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11.11.2009
Krise verschlechtert Zahlungsmoral in Italien
Krise verschlechtert Zahlungsmoral in Italien
Zahlungsziele werden länger, Überziehungen häufiger / Von Siegfried Breuer
Mailand (gtai) - Dass die internationale Wirtschafts- und Finanzkrise sich auch auf die Zahlungsgewohnheiten in Italien auswirkt, kann nicht verwundern. Die Zahlungsmoral, das ergibt eine neue Erhebung, hat sich deutlich verschlechtert, die Zahlungsfristen werden noch länger als früher. Nicht nur nach Branchen, auch nach Regionen bestehen erhebliche Unterschiede in der Zahlungsabwicklung. Um die Liquidität der italienischen Unternehmen ist es schlecht bestellt, insbesondere der Mittelstand leidet unter den Kreditrestriktionen der Banken. (Kontaktanschrift)
Die Zahlungsmoral hat sich aufgrund der Wirtschafts- und Finanzkrise in Italien deutlich verschlechtert. Nach einem Bericht des Kreditinformationsbüros Cribis D&B - früher die italienische Filiale von Dun&Bradstreet, seit Mitte 2009 zur italienischen CRIF gehörend - ist der Prozentsatz der pünktlichen Zahler von 50,1% im Jahr 2007 auf 48,6% im Jahr 2008 und 41,9% im Durchschnitt der ersten neun Monate 2009 gefallen. Die Analyse des Cash Managements italienischer Unternehmen bestätige, so ein Sprecher von Cribis D&B, dass die Krise die finanzielle Leistungsfähigkeit vieler Unternehmen deutlich geschwächt habe.
Mehr als 54% der italienischen Unternehmen haben nach Maßgabe der Erhebung seit 2007 ihre Zahlungsgewohnheiten zu Lasten ihrer Lieferanten geändert, 32% sind bei den alten Modalitäten geblieben und 14% haben ihr Cash-Management auf kürzere Zahlungsziele umgestellt. Zwischen Unternehmensgröße und Länge der Zahlungsziele besteht in doppelter Hinsicht ein Zusammenhang. Kleine Unternehmen haben einerseits nicht die Marktmacht, kurze Zahlungsziele gegenüber ihren Kunden durchzusetzen - große Unternehmen, die auf ihre kleinen Lieferanten angewiesen sind, bemühen sich andererseits gerade in der Krise, den Zeitraum zwischen Lieferung und Zahlung kurz zu halten, um die Existenz ihrer Lieferanten nicht zu gefährden.
Signifikant sind die Unterschiede der Zahlungsgewohnheiten in einzelnen Branchen. Eine gute Zahlungsmoral herrscht in den Branchen Versicherungen, Transportdienstleistungen, holzverarbeitende Industrie (hier ist der Bezug zu den kleinen Lieferanten augenscheinlich), Kfz-Handel und -Dienstleistungen, Druckgewerbe und Möbelindustrie. Die schlechtesten Zahler sind im Groß- und Einzelhandel, im Gaststättengewerbe, im Luftverkehr und in der Lebensmittelindustrie zu finden.
Aber nicht nur nach Branchen ergeben sich Unterschiede in den Zahlungsmodalitäten, auch die geographische Lage spielt eine große Rolle. Das Nord-Südgefälle, das in Italien nahezu alle Wirtschaftsbereiche prägt, hat auch starken Einfluss auf Zahlungsgewohnheit und -moral. Norditalienische Unternehmen verhalten sich in der Regel disziplinierter als Unternehmen aus Zentralitalien oder dem Süden. Allerdings trifft die Krise gerade die verarbeitende Industrie besonders stark und die ist vornehmlich im Norden angesiedelt.
Ein spezielles Problem stellt die öffentliche Verwaltung dar, die nach offiziellen Angaben auf überfälligen Rechnungen im Wert von 18 Mrd. Euro sitzt. Im Rahmen der Umsetzung von EU-Richtlinien hat die italienische Regierung Mitte 2009 beschlossen, das Zahlungsziel in der öffentlichen Verwaltung auf maximal 100 Tage zu begrenzen und noch vor Ablauf des Jahres sollen die Rückstände ausgeglichen werden. Ob das gelingt, bleibt fraglich - im Gesundheitssektor sind zum Beispiel je nach Region zwischen 145 Tage (nördliche Regionen) und mehr als 400 Tagen (südliche Regionen) üblich - der Landesdurchschnitt lag im Juni bei 249 Tagen.
Deutsche Unternehmen mussten sich bereits vor der Krise auf ungewohnt lange Zahlungsziele im Italiengeschäft einstellen. Die in Deutschland übliche Zahlungsweise innerhalb von 30 Tagen ist traditionell nur schwer durchsetzbar, die italienischen Unternehmen gehen generell davon aus, dass 90 bis 120 Tage als Zahlungsziel gewährt werden. Viele Unternehmen haben ihre Liquiditätsplanung an diesen Fristen ausgerichtet, d.h. sie können kurzfristig gar nicht auf ein kürzeres Zahlungsziel umstellen. Die Krise hat diese Situation noch verschärft. Die Liquidität der italienischen Unternehmen generell, besonders aber der kleineren Unternehmen, leidet trotz staatlicher Stützungsmaßnahmen unter der restriktiven Kreditvergabe der Banken, die Finanzierungspielräume sind extrem eng geworden.
Das Risiko eines Zahlungsausfalls wiegt in Italien besonders schwer, weil Gesetz und Rechtsprechung grundsätzlich schuldnerfreundlich sind. Säumige Kunden sollten abgemahnt werden - zwei schriftliche Mahnungen sind üblich - bevor versucht wird, die Forderung durch Rechtsmittel einzutreiben. Es kann nur davon abgeraten werden, in Italien einen Zivilprozess anzustrengen, um eine Zahlung zu erzwingen. Die durchschnittliche Dauer eines solchen Prozesses liegt in der ersten Instanz bei drei Jahren, geht die schuldige Partei in Berufung, wird der Zeithorizont unüberschaubar. Generell empfiehlt es sich deshalb, bereits im Vertrag einen Gerichtsort in Deutschland festzulegen - damit allerdings ist die Vollstreckung in Italien noch nicht gesichert.
Mit der Einführung des Europäischen Mahnbescheids (Verordnung EG-Nr. 1896/2006) kann in Deutschland zwar sehr einfach und innerhalb kurzer Frist ein Zahlungsbefehl gegenüber einem Gläubiger in Italien erwirkt werden. Dieser Zahlungsbefehl wird, wenn der Gläubiger nicht innerhalb von 30 Tagen Einspruch einlegt, zu einem in Italien vollstreckbaren Rechtstitel. Die Probleme eines Vollstreckungsverfahrens in Italien sind dadurch aber noch nicht gelöst. Die Verfahren sind in der Regel kostspielig, denn es muss, anders als in Deutschland, ein Rechtsanwalt eingeschaltet werden. Auf den Vollstreckungskosten bleibt der Gläubiger oft sitzen, denn meist kann nur die Begleichung der Hauptschuld erzwungen werden.
Als bessere Lösung wird die Vereinbarung eines Schiedsgerichts bereits bei Vertragsabschluss angesehen. Ein Schiedsverfahren kann in sechs bis sieben Monaten abgeschlossen werden und es ist durch die freie Wahl der Richter möglich, neben juristischem auch fachlichen Sachverstand in die Entscheidung einfließen zu lassen. Die Deutsch-Italienische Handelskammer hat eine Prozessordnung für Schiedsverfahren ausgearbeitet (ebenso für Mediationsverfahren), kann mit dem Inkasso (außergerichtlich) betraut werden und im Vorfeld Bonitätsprüfungen vornehmen. Sie verfügt über ein Netzwerk von Anwaltskanzleien, das in der Lage ist, alle im Geschäftsverkehr auftretenden Rechtsprobleme zu lösen.
Durchschnittliche Zahlungsgewohnheiten (% der Unternehmen)
| Zahlung | 2007 | 2008 | 2009 *) |
| bei Fälligkeit | 50,4 | 48,6 | 41,9 |
| bis zu 30 Tage über Ziel | 37,2 | 32,5 | 34,3 |
| 30 bis 60 Tage | 6,3 | 7,9 | 8,1 |
| 60 bis 90 Tage | 3,2 | 4,5 | 5,9 |
| 90 bis 120 Tage | 1,4 | 2,4 | 4,0 |
| über 120 Tage | 1,5 | 4,1 | 5,8 |
*) Januar bis September
Quelle: Cribis D&B, Il Sole 24 ore
Kontaktanschrift:
Deutsch-Italienische Handelskammer
Via Napo Torriani, 29
20124 Milano
Tel.: 0039 02/679 13-1; Fax: -669 80 964
E-Mail: info@ahk-italien.it, Internet: http://www.ahk-italien.it
(S.B.)
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Italien Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Zahlungsverkehr, Kreditauskunfteien, InkassodiensteWeitere Informationen
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