Freihandelsabkommen

04.07.2018

Kanada und USA eskalieren Handelsstreit

Scheitert NAFTA, sind auch deutsche Investitionen betroffen / Von Daniel Lenkeit

Toronto (GTAI) - Die aktuelle Unsicherheit über die Gestalt des nordamerikanischen Binnenhandels schwächen den kanadischen Investitionsstandort. Zuletzt verhangene US-Strafzölle auf Stahl und Aluminium sollen Zugeständnisse Kanadas bei den Verhandlungen um eine Neuauflage NAFTAs erwirken. Die US-Regierung kämpft mit harten Bandagen für ein Freihandelsabkommen amerikanischer Prägung und ist dabei willens, den langjährigen Partner Kanada zu verprellen. Die Kanadier sitzen am kürzeren Hebel.

Der neue amerikanische Protektionismus schadet Kanada im Handel mit seinem Hauptabnehmer und -lieferland USA. Zudem wirkt der aktuelle Handelskonflikt zwischen Kanada und den USA negativ auf das Investitionsklima in der kanadischen Industrie. Auch deutsche Unternehmen, vor allem jene die aus Kanada heraus den US-Markt bedienen beziehungsweise Teil der nordamerikanischen Wertschöpfungsketten sind, geraten in die Schusslinie.

Deutsche Firmen mit Interesse am kanadischen Markt sowie jene die bereits in Kanada investiert haben, sollten die Entwicklungen in der Handelspolitik im Auge behalten. Scheitert das Freihandelsabkommen NAFTA gehören viele der deutschen Unternehmen mit Investitionen in Kanada zur Gruppe der Benachteiligten.

Deutsche Investitionen im kanadischen verarbeitenden Gewerbe liegen hauptsächlich in der Kfz- und Kfz-Teile Produktion, der Chemieindustrie und im Maschinenbau. Durch eine starke Abhängigkeit dieser Industrien vom US-Markt - 60 bis 90 Prozent ihrer Umsätze werden in den USA generiert - sind Veränderungen bei den Handelsbedingungen sofort spürbar. Bereits ein Rückfall auf durchschnittliche U.S. WTO-Zollsätze, wie es ein Ende von NAFTA zur Folge hätte, würde die Rahmenbedingungen für einige Branchen verschlechtern. Gerade Industrien mit Profitmargen im einstelligen Bereich, wie Kfz und Maschinenbau, merken auch scheinbar geringe Zollerhöhungen sofort.

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Fallende Investitionen sind Kanadas größte Sorge

NAFTA ist das größte Freihandelsabkommen der Welt. Der nordamerikanische Markt zwischen Mexiko, Kanada und den USA umfasst 480 Millionen Menschen bei einer kumulierten Wirtschaftsleistung von etwa 17 Billionen Euro. Scheitert NAFTA, dann werden kanadische Exporte in die USA nicht nur teurer, sondern durch längere Zollprozesse an den Grenzen risikoreicher. Ferner bewirkt ein Ende NAFTAs voraussichtlich einen Rückgang an Investitionen in jenen kanadischen Industrien, deren Umsatz stark auf den (US-)Export ausgerichtet ist. Das betrifft unter anderem den Automobilsektor, die Metall- und Maschinenbauindustrien und die chemische Industrie. Unternehmen die hauptsächlich in den USA verkaufen, werden zudem überlegen, ihre Produktion aus Kanada in den Hauptabsatzmarkt zu verlagern. Sie hätten aktuell zwei gewichtige Anreize: keine Zölle und niedrigere Unternehmenssteuern in den USA.

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Trübt sich das Investitionsklima ohne die Planungssicherheit von NAFTA ein, dürfte auch die Nachfrage nach deutschen Investitionsgütern in der kanadischen Industrie sinken. Das ohnehin geringe deutsche Exportvolumen (etwa 10 Milliarden Euro) nach Kanada droht noch schmaler zu werden. Über 60 Prozent der deutschen Exporte in das Land sind Maschinen und Transportausrüstungen.

NAFTA Verhandlungen werden im Sommer fortgesetzt

Die US-Regierung droht mit dem Austritt aus NAFTA und verhandelt gleichzeitig an einer Fortsetzung des Abkommens mit US-amerikanischer Prägung. Kürzlich erklärten sowohl die kanadische Außenministerin Chrystia Freeland als auch der Handelsbeauftragte der USA, Robert Lightizer, die Wiederaufnahme der intensiven NAFTA-Verhandlungen in diesem Sommer. Die USA fordern starke Anpassungen im Vertrag, wie die Verwässerung oder Abschaffung des komplizierten Streitschlichtungsmechanismus, die Einführung einer befristeten NAFTA-Laufzeit auf fünf Jahre mit Option auf Verlängerung (Sunset Clause), sowie Mindestanteile an amerikanischer Wertschöpfung in der Automobilproduktion der NAFTA Partner. So sollen Autohersteller im NAFTA-Raum mindestens 70 Prozent ihres verwendeten Stahls und Aluminiums aus Nordamerika beziehen. Des Weiteren fordern die USA, dass 40 Prozent der Kfz-Teile für die Autoproduktion aus Fabriken stammen, die ihren Arbeitern mindestens 16 US-Dollar Stundenlohn zahlen.

Die Verhandlungen im Sommer werden unter anderem darauf fokussieren, einen Kompromiss bei den verlangten Quoten zu erreichen. An einer grundsätzlichen Neuregelung der Wertschöpfungsanteile in der Autoproduktion werden Kanada und Mexiko nicht vorbeikommen.

USA verhandeln clever und mit harten Bandagen

Die US-Regierung hat sich in eine gute Verhandlungsposition manövriert und wird wohl in den Punkten gewinnen, die ihr wirklich wichtig sind. Dazu gehören beispielsweise die Wertschöpfungsanteile in der Kfz-Produktion, der Zugang zu öffentlichen Aufträgen in Kanada oder zum stark regulierten kanadische Markt für Milchwirtschaft. Nehmen wir in dem Zusammenhang die "Sunset Clause" und die Abschaffung des Streitschlichtungsmechanismus als Beispiel cleverer Verhandlungsführung.

Beides sind hervorragend gewählte Trümpfe der US-Regierung. Genauer betrachtet ist es nicht nachvollziehbar, warum diese Punkte für die USA hohe Priorität haben sollten. Es ist sogar wahrscheinlich, dass die Forderung der Sunset Clause eine Nebelkerze ist. Die USA wollen diese Klausel nicht. Sie wollen ein in ihren Interessen verhandeltes Abkommen, das ihnen über Jahrzehnte Vorteile verschafft. Die Sunset Clause ins Spiel zu bringen und hoch aufzuhängen, in dem Wissen, dass Kanada sie nicht akzeptieren kann, gibt der US-Regierung idealen Verhandlungsspielraum, diese Forderung fallen zu lassen und dafür Zugeständnisse in den wirklich wichtigen Punkten zu verlangen.

Mit NAFTA locken - mit Strafzöllen den Druck auf Kanada erhöhen

Vor 2019 wird wohl kein überarbeitetes nordamerikanisches Freihandelskommen in Kraft treten. Den größeren Druck für Zugeständnisse hat in diesen Verhandlungen eindeutig Kanada. Die am 1. Juni 2018 verhangenen Zölle auf Stahl (25 Prozent) und Aluminium (10 Prozent) treffen kanadische Metallexporteure hart. Das zuletzt wieder anziehende Ausfuhrgeschäft (+24 Prozent in 2017) der hauptsächlich in Ontario angesiedelten Stahlindustrie erreicht einen Wert von etwa sechs Milliarden US-Dollar pro Jahr. Damit stellt Kanada circa ein Sechstel aller amerikanischen Stahlimporte. Bei Aluminium bedienen die Kanadier sogar mehr als die Hälfte der amerikanischen Nachfrage. Unterm Strich erhöhen die Zölle nun kurzfristig die Preise für Stahl in den USA und reduzieren die kanadische Stahlproduktion.

Kanada übt seinerseits Vergeltung und verhängt auf einer Dollar-für-Dollar Basis seit dem 1. Juli Zölle auf US-amerikanischen Waren. Die Liste der betroffenen Produkte reicht von Eisen und Stahl bis zu Joghurt und Spielkarten. Sie ist hier einzusehen:

http://www.fin.gc.ca/access/tt-it/cacsap-cmpcaa-1-eng.asp

Da die ersten Strafzölle nicht gleich das gewünschte Einlenken Kanadas herbeiführten, erhöht die US-Regierung aktuell den Einsatz in ihrem Verhandlungspoker um NAFTA und stellt weitere Strafzölle in Aussicht - nun für kanadische Automobilexporte. Dies wäre eine drastische Eskalation des Handelskonfliktes. Die Autoindustrie erwirtschaftet fast ein Fünftel des Umsatzes im kanadischen verarbeitenden Gewerbe und beschäftigt mehr als 130.000 Menschen in Kanada. Ein kolportierter Zoll von 25 Prozent würde den Markt ordentlich aufrütteln, Preise in die Höhe treiben und Wertschöpfungsketten vieler kanadischer (und amerikanischer) Unternehmen treffen.

Ein eskalierender Handelskrieg ist für Kanada kaum zu gewinnen. Das Land hängt zu stark am US-Absatzmarkt (76 Prozent der Exporte). Hingegen sind die USA Jahr für Jahr weniger "angewiesen" auf kanadische Güter. Im vergangenen Jahrzehnt verlor Kanada stetig Marktanteile an den US-Importen während Länder mit niedrigeren Produktionskosten wie Mexiko und China an "Markteinfluss" in den USA gewannen. Das spielt den USA bei den NAFTA Verhandlungen mit Kanada in die Karten.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Kanada sind unter http://www.gtai.de/kanada abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Kanada Handels-, Zollabkommen, WTO, Freihandels-/Zollabkommen, WTO, allgemein, Wirtschaftsbeziehungen zu anderen Ländern, Regionen

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Robert Matschoß

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