Internationale Märkte

01.07.2009

Chiles Kreditinstitute gehen auf Nummer sicher

Chiles Kreditinstitute gehen auf Nummer sicher

Dennoch zeichnen sich Lichtblicke für bessere Finanzierungsbedingungen ab / Von Siegfried Ellermann

Santiago de Chile (gtai) - In Chile haben sich im Verlauf der globalen Wirtschaftskrise die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen verschärft. Die Banken schauen sich deren Bilanzen zunehmend genauer an und bestehen auf umfangreichere Garantien. Andererseits sehen zur Jahresmitte 2009 manche Institute wieder optimistischer in die Zukunft. Mit dazu beigetragen haben die drastischen Zinssenkungen der Zentralbank. Für kleinere und mittelgroße Unternehmen bietet das Factoring eine attraktive Finanzierungsquelle.

Die chilenische Zentralbank hat die Leitzinsen zwischen Januar und Juni 2009 drastisch herabgesetzt - von 8,25 auf 0,75% p.a. Beobachter erwarten bis zur Jahresmitte 2010 keine weiteren Schritte. Unbeantwortet bleibt die Frage, inwieweit sich die niedrigen Leitzinsen auf die gewerblichen Kredite und die Nachfrage nach Darlehen auswirken. Die Experten der Zentralbank erwarten schon bald eine Belebung des Aktivgeschäfts auf Bankenseite. Nach den Aussagen leitender Angestellte der Banco del Estado würden die Kreditinstitute bereits ihre Zurückhaltung verringern, die Initiative mit Sonderangeboten ergreifen und spezielle Problemlösungen anbieten.

Insgesamt zeigt sich ein zwiespältiges Bild. Im Mai 2009 lobte der Zentralbankbericht zur Geldpolitik unter anderem den Rückgang der Zinsen für Verbraucher-, Hypothekar- und gewerbliche Kredite seit dem Jahreswechsel. In der Tat gingen die Kosten für Verbraucherkredite in Höhe von 3.000 Unidades de Fomento (UF) von rund 30 auf durchschnittlich etwa 22% zurück, berichtete das Bankenaufsichtsorgan Superintendencia de Bancos y Instituciones Financieras (SBIF). Die UF ist eine inflationsbereinigte Recheneinheit und hatte Ende Juni einen Wert von umgerechnet 39 US$. Die durchschnittlichen Aktivzinsen verringerten sich für Ausleihungen in UF mit einer Laufzeit von mehr als zwölf Monaten von 6,5 bis 7,3% auf 4 bis 5% p.a.. Jedoch bleiben die gewerblichen Zinssenkungen hinter dem eingangs erwähnten starken geldpolitischen Impuls zurück.

Die vierteljährliche Umfrage der Zentralbank ließ dagegen im März 2009 eine spürbare Zurückhaltung der Banken bei Ausleihgeschäften erkennen. Rund 60% der Kreditinstitute hätten ihre Anforderungen bei der Vergabe neuer Darlehen an Großunternehmen verschärft, bei kleineren Betrieben waren 44% der Banken kritischer. In der Umfrage von Dezember 2008 lagen die Ergebnisse sogar noch bei 85,7 und 73,7%. Die Analysten werten das Bankenverhalten als Reaktion auf den Konjunkturabschwung und die pessimistischen Aussichten für die globale Wirtschaftsentwicklung. Die Erwartung von steigenden Risiken hat zu einem höheren Spread zwischen Aktiv- und Passivzinsen geführt. Außerdem haben Banken Laufzeiten und Kreditlinien gekürzt, die Risikoprämien erhöht und zusätzliche Sicherheiten eingeführt.

Gleichzeitig berichten die befragten Banken von einer rückläufigen Nachfrage nach Geldmitteln, die mit einer nachlassenden Investitionstätigkeit zusammenhängen. Insgesamt hat sich der Saldo der ausstehenden Verbindlichkeiten im chilenischen Finanzsystem zwischen Ende Dezember 2008 und Ende April 2009 kaum verändert: Bei den Verbraucher- und Hypothekarkrediten blieben die Salden mit circa 8,5 Bill. und 16,3 Bill. chil$ nahezu konstant; die Darlehen an das Gewerbe gingen von 45,3 Bill. auf 43,1 Bill. chil$ zurück.

Momentan greifen alle Unternehmen, die in Chile Rang und Namen haben, auf die Ausgabe von Schuldverschreibungen zurück. Nach Angaben der Bankenaufsicht SBIF erhöhte sich der Saldo dieser festverzinslichen Wertpapiere von Dezember 2008 bis Mai 2009 um 13,8% auf 13,1 Bill. chil$ (Dezember 2007: 9,2 Bill. chil$). Diese Finanzierungsmöglichkeit beanspruchten unter anderem die Warenhausketten Cencosud, Falabella, Ripley und Sodimac, die forstwirtschaftlichen Unternehmen Celulosa Arauco, CMPC und Masisa, die Stromversorger AES Gener, CGE und Inversiones Eléctricas del Sur, die Telefongesellschaften América Móvil und CTC sowie der Baugigant Sigdo Koppers.

Die Summe neuer Anleihen hat sich im Zeitraum Januar/Mai 2009 gegenüber der gleichen Vorjahresperiode um rund ein Drittel auf umgerechnet 3,5 Mrd. US$ erhöht. In nationaler Währung ergab sich sogar ein Anstieg von nahezu 200% auf 2,1 Bill. chil$. Die starken Unterschiede beruhen auf den Wechselkursbewegungen der US-Währung. Die berechnete Ausgabenrendite bewegte sich 2008 wie 2009 in einer Spanne zwischen 2,2 und 8,1% auf den Wert der UF.

Wachsender Beliebtheit erfreut sich in Chile das Factoring. Nach Auffassung des Fachverbandes Asociación Chilena de Factoring (Achef) nehmen diese Finanzierungsquelle vornehmlich kleine und mittelgroße Unternehmen (KMU) in Anspruch. Zwar haben sich die Umsätze der Branche seit dem zweiten Halbjahr 2008 angesichts der allgemeinen Konjunkturflaute verringert. Dennoch rechnen Achef-Vertreter damit, dass die Branche den 2008 erzielten Gesamtumsatz von 16,3 Mrd. US$ (+12,4% gegenüber 2007) 2009 erneut erreichen lässt. Die Zahl der gehandelten Dokumente hat sich 2008 um 22,4% auf 10,3 Mio. Stück erhöht. Davon entfielen etwa zwei Drittel auf nationale Rechnungen sowie 5,5% auf internationales Factoring. Achef erwartet, dass die Zahl der Factoring-Nutzer 2009 von 15.507 auf rund 17.000 (2007: 14.086) steigen wird. Das Factoring bildet auch einen Baustein in den Konjunkturprogrammen der chilenischen Regierung. Um den KMU unter die Arme zu greifen, richtete sie im Oktober 2008 in der Fördergesellschaft Corp. de Fomento (Corfo) einen Fonds von 150 Mio. US$ ein, von dem bis April rund 120 Mio. US$ in Factoring-Aktivitäten flossen.

Weniger zuversichtlich gaben sich Vertreter der chilenischen Leasing-Branche. Hier folgt nach allgemeiner Auffassung das Geschäft dem allgemeinen Konjunkturverlauf. Hoffnungen auf einen erneuten Aufschwung bestehen hinsichtlich des 4. Quartals 2009.

Der Umfang der Zahlungsversäumnisse hat sich bis Mai 2009 deutlich erhöht. Nach Angaben der SBIF waren im Dezember 2008 Zahlungen für Kredite im Wert von 694 Mrd. chil$ länger als 90 Tage überfällig. Ende Mai 2009 summierten sich diese bereits auf 2.022 Mrd. chil$ (Ende 2007: 487 Mrd. chil$). Damit hat sich der Anteil der faulen Kredite an allen Ausleihungen des Bankensystems von 1 auf 2,9% erhöht (2007: 0,8%). Die Factoring-Branche berichtet von ähnlich hohen Zahlungsausfällen.

Mit Ausnahme der Lachs-Industrie sind in Chile bislang keine größeren Finanzierungsprobleme aufgetreten. Die Schwierigkeiten der Lachs-Züchter beruhen indes nicht auf der globalen Konjunkturflaute oder auf umfangreichen Spekulationen. Vielmehr haben Viruserkrankungen bei den Fischen das Angebot stark eingeschränkt und damit zu erheblichen Mindereinnahmen geführt. Die betroffenen Unternehmen haben dadurch Probleme bekommen, die ausstehenden Verbindlichkeiten in der Gesamthöhe von 1,6 Mrd. US$ zu bedienen. In der Folge verlangten die Banken bei den Umschuldungsverhandlungen harte Auflagen.

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Chile Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Geld / Preise / Inflation / Währung, allgemein, Zahlungsverkehr, Kreditauskunfteien, Inkassodienste, Finanzierung, allgemein, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Kleine und mittlere Unternehmen (KMU)

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