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20.01.2012

EURO 2016 in Frankreich läuft noch nicht rund

Finanzprobleme verzögern Investitionen in Sportstätten für die Fußball-EM / Von Waldemar Duscha

Paris (gtai) - Die Vorbereitungen zur UEFA Fußball-Europameisterschaft 2016 in Frankreich sind zwar im Fluss, nur läuft es nicht überall reibungslos. So zog Nancy kurz vor Jahreswechsel seine Teilnahme aus Kapitalmangel zurück, während auch Lens Finanzprobleme signalisierte. In Bordeaux tauchten Zweifel zur Kostenkalkulation auf und auch Paris sorgt sich über die Zukunft des Parc de Princes. Die anderen Projekte in dem auf insgesamt 1,8 Mrd. Euro veranschlagten Neubau- und Modernisierungskonzept laufen wohl eher plangemäß.

In der Austragung großer internationaler Sportereignisse ist Frankreich sicher ein Routinier, war das Land doch bereits 1998 Ausrichter der Fußball-Weltmeisterschaft. Trotz der breit existierenden Infrastruktur erfordert das Großereignis mit nunmehr 24 statt vorher 16 Nationen noch einige recht bedeutende Neu- und Erweiterungsinvestitionen. Dies betrifft sowohl die Stadien, die vielfach einer breiteren Modernisierung und höheren Sicherheit zur Anpassung an den UEFA-Standard bedürfen, wie auch die Außengelände, Hospitaliy-Flächen oder gar Nahverkehrssysteme.

Die Umsetzung des Gesamtkonzepts bewegt sich offensichtlich in die Phase der Implementierung, wobei das neue Stadion von Lille am frühesten begann und am weitesten fortgeschritten ist. Doch noch scheinen nicht allerorts sämtliche Fragen und Probleme gelöst, insbesondere in der Finanzierung. Die im Mai 2011 von der Fédération Française de Football (FFF) vorgelegte Aufstellung sieht zum Jahresbeginn 2012 somit leicht verändert oder getrübt aus. Von den ursprünglichen zwölf Spielstätten hatte die FFF neun ausgewählt, während Strasbourg ausschied und Toulouse sowie Saint-Étienne auf der Reservebank landeten. Zum Stammkader gehörten demzufolge das Stade de France im Pariser Vorort Saint-Denis, der Parc de Princes in der Hauptstadt selbst, die vier neuen Stadien in Lyon, Bordeaux, Nice und Lille sowie die noch zu renovierenden Stadien in Nancy, Lens und Marseille.

Die elf Stadien der EURO 2016
Stadt Stadion Gesamtkosten (Mio. Euro) Staatshilfen (Mio. Euro)
Saint-Denis Stade de France 0 0
Paris Parc des Princes 100 0
Lille Grand Stade 324 28
Lyon Stade des Lumières 450 20
Bordeaux Grand Stade 165 28
Nice Grand Stade 245 20
Marseille Stade Vélodrome 267 28
Lens Félix-Bollaert 111 12
Nancy Marcel-Picot 60 8
Toulouse Stadium 56 6
St. Étienne Geoffroy-Guichard 75 8

Quelle: Les Echos (Mai 2011)

Umso überraschender, dass das bereits gesetzte Nancy - immerhin die Heimatstadt von UEFA-Präsident Michel Platini - sich im Dezember 2011 als Gastgeber offiziell zurückzog. Das Stade Marcel-Picot sollte für 60 Mio. bis 100 Mio. Euro von derzeit 20.087 um rund 12.000 Plätze erweitert werden. Den Großteil sollte ein einzelnes Unternehmen tragen, allerdings konnte keine Einigung zwischen der Gemeinde als Eigentümer und den beiden interessierten Bauunternehmen Vinci und Bouygues über die Finanzierung erzielt werden.

In Lens haben sich gleichfalls dunkle Wolken über dem Stade Bollaert zusammen gezogen. Zwar wurde der hochverschuldete Fußballclub RC Lens im Frühjahr 2011 vom Crédit Agricole Nord de France gerettet, doch schrieb der Club auch zum Jahresende noch tiefrote Zahlen. Die Kosten für die Modernisierung des Stade Bollaert wurden zwar zwischenzeitlich deutlich auf 78 Mio. Euro abgesenkt, doch scheint die prekäre Finanzlage des Zweitligisten - der durch den Abstieg gut die Hälfte seiner TV-Übertragungsrechte verlor - offenbar mit dem Ausbauprojekt nicht vereinbar. Rund 49 Mio. Euro allein soll die sicherheitstechnische Anpassung des Stadions an die UEFA-Normen kosten.

In Bordeaux sind im Oktober 2011 die Würfel für das neue Grand Stade des Erstligaclubs Girondins de Bordeaux gefallen. Demzufolge wird das Projekt in Form einer öffentlich-privaten Beteiligung durchgeführt (PPP) mit einer Konzession über 30 Jahre. Der private Partner ist die frisch gegründete Société Stade Bordeaux Atlantique, ein Zusammenschluss von Vinci Construction/Vinci Concessions mit Frankreichs viertgrößtem Bauunternehmen Fayat. Für neuen Rauch über Bordeaux sorgte indes eine letzte Analyse der Prüfungsgesellschaft Transcub, welche eine deutliche Überschreitung der mit 184 Mio. Euro bezifferten Investitionskosten nachzuweisen glaubte. Dabei übernahmen Staat und Gebietskörperschaften 75 Mio. Euro und die Girondins steuerten weitere 20 Mio. Euro bei. Alarm für die Mairie von Bordeaux, insofern Transcup bereits zuvor bei so manchem öffentlichen Großprojekt erfolgreich intervenierte.

Das Design des neuen Grand Stade de Bordeaux stammt von dem Tandem Jacques Herzog & Pierre de Meuron - den Architekten des olympischen Beijinger "Vogelnests" oder auch der Münchener Allianz Arena. Der Entwurf umfasst drei Bestandteile, nämlich den Innenraum als "Schüssel" für die Zuschauer, den umgebenden Mantel als Übergangselement zwischen den Zuschauerrängen und dem Außengelände und das Außengelände selbst. Die Kapazität ist auf bis zu 43.000 Plätze ausgerichtet. Die Bauarbeiten werden durchgeführt von den beiden Vinci-Tochterunternehmen GTM Batiment und Chantiers Modernes sowie SEG-Fayat und Razel. Mit der Metallkonstruktion wurden Castel und die Fayat-Filiale Fromaget beauftragt. Der Bau beginnt 2012 und soll Mitte 2015 beendet sein.

Für den Parc de Princes wurde die Anpassung an die UEFA-Norm eines Viertelfinalspiels mit rund 110 Mio. Euro kalkuliert. Allerdings möchte die Mairie de Paris das Projekt nicht selbst finanzieren, sondern an den zukünftigen Mieter mit einem Nutzungsvertrag (contrat emphytéotique) von 50 bis 60 Jahren übertragen. Bisher oblag das Management des Pariser Stadions dem Kapitalfonds Colony Capital, einst auch Besitzer des Erstligaclubs Paris SGn, der von der ambitiösen Qatar Sports Investments (QSI) unter ihrem Präsidenten Nasser Al Khelaifi übernommen wurde. Das Projekt dürfte gut zwei Jahre beanspruchen mit der Übergabe spätestens Mitte 2015. Doch noch geht die Debatte zwischen der Colony Capital und ihrem Partner Vinci, QSI und der Mairie weiter und dreht sich vor allem auch um eine von QSI beanspruchte Ausweitung der Kapazität von derzeit 47.500 Plätzen.

Der Ersatzbankkandidat Toulouse hatte im Oktober 2011 erste konkrete Entscheidungen für den Umbau des Stadions Municipal bekannt gegeben. Demzufolge hat die Stadt die zwei Architektenbüros Cardete Huet Architectes aus Toulouse und Atélier d'Architecture Ferret mit der Projektplanung beauftragt. Die Spielstätte soll von aktuell 35.742 auf 40.200 Plätze erweitert werden. Der Charakter des Stadions bleibt erhalten, neu gestaltet wird nur die Außenhülle. Zusätzlich geplant sind ein groß angelegter Ausbau der Hospitality-Flächen und Logen, während die sanitären Installationen verdoppelt werden.

Das Lyoner Projekt wird insgesamt rund 450 Mio. Euro kosten, wobei das Stadion selbst mit Kosten von 381 Mio. Euro veranschlagt ist, während weitere 69 Mio. Euro von Privatunternehmen in umliegende Gebäude wie Hotels, Büros, Freizeitstätten etc. investiert werden. Das vom britischen Architektenbüro Populos entworfene Grand Stade OL des Spitzenklubs Olympique Lyonnais wird knapp 62.000 Plätze umfassen und soll im zweiten Quartal 2014 eröffnet werden. Es wird komplett privat finanziert mit der Treuhandgesellschaft Montout als Bauherrn und einer Beteiligung von Vinci Concession (maximal 49%). Die öffentliche Hand wird aber weitere 180 Mio. Euro für die Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs einschließlich Zufahrtswegen und Transportsystemen beitragen.

(W.D.)

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Frankreich Gewerbebau, Baunebengewerbe, Hochbau

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