbeit mit großen Datenvolumina aus klinischen Studien, öffentlichen Registern oder von anderen externen Datenlieferanten
PrimeCell Therapeutics / Eröffnung eines Forschungszentrums in Ostrava 25,5 insgesamt sollten 16 Firmen tätig sein, Betrieb ab September 2014 Biotech-Park, Forschungszentrum für Biotechnologien, Arzneimittel von Menschenzellen (Labors und Produktion)
Parker Hannifin / Erweiterung des Portfolios um Pharmaprodukte in Sadska 6,2 bis 8,4 Bau neuer Halle Mai bis Dezember 2015, 30 neue Arbeitsplätze Es werden neu Elastomeren für medizinische Applikationen produziert.
Otsuka / Zentrum für Entwicklung und Herstellung von Arzneimitteln in Prag k.A. Umbau des Komplexes von Modranske strojirny geplant, Vorbereitungsphase japanische Firma(tschechische Tochtergesellschaft Interpharma)
Novartis / Erweiterung des IT-Zentrums in Prag k.A. ursprüngliche Mitarbeiterzahl von 150 soll verdoppelt werden Shared-Service-Zentrum für andere Filialen (Quellenplanung in SAP, Informationsmanagement, Entwicklung von mobilen Informationen)

Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest

(W.G.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Tschechische Republik Gesundheitswesen allgemein, Arzneimittel, Diagnostika, Einzelhandel

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