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09.11.2017

Wasserwirtschaft in Indien muss sich weiterentwickeln

Gewässer sind dramatisch verschmutzt / Umsätze mit Wassertechnik steigen / Von Thomas Hundt (Oktober 2017)

Neu Delhi (GTAI) - In Indien wird das Wasser knapp. Oberflächengewässer verschmutzen, Grundwasserspiegel sinken. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach dem kostbaren Gut. Der Investitionsbedarf ist enorm. Kommunen wollen die Trinkwasserversorgung sichern und die Verluste bei der Verteilung minimieren. Öffentliche Kläranlagen funktionieren nur rudimentär. Auch in der Abwasserbehandlung stehen Investitionen an. Große industrielle Verbraucher geben bereits viel Geld für Wassertechnik aus. (Kontaktadressen)

Rahmenbedingungen der Wasserwirtschaft

Wasserverschwendung und rudimentäre Abwasserbehandlung

Indiens expandierende Landwirtschaft, Industrie und moderne Haushalte benötigen immer größere Mengen Wasser. Gleichzeitig verschmutzen die verfügbaren Oberflächen- und Grundwasser zunehmend. Besonders im Nordosten (Bundesstaaten Rajasthan, Punjab, Haryana, Großraum Delhi) sowie im Südwesten (insbesondere Tamil Nadu) spitzt sich die Grundwassersituation zu. Wegen der steigenden Nachfrage wurden immer mehr Brunnen gebohrt, die Wasserspiegel sinken dramatisch und pro Kopf stehen immer weniger Ressourcen zur Verfügung.

Rahmendaten zum Wassersektor in Indien
Indikator Wert
Bevölkerung (2017, in Mio.) 1.326
Erneuerbare Wasserressourcen pro Kopf und Jahr (2009, in cbm) 1.582
Wasserverbrauch p.a. (2010 *), in Milliarden cbm) 647,5
nach Ressourcen
.Grundwasser (in %) 38,8
.Oberflächenwasser (in %) 61,2
Wasserverbrauch nach Sektoren (2010)
.Kommunen (in %) 7,4
.Industrie (in %) 2,2
.Landwirtschaft (in %) 90,4
Bevölkerung mit Zugang zu sicherem Wasser (2016 in %) 94,0
Anschlussgrad der Bevölkerung ans Abwassernetz (2016 in %) 38,1

*) aktuellere Daten zum Redaktionsschluss nicht verfügbar.

Quellen: Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO); Wateraid

Bauern und kleine Haushalte erhalten Wasser umsonst oder stark subventioniert. Kommerzielle Kunden bezahlen wiederum sehr hohe Tarife. An vielen Stellen kommt es zu illegalen Entnahmen. Experten weisen darauf hin, dass die immensen Verluste durch Lecks und Verschwendung unbedingt gestoppt werden müssen.

Öffentliche Stellen sichern vorrangig die Trinkwasserversorgung und suchen vor allem günstige Lösungen. Deutsche Anbieter haben mit ihren teuren Produkten nur bedingt Chancen. Sie hoffen eher auf Leuchtturmprojekte wie die Entwicklung von 100 Smart Cities (http://smartcities.gov.in) und die Transformation von 500 Städten in der Atal Mission for Rejuvenation and Urban Transformation (http://amrut.gov.in). Beide Infrastrukturprogramme sehen immense Investitionen in die Wasserwirtschaft vor.

Laut Umweltbehörde Central Pollution Control Board (CPCB) fielen 2015 täglich 62 Milliarden Liter Abwässer an. Die Kapazitäten der 522 operativen Kläranlagen (insgesamt 19 Milliarden Liter pro Tag) reichen nur für 30 Prozent der angefallenen Mengen. Die Anlagen verfügen meist nur über eine mechanische Reinigungsstufe. Selbst diese wird schlecht bedient und gewartet, berichten Fachleute. Der größte Teil der Abwässer wird also gar nicht oder kaum behandelt. Durch die jahrzehntelangen Einleitungen sind Gewässer und Böden vielerorts sehr stark belastet. Fluoride, Arsen, Nitrate, Eisen, Schwermetalle und Pestizide müssten herausgelöst und gefiltert werden.

Märkte entwickeln sich tendenziell positiv

Die Marktforscher von Frost & Sullivan schätzten den Markt für Wasserwirtschaft 2016 auf etwa 9,8 Milliarden US-Dollar (US$), davon rund 40 Prozent Investitionen und der Rest laufende Betriebsausgaben. Öffentliche und private Kunden machen jeweils die Hälfte der Nachfrage aus. Marktforscher erwarten Wachstumsraten von 10 bis 15 Prozent. Bisher überschätzten sie die Zuwächse in den volatilen Teilmärkten allerdings.

Der Markt für hochwertige Abwassertechnologien erhielt vor rund fünf Jahren einen Schub. Seitdem müssen Kläranlagenbetreiber eine Laufzeit von zehn Jahren garantieren, statt bisher zwei. Sie kaufen nun langlebigere Komponenten, vermehrt aus dem Ausland.

Moderne Betriebe der Öl-, Gas-, Petrochemie-, Pharma-, Zucker- und Papierindustrie investieren in eigene Wasserversorgungen und Kläranlagen. Sie benötigen dazu branchenspezifische Messgeräte, die oftmals auch aus Deutschland kommen. Finanzschwache kleine und mittlere Firmen behandeln ihre Abwässer kaum oder gar nicht.

Krankenhäuser, Hotels, Büros und Einkaufszentren müssen ab einer bestimmten Größe eigene Reinigungsanlagen installieren. Aus Platzmangel verwenden sie kompakte, relativ moderne Anlagen. Abgelegene Dörfer benötigen ebenfalls dezentrale und robuste Lösungen, die meist staatliche Entwicklungsgelder finanzieren.

Projekte

Internationale Geber pumpen Milliarden in den Wassersektor

Indien ist weltweit einer der größten Empfänger von internationalen Entwicklungsgeldern, die auch in den Wassersektor fließen. Die asiatische Entwicklungsbank ADB will von 2017 bis 2019 mehreren Bundesstaaten für Wasserprojekte rund 3,8 Milliarden US$ leihen. Auch die Weltbank pumpt Milliardenkredite in den Sektor. Allein das Water Sector Improvement Project im Bundesstaat Andhra Pradesh hat ein Volumen von knapp 1 Milliarde US$.

Der heilige, aber verdreckte Ganges sollte in den letzten Jahrzehnten schon mehrmals saniert werden, bislang ohne Erfolg. In seinem Einzugsgebiet leben 400 Millionen Menschen. Im Jahr 2016 wurde die National Mission for Clean Ganga aufgelegt, die unter anderem von der deutschen GIZ unterstützt wird. Für die Flusssanierung und neue Kläranlagen stehen etwa 2 Milliarden US$ bereit. Die Webseite http://nmcg.nic.in informiert über die 87 verschiedenen Ganges-Vorhaben.

Die Wasserknappheit ist so groß, dass sogar teure Entsalzungsanlagen entstehen. So hatte die Stadt Chennai bis September 2017 ihre dritte Anlage mit einer Kapazität von 150 Millionen Liter pro Tag ausgeschrieben. Außerdem errichtet Chennai derzeit zwei neue Kläranlagen.

Wettbewerbsstruktur

Starker Konkurrenzdruck bei noch geringen Ansprüchen an die Qualität

Indien ist ein sehr preissensibler Markt. Kunden fordern häufig nur eine Mindestqualität, die leicht und verlässlich funktionieren soll. Die große Zahl an lokalen und internationalen Anbietern mit Vertriebsniederlassungen sorgt zudem für intensiven Wettbewerb. Lokale Firmen produzieren Pumpen, Zentrifugen, Chemikalien, Filter etc.

Indien erhebt auf viele Endprodukte der Wassertechnik Einfuhrzölle. Mehrere ausländische Anbieter haben daher Werke errichtet, um mit lokalen Produkten den Markt zu bedienen. So berichten die bayerische Firma Huber und Aqseptence aus Aarbergen von gut laufenden Geschäften. Chancen für hochwertige Wassertechnik sehen auch die Konzerne Siemens und GE.

Potenziale bestehen auch für deutsche Bildungs- und Trainingsanbieter. Schulungen finanzieren meist internationale oder nationale Geber. Da es zu wenige Studiengänge und Ausbildungsangebote für Wassertechnik gibt, sind 13 neue Berufsbildungsinstitute geplant.

Zuständigkeiten im Wassersektor

Das Ministry of Water Resources kümmert sich um den Abwasser- und das Ministry of Drinking Water and Sanitation um den Trinkwasserbereich. Weitere zuständige Ministerien setzen einen kaum überschaubaren administrativen Rahmen. Die Umweltbehörde CPCB überwacht den Sektor und schlägt Maßnahmen vor.

Die Bundesstaaten sind laut Verfassung für den Wassersektor zuständig und verfügen über eigene State Pollution Control Boards, welche unterschiedliche Umweltgesetze verabschiedet haben. Fachleute bezeichnen die Vorschriften als relativ strikt. Die GIZ unterstützt einzelne Regionen beim Aufbau von Wasserkompetenzen. Moderne Großstädte arbeiteten bereits recht effektiv, heißt es. Tendenziell würden auch die übrigen Verwaltungen besser. Zu oft mangele es aber noch an der Umsetzung der Umweltstandards.

Das oberste Gericht ordnete im Februar 2017 an, dass die State Pollution Control Boards die Abwasserbehandlung in sämtlichen Industriebetrieben überprüfen müssen. Wenn diese nicht vorhanden ist oder nicht ordnungsgemäß funktioniert, müssen die Fabriken die Fehler innerhalb von drei Monaten beheben oder werden geschlossen.

Städte, Distrikte und Gemeinden betrauen kommunale Körperschaften mit der praktischen Wasserversorgung sowie -behandlung. Die Infrastrukturgesellschaft des Großraums Mumbai (Municipal Corporation of Greater Mumbai) betreibt das landesweit größte Wassernetz.

Ausschreibungen erfolgen größtenteils elektronisch. Kommunen und Unternehmen schalten meist Ingenieurbüros als Berater ein. Große Projekte gehen dann an nationale Infrastrukturkonzerne wie L&T, Ion Exchange, Thermax, VA Tech Wabag oder Wipro. Von den internationalen Betreiberfirmen sind die französische Veolia und Degremont mit eigenen Niederlassungen vertreten. Die Generalunternehmen bilden Bau- und Betreiberkonsortien und kaufen Dienstleistungen und Technik im In- und Ausland zu.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkung
Ministry of Water Resources http://www.wrmin.nic.in Zuständig für Abwasser
Ministry of Drinking Water and Sanitation http://mdws.gov.in Zuständig für Trinkwasser
Central Pollution Control Board http://cpcb.nic.in/water.php Nationale Umweltbehörde
India Water Review http://www.indiawaterreview.in Nachrichtenportal
Water Purification & Treatment Equipment Manufacturer Association http://waptema.org Herstellerverband
German Water Partnership Länderforum Indien http://www.germanwaterpartnership.de/laenderforen/indien/index.htm Deutsch-indische Plattform für Kontakte und Informationen
Asian Development Bank https://www.adb.org/projects/tenders Projektdatenbank
Weltbank http://projects.worldbank.org/search?lang=en&searchTerm=&countrycode_exact=IN Projektdatenbank
IFAT India, Mumbai http://www.ifat-india.com Fachmesse, 15. bis 17.10.18

Dieser Artikel ist relevant für:

Indien Wasserversorgung, -gewinnung, Bewässerung, Kläranlagenbau, Abwasserentsorgung

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