Freihandelsabkommen

13.03.2015

Potenziale für US-Energielieferungen nach Europa bleiben vorerst begrenzt

Aufhebung von Exportbeschränkungen in den USA umstritten/ TTIP könnte europäische Energiesicherheit verbessern/ Von Martin Wiekert

Washington D.C. (gtai) - Die Hoffnungen europäischer Länder, über Importe von US-Erdgas unabhängig von Energielieferungen aus Russland zu werden, erfüllen sich so bald nicht. Selbst bei einer Beseitigung der Handelsschranken würde es noch Jahre dauern, bis solche Geschäfte in größerem Umfang realisierbar wären. Auch der Bezug von US-amerikanischem Rohöl ist derzeit noch Zukunftsmusik. Die Aufhebung des dafür bestehenden De-facto-Exportverbots ist in den USA stark umstritten. (Internetadressen)

Die Entwicklungen in der Ukraine und andere geopolitische Krisen haben in der EU das Bestreben verstärkt, in der Energieversorgung unabhängiger von einzelnen Bezugsländern zu werden. Ein möglicher Partner für die Diversifizierung der Lieferbeziehungen könnten die Vereinigten Staaten sein. Dank Fracking und neuartiger Bohrtechniken sind die USA mittlerweile zum weltgrößten Produzenten von Erdgas aufgestiegen. Auch in der Rohölförderung haben die neuen Verfahren dort für einen kräftigen Aufschwung gesorgt. Allein in den letzten sechs Jahren hat sie um über 70% zugenommen. Zwar dürfte sich die US-Energieproduktion wegen des jüngsten Ölpreisverfalls vorübergehend etwas abschwächen. Danach rechnen jedoch die meisten Experten damit, dass sich der Öl- und Gasboom noch mindestens bis in die 2020er Jahre fortsetzen wird.

Studie sieht nur geringe Auswirkungen von TTIP auf den Energiehandel

Bislang wurden aus den USA vor allem Kohle und raffinierte Mineralölprodukte auf den alten Kontinent geliefert. Der Belieferung der EU mit Rohöl oder verflüssigtem Erdgas (Liquefied Natural Gas - LNG) stehen auf Seiten der Amerikaner gewichtige Handelshemmnisse entgegen. Bei Rohöl ist es das seit den 1970er Jahren bestehende De-Facto-Ausfuhrverbot für Exporte in die EU. LNG-Lieferungen auf den alten Kontinent sind zwar prinzipiell möglich, müssen aber zuvor in einem langwierigen Verfahren genehmigt werden.

Durch die geplanten Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP) erhoffen sich EU-Politiker und -Wirtschaftsvertreter künftig einen verbesserten Zugang zu US-amerikanischen Energieressourcen. Nach einer neuen Studie von Triple E Consulting wären durch TTIP jedoch zunächst nur geringe Auswirkungen auf den Handel mit Energierohstoffen zu erwarten. Lediglich bei LNG sehen die Verfasser des vom Europaparlament beauftragten Reports geringfügig steigende US-Lieferungen. Diese resultierten aus dem durch TTIP veränderten Status der EU. Bei LNG-Abnehmern, mit denen die USA ein Freihandelsabkommen abgeschlossen haben, ist das Exportgenehmigungsverfahren stark vereinfacht. Die aufwändige Prüfung, ob die Ausfuhren auch im nationalen Interesse sind, wird dann obsolet.

Exportterminals müssen erst noch gebaut werden

Bis es überhaupt zu nennenswerten Verkäufen an die EU-Länder kommen könnte, würde es noch eine Weile dauern. Bislang fehlen in den USA noch die notwendigen Infrastrukturen für den LNG-Export. Ob die im Laufe der nächsten Jahre entstehenden US-Exportterminals auch für Verschiffungen nach Europa bereit sein werden, ist ungewiss. So befindet sich die EU in Konkurrenz zu asiatischen Abnehmern, die für viele der neuen Exportkapazitäten bereits langfristige Lieferverträge abgeschlossen haben. Hinzu kommt, dass etwa Interessenten im japanischen Markt derzeit deutlich höhere Erdgaspreise zu zahlen bereit sind.

LNG-Terminals mit Genehmigung des US-Energieministeriums für den Export in Länder ohne Freihandelsabkommen, Stand 25.2.15 (Exportvolumen in Mrd. Kubikfuss/Tag)
Projekt Max. Exportvolumen 1) Erwarteter Baubeginn Erwartete Inbetriebnahme Investor/ Kommentar
Sabine Pass LNG-Terminal, Cameron Parish, LA 2,2 in Bau 2016 Cheniere Energy; Projektkosten circa 10 Mrd. US$; geplanter Exportbeginn ab 2015
Dominion Cove Point LNG, MD 0,77 in Bau 2017 Dominion; Projektkosten circa 3,8 Mrd. US$
Cameron LNG, Hackberry , LA 1,7 in Bau 2018 Sempra Energy, GDF Suez, Mitsui, Mitsubishi; Projektkosten circa 6 Mrd. bis 7 Mrd. US$
Freeport LNG-Terminal, Quintana Island, TX 1,8 in Bau 2018-19 Freeport LNG, Dow Chemical, Osaka Gas; Projektkosten circa 10 Mrd. US$
Carib Energy, Martin County, FL 0,04 in Betrieb Crowley Maritime Corp.
Lake Charles LNG-Terminal, LA 2) 2,0 2015 2019 BG Group und Southern Union; Projektkosten circa 9 Mrd. US$;
Jordan Cove LNG, Coos Bay, OR 2) 0,8 2015 2019 Veresen Inc.; Projektkosten circa 6 Mrd. US$
Oregon LNG Terminal, Warrenton, OR 2) 1,25 2015 2019 Leucadia National Corporation; Projektkosten circa 6 Mrd. US$

1) Ohne genehmigte Exporte in Länder mit Freihandelsabkommen; 2) Genehmigung des Energieministeriums vorbehaltlich einer weiteren Zustimmung durch die Federal Energy Regulatory Commission (FERC)

Quellen: U.S. Department of Energy (DOE), Presseberichte

LNG-Lieferungen gehen zunächst nach Asien

Dass die USA langfristig einen wesentlichen Teil der europäischen Erdgasversorgung übernehmen werden, ist aus heutiger Sicht unwahrscheinlich. Trotz der rasant gestiegenen Schiefergasförderung können die Amerikaner ihren Eigenverbrauch derzeit erst zu etwa 98% decken. Es wären also noch weitere, kräftige Produktionszuwächse erforderlich, um auch andere wichtige Wirtschaftsregionen in größerem Umfang zu versorgen. Zudem gibt es in den USA auch einigen Widerstand gegen eine zu starke Ausweitung der Erdgasausfuhren. Eine mächtige Koalition aus energieintensiven Industriebranchen, Verbraucherschützern und Umweltverbänden setzt sich vehement für die Beibehaltung bestehender Exportkontrollen ein.

Positive Effekte durch TTIP entstünden laut Triple E durch die Möglichkeit amerikanischer LNG-Lieferungen. Vor allem für die östlichen EU-Mitgliedstaaten, deren Erdgasbedarf noch zu einem hohen Anteil aus Russland gedeckt wird, könnte sich dadurch die Energiesicherheit verbessern. Um diese Versorgungsoption tatsächlich nutzen zu können, müssten in den betreffenden Ländern noch geeignete Importinfrastrukturen aufgebaut werden.

Rohölexport vom Transatlantikhandel ausgeschlossen

Bei Erdöl wäre eine Ausweitung des transatlantischen Handels gegenwärtig nur bei verarbeiteten Erzeugnissen denkbar. TTIP könnte hier noch bestehende Handelshemmnisse beseitigen und zu einem Anstieg der US-Lieferungen von etwa Benzin oder Diesel beitragen. Für Geschäfte mit amerikanischem Rohöl müsste in den USA zunächst der Rechtsrahmen verändert werden. Gemäß dem dort bestehenden De-Facto-Ausfuhrverbot darf Rohöl bislang nur in eng begrenzten Ausnahmefällen exportiert werden.

Grundsätzlich ist in den USA der Rohölexport mindestens genauso umstritten wie die Ausfuhr von LNG. Bei Erdölerzeugnissen liegt der Anteil der US-Eigenproduktion am Inlandsverbrauch bei lediglich etwa 70%. Bei einer Aufhebung des faktischen Exportverbots müssten die beteiligten Politiker befürchten, bei späteren Benzinpreisanstiegen vom Wähler abgestraft zu werden. Eine generelle Freigabe der Lieferungen nach Europa wäre daher für sie ein politisch heikles Unterfangen.

Auch die Obama-Regierung hat in der Frage des Rohölexports bislang sehr vorsichtig agiert. Wegen der unterschiedlichen Definitionsmöglichkeiten von Rohöl verfügt sie bei der Auslegung der Exportbeschränkungen noch über einige Interpretationsspielräume. Im Sommer 2014 nutzte sie diese, um entgegen der bis dahin üblichen Praxis die Ausfuhr von nur leicht bearbeiteten Kondensaten zu ermöglichen (http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Recht-Zoll/zoll,did=1050126.html). Der Beweggrund dürfte dabei weniger die Lockerung des bestehenden Ausfuhrverbots gewesen sein. Eher ging es nach der Ansicht von Kommentatoren darum, wegen der sich in den USA abzeichnenden Raffinerieengpässe Druck vom Markt zu nehmen.

US-Produktion und Verbrauch von Rohöl und Erdgas
Jahre Rohölproduktion (Mio. Barrel pro Tag) 1) Verbrauch an Flüssigbrennstoffen (Mio. Barrel pro Tag) Erdgasproduktion (Mrd. Kubikfuß pro Tag) 2) Erdgasverbrauch (Mrd. Kubikfuß pro Tag) 2)
2005 5,18 20,80 49,45 60,31
...
2008 5,00 19,50 55,08 63,60
2009 5,35 18,77 56,50 62,77
2010 5,48 19,18 58,40 65,99
2011 5,65 18,88 62,74 67,06
2012 6,50 18,49 65,66 69,78
2013 7,45 18,96 66,67 71,59
2014 8,63 19,02 70,17 73,30
Veränderung 2014/2005 +66% -9% +42% +22%
2015 3) 9,30 19,31 72,80 74,34
2016 3) 9,52 19,41 74,38 75,25

1) einschließlich Kondensat; 2) Trockengas; 3) Prognose laut Short-Term Energy Outlook vom Februar 2015

Quelle: U.S. Energy Information Administration

Internetadressen:

Studie "TTIP Impacts on European Energy Markets and Manufacturing Industries" von Triple E Consulting, Januar 2015

Internet: http://www.europarl.europa.eu/RegData/etudes/STUD/2015/536316/IPOL_STU%282015%29536316_EN.pdf

U.S. Department of Energy (DOE)

Internet: http://www.energy.gov

U.S. Energy Information Administration (EIA)

Internet: http://www.eia.gov

Deutsch-Amerikanische Handelskammern (AHK USA):

Internet: http://www.ahk-usa.de

(Anlaufstellen für deutsche Unternehmen in den USA)

Der Delegierte der Deutschen Wirtschaft/Representative of German Industry and Trade - RGIT

Internet: http://www.rgit-usa.com

(W.M.)

Dieser Artikel ist relevant für:

USA Öl, Gas, Handels-, Zollabkommen, WTO, Freihandels-/Zollabkommen, WTO, allgemein

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Robert Matschoß

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