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09.02.2017

Tschechiens Unternehmen sehen Digitalisierung als Chance

Bei wichtigen Kennziffern besser als der EU-Durchschnitt / Regierung fördert Sharing Economy und Open Data / Von Gerit Schulze

Prag (GTAI) - Die Digitalisierung hat Tschechiens Wirtschaft erfasst. Beim Zugang zum Breitbandnetz oder bei Onlinebestellungen liegen böhmische und mährische Unternehmen über dem EU-Durchschnitt. Rund 4% der Wirtschaftsleistung entfallen auf Internetdienste. Die Regierung unterstützt neue Entwicklungen wie Sharing Economy oder Open Data und erhofft sich davon einen Boom bei der Neugründung von Start-ups. Schon jetzt sind viele öffentliche Daten transparent und frei zugänglich im Netz.

Tschechiens Unternehmen sind gut gerüstet für das digitale Zeitalter. Bei wichtigen Indikatoren liegen sie zum Teil deutlich über dem Durchschnitt der EU-28. Die Wachstumsraten bei Informations- und Telekommunikationstechnologien (IKT) liegen über denen von Deutschland. Inzwischen hat die Internetwirtschaft einen Anteil von über 4% an der tschechischen Wirtschaftsleistung. Dazu tragen vor allem IT-Dienstleister und Hersteller von IT-Ausrüstungen bei. Daneben sind der Onlinehandel und Internetmedien die tragenden Säulen des Geschäfts im weltweiten Netz, so eine Untersuchung des Verbands zur Entwicklung des Internets (SPIR, http://www.spir.cz).

Wie die Studie zeigt, waren 2015 knapp 3% der tschechischen Beschäftigten im IKT-Sektor tätig. Kritisiert werden allerdings die hohen Preise für die mobile Datennutzung. Sie liegen laut SPIR um bis zu zwei Drittel über dem europäischen Durchschnitt. Die Regierung will die drei Mobilfunkanbieter dazu bewegen, ihre Tarife zu senken.

Dagegen sind die Kosten für Kabelverbindungen mit Geschwindigkeiten von mehr als 100 Mbit/s mit rund 15 Euro pro Monat laut SPIR sehr günstig. Fast alle Unternehmen haben einen Breitbandzugang ins Internet. Eine Firmenwebseite gehört zum Standard (82%). Auffallend stark nutzt die Wirtschaft Onlinebestellungen von Dienstleistungen und Waren. Der Anteil des elektronischen Geschäftsverkehrs am Gesamtumsatz ist außergewöhnlich hoch. Unter dem EU-Durchschnitt liegt Tschechiens Wirtschaft bei der Nutzung von kostenpflichtigen Cloud-Angeboten oder von sozialen Netzwerken.

Tschechiens IKT-Sektor in Zahlen (im Vergleich mit Deutschland und EU-28)
Indikator Tschechische Republik Deutschland EU-28
Bruttowertschöpfung (2015 in Mrd. Euro) 7,6 131,6 428,1
Bruttowertschöpfung (Veränderung gegenüber 2014 in %) 7,3 4,9 3,3
Anteil an der Bruttowertschöpfung im Land (2015 in %) 5,1 4,8 4,6
IKT-Spezialisten (in 1.000, 2015) 184,6 1.465,6 7.727,0
IKT-Spezialisten (Veränderung gegenüber 2014 in %) 9,8 3,4 3,4
Anteil der IKT-Spezialisten an landesweiter Beschäftigung (2015 in %) 3,7 3,7 3,5

Quelle: Eurostat

Digitalisierung der Bauwirtschaft schreitet voran

Als Trend in der Internetwirtschaft sieht der Verband SPIR die Sharing Economy. In Tschechien gibt es relativ wenig Gegenwehr der klassischen Wirtschaftszweige gegenüber neuen Anbietern wie Taxidiensten (Uber) oder Vermittlern von privaten Unterkünften (Airbnb). Die Regierung begrüßt solche alternativen Geschäftsmodelle ausdrücklich, um breiten Bevölkerungsschichten zusätzliche Einnahmequellen zu verschaffen. Potenzial gibt es noch bei der Teilung von Büroräumen (Coworking), bei Handwerkstätigkeiten oder sozialen Diensten sowie beim Car- und Bikesharing.

Sehr dynamisch entwickelt sich der Onlinehandel. Die Umsätze haben sich innerhalb von fünf Jahren im Jahr 2016 auf fast 100 Mrd. Tschechische Kronen verdoppelt (Kc; rund 3,7 Mrd. Euro, Wechselkurs 1 Euro = 27,033 Kc). Etwa 36.000 E-Shops sind derzeit aktiv. Sie hatten 2016 einen Anteil am Einzelhandel von 8,5%. Für künftiges Wachstum sorgen Lebensmittelhändler, die immer mehr ins Internet drängen. Derzeit kaufen schon 2% der Haushalte Nahrungsmittel regelmäßig online ein.

In der Bauwirtschaft setzt sich die softwaregestützte Planung, Errichtung und Bewirtschaftung von Gebäuden durch (BIM-Technologie, building information modeling). Laut einer Umfrage des Marktforschers CEEC Research wenden derzeit rund 5% der tschechischen Baufirmen BIM-Verfahren an. In den nächsten fünf Jahren soll sich der Anteil auf knapp die Hälfte erhöhen. Vorteil ist, dass alle mit dem Bau zusammen hängenden Dokumente jederzeit elektronisch verfügbar sind, alle Beteiligten sich besser austauschen können und im gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes Daten erfasst und so Fehlerursachen schneller gefunden werden können.

Im Prager Stadtteil Karlin wurde 2016 erstmals ein komplettes Bürohaus nach dieser Methode gebaut. Zuvor hatten meist nur Ingenieurbüros auf die digitale Bauplanung gesetzt. Developer Sekyra Group nutzt BIM nun für das Großprojekt Smichov City in Prag. Dort wird ein altes Bahnhofsgelände komplett neu entwickelt und überbaut.

Nationaler Katalog für öffentliche Datensätze online

Große Geschäftschancen sieht Tschechien auch im freien Zugang von öffentlichen Datensätzen (Open Data). Um die Aktivitäten der staatlichen Behörden, Institutionen und der Selbstverwaltungsorgane auf diesem Gebiet zu bündeln, wurde ein Nationaler Open-Data-Katalog eingerichtet (http://portal.gov.cz/portal/ovm/rejstriky/data/97898). Dort haben bereits das Kataster- und Geodäsieamt, die Telekommunikations-Regulierungsbehörde, die Verwaltung der Sozialversicherung, das Finanzministerium sowie einige Bezirks- und Stadtverwaltungen Datensätze hinterlegt.

Neben einer höheren Transparenz könnten diese frei zugänglichen Datenmengen auch neue Businesskonzepte entstehen lassen, glaubt der Staatssekretär und Tschechiens Koordinator für die digitale Agenda, Tomas Prouza. Wie er in einem Interview erklärte, seien dafür einheitliche Datenformate wichtig, was durch den Open-Daten-Katalog sichergestellt werde. Softwareentwickler könnten die Daten aufbereiten und zum Beispiel für die Programmierung nützlicher Apps verwenden. Auf diese Weise sind bereits Infoportale für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen entstanden, grafisch aufbereitete Karten zu geplanten städtebaulichen Maßnahmen im Land oder eine Übersicht zur Luftverschmutzung in tschechischen Städten.

Kennziffern zur Digitalisierung von Unternehmen im regionalen Vergleich (Anteil 2016 in %, ausgenommen Banksektor)

Indikator Tschechische Republik Slowakei Deutschland EU-28
Unternehmen mit Breitbandzugang ins Internet, darunter 98 92 95 94
.mit 10 bis 49 Beschäftigten 97 91 94 94
.mit 50 bis 249 Beschäftigten 99 96 98 98
.mit mindestens 250 Beschäftigten 100 99 100 99
Unternehmen mit eigener Webseite, darunter 82 78 89 77
.mit 10 bis 49 Beschäftigten 79 77 88 74
.mit 50 bis 249 Beschäftigten 93 83 94 89
.mit mindestens 250 Beschäftigten 95 86 97 94
Unternehmen, die soziale Medien nutzen, darunter 34 34 47 45
.mit 10 bis 49 Beschäftigten 31 32 45 42
.mit 50 bis 249 Beschäftigten 41 38 54 53
.mit mindestens 250 Beschäftigten 58 54 69 68
Unternehmen, die IKT-Fachkräfte beschäftigen, darunter 19 20 22 20
.mit 10 bis 49 Beschäftigten 12 12 16 15
.mit 50 bis 249 Beschäftigten 41 40 45 43
.mit mindestens 250 Beschäftigten 81 79 77 75
Unternehmen, die Cloud-Computing kostenpflichtig nutzen, darunter 18 18 16 21
.mit 10 bis 49 Beschäftigten 17 17 15 19
.mit 50 bis 249 Beschäftigten 22 21 20 29
.mit mindestens 250 Beschäftigten 30 28 38 45
Unternehmen mit formell festgelegter IT-Sicherheitspolitik *), darunter 33 41 29 32
.mit 10 bis 49 Beschäftigten 26 36 23 27
.mit 50 bis 249 Beschäftigten 55 58 48 51
.mit mindestens 250 Beschäftigten 74 78 73 72
Unternehmen, die Onlineeinkäufe getätigt haben, darunter 62 25 54 1) 42
.mit 10 bis 49 Beschäftigten 60 23 52 1) 41
.mit 50 bis 249 Beschäftigten 67 30 62 1) 50
.mit mindestens 250 Beschäftigten 79 40 72 1) 61
Unternehmen, bei denen Onlinebestellungen eingegangen sind, darunter 27 15 28 20
.mit 10 bis 49 Beschäftigten 25 13 27 18
.mit 50 bis 249 Beschäftigten 30 21 32 28
.mit mindestens 250 Beschäftigten 48 37 47 42
Anteil des elektronischen Geschäftsverkehrs am Gesamtumsatz, darunter 31 18 14 16
.mit 10 bis 49 Beschäftigten 12 7 5 6
.mit 50 bis 249 Beschäftigten 27 13 8 12
.mit mindestens 250 Beschäftigten 38 24 20 23

*) 2015

Quelle: Eurostat

Mehr Informationen zur Digitalisierung in der Tschechischen Republik finden Sie unter http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/suche,t=digitale-verwaltung-in-tschechien-bislang-wenig-konkret,did=1644076.html

(S.Z.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Tschechische Republik Software / EDV-Dienstleistungen, Internetdienste, Verwaltung, Administration, Digitalisierung

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