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22.03.2016

Wirtschaftsforum Bulgarien in Düsseldorf stößt auf reges Interesse

Bulgarischer Wirtschaftsminister will duale Berufsausbildung / Wirtschaftsvertreter mahnen Justizreform an / Von Christian Overhoff

Bonn (gtai) - Der bulgarische Wirtschaftsminister warb Mitte Februar in der IHK Düsseldorf um weitere deutsche Investitionen. Anlass war das gut besuchte Wirtschaftsforum Bulgarien. In Bulgarien tätige deutsche Firmen stellen dem Land in vielen Bereichen ein gutes Zeugnis aus. Der deutsch-bulgarische Handel erreichte 2015 einen neuen Rekord. Für 2016 ist der Gegenbesuch einer Wirtschaftsdelegation aus NRW geplant. (Internetadressen)

Auf dem Wirtschaftsforum Bulgarien in der IHK Düsseldorf unterstrich der bulgarische Wirtschaftsminister, Bozhidar Lukarski, die Stärken des Standorts wie die Flat Tax und die günstigen Lohnkosten. Bulgarien besteuert Einkommen, sowohl von natürlichen als auch von juristischen Personen, einheitlich mit 10%. Damit hat das junge Mitgliedsland das niedrigste Steuerniveau bei Einkommen innerhalb der EU.

Der durchschnittliche Bruttomonatslohn rangiert bei umgerechnet rund 479 Euro (Dezember 2015, Nationales Statistisches Institut) am unteren Ende. Lukarski verspricht sich künftig mehr deutsche Investoren - auch aufgrund der Krise in der Ukraine. Der Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Bulgarischen Industrie- und Handelskammer (DBIHK), Mitko Vassilev, wies auf weitere Standortvorteile Bulgariens wie einen festen Wechselkurs sowie die Mitgliedschaft in der EU hin.

Nach Aussage von Lukarski unterstützt das bulgarische Wirtschaftsministerium kleine und mittelständische Unternehmen (KMU). Das Ministerium bemühe sich, für Firmen zusätzliche Finanzierungsquellen anzubieten und Bürokratie abzubauen. Ziel sei etwa die Eintragung in das Handelsregister innerhalb von zwei Tagen. Die EU-Fördermittel müssten konsequenter auf KMUs gerichtet werden, so Lukarski. Wichtig sei auch die Einführung der dualen Berufsausbildung in Bulgarien. Der Wirtschaftsminister gab an, die Anstrengungen in dieser Richtung fortzusetzen.

AHK fördert duale Berufsausbildung in Bulgarien

Der Wunsch nach Einführung der dualen Berufsausbildung in Bulgarien entspringt dem allgemeinen Fachkräftemangel. Hauptgrund ist das Bildungssystem, das nicht in ausreichendem Maße passende Absolventen hervorbringt. Berufsschulen nach deutschem Muster gibt es nicht. Auswanderung und schrumpfende Bevölkerung tragen zusätzlich zum Fachkräftemangel bei. Insbesondere deutsche Unternehmen versuchen, das Fachkräfteproblem mit eigener innerbetrieblicher Ausbildung zu lösen.

Auch die Deutsch-Bulgarische Industrie- und Handelskammer fördert Elemente eines dualen Berufsausbildungssystem (Internet: http://bulgarien.ahk.de/qualifizierung/ahk-ausbildungscluster/). Bereits am 1.1.15 hat die DBIHK das Cluster duale Berufsausbildung ins Leben gerufen. Eine Aufgabe des Clusters ist, ausbildungswillige Firmen zur dualen Berufsausbildung zu beraten und erste Pilotausbildungsgänge auf den Weg zu bringen.

Kammergeschäftsführer Vassilev sprach aber auch Probleme in Bulgarien, wie die stockende Reformierung des Rechtssystems, an. In einem offenem Brief an den bulgarischen Premierminister Bojko Borissow haben Ende Januar 2016 zehn internationale und nationale Wirtschaftsverbände die Implementierung der lange erwarteten Justizreform gefordert. Unterzeichnet haben neben der DBIHK die Außenhandelskammern der USA, Frankreichs, Italiens sowie die British-Bulgarian Business Association und der nationale Industrieverband Confindustria Bulgaria.

Auch die EU mahnt in ihrem jüngsten Fortschrittsbericht von Ende Januar 2016 (http://ec.europa.eu/cvm/docs/com_2016_40_de.pdf) den Start der Justizreform in Bulgarien an. Die EU-Kommission sieht die Herausforderung für 2016 darin, die nationalen Strategien für die Justizreform und die Bekämpfung der Korruption in konkrete und greifbare Fortschritte umzumünzen. Zur Reform des Justizwesens wurde bisher erst eine Änderung der bulgarischen Verfassung angenommen.

Deutsch-bulgarischer Handel erreicht 2015 neuen Rekord

Rückenwind erhält der Standort hingegen von einer zunehmenden Dynamik der Wirtschaftsleistung und des Außenhandels mit Deutschland. Bulgariens Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte 2015 nach vorläufigen Angaben des bulgarischen Statistikinstitutes um beachtliche 3% zu. Für die kommenden zwei Jahre erwarten Experten, wie zum Beispiel das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche, ähnliche BIP-Zuwächse (2016: 2,6%; 2017: 3,0%).

Rekordwerte verzeichnete 2015 der Handel mit Deutschland, der im Zeitraum Januar bis November bereits ein Volumen von 5,87 Mrd. Euro erreichte. Gemessen am deutsch-bulgarischen Handelsvolumen rangiert NRW seit Jahren auf Platz eins unter den Bundesländern. Der Handelsumsatz zwischen dem wirtschaftsstarken Bundesland und Bulgarien beträgt 22% des gesamten deutsch-bulgarischen Handelsvolumens.

Deutscher Unternehmer schildert Erfahrungen bei Unternehmensgründung

Vor Ort aktive Firmen stellen Bulgarien in der Regel ein gutes Zeugnis aus. "Die Gründung der GmbH gestaltete sich sehr einfach", betonte der Geschäftsführer der Behr-Hella Thermocontrol (BHTC), Andreas Teuner, vor den Zuhörern in Düsseldorf. Das Zweigwerk BHTC Bulgaria in der Industriezone Sofia-Bozhuriste wurde 2013 gegründet und produziert Klimatisierungsgeräte und andere elektronische Kfz-Zubehörteile. Der direkte Zugang zum Wirtschaftsministerium und zur Verwaltung "hat hervorragend funktioniert". Ebenso wie die Beschaffung des Baugrundstückes, sagte Teuner. BHTC hat insgesamt umgerechnet 25,6 Mio. Euro in Bozhuriste investiert.

"Etwas schwieriger" habe sich nur die Suche nach dem richtigen Baupartner gestaltet. So sei in Bulgarien kein Generalauftragnehmer zu finden, der den Bau schlüsselfertig hinsetzt, bedauerte der Geschäftsführer. Zudem seien bulgarische Bauunternehmen nicht mit dieser Größenordnung vertraut. Der Investor müsse sich für die einzelnen Bauabschnitte die Partner zusammenstellen. Sehr hoch liegen die regulativen Anforderungen. Seine Mitarbeiter lobte Teuner für deren gute Deutsch- oder Englischkenntnisse.

Lob erhielt auch die Universität Sofia. Sie brächte "sehr gute" Absolventen für Soft- und Hardware sowie mechanische Konstruktion hervor, betonte Teuner. Schränkte jedoch ein: "Der Wettbewerb (um Talente) wird auch in Sofia immer härter." Im Bereich Automotive hingegen gäbe es relativ wenig Mitbewerber und "daher einen guten Zugang zu Mitarbeitern." Probleme bereite eher, Personal für die Führungsebene zu finden. Begrenzt scheint auch der Markt für die Zulieferkette zu sein. BHTC Bulgaria sucht zum Beispiel noch passende lokale Lieferanten von Kunststoffspritzgussteilen. Insgesamt zog Teuner eine durchaus positive Bilanz, so sei die Produktivität des Betriebes nach einem Jahr größer als erwartet.

NRW-Wirtschaftsdelegation reist 2016 nach Bulgarien

Das Wirtschaftsforum Bulgarien Mitte Februar in der IHK Düsseldorf war gut besucht - rund 90 Gäste nahmen laut Veranstalter teil. Das Forum hatten die Niederrheinische IHK Duisburg-Wesel-Kleve und die IHK Düsseldorf in Kooperation organisiert. Zu den Rednern gehörten neben dem bulgarischen Wirtschaftsminister unter anderen Garrelt Duin, Minister für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk NRW, Ivan Totev, Bürgermeister der Stadt Plowdiw, Stefan Staykov, Geschäftsführer der Nationalen Gesellschaft Industriezonen, Mitko Vassilev, Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Bulgarischen Industrie- und Handelskammer (DBIHK).

NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin kündigte an, dass Dr. Günter Horzetzky, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium NRW, 2016 Bulgarien mit einer Wirtschaftsdelegation besuchen wird. Zudem werde NRW mit dem Auswärtigen Amt in Kontakt treten und den Wunsch Bulgariens nach einer Art "Wirtschaftskonsulat" in Düsseldorf weiterleiten.

Internetadressen

Deutsch-Bulgarische Industrie- und Handelskammer (DBIHK)

Internet: http://bulgarien.ahk.de

Die Vortragsunterlagen zum "Wirtschaftsforum Bulgarien" sind bei der Niederrheinischen IHK erhältlich.

Internet: http://www.ihk-niederrhein.de

(C.O.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Bulgarien Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland, Geschäftspraxis allgemein, Wirtschaftspolitik, allgemein

Kontakt

Christian Overhoff

‎+49 (0)228 24 993-321

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

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