Internationale Märkte

Globus | © GTAI

Unser Länderwissen auf einen Blick

Logo Deutsche Auslandshandelskammern (AHK)  | © DIHK

Deutsche Auslandshandels-kammern

AHK

27.04.2012

Gesundheitssysteme im Baltikum bieten Geschäftschancen

Hohe deutsche Marktanteile bei Medizintechnik / Investitionen in Krankenhäuser / Von Torsten Pauly

Tallinn (gtai) - In Estland, Lettland und Litauen kommen bis 2014 eine Reihe von EU-geförderten Investitionen in Unikliniken und andere öffentliche Gesundheitszentren zum Abschluss. Dazu gibt es immer mehr private Einrichtungen. Dies eröffnet ausländischen Ausstattern erhebliche Geschäftschancen. Alle drei baltischen Länder importieren einen Großteil ihrer Medizintechnik und Arzneien. Deutsche Lieferanten haben dabei vor allem bei hochwertigen medizinischen Geräten eine starke Marktposition. (Kontaktanschriften)

Auch in Estland, Lettland und Litauen erhöht die Alterung der Gesellschaft den Bedarf an Medizintechnik und Arzneien in Zukunft weiter. Die baltischen Länder sind klein, in Estland leben 1,3 Millionen Menschen, in Lettland sind es 2,1 und in Litauen 3,2. Hinzu kommen seit mehreren Jahren sinkende Geburtenraten und die Tatsache, dass gerade jüngere Fachkräfte seit dem EU-Beitritt 2004 und der Wirtschaftskrise 2008 auswandern. In den baltischen Ländern waren 2011 bereits 35% bis 38% der Menschen 50 Jahre oder älter, Tendenz steigend. Das Verhältnis zwischen jüngerer und älterer Generation ist in Litauen noch am günstigsten und in Lettland am problematischsten.

Alle baltischen Länder haben ihr Gesundheitswesen seit der Unabhängigkeit Anfang der neunziger Jahre reformiert. Fachmedizinische Leistungen konzentrieren sich zunehmend auf wenige größere Kliniken, deren Standard sich vor allem vor der Wirtschaftskrise 2008 oft schon stark verbessert hat. Die Bettenzahl hat sich überall verringert, ist jedoch in Litauen je Einwohner noch deutlich höher als in Lettland und Estland. Litauen hat bezogen auf die Einwohner auch die meisten Ärzte, will jedoch bis 2020 eine ähnliche Rate erreichen wie die baltischen Nachbarn. Viele Mediziner aus dem Baltikum arbeiten wegen des besseren Verdienstes bereits im Ausland.

In den baltischen Staaten gibt es jeweils eine Krankenkasse mit Pflichtmitgliedschaft. Private Zusatzversicherungen spielen daneben vor allem in Lettland eine Rolle. Diese schließen dortige Firmen oft für ihre Mitarbeiter ab. Auf der Ausgabenseite sind jedoch in Estland inzwischen alle öffentlich finanzierten Gesundheitseinrichtungen von den Arztpraxen bis zu den Kliniken privatrechtliche Akteure, welche ihre Beschaffungen eigenständig planen, insbesondere bei größeren Investitionen aber meist Fördermittel beantragen. In Lettland und Litauen sind viele Gesundheitseinrichtungen bereits ebenfalls privatrechtlich organisiert, während sich andere noch in staatlicher Hand befinden.

Im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise haben die baltischen Länder ihre Gesundheitsetats nach 2008 gekürzt, 2012 entwickeln sich die Budgets trotz des Aufschwungs unterschiedlich: Während die öffentlichen Ausgaben für Gesundheit in Litauen nochmals um 4,4% und in Lettland sogar um 7,7% sinken sollen, ist in Estland eine Erhöhung um 7,8% geplant. Insgesamt wendet Estland pro Kopf das meiste Geld für Gesundheit auf, gefolgt von Lettland und Litauen. Die reinen Ausgaben für Medizintechnik waren 2011 laut Schätzungen des Marktforschers Episcom in Estland mit 90 US$ je Einwohner ebenfalls höher als in Lettland (49 US$) und Litauen (48 US$).

Angesichts der knappen öffentlichen Kassen spielen EU-Fördermittel bei Investitionen in das estnische, lettische und litauische Gesundheitswesen die entscheidende Rolle. In der laufenden Finanzierungperiode von 2007 bis 2013 stellt Brüssel dafür in Estland insgesamt 180 Mio. Euro, in Lettland 207 Mio. Euro und in Litauen 268 Mio. Euro zur Verfügung. Die meisten Gelder sind bereits für konkrete Projekte verplant und Landeskenner erwarten, dass sich der Markt für Medizintechnik gegen Ende der Förderperiode in allen drei baltischen Ländern belebt, weil dann EU-geförderte Investitionen zum Abschluss kommen.

Die größten Vorhaben werden in den großen fachmedizinischen Krankenhäusern realisiert. In Estland ist es das Uniklinikum in Tartu, das die landesweit höchsten Investitionen für ein neues Gebäude plant. In Lettland entsteht in der Rigaer Uniklinik "Pauls Stradins" bis 2014 ebenfalls ein neuer Gebäudetrakt und ein zweites Hochschulkrankenhaus im Osten der Hauptstadt investiert in die kardiologische und neurologische Abteilung. Auch in Litauen sind die wichtigsten Abnehmer hochwertiger Technik die Unikliniken in Vilnius und Kaunas sowie die Krankenhäuser in den fünf größten Städten des Landes.

Mittel- und langfristig wird die Nachfrage nach Ausstattungen im öffentlichen Gesundheitswesen in Estland, Lettland und Litauen stark von den EU-Fördergeldern in der kommenden Finanzierungsperiode von 2014 bis 2020 abhängen. Hierzu laufen 2012 noch die Verhandlungen, ohne dass ein Ergebnis feststeht.

Auch rein privat finanzierte Wellness- und Gesundheitszentren bieten im Baltikum Geschäftschancen. Während die Zahl der öffentlichen Krankenhäuser in Estland, Lettland und Litauen in den letzten Jahren abgenommen hat, ist die Zahl der privaten Einrichtungen überall gestiegen. Diese befinden sich meist in den drei Hauptstädten beziehungsweise der südlitauischen Metropole Kaunas oder in Kurorten wie Pärnu, Jurmala oder anderen Bädern.

Die Arzneimittelimporte sind im Baltikum 2011 unterschiedlich gewachsen: In Lettland haben sich die Einfuhren von Medikamenten nur leicht um 0,6% auf 455,8 Mio. Euro erhöht. In Estland gab es dagegen ein Plus von 11,7% auf 272,1 Mio. Euro und in Litauen sogar einen Anstieg um 14,7% auf 626,5 Mio. Euro. Deutsche Anbieter von Medikamenten waren 2011 mit einem Importanteil von 4,8% (Estland), 7,7% (Lettland) und 14,6% (Litauen) weniger bedeutend als auf vielen anderen Märkten. Ein wichtiger Grund hierfür sind die Sparzwänge im öffentlichen Gesundheitswesen, was Generika und generell Anbieter von günstigen Medikamenten stärker zum Zuge kommen lässt.

Die baltischen Länder führen auch Arzneien aus: Insbesondere Litauen (268,1 Mio. Euro) und Lettland (311,8 Mio. Euro) sind bedeutende Lieferanten, wogegen die estnische Ausfuhr mit 47,3 Mio. Euro (2011) deutlich geringer ausfällt. Dabei geht ein Teil des Imports wieder als Reexport in andere Länder.

Auch die Medizintechnik-Importe sind in den baltischen Ländern 2011 unterschiedlich ausgefallen: In Lettland sind die ausländischen Lieferungen von Medizintechnik um 7,9% auf 77,3 Mio. Euro und in Litauen sogar um 49,0% auf 127,0 Mio. Euro gestiegen. In Estland sind die Einfuhren wichtiger Sparten 2011 dagegen um 2,1% auf 58,7 Mio. Euro gesunken. Auch bei der Medizintechnik führen Estland, Lettland und Litauen einen Teil ihrer Importe in andere Märkte - vor allem im Baltikum und in der GUS - aus.

Der deutsche Importanteil ist bei der Medizintechnik deutlich höher als bei den Medikamenten und hat 2011 in Litauen eine Rate von 19,1%, in Estland von 26,9% und in Lettland von 28,0% erreicht. Ausführlichere Informationen zu allen drei Märkten bietet auch die GTAI-Reihe "Branche kompakt - Medizintechnik", deren Ausgaben zu Estland, Lettland und Litauen 2012 in aktualisierter Fassung vorliegen.

Gesundheitssysteme in Estland, Lettland und Litauen in Zahlen
Indikator Estland Lettland Litauen
Bruttoinlandsprodukt (BIP, 2011 in Mrd. Euro) 16,0 20,1 30,7
BIP-Wachstum (2011 reale Veränderung in %) 7,6 5,5 5,9
BIP pro Kopf (2011 in Euro) 11.920 9.763 9.529
Einwohnerzahl (2011 in Mio.), davon 1,3 2,1 3,2
.unter 15 Jahre (in %) 15,4 14,2 15,0
.15 bis 29 Jahre (in %) 21,1 20,5 21,9
.30 bis 49 Jahre (in %) 27,3 27,4 28,2
.50 bis 64 Jahre (in %) 19,2 19,5 18,4
.über 64 Jahre (in %) 17,0 18,4 16,5
Durchschnittliche Lebenserwartung (2010 in Jahren) 75,8 73,8 73,5
Gesundheitsausgaben(2009 in Mio. Euro), davon 969 1.518 2.008
.im öffentlichen Gesundheitssystem (in %) 75,3 62,2 73,4
Gesundheitsausgaben pro Kopf (2009 in Euro) 723 670 601
Gesundheitsausgaben in % des BIP (2009) 7,0 6,6 7,5
Ärzte/10.000 Einwohner (2010) 32,5 35,7 41,4
Zahnärzte/10.000 Einwohner (2010) 9,0 6,7 7,7
Pflegekräfte u. Hebammen/10.000 Einwohner (2010) 70,1 53,8 73,1
Anzahl der staatlichen Krankenhäuser (2010) 38 46 147
Anzahl der privaten Krankenhäuser (2010) 21 19 14
Krankenhausbetten/10.000 Einwohner (2010) 53,3 53,2 82,6

Quellen: Tervise Arengu Istituut, Nacionalis veselibas dienests, Higienos institutas, Nationale Statistikämter

Kontaktanschriften:

Nationales Institut zur Gesundheitsentwicklung von Estland

(Tervise Arengu Istituut)

Hiuu 42; 11619 Tallinn

Tel.: 00372/6 59 39 00; Fax: -6 59 39 01

E-Mail: tai@tai.ee; Internet: http://www.tai.ee

Nationaler Gesundheitsdienst von Lettland

(Nacionalis veselibas dienests)

Cesu iela 31 k-3; 1012 Riga

Tel.: 00371/67 04 37 00; Fax: -67 04 37 01

E-Mail: nvd@vmnvd.gov.lv; Internet: http://www.vmnvd.gov.lv

Hygiene-Institut von Litauen

(Higienos institutas)

Didzioji gatve 22; 01128 Vilnius

Tel.: 00370/52 77 33 03; Fax: -52 62 45 83

E-Mail: instututas@hi.it; Internet: http://www.hi.lt

Deutsch-Baltische Handelskammer in Estland, Lettland, Litauen - Büro Estland

Suurtüki 4b; 10133 Tallinn

Tel.: 00372/627 69 40; Fax: 627 69 50

E-Mail: info.ee@ahk-balt.org; Internet: http://www.ahk-balt.org

(P.T.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Estland, Lettland, Litauen Medizintechnik, allgemein, Gesundheitspolitik, Arzneimittel, Diagnostika, Investitionen aus dem Ausland / Joint Ventures, Elektromedizin, Dentalmedizin

Weitere Informationen

Funktionen

Kontakt

Barbara Kussel

‎0228/24993-356

Suche

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschafts-daten, Zoll- und Rechts-informationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche