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03.11.2009
Zahl der faulen Kredite in Estland leicht gesunken
Zahl der faulen Kredite in Estland leicht gesunken
IWF hält Euro-Einführung 2011 für möglich / Von Fabian Nemitz
Tallinn (gtai) - In Estland ist der Betrag der Kredite, die seit mehr als 60 Tagen in Rückzahlungsverzug sind, im September 2009 leicht gesunken. Wegen der Bildung von Rückstellungen für mögliche Kreditausfälle schreiben die Banken aber weiterhin Verluste. Auch in den kommenden Monaten dürften die Geldhäuser zu weiteren Abschreibungen gezwungen sein, nicht zuletzt, weil die Löhne weiter sinken und die Arbeitslosigkeit steigt. Nach drastischen Budgetkürzungen ist die Regierung aber auf gutem Weg, ihr oberstes Ziel zu erreichen: die Einführung des Euro im Jahr 2011.
Im September 2009 ist der Betrag der Kredite, die seit mehr als 60 Tagen im Rückzahlungsverzug sind, um 111 Mio. Estnische Kronen (ekr; 7,1 Mio. Euro; 1 Euro = 15,6466 ekr, Festkurs) gegenüber dem Vormonat gesunken. Dies berichtet die estnische Zentralbank, Eesti Pank. Damit liege der Anteil dieser Kredite nun bei 6,4% des gesamten Portfolios.
Die Währungshüter sehen dies als Anzeichen dafür, dass die Probleme mit der Rückzahlung von Krediten kleiner sein könnten als im Sommer 2009 angenommen. Dennoch deuteten Schätzungen darauf hin, dass die Höhe der überfälligen Kredite erst ab 2010 schneller abnehmen werde und die Zahl der Haushalte und Unternehmen mit Zahlungsschwierigkeiten in den nächsten Monaten noch steigen dürfte.
Wie Eesti Pank weiter mitteilt, ist im September 2009 die Zahl der Kredite mit Zahlungsverzug bei Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe und dem Handel gesunken. Hingegen habe sich die Situation im Immobiliengewerbe und der Landwirtschaft weiter verschlechtert. Die größten Schwierigkeiten, ihre Schulden zu begleichen, hätten die Firmen aus dem Baugewerbe. Dort erreichten die "schlechten" Kredite einen Anteil von rund 20%. Im privaten Wohnungsbau blieb der Anteil unverändert bei 4,2%.
Seit Ende 2008 ist das Volumen der herausgegebenen Kredite in Estland rückläufig. Von Anfang Januar bis Ende September 2009 ist es um 4,6% auf 248 Mrd. ekr (15,9 Mrd. Euro) gesunken. In den Jahren 2005 bis 2007 war es noch jeweils um nominal 35 bis 40% gewachsen. Zuletzt hatte es 2008 um 8,6% zugelegt.
Der Großteil der Kredite lautet auf Euro (85,4%). Nur knapp 13% der Schulden haben die Esten in ihrer Landeswährung aufgenommen. Nach Angaben von Bankenvertretern sind die Geldinstitute mittlerweile sehr vorsichtig geworden bei der Kreditvergabe. Sie wollen sich erst einmal konsolidieren und nicht noch einmal dieselben Fehler machen wie in den Jahren des zum großen Teil auf Kredit fußenden Wirtschaftsbooms. So hat sich denn auch die Höhe der neu herausgegebenen Kredite in den ersten neun Monaten 2009 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum halbiert.
Zwischen Januar und September 2009 haben die Banken Verluste in Höhe von rund 4,2 Mrd. ekr geschrieben, davon allein 1,9 Mrd. ekr im 3. Quartal. Grund hierfür sind Rückstellungen für mögliche Kreditausfälle. Im genannten Zeitraum beziffern sich die entsprechenden Provisionen auf 6,7 Mrd. ekr.
Laut Eesti Pank ist die Kapitaldecke der Banken aber nicht in Gefahr. Die maßgebliche Capital Adequacy Ratio (CAR) lag im September 2009 im Durchschnitt bei 21,4%. Das waren zwar 0,4 Prozentpunkte weniger als im Vormonat, aber immer noch deutlich mehr als der Mindestwert von 10%.
Allerdings ist davon auszugehen, dass die Banken in den kommenden Monaten noch weitere Rückstellungen für mögliche Kreditausfälle werden bilden müssen. Doch bescheinigt auch der Internationale Währungsfonds (IWF) dem Finanzsektor eine stabile Verfassung. Die Lage stellt sich damit wesentlich besser dar als in den südlichen Nachbarstaaten Lettland und Litauen.
Dies hat den Chefredakteur der führenden estnischen Wirtschaftszeitung "Äripäev" Ende Oktober 2009 dazu bewogen, die schwedischen Geldhäuser in einem offenen Brief dazu aufzufordern, doch bitte stärker zwischen den einzelnen Ländern zu differenzieren und nicht von dem Baltikum zu sprechen. Mit Ausnahme der Finnen betrachte der Rest der Welt die Region immer noch als Einheit. Mit ihrer Berichterstattung würden die schwedischen Banken dieser Auffassung Vorschub leisten.
Noch stärker als in Lettland und Litauen dominieren in Estland die großen nordeuropäischen Kreditinstitute. Nach Angaben der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung waren Ende 2007 immerhin 98,7% der Bilanzaktiva in ausländischer Hand (zum Vergleich: Lettland 63,8%, Litauen 91,7%). Allein die nordischen Geldhäuser Swedbank, SEB, Sampo Pank und Nordea kommen auf einen Marktanteil von über 90%. Auch wegen der Dominanz dieser Banken musste die estnische Regierung bislang keine Stützungsmaßnahmen für den Finanzsektor durchführen.
Übersicht zum estnischen Bankensektor (Angaben in Mio. Euro, Marktanteil gerundet in %)
| Name | Bankaktiva (Ende Dezember 2008) | Marktanteil |
| Swedbank 1) | 10.681 | 48,9 |
| SEB Pank | 4.616 | 21,1 |
| Sampo Pank | 2.592 | 11,9 |
| Nordea Pank | 2.446 | 11,2 |
| Eesti Krediidipank | 348 | 1,6 |
| DnB Nord | 264 | 1,2 |
| Tallinna Äripank | 210 | 1,0 |
| UniCredit | 175 | 0,8 |
| Bigbank | 147 | 0,7 |
| Parex Pank | 117 | 0,5 |
| Andere 2) | 231 | 1,0 |
| Gesamt | 21.828 | 100,0 |
1) vormals Hansapank; 2) hierzu zählen die Banken, die nicht Mitglieder der Estonian Banking Association sind: Snoras Bank, Allied Irish Bank, Marfin Bank
Quelle: Estonian Banking Association (http://www.pangaliit.ee)
Nach dem Platzen der Kredit- und Immobilienblase ist die Wirtschaftsleistung in Estland bereits 2008 um real 3,6% geschrumpft. Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise hat den Abschwung verstärkt. Im 1. Halbjahr 2009 ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um real rund 15% eingebrochen. Damit erlebt Estland nach Lettland und Litauen die drittstärkste Rezession in der EU. Für das Gesamtjahr rechnet die Zentralbank mit einem Rückgang des BIP um 14,2%, bevor die Wirtschaft nächstes Jahr wieder leicht zulegen könnte (+1,4%).
Die Arbeitslosigkeit hingegen dürfte auch 2010 weiter steigen. Analysten der schwedischen Großbank SEB rechnen mit einem Anstieg auf 16,4%, nach 14,2% im Jahr 2009. Dies liege daran, dass sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt erfahrungsgemäß erst drei Quartale, nachdem die Wirtschaftsleistung ihre Talsohle erreicht habe, zu entspannen beginne. Im 2. Quartal 2009 ist die Quote nach Angaben des Statistikamtes bereits auf 13,5% hochgeschnellt. Im Jahr 2008 hatte sie im Durchschnitt noch bei 5,5% gelegen. Gleichzeitig sinken auch die Löhne.
Dennoch schauen die Konsumenten wieder optimistischer in die Zukunft. Im Frühjahr 2009 hatten die Indizes zur Einschätzung der wirtschaftlichen Lage und Entwicklung ihren Tiefpunkt erreicht. Seitdem sehen die privaten Haushalte ihre künftige finanzielle Lage und die gesamte wirtschaftliche Situation von Monat zu Monat wieder positiver.
Auch das oberste Ziel der Regierung - die Einführung des Euro im Jahr 2011 - ist wahrscheinlich. So sieht etwa der IWF Estland auf gutem Weg. Nachdem die Wirtschaft 2009 stärker eingebrochen ist, als zunächst erwartet, musste die Regierung die Ausgaben stark zurückfahren, um das Budgetdefizit im Rahmen von 3% des BIP zu halten. Nach Angaben von Eurostat ist Estland das Land in der EU-27 mit der niedrigsten Staatsverschuldung. Im Jahr 2008 lag sie bei 4,6% des BIP. In den Jahren des Wirtschaftsbooms hatte Estland bis 2007 stets Budgetüberschüsse erzielt und sich ein Polster für schlechte Zeiten geschaffen.
Bankenvertreter in Estland klagen darüber, dass im Ausland nicht genug zwischen den baltischen Staaten unterschieden werde. Die großen Kreditversicherer hätten sich in der Folge auch in Estland weitgehend aus dem Geschäft zurückgezogen und ausländische Lieferanten seien dazu übergegangen, 100%-Vorkasse zu verlangen. Vor Ausbruch der Krise hätte der Vorkasse-Anteil bei Lieferungen bei durchschnittlich rund 30% gelegen.
Als Grund für die Vorsicht der Kreditversicherer sehen estnische Bankenvertreter aber auch die Angst vor einer Währungsabwertung in Lettland, über die immer wieder Spekulationen kursieren. Wegen der wirtschaftlichen Verflechtungen könnten dann auch Estland und Litauen gezwungen sein, ihre Währungen abzuwerten.
Änderungen im Coface-Länderrating bei den baltischen Staaten
| Land | Oktober 2008 | Januar 2009 | April 2009 | Juli 2009 |
| Estland | A3 | A3 | A4 | A4 *) |
| Lettland | A4 | A4 | B | B *) |
| Litauen | A3 *) | A3 *) | A4 | A4 *) |
*) unter Beobachtung für eine Abwertung
Quelle: Coface
Ratings zu den baltischen Staaten
| Land | Coface Business Climate Rating | Euler Hermes Länderklassifizierung | Euler Hermes Länderrating |
| Estland | A2 | 3 | C |
| Lettland | A3 | 4 | D *) |
| Litauen | A3 | 3 | C |
| Deutschland | A1 | 1 | AA |
*) im Juli 2009 von C herabgestuft)
Quellen: Coface, Euler Hermes
(N.M.)
Dieser Artikel ist relevant für:
Estland Finanzwesen, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Arbeitsmarkt / Löhne / Ausbildung, Geld / Preise / Inflation / Währung, allgemein, Banken, KreditinstituteWeitere Informationen
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