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19.04.2017

Tschechischer Konjunkturmotor läuft weiterhin rund

BIP-Prognosen für 2017 bewegen sich zwischen 2,5 und 2,8% / Nationalbank beendet Interventionspolitik / Von Gerit Schulze

Prag (GTAI) - Auch wenn 2016 mit einem BIP-Wachstum von 2,3% das Ergebnis von 2015 nicht erreicht wurde: Im Frühjahr 2017 präsentiert sich Tschechiens Wirtschaft robust. Für das Gesamtjahr wird ein Wirtschaftswachstum von über 2,5% erwartet. Wachstumsträger sollen die Anlageinvestitionen werden, zudem werden Impulse von der stärkeren Abschöpfung der EU-Fonds kommen. Die tschechische Nationalbank gibt die künstliche Abwertung der Krone auf - dadurch werden Importwaren billiger.

Es war klar, dass Tschechiens Konjunktur das Ausnahmejahr 2015 nicht wiederholen kann. Tatsächlich stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2016 nach vorläufigen Schätzungen um 2,3% und damit nur noch halb so stark wie im Jahr zuvor, als das Auslaufen der EU-Förderperiode für einen Sondereffekt sorgte. Trotz des schwächeren Wachstums entwickelte sich die tschechische Volkswirtschaft besser als der EU-Durchschnitt (1,9%). Die Benchmark für Prag muss aber die Visegrad-Gruppe bleiben, und da legte das BIP in Polen (2,8%) und der Slowakei (3,3%) noch stärker zu.

Grund für die nachlassende Dynamik war neben dem Basiseffekt eines überdurchschnittlich guten Vorjahresergebnisses das schwache Investitionsverhalten. Auch die extrem niedrigen Zinssätze konnten die Unternehmen nicht animieren, ihre Ausgaben für Ausrüstungen, Gebäude oder Innovationen zu erhöhen. Im Vergleich zum Vorjahr schrumpften die Bruttoanlageinvestitionen 2016 um fast 4%.

Die beiden stärksten Säulen des Aufschwungs waren daher die Nachfrage der Privathaushalte und der Nettoexport. Steigende Löhne und die historisch niedrige Arbeitslosigkeit verbessern die Kauflaune der Verbraucher. Zu den gestiegenen Ausfuhren trugen Autos, Möbel und Maschinen bei.

Für 2017 erwartet Tschechiens Regierung ebenso wie die EU-Kommission ein Wirtschaftswachstum von 2,5%. Die Nationalbank CNB prognostiziert einen Anstieg des BIP um 2,8%. Dabei sollen die wieder anziehenden Anlageinvestitionen und eine stärkere Abschöpfung der EU-Fonds helfen.

Arbeitsmarkt und Löhne

Der Personalmangel hat sich weiter verschärft. Die Erwerbslosenquote ist so niedrig wie noch nie seit Gründung der heutigen Tschechischen Republik. Sie lag im Januar 2017 laut Eurostat bei 3,4% - der Spitzenwert in Europa. Laut Ministerium für Arbeit und Soziales waren im Februar 2017 offiziell 380.000 Erwerbssuchende registriert, zugleich waren 140.000 offene Stellen gemeldet. In manchen Kreisen gibt es mehr Stellenangebote als Erwerbslose. Damit entwickelt sich die angespannte Lage am Arbeitsmarkt zur Wachstumsbremse. Da Unternehmen nicht genügend Personal finden, müssen sie bereits Aufträge zurückstellen oder Investitionen verschieben.

Für Arbeitnehmer hingegen ist die Lage ideal. Sie können die Bedingungen diktieren, höhere Löhne durchsetzen und Sonderkonditionen aushandeln. Laut Statistikamt sind die Reallöhne 2016 um 3,5% gestiegen - auf durchschnittlich 27.600 Kc. Das war der stärkste Reallohnzuwachs seit 2007. Erstmals erreichte das mittlere Lohnniveau einen Wert von umgerechnet über 1.000 Euro.

Der Anstieg wird sich auch 2017 fortsetzen, denn höhere Gehälter sind immer noch der wichtigste Anreiz, Mitarbeiter zu gewinnen oder an das Unternehmen zu binden. Bei der Konjunkturumfrage der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer (AHK Tschechien) Anfang 2017 gab ein Viertel der teilnehmenden Firmen an, in diesem Jahr mit einer Lohnkostenerhöhung von mehr als 8% zu planen.

Die Regierung erwartet für das laufende Jahr nominale Lohnzuwächse von 4,6%, die sich in den Folgejahren fortsetzen sollen: 2018 um 4,5%, 2019 um 4,1% und 2020 um 3,9%. Zu den höheren Zuwächsen trägt die steigende Inflationsrate bei.

Inflation und Wechselkurs

Die tschechische Nationalbank CNB steht kurz vor ihrem Ziel, die Inflationsrate in Richtung 2,0% zu bringen. Im Jahresdurchschnitt 2016 lag der Wert bei 0,7%. Doch schon 2017 sollen die Verbraucherpreise nach Prognosen der CNB um 2,4% steigen.

Damit hat sich die Abwertung der Krone bezahlt gemacht, die Einfuhren von Konsumgütern verteuerte. Außerdem tragen die hohen Einkommenszuwächse zur Preissteigerung bei. Auch die immer noch extrem niedrigen Leitzinsen helfen dabei, das Deflationsgespenst endgültig zu vertreiben.

Anfang April 2017 hat die CNB deshalb ihre Interventionspolitik beendet und die künstliche Abwertung der Krone aufgegeben. Im Jahresdurchschnitt 2016 lag der Wechselkurs bei 27,03 Kc je Euro. Der Druck der Spekulanten auf die Krone war enorm hoch, sodass die Zentralbank 2016 fast 600 Mrd. Kc (rund 22 Mrd. Euro) auf den Markt werfen musste, um eine Aufwertung der Landeswährung zu verhindern. In den ersten zwei Monaten 2017 kamen weitere 650 Mrd. Kc (24 Mrd. Euro) hinzu. Es wird erwartet, dass sich der Wechselkurs nach dem Ende der Intervention schrittweise zwischen 25 und 26 Kc je Euro einpendelt.

Außenhandel

Tschechien bleibt eine extrem offene Volkswirtschaft. Der Außenhandelsumsatz hat 2016 einen neuen Rekordwert von 7,46 Bill. Kc (276 Mrd. Euro) erreicht und entsprach damit 170% des BIP. Erfreulich für das Land ist der hohe Exportüberschuss, der sich im Vorjahr um 20% auf 487 Mrd. Kc (18 Mrd. Euro) vergrößerte.

Noch einmal stiegen die Exporte mit 2,4% (auf Kronenbasis) schneller als die Importe (0,3%). Dieser Erfolg dürfte 2017 und in den Folgejahren allerdings schwer zu wiederholen sein, weil die bevorstehende Aufwertung der Krone die tschechischen Produkte im Ausland verteuert und zugleich die Importwaren billiger macht.

Zu der Ausfuhrsteigerung trugen 2016 vor allem Autos, Möbel, Maschinen sowie Mess- und Prüfgeräte bei. Ein starkes Plus von fast einem Drittel verzeichneten auch die Bekleidungshersteller. Sie verkauften Waren für rund 1,7 Mrd. Euro im Ausland.

Deutschland bleibt der dominierende Handelspartner mit einem Anteil von etwa 30% am tschechischen Außenhandel. Bei den Exporten entfallen sogar 32% auf das größte Nachbarland. Dahinter folgten 2016 die Slowakei (Exportanteil 8%) vor Polen (6%) und dem Vereinigten Königreich (5%). Mögliche Handelsbarrieren infolge des Brexit werden in Prag daher mit Sorge gesehen, da allein im Vorjahr Waren im Wert von 207 Mrd. Kc (7,7 Mrd. Euro) über den Ärmelkanal gingen.

Das Statistische Bundesamt gibt den Wert des bilateralen Warenaustauschs 2016 mit 80,6 Mrd. Euro an. Tschechien hat sich damit an Belgien vorbeigeschoben und gehörte erstmals zu den Top 10 der größten Handelspartner Deutschlands.

In Tschechien konnte Deutschland seine Position als führendes Lieferland festigen. Während die Einfuhren des Landes insgesamt auf Kronenbasis nur um 0,3% gestiegen sind, kletterten die Importe aus Deutschland um 2,3%. Dagegen musste der zweitgrößte Lieferant China einen Rückgang um fast 8% hinnehmen. Auffallend hoch waren die Importzuwächse aus dem Vereinigten Königreich mit einem Plus von 25%.

Ausländische Direktinvestitionen

Tschechien ist offenbar wieder ein attraktives Zielland für Investoren. Laut M&A-Barometer von Ernst & Young war es bei der Zahl der Fusionen und Unternehmenskäufe 2016 die Nummer 1 in Mittelosteuropa, noch vor Polen. Unter den ausländischen Käufern waren vor allem britische, chinesische und deutsche Firmengruppen aktiv. Sie stiegen bei tschechischen IT-Unternehmen, im Immobiliensektor, Handel, Dienstleistungen und im verarbeitenden Gewerbe ein.

Die Zentralbank CNB hat für die ausländischen Direktinvestitionen 2016 vorläufig einen Nettozufluss von 6,1 Mrd. Euro berechnet. Bestätigt sich dieser Wert, so wäre das ein deutlicher Zuwachs gegenüber dem Vorjahr (2015: 419 Mio. Euro). Auf Deutschland entfielen fast drei Viertel des Nettozuflusses. Auch Frankreich und Italien haben stark investiert. Dagegen ist nach Belgien und in die Niederlande in großem Umfang Kapital abgeflossen.

Bei den Branchen waren der Immobiliensektor (Nettozufluss 2016: 2,3 Mrd. Euro), der Maschinen- und Fahrzeugbau (1,6 Mrd. Euro) sowie die Energie- und Wasserwirtschaft (1,2 Mrd. Euro) die beliebtesten Ziele ausländischer Investoren.

Die staatliche Investitionsförderagentur CzechInvest hat 2016 neue Investitionen für 64 Mrd. Kc (2,37 Mrd. Euro) ausgehandelt, ein Drittel mehr als im Jahr zuvor. Konkret sind 16 Neubauvorhaben und 84 Fabrikerweiterungen geplant. Auf ausländische Firmen entfallen 78 Projekte. Die größten Vorhaben hat die Automobilindustrie, Metallerzeugung und -verarbeitung sowie die Kunststoffherstellung auf der Agenda.

(S.Z.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Tschechische Republik Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten

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