Freihandelsabkommen

21.06.2018

Brasilien aktuell (5/18): Lkw-Fahrer-Streik bremst die Erholung der brasilianischen Wirtschaft

Regierung macht Zugeständnisse und schwächelt zunehmend / Von Gloria Rose (Juni 2018)

São Paulo (GTAI) - Der Monat Mai kühlte das Geschäftsklima in Brasilien deutlich ab. Neben der Ungewissheit in der Politik und im Außenhandel muss die Wirtschaft nun auch noch die Folgen des Streiks verkraften. Darüber hinaus verliert die Regierung immer mehr Einfluss und Glaubwürdigkeit, was die politische Krise weiter zuspitzt.

Mit landesweiten Straßenblockaden und einem zehntägigen Streik fügten Brasiliens Lkw-Fahrer der Wirtschaft einen erheblichen Schaden zu. Anlass waren die stark steigenden Kraftstoffpreise. Allein in der Woche vor dem Streik hatte Petrobras den Diesel- und Benzinpreis über tägliche Anpassungen um insgesamt 6 Prozent respektive 7 Prozent erhöht. Seit der Aufnahme der neuen Preispolitik im Juli 2017 gibt der halbstaatliche Erdölkonzern die internationalen Kraftstoffpreise und den Wechselkurs direkt an den inländischen Markt weiter.

Der Streik legte den Gütertransport, mitunter sogar den Verkehr, komplett lahm und führte innerhalb weniger Tage zu Versorgungsengpässen für die Bevölkerung, die Industrie und die Agrarwirtschaft mit nachhaltigen Folgen. Nach Einschätzung von Beratungsunternehmen dürfte der Streik das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) 2018 um 0,30 bis 0,45 Prozentpunkte mindern. Durch die Debatte um die Preispolitik und den Wechsel in der Konzernführung brach zudem der Börsenwert von Petrobras stark ein. Die wirtschaftliche Erholung verlief zudem schlechter als erwartet und verlor immer mehr an Schwung. In der Woche vor dem Streik entschied sich die Zentralbank aufgrund der starken Abwertung der brasilianischen Währung gegen eine erneute Zinssenkung und sorgte für eine Enttäuschung am Finanzmarkt. Ersten Umfragen zufolge ist der Vertrauensverlust bei den Unternehmen groß.

Prognosen (Veränderung in %)
2018 2019
BIP 2,2 3,0
Inflation 3,6 4,1
Import (auf US$-Basis) 11,9 10,0
Export (auf US$-Basis) 5,4 3,5
Industrieproduktion 3,8 3,7
Konsum 3,0 3,0
Investitionen 6,0 6,0
Wechselkurs (R$/US$, zum Jahresende) 3,5 3,5

Quellen: Banco Central do Brasil, Bradesco

Regierung gibt stark nach und belastet den Haushalt

Der Schaden für die Politik ist nicht quantifizierbar. Doch die Schwäche der Regierung ist zunehmend besorgniserregend. Präsident Michel Temer ließ sich zu großen Zugeständnissen verleiten. Die angekündigte Dieselpreissubventionierung soll den Staat 13,5 Milliarden brasilianische Reais (R$, etwa 3,15 Milliarden Euro; durchschnittlicher Wechselkurs Mai 2018: 1 Euro = 4,2912 R$) kosten und mitunter über Einsparungen in der Wirtschaftsförderung finanziert werden. Ohne Rückhalt in der Bevölkerung und politische Macht geht es der Regierung nur noch ums Überleben bis zum Ende der Legislaturperiode. Die Glaubwürdigkeit der Regierung sinkt und höhlt das Vertrauen in das politische System immer weiter aus. Damit steigt die Gefahr einer Radikalisierung.

Branchenmeldungen
Kfz In den ersten 4 Monaten 2018 stieg die Produktion um 20,7%, Export: +7,5%, Streik der Lkw-Fahrer minderte die Produktion um mehr als 50.000 Fahrzeuge.
Maschinenbau In den ersten 4 Monaten 2018 erwirtschaftete der Sektor 5,4% mehr als 2017, Inlandsnachfrage um 3,6% höher, Import: +15,5%, Export: +28,7%.
Chemie Produktion von Industriechemikalien sank in den ersten 4 Monaten um 6,6%: Einbußen durch Streik: 9,5 Mrd. R$; Rücknahme der Industrieförderung (REIQ und Reintegra) dürfte Kosten um 2,5 Mrd. R$ pro Jahr erhöhen.
Bau Bauwirtschaft nahm erneut ab: -0,6% gegenüber Vorquartal, -2,2% gegenüber 1. Quartal 2017. Verband CBIC beziffert Verlust durch Streik auf 3,8 Mrd. R$.
Pharma Nach gutem ersten Quartal Umsatzplus von 17% im April; Streik verursachte Verluste von 1,6 Mrd. R$.
Elektronik Produktion fiel im 1. Quartal 2018 um 11,1% höher aus als im Vorjahreszeitraum (Elektronik: +26,1%, Elektrik: -1,4%), Kapazitätsauslastung sank im April auf 74%.
Agrobusiness Agrarsektor wuchs im 1. Quartal 2018 gegenüber dem Vorquartal um 1,4%, Einbußen durch den Streik summieren sich auf über 13 Mrd. R$.
Energie MP 814 läuft ohne Gesetzesbeschluss aus; neue Kreditlinie für Solarstrom (3,2 Mrd. R$); italienische ENEL wird durch die Übernahme von Eletropaulo zum Marktführer in der Stromverteilung Brasiliens und will bis 2021 circa 3,5 Mrd. R$ in die Digitalisierung des Netzes investieren.
Öl und Gas Börseneinbruch von Petrobras gefährdet die Investitionen in den Upstream-Bereich nicht, die Versteigerungsrunde von Explorationslizenzen im Pré-Sal am 7. Juni verlief sehr erfolgreich; Downstream-Bereich verlor durch den Streik etwa 11,5 Mrd. R$.
Mobilität/Logistik Konsortium des Flughafens Viracopos stellt Antrag auf gerichtliche Sanierung; Streik beeinträchtigte E-Commerce und verursachte hohe Einbußen, auch im Luft- und Seeverkehr.
Bergbau Streik drückte Börsenwert der Metallurgiekonzerne CSN, Gerdau und Usiminas; Nexa erhielt vorläufige Lizenz für Projekt Aripuanã, Investition: 1 Mrd. R$.

Durchschnittlicher Wechselkurs Mai 2018: 1 Euro = 4,2912 R$

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Brasilien Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Wirtschaftspolitik, allgemein, Konjunktur, allgemein

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