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11.07.2017

Viel Kooperationspotenzial in Norwegens Tiefseebergbau

Größere Massivsulfid-Vorkommen im Nordmeer / Gesetzentwurf zum Meeresbergbau vielleicht noch vor den Parlamentswahlen im Herbst / Von Heiko Steinacher

Oslo (GTAI) - Vor Norwegens Küste dürften größere Mengen an Seltenen Erden lagern. Damit könnte das Königreich bald noch stärker in den Fokus von Ländern rücken, die längst auch die Tiefsee als potenzielle Abbauquelle für die begehrten Rohstoffe anvisieren. Ende Mai 2017 trafen sich Vertreter aus Deutschland und Norwegen in Hövik bei Oslo, um Kooperationsmöglichkeiten beim Abbau von Tiefseemineralien auszuloten. Die Regierung bereitet nun ein Gesetz zum Meeresbergbau vor.

In Norwegen schlummern Mineralien im Wert von schätzungsweise 2.500 Mrd. Norwegischen Kronen (nkr; etwa 263 Mrd. Euro, 1 Euro = 9,4992 nkr im Juni-Durchschnitt 2017). Auf diesen Betrag summieren sich laut einer Studie des norwegischen geologischen Instituts (NGU) die nachgewiesenen und wahrscheinlichen Ressourcen des Königreichs. Neben Titan, Kupfer, Eisen sowie vielen weiteren Metallen und Mineralien verfügt Norwegen auch über größere Vorkommen an Seltenen Erden, vor allem bei Ulefoss in der Provinz Telemark, aber auch in den westlich (Aust-Agder, Vest-Agder, Rogaland) und östlich davon liegenden Provinzen (Vestfold und Oslo).

Doch werden darüber hinaus auch in norwegischen Gewässern umfangreiche Vorkommen an Massivsulfiden vermutet. Hierdurch könnten sich interessante Potenziale für die bilaterale Kooperation mit Deutschland ergeben. Denn statt im Indischen Ozean und im Pazifik, wo Deutschland bereits zwei Lizenzen für die Exploration von Manganknollen und Massivsulfiden hält, könnten die beiden Länder den Abbau und die Förderung von Seltenen Erden aus der Tiefsee gleichsam auch zusammen vor der Haustür im Nordmeer testen.

Technische Herausforderungen für den Abbau wären groß

Damit wären aber auch besondere Herausforderungen verbunden. Denn während Manganknollen frei am Meeresboden herumliegen, sind Massivsulfide an Gestein gebunden und treten an "Schwarzen Rauchern" (Schlote) auf, was ihren Abbau technisch erschwert.

Der Tiefseebergbau des nordischen Landes steckt noch in der frühen Erkundungsphase. Während der Exploration wird auch eine umfassende Umweltuntersuchung am Meeresgrund durchgeführt. Bei verschiedenen Forschungsfahrten, bei welchen auch autonome Unterwasserfahrzeuge zum Einsatz kamen, konnten die Massivsulfid-Vorkommen genauer kartiert werden.

Den Abbau von Vorkommen in der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) darf Norwegen laut dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (UN) selbst regeln. Die AWZ reicht 200 Seemeilen weit und gibt einem angrenzenden Küstenstaat das alleinige Recht zur wirtschaftlichen Ausbeutung.

Gesetzentwurf zum Tiefseebergbau in Arbeit

"Welche konkreten Anforderungen das nordische Land an den Tiefseebergbau in dieser Zone stellen wird, ist aber noch unklar - das Öl- und Energieministerium in Oslo arbeitet derzeit an einer gesetzlichen Grundlage hierfür" sagt Arne Lüders, Market Advisor im Deutschland-Büro von Innovation Norway, der Handels- und Wirtschaftsrepräsentanz der norwegischen Regierung (http://www.innovasjonnorge.no). Optimistische Beobachter rechnen sogar noch vor den Parlamentswahlen im Herbst 2017 mit einem Entwurf über einen Rechtsrahmen.

Unklar ist damit auch noch, ob ein Abbau gegebenenfalls auf Lizenzbasis erfolgen soll. Doch gilt es zumindest als wahrscheinlich, dass Norwegen sich beim Mineralienabbau auf die Praxis und Erfahrungen in der Öl- und Gasförderung stützen wird. Es kursieren bereits Vorschläge, nach denen auch im Tiefseebergbau Abbaurechte ausgeschrieben, einfache (nicht-exklusive) Explorationslizenzen für einen Zeitraum von höchstens fünf Jahren und Produktionslizenzen für bis zu 20 Jahre - zunächst bis zu zehn Jahre für die Anfangsphase, nach der ein Produktionsplan vorliegen soll, mit Verlängerungsmöglichkeit danach - vergeben werden könnten.

Interessierte Bergbauunternehmen hoffen dabei unter anderem, dass die Anforderungen an sogenannte Pilot-Mining-Tests weniger umfangreich und damit weniger kostenintensiv sein werden als außerhalb der AWZ. Solche Tests sollen die Daten liefern, die dafür notwendig sind, die technische Machbarkeit sowie mögliche Umweltauswirkungen eines zukünftigen Tiefseebergbaus bewerten zu können. Außerhalb der AWZ ist die Internationale Meeresbodenbehörde für die Vergabe von Lizenzen zur Erforschung und zum Abbau von Rohstoffen am Meeresgrund zuständig. In diesen internationalen Gewässern summieren sich die Kosten für benötigte Geräte und Technologien im Rahmen von Pilot-Mining-Tests schnell auf 100 Mio. bis 150 Mio. Euro, verlautet es aus Branchenkreisen.

Deutsche und Norweger wollen im Meeresbergbau kooperieren

Im Jahr 2014 haben sich mehr als 20 Player aus Wissenschaft und Wirtschaft zur internationalen Deep Sea Mining Alliance (DSMA) mit Hauptsitz in Hamburg zusammengeschlossen. Die Zahl der Mitglieder, die neben Deutschland auch aus Norwegen, Frankreich und Belgien kommen, ist bis zur Jahresmitte 2017 auf knapp 30 angewachsen. Ziel der DSMA ist unter anderem die Abdeckung der gesamten Tiefseebergbau-Wertschöpfungskette aus einer Hand.

Ende Mai trafen deutsche und norwegische Regierungs- sowie Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft in Hövik bei Oslo zusammen, um Perspektiven für eine Zusammenarbeit beim Abbau von Tiefseemineralien zu entwickeln. Uwe Beckmeyer, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi), hob in seiner Eröffnungsrede die Bereitschaft des Ministeriums hervor, gemeinsame deutsch-norwegische Tiefseebergbauprojekte zu unterstützen. Die Konferenz wurde vom norwegischen Außenministerium in Kooperation mit verschiedenen Akteuren, darunter dem Deutschland-Büro von Innovation Norway, organisiert.

"Deutsche Firmen können von der Expertise Norwegens aus der jahrzehntelangen Förderung von Erdöl und Gas profitieren", sagt Manuel Kliese, Leiter von Innovation Norway Deutschland & Niederlande. Für einen Abbau der Vorkommen wären allerdings Investitionen in Milliardenhöhe notwendig. "Der Finanzierung solcher Projekte und Förderfragen, sollte Norwegen sich für einen Abbau entscheiden, käme daher eine besondere Bedeutung zu", sagt Norbert Pestka, der Geschäftsführer der Deutsch-Norwegischen Handelskammer (https://www.norwegen.ahk.de), die mit ihrem großen Netzwerk und langjähriger Markterfahrung deutsche Partner aus Wirtschaft und Forschung beim Markteinstieg unterstützen möchte.

Seltenerd-Lagerstätten in Norwegen (an Land) mit wirtschaftlichem Potenzial
Lagerstätte Geologisches Gebiet Typ der Seltenerd-Lagerstätte Größte Seltenerd-Mineralien Wirtsgestein Alter (Mrd. Jahre) Ressourcen (Mio. t) Seltenerdoxid (t) Seltenerdoxid (Gewichtsprozent)
Biggejavri Kautokeino-Grünsteingürtel hydrothermal-metasomatisch Davidit, Xenotim, Monazit Albitit 1,76 0,05 100 0,20
Fen Telemark-Komplex karbonatitisch Bastnäsit, Parisit, Monazit Sövit 0,58 486 *) 4,4 Mio. *) 0,90 *)
Gloserhei Bamble-Komplex pegmatitisch Allanit Pegmatit 1,06 4 800 *) 0,02 *)
Hogtuva Transskandinavischer Magmengürtel granitisch Zirkon, Allanit, Gadolinit granitischer Gneiss 1,80 0,35 525 0,15
Kodal Oslograben Seltenerdeisen Apatit Pyroxenit 0,29 70 120.000 0,17
Misvaerdalen Kaledoniden alkalisch-magmatitisch Apatit Pyroxenit 0,44 30 21.000 0,07
Saeterasen Oslograben alkalisch-magmatitisch Euxenit, Pyrochlor, Apatit Trachyt 0,29 8 41.600 0,52
Tysfjord Transskandinavischer Magmengürtel granitisch Zirkon, Allanit, Titanit granitischer Gneiss 1,80 >100 >130.000 0,13

*) unsicher

Quelle: Forschungsprojekt EURARE der Europäischen Union (EU)

(S.H.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Norwegen Bergbau / Rohstoffe, allgemein, Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland, Forschung und Entwicklung, Steine, Erden, Bergbau- und Energierecht

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