Internationale Märkte

28.10.2009

Litauische Banken schreiben hohe Verluste

Litauische Banken schreiben hohe Verluste

Rückstellungen für mögliche Kreditausfälle / Bruttoinlandsprodukt könnte 2009 um 18% schrumpfen / Von Fabian Nemitz

Wilna (gtai) - Die Verluste der Banken in Litauen steigen. Grund sind Rückstellungen für mögliche Kreditausfälle. Auch die Zahl der Firmenpleiten nimmt zu. Dabei hatte es lange so ausgesehen, als würde Litauen glimpflicher durch die Krise kommen als Estland und Lettland. Mittlerweile scheint es jedoch möglich, dass der Einbruch des BIP in Litauen 2009 am größten sein wird. Bislang ist das Land aber nicht auf Hilfe internationaler Geldgeber angewiesen. Eine wichtige Rolle als Impulsgeber spielen die EU-Fördermittel. Und bei der Abrufung dieser Gelder ist Litauen Europameister.

Im Oktober 2009 haben die drei größten Banken in Litauen ihre Zahlen für das 3. Quartal 2009 veröffentlicht. Waren die dort ansässigen schwedischen Banken SEB und Swedbank sowie das deutsch-norwegische Joint-Venture DnB Nord bereits im 1. Halbjahr 2009 in die Verlustzone gerutscht, so hat sich die Talfahrt im 3. Quartal weiter beschleunigt.

Die SEB verzeichnete in den ersten neun Monaten 2009 einen Verlust in Höhe von 626,4 Mio. Litas (LTL; 181,4 Mio. Euro; 1 Euro = 3,4528 LTL, Festkurs). Die Nummern zwei und drei, die Swedbank-Gruppe und die DnB Nord, kommen auf ein Minus von 592,3 Mio. beziehungsweise 237,2 Mio. LTL. Grund für die Verluste sind Rückstellungen für faule Kredite.

So konnte die DnB Nord ihren operativen Vorsteuergewinn eigenen Angaben zufolge in den ersten neun Monaten 2009 zwar um 37,2% auf 192,6 Mio. LTL steigern, doch musste sie allein im 3. Quartal Rückstellungen in Höhe von 196 Mio. LTL für mögliche Kreditausfälle bilden. Im 1. Halbjahr waren es bereits 295 Mio. LTL. In der Summe entsprechen die Provisionen der ersten neun Monate 2009 knapp 5% des Kreditportfolios.

Und es ist wahrscheinlich, dass die Verluste noch weiter steigen. So sagte Rune Bjerke, der Konzernchef der norwegischen DnB NOR, des Mehrheitseigners der DnB Nord, es stünden noch harte Quartale im Baltikumgeschäft bevor. "Bis jetzt haben wir insgesamt 6% der herausgegebenen Kredite abgeschrieben, aber die Zukunft ist sehr unsicher. Vielleicht werden sich die Verluste auf 12% belaufen, vielleicht auf 15%. Die größten Pessimisten sagen 20%", zitiert die norwegische Wirtschaftszeitung E24 den Konzernchef, der aber weiter meinte, sein Geldhaus sehe jedoch langfristig gute Perspektiven im Baltikum. Der Schwerpunkt des Geschäfts der DnB Nord in den baltischen Staaten liegt in Litauen und Lettland.

Nach Angaben des Zentralbank-Chefs Reinoldijus Sarkinas gegenüber der Nachrichtenagentur Baltic News Service können die litauischen Banken noch Abschreibungen in Höhe von 2,2 Mrd. LTL verkraften, ohne dass sie die Eigenkapitalanforderungen von 8% verletzen. Anfang Oktober lag die Quote bei 13%.

Der litauische Bankensektor ist zum größten Teil in ausländischer Hand, wobei auch hier - wie im gesamten Baltikum - die schwedischen Geldhäuser dominieren. Ende 2007 waren laut Europäischer Bank für Wiederaufbau und Entwicklung 91,7% der Bilanzaktiva in ausländischer Hand (Estland: 98,7%, Lettland 63,8%). Um die Verluste abzufedern, haben die Mutterhäuser ihr Kapital in den vergangenen Monaten erhöht. Auch wegen der Dominanz großer ausländischer Banken musste die litauische Regierung bislang keine Stützungsmaßnahmen für den Finanzsektor durchführen.

War die Kreditvergabe in den vergangenen Jahren häufig zu lasch gehandhabt worden, so sind die Banken seit Ausbruch der Krise wesentlich restriktiver geworden. Etwa die Hälfte der kleinen und mittelständischen Unternehmen bekommen keine Kredite, klagte Anfang September 2009 Wirtschaftsminister Dainius Kreivys. Das Kreditvolumen ist im Zeitraum Januar bis August 2009 um 7,7% auf knapp 66 Mrd. LTL gesunken. Im Gesamtjahr könnte es laut der Vereinigung der litauischen Banken um 15 bis 16% zurückgehen. Zum Vergleich: Von Ende 2005 bis Ende 2008 hat es sich von knapp 26 Mrd. LTL auf gut 71 Mrd. LTL fast verdreifacht.

Litauische Banken - Kreditvolumen (Angaben in Mio. LTL, Veränderung in %)

Name Kreditvolumen (Ende Dezember 2008) Kreditvolumen (Ende August 2009) Veränderung
SEB bankas 21.189 19.315 -8,8
Swedbank *) 15.088 14.389 -4,6
DnB NORD bankas 11.261 10.635 -5,6
Nordea Bank 7.726 7.028 -9,0
Danske Bank 4.952 4.482 -9,5
Snoras bankas 3.426 3.246 -5,3
AB Ukio bankas 3.342 2.427 -27,4
Siauliu bankas 1.674 1.643 -1,9
Parex bankas 1.386 1.234 -11,0
UniCredit Bank 763 942 23,5
Medicinos bankas 474 468 -1,3

*) vormals Hansabank

Quelle: Association of Lithuanian Banks, http://www.lba.lt

Litauen, dessen Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2008 noch um real knapp 3% gewachsen ist, wurde später als die beiden nördlichen Nachbarn Estland (2008: -3,5%) und Lettland (-4,6%) von der Wirtschaftskrise erfasst. Auch weil die Wirtschaft in den ersten Quartalen 2008 noch gewachsen ist und die Vergleichsbasis deshalb höher ist, fiel der Einbruch der Wirtschaftsleistung mit real -20,2% im 2. Quartal 2009 besonders heftig aus. Der Private Konsum (-19,3%), die Investitionen (-39,8%) und der Außenhandel (Exporte: - 23,3%, Importe: - 35,3%) schrumpften im zweistelligen Bereich. Während in vielen europäischen Staaten im Sommer 2009 langsam Zeichen einer Stabilisierung deutlich werden, dürfte sich die Talfahrt der litauischen Wirtschaft im 3. Quartal nach Einschätzung der dänischen Danske Bank noch beschleunigt haben: Das Geldhaus rechnet mit einem Minus von circa 25%.

Für das Gesamtjahr 2009 prognostiziert das Finanzministerium ein Minus von 18,2%. Auch 2010 dürfte die Wirtschaftsleistung weiter zurückgehen (-4,3%). Erst 2011 wird sie nach Einschätzung des Ministeriums wieder auf den Wachstumspfad zurückkehren (+4,5%). Derweil steigt die Arbeitslosigkeit. Lag sie im Juli 2008 noch bei 7,2%, so ist sie nach Angaben von Eurostat ein Jahr später bereits auf 16,7% hochgeschnellt.

Infolge dieses schlechten wirtschaftlichen Umfelds können viele Schuldner ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen. Besonders betroffen sind der Transportsektor und die Immobilienbranche, vor allem der Gewerbebau. Regional sind die größten Kreditverluste in Wilna und Klaipeda zu verzeichnen. Dort hatte in den vergangenen Jahren das Zentrum des Baubooms gelegen. Weniger betroffen ist hingegen die zweitgrößte Stadt des Landes, Kaunas.

Im privaten Wohnungsbau war die Situation im Sommer 2009 im Gegensatz zu Lettland noch stabil. Lettland hat im Vergleich zu Litauen einen Vorlauf von sechs bis neun Monaten bei der Krise. Ab Herbst, wenn die Heizkosten hinzukommen, könnten aber auch in Litauen die Zahlungsschwierigkeiten im privaten Wohnungsbau zunehmen.

Die Zahl der Firmenpleiten hat sich im 1. Quartal 2009 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 215 auf 446 bereits mehr als verdoppelt. Dies meldet das Amt für das Management von Unternehmensinsolvenzen (http://www.bankrotodep.lt). Für das Gesamtjahr 2009 rechnet Euler Hermes mit einem Anstieg der Insolvenzen um 40% auf 1.300.

Gleichzeitig steigen auch die überfälligen Forderungen litauischer Unternehmen. Ende September 2009 erreichten sie nach Angaben von Creditinfo Litauen einen Betrag von 725 Mio. Euro, rund 72 Mio. Euro mehr als Ende August. Die größten Schwierigkeiten haben auch hier Unternehmen aus dem Bau- und Transportsektor sowie der Holzwirtschaft und dem Tourismus. Weniger betroffen seien Industrie und Landwirtschaft.

Anders als Lettland, das Ende 2008 die in Schwierigkeiten geratene Parex-Bank - das zweitgrößte Geldinstitut des Landes - stützen musste und dessen Staatsbankrott nur durch einen 7,5-Mrd. Euro-Notkredit internationaler Kreditgeber abgewendet werden konnte, kann sich Litauen immer noch am internationalen Finanzmarkt refinanzieren.

Zuletzt hat das 3,3 Mio.-Einwohner-Land Anfang Oktober 2009 eine Staatsanleihe über 1,5 Mrd. US-Dollar zu einem Zinssatz von 6,75% platziert. Nach Medienberichten wollte Litauen ursprünglich nur 0,5 Mrd. bis 1 Mrd. US$ bei internationalen Investoren erzielen. Auch über den niedrigen Zinssatz zeigten sich Beobachter überrascht. Noch im Juni 2009 wurde eine auf Euro lautende Staatsanleihe zu 9,5% herausgegeben. Finanzministerin Ingrida Simonyte wertete dies gegenüber der Nachrichtenagentur BNS als Zeichen für das Vertrauen der Investoren in die Haushaltskonsolidierung der Regierung.

Wegen wegbrechender Steuereinnahmen musste die Regierung das Budget für 2009 bislang zweimal überarbeiten. Ziel der Sparmaßnahmen ist es zu verhindern, dass das Defizit 2009 und 2010 die Marke von 9,5% des BIP überschreitet. Für Konjunkturpakete gibt es keinen Spielraum. Umso wichtiger ist es deshalb, dass Litauen die zur Verfügung stehenden EU-Fördermittel zum Ausbau der Infrastruktur und zur Unterstützung von Unternehmensprojekten gut nutzt, um der Wirtschaft Impulse zu geben.

Bislang ist die Abrufung der Gelder gut angelaufen. So wurden in den ersten acht Monaten 2009 bereits dreimal soviel Mittel ausgezahlt wie im Vorjahr. Insgesamt wurden fast 8% der für den Zeitraum 2007 bis 2013 zur Verfügung stehenden knapp 6,9 Mrd. Euro abgerufen. Damit nimmt Litauen vor Irland (6,1%), Estland (4,8%) und Deutschland (3,9%) EU-weit den ersten Platz ein.

(N.M.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Litauen Finanzwesen, allgemein, Geld / Preise / Inflation / Währung, allgemein, Finanzierung, allgemein, Banken, Kreditinstitute

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